{"id":7544,"date":"2013-08-07T06:37:39","date_gmt":"2013-08-07T05:37:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=7544"},"modified":"2013-08-06T12:46:50","modified_gmt":"2013-08-06T11:46:50","slug":"martin-walser-brief-an-lord-liszt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=7544","title":{"rendered":"Martin Walser: Brief an Lord Liszt"},"content":{"rendered":"<ul><em>Oh, Lord, wo steht Ihnen eigentlich das Wasser?<\/em><br \/>\n(S. 81)<\/ul>\n<p><em>\u201eAm Freitag vor Pfingsten, kurz vor Arbeitsschlu\u00df, rief Arthur Thiele die Abteilungsleiter der Firmen Chemnitzer Z\u00e4hne und Fin Star zu sich: Benedikt Stierle, der Konkurrent, hatte aufgegeben, er hatte seine Firma und sich in Brand gesteckt. Die Abteilungsleiter erhoben sich, Thiele dankte, die Sitzung war beendet, frohe Pfingsten. Franz Horn war als erster an der T\u00fcr.<br \/>\nDie Zeiten, als Thiele nach einem solchen Ereignis unbedingt noch ein paar S\u00e4tze mit Franz Horn wechseln mu\u00dfte, waren vollkommen vorbei. Auch Dr. Liszt, der Kollege und Freund, war nicht mehr an einem Gespr\u00e4ch mit Horn interessiert, das sah er deutlich, denn Liszt eilte, wie alle anderen, auf Thiele zu.<br \/>\nVor ein paar Jahren hatte Franz Horn einen Selbstmord versucht. Da er nicht gelang, wurde er zu Horns Mi\u00dferfolgen gez\u00e4hlt: Horns Zeit war vor\u00fcber, er geh\u00f6rte zu den rapid \u00c4lterwerdenden; eine junge Mannschaft r\u00fcckte heran, eine Fusion mit der Weltfirma Bayer stand bevor. Die Tatsache, da\u00df auch Liszt, der von seiner Familie Verlassene und dem Alkohol Ergebene, in diesen neuen Zeiten keine Chance mehr hatte, war ohne Trost f\u00fcr ihn; Liszt weigerte sich, sein Verb\u00fcndeter zu sein. Ja, es hatte den Anschein, als sei er ein Feind geworden, zumindest aber einer, mit dem er in Feindseligkeit leben mu\u00dfte.<br \/>\nWarum nicht einen Brief schreiben, einen richtigen Brief, einen langsam geschriebenen Brief, in dem er Liszt den historischen Anteil an der Krise ihrer Beziehung oder Freundschaft zuweisen konnte? Damit endlich einmal alles richtig ausgesprochen w\u00e4re. Damit man wieder atmen, die Freundschaft neu oder endg\u00fcltig begr\u00fcnden k\u00f6nnte. Lieber Lord Liszt! (Die Anrede war da, als Horn nach dem Schreiber griff.) Und Franz Horn begann zu schreiben., Seite um Seite. Und beendete den Brief. Und nahm ihn mit einem PS wieder auf. Und dem ersten PS folgte ein zweites, ein drittes, ein viertes; am Ende waren es neunzehn Fortsetzungen.<br \/>\nWas aber enth\u00e4lt der Brief, der in der Art der Lawinenentstehung ins Nichtgeheuere oder Ungeheuere anschwillt und \u2013 wie Lawinen es tun \u2013 alles, was im Weg liegt, mitrei\u00dft, aus den H\u00f6hen in die Tiefe oder aus den Tiefen in die H\u00f6he, das Unausgesprochene, Nur-Empfundene? Was er Liszt vorzuwerfen hat, sind keine strafbaren Delikte, die sich trefflich in Szene setzen lie\u00dfen. Es geht um Kr\u00e4nkungen, Verletzungen, Niederlagen, Unrecht menschlicher Art. Zwischen Liszt und Horn, Horn und Liszt, zwischen Thiele und Horn und Liszt. Es geht um Konkurrenz, um Anerkennungs-, Freundschafts- und Liebesentzug, um das gefahrvolle Leben, wenn genommen wird, was stark und widerstandsf\u00e4hig macht; es geht um die \u00dcberwindung eines Zustands permanenten Verschweigens, um das pl\u00f6tzliche Aufbrechen eines Schmerzes, der artikuliert werden will, ohne R\u00fccksicht auf die anderen und auf sich selbst.<br \/>\nDas Schreiben wird ein Ersatz f\u00fcr alles: \u201aSprechen wir doch endlich aus, soviel wir k\u00f6nnen, anstatt zu leiden wie die Hummeln. Oder leiden Sie gar nicht? Leidet, wer recht hat, nicht?\u2019<br \/>\nNicht in den einzelnen F\u00e4llen minuti\u00f6ser und gr\u00f6blicher Verletzung durch den anderen wird der Leser sich und seine Erfahrungen wiederfinden. Vielmehr wird sich der Leser im Faktum des Verletztwerdens erkennen, im wahnwitzigen Wunsch, sich all dessen zu erledigen, was ihn der zu sein zwingt, der er nicht ist. Der Leser wird sich an die von anderen eigens f\u00fcr ihn erdachte weise Erkenntnis erinnern: \u201aJeder sieht ein, da\u00df er einsehen mu\u00df: ihm steht nur zu, was ihm zusteht.\u2019 Und er wird sich endlich entledigen wollen, \u201anicht mehr der Vernunft anderer zu Kreuze zu kriechen\u2019.<br \/>\nDas Buch ist ein Abrechnungsfest, ein Befreiungsunternehmen, eine Trennungsorgie, eine Wahrheitsmaschine, eine Einsamkeitspr\u00fcfung, kurzum: der Bericht von der schweren Ertr\u00e4glichkeit des wirklichen Lebens. Also eine Schmerzensgeschichte und ein Heilungsproze\u00df. Dieser r\u00fccksichtslos leidenschaftliche Brief ist nicht weniger als ein Lehrbuch: Es zeigt uns einen Weg, um (wieder) in den Besitz der eigenen Vernunft zu kommen.\u201c<\/em><br \/>\n(aus dem Klappentext)<\/p>\n<p>Der Roman <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3518046322\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3518046322&#038;linkCode=as2&#038;tag=familiealbin-21\" target=\"_blank\"><strong>Brief an Lord Liszt<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3518046322\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> von <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=martin+walser\" target=\"_blank\">Martin Walser<\/a> (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1. Auflage 1982) ist die Fortsetzung des ebenso kleinen Romans <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7397\" target=\"_blank\">Jenseits der Liebe<\/a> aus dem Jahr 1976.<\/p>\n<ul><img src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/71KBFXQVZ1L._SY445_.gif\" alt=\"Martin Walser: Brief an Lord Liszt\" title=\"Martin Walser: Brief an Lord Liszt\" \/><\/ul>\n<p>Im Mittelpunkt des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Brief_an_Lord_Liszt\" target=\"_blank\">Romans<\/a> von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Walser\" target=\"_blank\">Martin Walser<\/a> steht wieder Franz Horn, der sich diesmal entschlie\u00dft, seinem Konkurrenten in der Firma, Dr. Horst Liszt, Leiter der Verwaltung, einen Brief zu schreiben. Zuvor hatte er sich um eine Anstellung bei Benedikt Stierle bem\u00fcht. Dieser hatte nun sich und seine Firma in Brand gesteckt. Das bedeutete f\u00fcr Horn, weiter in der Firma \u201aChemnitzer Z\u00e4hne\u2019 des Arthur Thiele zu verharren. Doch auch Lord Liszt, wie ihn Franz Horn in seinem Brief nennt, ist inzwischen in seiner Rolle als rechte Hand des Chefs verdr\u00e4ngt, hat doch Thiele, l\u00e4ngst nicht mehr an der Produktion von Zahntechnikerbedarf interessiert, sondern von dem Wunsch getrieben, Surfbretter und Yachten zu bauen, den jungen \u201eAustro-Finnen\u201c Rudolf Ryyn\u00e4nen angeheuert.<\/p>\n<p><em>\u201eHat Liszt zu Zeiten, als seine Stellung noch durch keinen Ryyn\u00e4nen bedroht war, \u00fcber Thiele samt Familie gel\u00e4stert \u2013 was Horn damals entsetzt hat -, so gibt er sich nun als Anh\u00e4nger und Bewunderer, vor allem aber als enger Vertrauter der Thieles. Horn dagegen sieht Thieles Abstieg als Basis, endlich mit dem Kollegen auf einen freundschaftlichen Fu\u00df zu kommen, sich sozusagen zu verb\u00fcnden:<\/em> \u201a[&#8230;] <em>h\u00e4tten Sie gesagt: Franz Horn, ich bin jetzt auch so weit! wir geh\u00f6ren zusammen! dann w\u00e4re ich Ihnen entgegengesunken. Aber einfach so tun, als k\u00e4men Sie mir als Unbesch\u00e4digter entgegen, als wollten Sie mich endlich erheben oder zulassen auf Ihrem Niveau&#8230; nein, nein! nicht mit mir.\u2019\u201c<\/em><\/p>\n<p>Franz Horn schreibt sich in seinem Brief an Liszt gewisserma\u00dfen seinen Frust von der Seele. Es ist der Frust eines vom allt\u00e4gliche Krieg des Angestellten zerm\u00fcrbten Lebens, in dessen B\u00fcro sich inzwischen das Kauderwelsch der Rationalisierung ausbreitet. Der Brief ist wie eine Therapie:<\/p>\n<p><em>Es kann sich keiner identifizieren mit dem, der er in den Augen der anderen ist. Aber bevor man sich nicht mit dem, der man f\u00fcr andere ist, identisch erkl\u00e4rt, hat man keinen ruhigen Augenblick. Das ist mein Fall.<\/em> (S. 142)<\/p>\n<p>Mit der befreienden Erkenntnis, <em>\u201anicht mehr der Vernunft anderer zu Kreuze zu kriechen\u2019<\/em>, ebnet  er sich einen Weg, um wieder in den Besitz der eigenen Vernunft zu kommen., wie im Klappentext hei\u00dft. Fast nat\u00fcrlich ist es, dass Horn am Ende den Brief nicht abschickt:<\/p>\n<p><em>Der Brief an Lord Liszt hatte ihn nicht geschw\u00e4cht! Auch das Nichtabschicken nicht! In Zukunft w\u00fcrde er jedem, von dem er irrt\u00fcmlicherweise glaubte, er brauche ihn, einen solchen Nachtbrief schreiben, den man nicht abschicken konnte. Was Besseres gibt es nicht!<\/em> (S. 153)<\/p>\n<p>Es ist nicht nur ein zweiter Franz Horn-Roman, sondern er weist <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Brief_an_Lord_Liszt#Verbindungen_zu_weiteren_Werken_Walsers\" target=\"_blank\">weitere Verbindungen zu anderen Werken Walsers<\/a> auf. So finden zwei Vettern Franz Horns in dem Buch Erw\u00e4hnung, einmal <em>Dr. Gottlieb Z\u00fcrn<\/em>, Immobilienmakler und Vermieter eines Feriendomizil bei \u00dcberlingen (an Helmut Halm aus <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1264\" target=\"_blank\">Ein fliehendes Pferd (1978)<\/a>), dem die Romane <em>Das Schwanenhaus (1980)<\/em>, <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1305\" target=\"_blank\">Jagd (1988)<\/a> und <em>Der Augenblick der Liebe (2004)<\/em> gewidmet sind &#8211; und <em>Xaver Z\u00fcrn<\/em>, dem Chauffeur aus <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1266\" target=\"_blank\">Seelenarbeit (1979)<\/a> \u2013 siehe \u00dcbersicht <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/images\/martin_walser_romane_novellen.pdf\" target=\"_blank\">Hauptpersonen Romane Martin Walser als PDF<\/a>.<\/p>\n<p>Nun die beiden Franz Horn-Romane sind aber noch etwas mehr, beide <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Brief_an_Lord_Liszt#Bez.C3.BCge_zu_realen_Personen\" target=\"_blank\">verweisen auf reale Personen<\/a>. W\u00e4hrend Franz Horn in bestimmter Hinsicht das Alter Ego des Autors ist, lassen sich Z\u00fcge des Dr. Horst Liszt in dem Schriftstellerkollegen und langj\u00e4hrigen Freund Walsers, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Uwe_Johnson\" target=\"_blank\">Uwe Johnson<\/a>, erkennen. Beide hatten wie Horn und Liszt ein zwiesp\u00e4ltiges Verh\u00e4ltnis und sind dann im Streit auseinandergegangen (nachzulesen in der <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7451\" target=\"_blank\">Walser-Biografie von J\u00f6rg Magenau<\/a>). Und in Arthur Thiele wollen viele Literaturwissenschaftler Z\u00fcge des langj\u00e4hrigen Verlegers des Suhrkamp-Verlags, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Siegfried_Unseld\" target=\"_blank\">Siegfried Unseld<\/a>, erkennen. Soweit ich das beurteilen kann, lassen sich diese Bez\u00fcge nachvollziehen.<\/p>\n<p>So oder so hat der \u201aBrief an Lord Liszt\u2019 meinen Appetit auf die Gottlieb Z\u00fcrn-Trilogie angeregt. Den erste Teil (<em>Das Schwanenhaus<\/em> aus 1980) kenne ich \u00fcbrigens noch nicht.<\/p>\n<p>Siehe auch die folgenden interessanten Rezensionen:<br \/>\nHellmuth Karasek \u00fcber Martin Walser: Brief an Lord Liszt<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-14351660.html\" target=\"_blank\">Schattenwelt der Angestellten<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1982\/46\/der-alltaegliche-krieg\" target=\"_blank\">Der allt\u00e4gliche Krieg<\/a> &#8211; von Rolf Michaelis<br \/>\nMartin Walsers grotesker, trauriger Roman \u201eBrief an Lord Liszt\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oh, Lord, wo steht Ihnen eigentlich das Wasser? (S. 81) \u201eAm Freitag vor Pfingsten, kurz vor Arbeitsschlu\u00df, rief Arthur Thiele die Abteilungsleiter der Firmen Chemnitzer Z\u00e4hne und Fin Star zu sich: Benedikt Stierle, der Konkurrent, hatte aufgegeben, er hatte seine Firma und sich in Brand gesteckt. 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