{"id":758,"date":"2007-02-17T01:31:18","date_gmt":"2007-02-16T23:31:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albinz.de\/blog\/?p=758"},"modified":"2007-02-20T14:22:56","modified_gmt":"2007-02-20T12:22:56","slug":"ahooga-nonsen-fruhlings-erwachen-oder-dreck-am-stecken-%e2%80%93-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=758","title":{"rendered":"Ahooga Nonsen &#8211; Fr\u00fchlings Erwachen oder Dreck am Stecken \u2013 Teil 1"},"content":{"rendered":"<p><em>Es war im M\u00e4rz 1993, da brach bei mir wieder einmal die poetische Ader auf und ergoss sich in Form einer Einleitung zu einem Kriminalroman aufs wei\u00dfe Papier (eigentlich doch eher in kleinen Bits bzw. Bytes auf die Festplatte meines Rechners). \u00dcber diesen Anfang bin ich nie hinweg gekommen (in des Wortes doppelter Bedeutung), denn schon sehr bald versiegte die sch\u00f6pferische Quelle und es blieb mir nur das folgende Roman-Fragment, dessen ersten Teil ich hiermit zum Besten gebe. Immerhin hat es geradezu Kafka&#8217;sche Qualit\u00e4t und sollte nicht in einer Schublade meines Schr\u00e4nke verstauben (respektive Festplatte). Und auch thematisch passt es in die jetzige Jahreszeit. Also viel Spa\u00df beim Lesen:<\/em><\/p>\n<p>1 Tauwetter<\/p>\n<p>Tauwetter &#8211; Sauwetter! Es kommt tja schon selten vor, da\u00df der Schnee in Hamburg liegen bleibt. Und wie der Schnee alles unter seiner wei\u00dfen Decke verschwinden l\u00e4\u00dft, alles gewisserma\u00dfen verh\u00fcllt, so da\u00df Schritte, der Autol\u00e4rm und alle anderen Ger\u00e4usche, die eine Stadt allt\u00e4glich hervorbringt, d\u00e4mpft und sogar, wenigstens teilweise, zum Schweigen bringt &#8230; man k\u00f6nnte denken, da\u00df Leben kommt zum Erliegen &#8230; so schwieg auch das Telefon von Ahooga Nonsen, der tagelang allein in der wei\u00dfverh\u00fcllten Stille des Winters in seinem B\u00fcro hockte, sprungbereit, um beim n\u00e4chsten Klingeln des Telefonapparats den H\u00f6rer aufzunehmen, z.B. die Zigarre l\u00e4ssig zwischen Daumen und Mittelfinger der linken Hand drehend &#8211; absolute Sendepause! Es gab f\u00fcr ihn nichts zu tun. Und irgendwie war er froh darum, nichts tun zu m\u00fcssen und stattdessen seinen Blick aus dem Fenster auf die fallenden Schneeflocken richten zu k\u00f6nnen. Als dann die D\u00e4mmerung einsetzte und das Telefon immer noch nicht zu klingeln wagte, als w\u00e4re es eingeschneit, da dr\u00fcckte Ahooga seine l\u00e4ngst schon erkaltete Zigarre im rettungslos \u00fcberf\u00fcllten Aschenbecher aus; die Zigarettenkippen samt Asche quollen wie aufgesch\u00e4umter Kunststoff hervor und mehrere fielen dann auch \u00fcber den Rand auf den mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln \u00fcbers\u00e4ten Schreibtisch. Tags\u00fcber bevorzugte Ahooga Zigaretten, die er sich wie beil\u00e4ufig selbst zu drehen pflegte. Stand der Abend vor der T\u00fcr, dann g\u00f6nnte er sich eine Zigarre, nicht die billigste, beileibe aber auch nicht die teuerste. An einen Tag wie diesen rauchte er viel, w\u00e4hrend er in den Zeitungen bl\u00e4tterte und den einen oder anderen Artikel, der ihm interessant erschien, mit der angerosteten Schere ausschnitt, er rauchte zu viel, wie sein Arzt ihm sagen w\u00fcrde. Und der Kippen sammelten sich zusehends. Als interessiere ihn der \u00fcbergequollene Aschenbecher nicht, lie\u00df Ahooga alles liegen und stehen, stand aus seinem abgesto\u00dfenen Ledersessel auf, schlich langsam und bed\u00e4chtig auf den Garderobenst\u00e4nder zu, der einen in den \u00c4rmeln ausgebeulten hellen Mantel und seine schottengemusterte Schl\u00e4germ\u00fctze wie auf gegen die Zimmerdecke ausgestreckte Spiddelfinger barg, um beides aufzunehmen, zuerst den Mantel mit der rechten Hand, um ihn \u00fcber den linken Arm zu h\u00e4ngen, dann die M\u00fctze ebenso mit der rechten, um sie sogleich \u00fcber den Kopf zu st\u00fclpen, wobei die linke Hand, durch den in der Armbeuge eingeklemmten Mantel behindert, beim Richten der M\u00fctze nachzuhelfen suchte, was aber nicht auf Anhieb gelang. Erst beim dritten Versuch schien es zu klappen, zumindest dachte Ahooga Nonsen das, aber die M\u00fctze kn\u00fcllte einen gr\u00f6\u00dferen Haarb\u00fcschel des Hinterkopfes, so da\u00df die ansonsten vermeidlich geordnete Frisur durcheinander geriet und die M\u00fctze am Hinterkopf unm\u00e4\u00dfig beulte. Den Mantel zog er erst im Hausflur an, nachdem er die T\u00fcre zu seinem B\u00fcro mit dem Schl\u00fcssel, den an einem mit unz\u00e4hlig vielen Schl\u00fcsseln unterschiedlichster Art \u00fcbers\u00e4ten Schl\u00fcsselbund, verschlossen hatte. Wie ein Magier fand er aus dem Metallkn\u00e4uel in Sekundenschnelle den richtigen Schl\u00fcssel, schlo\u00df mit der linken Hand ab, um gleichzeitig mit der rechten den Mantel aufzunehmen, diesen gewisserma\u00dfen in die Luft warf, um mit dem rechten Arm in den durchaus richtigen rechten \u00c4rmel hineinzuschl\u00fcpfen. Und kaum war die T\u00fcr verschlossen, war auch schon das Schl\u00fcsselkn\u00e4uel in der linken Hosentasche verstaut. Im Hinuntergehen zog er sich dann den Mantel vollst\u00e4ndig an. Unten an der Haust\u00fcre, zwei Stockwerke unterhalb seines B\u00fcros, nesselte er am Mantelkragen herum, noch bevor er die T\u00fcr zur Stra\u00dfe ge\u00f6ffnet hatte. Ein K\u00e4lteschauer fuhr ihn \u00fcber den R\u00fccken. Er kn\u00f6pfte auch den obersten Knopf schnell zu, \u00f6ffnete die T\u00fcr und mit einem kleinen Sprung, so als w\u00e4re er gesto\u00dfen worden, h\u00fcpfte er auf den Gehweg, der, obwohl vor kurzem gefegt, wieder fast vollst\u00e4ndig beschneit war. Als er auf das Pflaster aufsetzte, mu\u00dfte er mit den beiden Armen balancierend seinen Schwung ausgleichen, um nicht ins Staucheln zu geraten. Das Pflaster war glatt, zumal er nicht die f\u00fcr diese Witterung richtigen Schuhe anhatte. Er hatte keine anderen Schuhe au\u00dfer diese schwarzen, deren rechter Sch\u00fcrsenkel schon vor l\u00e4ngerer Zeit gerissen und dann von Ahooga notd\u00fcrftig zusammengeknotet war, um weiterhin seinen Dienst zu verrichten. So kam Ahooga Nonsen bei fast jedem Schritt, den er tat, ins Rutschen, mu\u00dfte einmal den einen, dann den anderen, meist aber beide Arme zu Hilfe nehmen, um seinen Gang auf dem glitschigen Grund aufrecht zu halten. Fast wie ein Seilt\u00e4nzer balancierte er auf Eis und Schnee.<\/p>\n<p>Tauwetter ist Sauwetter! dachte sich Ahooga Nonsen. Denn nach einer Woche der Eisesk\u00e4lte hatte eine Weststr\u00f6mung pl\u00f6tzlich w\u00e4rmere Luft \u00fcber Frankreich aus dem Mittelmeerraum um Spanien herum auch nach Hamburg gebracht, die innerhalb k\u00fcrzester Zeit den angeh\u00e4uften Schnee zum Schmelzen brachte. Ahooga hatte sich extra f\u00fcr dieses unverhofft eingebrochene Winterwetter feste Stiefel mit Fellimitat und Profilsohle gekauft, weil seine schwarzen Sch\u00fcrschuhe f\u00f6rmlich im Schnee ersoffen waren und mit Zeitungspapier ausgef\u00fcttert zum Trocknen unter der Heizung seines B\u00fcros standen. Einen halben Tag lang war er mit nassen, eiskalten F\u00fc\u00dfen durch die Innenstadt Hamburgs gelaufen, die ersten Anzeichen eines Schnupfens hatte er halbwegs erfolgreich mit einem Tee, der verd\u00e4chtig nach Rum roch, bek\u00e4mpft, um sich dann endlich zu diesem Kauf zu entschlie\u00dfen. Wie zuf\u00e4llig kam er an einem Schuhgesch\u00e4ft vorbei, das diese dunkelbraunen Stiefel mit dem Plastikfell in Massen zu einem herabgesetzten Preis: besonders preisg\u00fcnstig &#8211; der Sommerschlu\u00dfverkauf nahte &#8211; an den K\u00e4ufer zu bringen suchte. Eigentlich war er am Schuhgesch\u00e4ft schon vorbei, da schmerzten ihn pl\u00f6tzlich seine halberfrorenen F\u00fc\u00dfe, so da\u00df er kehrt machte, ein Paar seiner Gr\u00f6\u00dfe am Eingang des Ladens aufnahm und unter die linke Achselh\u00f6hle stopfte, den Laden betrat, Ausschau noch nach dicken Socken hielt, keine passenden auf Anhieb finden konnte, so zur Kasse schritt, um den Preis zu entrichten. Das Anprobieren verga\u00df er dabei, bereute es sehr bald, denn die Schuhe waren zu gro\u00df. Zun\u00e4chst erschien das kein Problem zu sein. In seinem B\u00fcro zur\u00fcckgekehrt, suchte er im rechten unteren Schreibtischschubfach nach Socken, konnte keine finden und nahm so bereits getragene, die auf der Heizung zum Trocknen lagen. Sie waren noch etwas klamm, er zog die alten Schuhe samt nassen Str\u00fcmpfe aus, st\u00fclpte sich die lauwarmen Socken \u00fcber und schl\u00fcpfte in die neuen Stiefel. Da diese zu gro\u00df waren, erg\u00e4nzte er sein Fu\u00dfkleid um die kaltnassen Str\u00fcmpfe, was aber auch nicht viel half, denn er rutschte mit den F\u00fc\u00dfen hin und her, wobei sich die Hacken am rauhen Stiefelleder rieben. Zun\u00e4chst kein Problem, wie gesagt. Als er aber vom B\u00fcro nach Hause kam, unterwegs noch schnell Zutaten f\u00fcr sein Abendessen einkaufte, sich auch noch in seiner Eckkneipe mit einem Grog st\u00e4rkte, da versp\u00fcrte er bereits ein Stechen in beiden Hacken, das in ein Brennen \u00fcberging, nachdem er sich von den Stiefel befreit hatte, und nicht wie der Schmerz eisiger F\u00fc\u00dfe vor\u00fcbergehen sollte. Nachdem er sich die F\u00fc\u00dfe rundum wund gelaufen hatte, diese mit Salben behandelt und Pfl\u00e4sterchen unterschiedlichster Gr\u00f6\u00dfe verbunden hatte, da setzte das Tauwetter ein. Seine schwarzen Schuhe standen im B\u00fcro und er sa\u00df auf seiner Couch mit einer Flasche Bier vor dem Fernseher, um sich ein Bundesligaspiel mit dem HSV anzugucken, obwohl er alles andere als ein HSV-Fan war. <\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag ging er dann zum letzten Mal mit diesen qu\u00e4lenden Stiefeln in sein B\u00fcro. Das lauige L\u00fcftchen aus dem Mittelmeerraum hatte dem Schnee nun g\u00e4nzlich den Garaus gemacht. Die bisher tiefgefrorene Hundeschei\u00dfe lag h\u00e4ufchenweise quirlig-frisch und von besonders weicher Konsistenz an fast jedem Stra\u00dfenrand und nicht nur gelegentlich, auch mitten auf dem B\u00fcrgersteig. Ahooga mu\u00dfte es also passieren, da\u00df er voll in einen solchen braunen Stinkhaufen hineintrat. Und w\u00e4re er nicht so gut bei Training und Balance, so h\u00e4tte er sich bestimmt noch hingelegt, denn er rutschte auf dem Schei\u00dfmist aus, ruderte mit den Armen verzweifelt in der Luft, fand aber schnell das Gleichgewicht, um fluchend Ausschau zu halten nach einem Herrchen oder Frauchen mit Hundeseele, um dieser sein Leid zu klagen. Aber er war allein auf weiter Flur und kratzte den Hundedreck am n\u00e4chsten Bordstein notd\u00fcrftig ab. Im B\u00fcro angekommen zog er schnell die Stiefel aus, um sie in Richtung Papierkorb zu werfen. Da dieser aber mit zusammengekn\u00fcllten alten Zeitungen bereits \u00fcbervoll war, einzelne Papierschnipsel lagen zerstreut daneben, so trumpften die Stiefel lediglich einzeln auf dem Korb auf, um sich in Richtung Garderobenst\u00e4nder zu verfl\u00fcchtigen. Hier sollten sie noch einige Zeit liegen bleiben, obwohl von dem an ihnen haftenden Hundekot ein etwas \u00fcbelverursachender Gestank ausging.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=759\" target=\"_blank\">Fortsetzung folgt &#8230;<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war im M\u00e4rz 1993, da brach bei mir wieder einmal die poetische Ader auf und ergoss sich in Form einer Einleitung zu einem Kriminalroman aufs wei\u00dfe Papier (eigentlich doch eher in kleinen Bits bzw. 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