{"id":769,"date":"2007-02-28T01:38:48","date_gmt":"2007-02-27T23:38:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albinz.de\/blog\/?p=769"},"modified":"2007-02-27T20:21:27","modified_gmt":"2007-02-27T18:21:27","slug":"martin-walser-angstblute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=769","title":{"rendered":"Martin Walser: Angstbl\u00fcte"},"content":{"rendered":"<p>Irgendwie komme ich in den letzten Monaten kaum noch zum Lesen. Endlich habe ich es geschafft und <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3498073575?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3498073575\" target=\"_blank\">Martin Walsers letzten Roman &#8222;Angstbl\u00fcte&#8220;<\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3498073575\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> (erschienen Mitte des letzten Jahres) zu Ende gelesen. Zun\u00e4chst zum Inhalt:<\/p>\n<p><em>Das Telefon klingelt. Karl von Kahn, M\u00fcnchner Anlageberater, gut 70 Jahre alt, erf\u00e4hrt von Gundi, der Frau seines besten Freundes, dass der gel\u00e4hmt im Krankenhaus liegt. Als er kurz darauf an dessen Bett steht, ist er ersch\u00fcttert, ihn derart sterbensmatt zu sehen. Gundi l\u00e4dt Karl zu sich nach Hause ein. Lange schon war er nicht mehr in diesem Sch\u00f6nheitsimperium zu Gast; Kunst und K\u00fcnstlichkeit berauschen ihn. Als sie ihn bittet, einen Vertrag zu unterschreiben und so den letzten Wunsch des Freundes zu erf\u00fcllen, z\u00f6gert er nicht, und eine Firma ist verkauft. Doch noch am Abend desselben Tages geht es dem Freund viel besser. Ist Karl von Kahn betrogen worden? Da klingelt sein Telefon schon wieder: Er soll helfen, eine Verfilmung des &#8222;Othello&#8220; zu finanzieren. Den Verf\u00fchrungsk\u00fcnsten der jungen Hauptdarstellerin Joni kann er sich nicht entziehen, und ein zweiter Betrugsverdacht keimt auf.<\/em><\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.albinz.net\/models\/martin_walser_angstbluete.jpg\" alt=\"Martin Walser: Angstbl\u00fcte\" \/><\/p>\n<p>Martin Walsers neuer Roman handelt von T\u00e4uschungen, vom Aufh\u00f6ren m\u00fcssen und vom Geld &#8211; von Wahn, Scheinheiligkeit, Freundschaft, Liebe und von einem Leben, das sich von keiner Moral hemmen lassen will, nur von sich selbst.<\/p>\n<p>Wie immer, wenn ein neuer Roman von Martin Walser erscheint, sorgt dieser f\u00fcr Aufregung in den Rezensentenb\u00fcros und damit f\u00fcr eine kontroverse Debatte in Deutschlands Literaturbl\u00e4ttern. Allein das ist immer schon einen neuen Walser wert.<\/p>\n<p>Mir hat Walser immer schon gefallen und mir gef\u00e4llt auch &#8222;Angstbl\u00fcte&#8220;, wenn ich diesen Roman auch nicht f\u00fcr seinen besten halte. Allein wie er die &#8218;hohe Gesellschaft&#8216; wieder aufs Korn nimmt, diese anhand des Protagonisten Karl von Kahn seziert, lohnt das Lesen. Walser zeigt uns auf, wie hier mancherlei dem Ende entgegen geht: der Held Karl von Kahn, ein Finanzjongleur ersten Ranges, der sich unsinnig in eine viel zu junge Schauspielerin verliebt, aber auch die Gesellschaft \u00fcberhaupt, in der es wie erw\u00e4hnt in erster Linie um T\u00e4uschen und Get\u00e4uschtwerden geht.<\/p>\n<p>Durchaus mutig finde ich auch, wie Martin Walser davon schreibt, was einige f\u00fcr eine &#8222;schwitzige, sabbernde Altm\u00e4nnerfantasie&#8220; halten, andere f\u00fcr &#8222;wunderbar schamlose Altherrenerotik&#8220;. Wenn man wie ich selbst in die Jahre kommt, hat man das Thema Sexualit\u00e4t l\u00e4ngst noch nicht zu den Akten gelegt.<\/p>\n<p>Hier eine eher unaufgeregte und daher f\u00fcr mich zutreffende Rezension aus <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/literatur\/0,1518,426934,00.html\" target=\"_blank\">Spiegel online<\/a><\/p>\n<p>Zuletzt ein kurzer Ausschnitt, in dem sich der Bruder von Karl von Kahn zu Diego, Karls Freund, \u00e4u\u00dfert:<\/p>\n<p><em>.. als er dann reich geworden war, erstarrte seine Mundpartie zusehends, sie gefror. Das war, bitte, mein Eindruck. Der Mund war jetzt eine Wucht, eine pathetische Wucht. Immer begleitet und verst\u00e4rkt von einem ebenso massiven Pathosblick. Insgesamt eine Dauerdrohgrimasse. Vorher war er doch \u00f6fter lustig, manchmal sogar herzlich gewesen. Sogar zu mir. Daraus schlie\u00dfe ich: Reich sein macht h\u00e4\u00dflich. Das ist keine moralische, sondern eine \u00e4sthetische Erfahrung. Und da\u00df Reichsein unanst\u00e4ndig ist, ist auch eine \u00e4sthetische Erfahrung. Unanst\u00e4ndiges kann vielleicht sch\u00f6n sein. Reichsein geh\u00f6rt nicht zum sch\u00f6nen Unanst\u00e4ndigen, sondern zum h\u00e4\u00dflichen. Reichsein platzt andauernd aus allen N\u00e4hten. Sein Zuvielhaben dringt dem Reichen andauernd aus allen Poren. Und aus jedem Wort. Als Diego reich geworden war, kam aus seinem erfrorenen Mund kein Wort so h\u00e4ufig wie das Wort Br\u00fcderlichkeit. Der ehedem sportlich Freche und manchmal herzlich K\u00fchne hatte nichts dagegen, finster pastoral zu werden. Er drohte denen, die sich weigerten, in der Br\u00fcderlichkeit das globale Heil zu erkennen. Es war, es mu\u00dfte sein, das ungeheuer angeschwollene Selbstgef\u00fchl, das ihn jetzt bedr\u00e4ngte. Er erlebte andauernd nur noch, da\u00df er im Recht war. Mehr im Recht als jeder andere, den er kannte. Das war die Wirkung seines Reichseins. Sein Reichsein erlebte er dann nicht mehr als Reichsein, sondern als Erfolg. Und sein Erfolg kam nicht von seinem Reichsein, sondern von ihm selbst. Das hei\u00dft, sein Rechthaben war nicht mehr zur\u00fcckzuf\u00fchren auf seinen Erfolg oder auf sein Reichsein, sondern ganz allein auf ihn selbst. Er, er, er selbst war im Recht. Er war das ungeheure Selbst. Das Selbst aller Selbste. Er war das Selbst selbst. Und da\u00df ihr alle um ihn herumsitzt und ihn feiert, gibt ihm recht. Das ist der Feudalismus von heute.<\/em><br \/>\n<em>Seit mindestens zweitausend Jahren wird die Geisteskraft der Besten verbraucht zur Propagierung dessen, was wir nicht sind, aber sein sollen, dieses L\u00fcgengewebe soll uns uns selbst bis zur Unf\u00fchlbarkeit entfremden. Beispiel Calvin:<\/em> &#8230; reich sind wir, sofern wir dienen k\u00f6nnen und andere uns brauchen &#8230; <em>Das ist Dein Diego, der Propagandist der Br\u00fcderlichkeit.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwie komme ich in den letzten Monaten kaum noch zum Lesen. Endlich habe ich es geschafft und Martin Walsers letzten Roman &#8222;Angstbl\u00fcte&#8220; (erschienen Mitte des letzten Jahres) zu Ende gelesen. Zun\u00e4chst zum Inhalt: Das Telefon klingelt. 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