{"id":8018,"date":"2013-12-30T07:54:36","date_gmt":"2013-12-30T06:54:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=8018"},"modified":"2013-12-29T17:00:43","modified_gmt":"2013-12-29T16:00:43","slug":"martin-walser-die-gallistl%e2%80%99sche-krankheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=8018","title":{"rendered":"Martin Walser: Die Gallistl\u2019sche Krankheit"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein Roman, der 1972 in erster Auflage erschien. Die <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;index=books&#038;keywords=martin%20walser%20gallistl&#038;linkCode=ur2&#038;tag=familiealbin-21\"><strong>Gallistl&#8217;sche Krankheit<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>, ich m\u00f6chte sie fast <em>Walser-Syndrom<\/em> nennen, \u00e4hnelt sehr dem heute weitverbreiteten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Burnout-Syndrom\" target=\"_blank\">Burnout-Syndrom<\/a>. Bei Walser ist es die Krankheit der Intellektuellen der damaligen Zeit (siehe hierzu auch meinen Beitrag <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7361\" target=\"_blank\">Zu Martin Walser (2): Links und DKP-nah<\/a>). <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paul_Konrad_Kurz\" target=\"_blank\">Paul Konrad Kurz<\/a> schrieb bei Erscheinen des Romans im Spiegel: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-42972119.html\" target=\"_blank\">Gesundung in der Partei?<\/a>:<\/p>\n<p><em>\u201eDer Ich-Erz\u00e4hler Josef Georg Gallistl beschreibt sein Krankheitsbild. Da die zu beschreibende Krankheit noch keinen Namen hat, leiht er ihr den eigenen. Gallistls Fall ist in K\u00fcrze dieser: Es ist ihm v\u00f6llig die F\u00e4higkeit abhanden gekommen, Lust zu empfinden, Sinn zu erfahren, Zukunft vor sich zu sehen, menschliche Kontakte nicht der L\u00fcge, die Gesellschaft nicht der Unmoralit\u00e4t zeihen zu m\u00fcssen. Es ist die Krankheit des Intellektuellen, vorab des Schriftstellers in dieser Zeit und Gesellschaft.\u201c<\/em><\/p>\n<ul><img src=\"http:\/\/www.buchfreund.de\/covers\/13351\/10531.jpg\" alt=\"Martin Walser: Die Gallistl\u2019sche Krankheit (1972)\" title=\"Martin Walser: Die Gallistl\u2019sche Krankheit (1972)\" \/><\/ul>\n<p>Josef Georg Gallistl ist der Ich-Erz\u00e4hler des lediglich gut 120 Seiten starken Romans. Seine Frau hei\u00dft Marianne, genannt Mimi. Au\u00dferdem tauchen zwei T\u00f6chter auf, die 13-j\u00e4hrige Judith und die 3-j\u00e4hrige Angela.<\/p>\n<p>Seine Freunde sind durchbuchstabiert von A bis F. Gallistl mit G reiht sich da gewisserma\u00dfen nur dem Alphabet ein:<\/p>\n<p>A. ist Architekt (29 Jahre alt)<br \/>\nB. ist Bankkaufmann (30 Jahre alt)<br \/>\nC. ist Chemiker (31 Jahre alt)<br \/>\nD. ist Dichter bzw. in der Datenverarbeitung t\u00e4tig (32 Jahre alt)<br \/>\nE. ist Englisch-Horn-Bl\u00e4ser in einem Orchester (33 Jahre alt)<br \/>\nF. arbeitet bei Fernsehen (34 Jahre alt).<\/p>\n<p>Da ist es ein leichtes zu erraten, wie alt Gallistl ist: 35 Jahre alt.<\/p>\n<p><em>\u201eMein Krankheitsbild verlangt einen eigenen Namen. Deshalb gebe ich ihm vorerst den meinen.<\/em> [&#8230;]. <em>Es ist nicht Kopfweh. Es ist, wie wenn man liebt und die Person ist nicht mehr zu haben. Du kriegst sie nicht mehr. Es ist ein Schmerz. Das ist zuviel gesagt. Es ist eben kein Schmerz. Aber auch keine Schmerzlosigkeit. Aber man glaubt nicht, da\u00df man das aush\u00e4lt. Aber man wei\u00df, da\u00df man es aush\u00e4lt. Aber man wei\u00df nicht, wie lang noch.\u201c<\/em> (S. 10 f.)<\/p>\n<p><em>\u201eIch wei\u00df jetzt so ziemlich, was gew\u00fcnscht wird. Aber ich wei\u00df auch, da\u00df man es von mir nicht will. Es gibt gen\u00fcgend, die das liefern, was gew\u00fcnscht wird. Ich komme daf\u00fcr nicht in Frage. Da ich aber noch lebe, mu\u00df ich mich doch ein wenig bewegen. Das hei\u00dft, ich mu\u00df mich verstellen. Ich mu\u00df so tun, als mache es mir Spa\u00df, dies und das aus mir zu machen. Ich mu\u00df etwas aus mir herausholen. Es mu\u00df aussehen, als h\u00e4tte ich Lust. Als sei es mir wichtig. Als k\u00f6nne ich doch noch etwas liefern. Etwas beitragen. Man hat ringsherum keinen Anla\u00df, mich mitzuschleppen, wenn ich selber nicht mehr will.\u201c<\/em> (S. 50 f.)<\/p>\n<p>Gallistl ist ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alter_Ego\" target=\"_blank\">Alter Ego<\/a> Martin Walsers. Man sp\u00fcrt die Krise, die Walser Anfang der 70-er Jahre heimsuchte. Krise ist das falsche Wort. Es ist ein Verlorengehen in einer Zeit, die von der ersten gro\u00dfen Koalition aus Union und SPD mit ihren <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Notstandsgesetze\" target=\"_blank\">Notstandsgesetzen<\/a> gepr\u00e4gt wurde. Der Mittelteil des Romans wirkt verst\u00f6rend. Der R\u00fcckzug des Schriftstellers aus einer Welt, die nicht die seine ist.<\/p>\n<p>Dann das letzte Kapitel: Er wird einmal. Es ist ein Wiedererwachen, ein Aufkeimen neuer Hoffnung. Es ist die Idee des Sozialismus, die Walser in Gestalt von Gallistl erfasst, aber nicht in Form eines bereits vorhandenen Staatsmarxismus oder als eine einfach \u00fcbernehmbare Parteivorstellung (<em>\u201eWenn die Partei etwas Hiesiges wird, schafft sie\u2019s.\u201c<\/em> \u2013 S. 109). Die im Roman auftauchenden Figuren (es geht wieder dem Alphabet nach) tragen nun (fast) alle Vollnamen (mit P beginnend) und d\u00fcrften realen Personen der linken Szene der damaligen Zeit nachempfunden sein:<\/p>\n<p>Pankraz Pudenz (n\u00e4her beschrieben ab S. 90)<br \/>\nQualisto Queiros, Drucker (S. 94)<br \/>\nRudi Rossipaul (S. 111)<br \/>\nSylvio Schmon (S. 137)<br \/>\nTanja Tischbein (S. 109)<\/p>\n<p>Urs Ulmer<br \/>\nVinzenz Vetter<br \/>\nWilfried Wei\u00dfpflog (S. 125)<\/p>\n<p>X., Funktion\u00e4r der <a href=\"http:\/\/geschichte.verdi.de\/vorlaeufer\/hbv\" target=\"_blank\">Gewerkschaft HBV<\/a> (Handel, Banken, Versicherungen) (S. 114)<br \/>\nYork, Referent einer kritischen marxistischen Analyse (S. 116)<br \/>\nZilli Zembrod<\/p>\n<p>Walser war auf der Suche nach einer Alternative. Noch einmal zu meinem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7361\" target=\"_blank\">Zu Martin Walser (2): Links und DKP-nah<\/a>. Dort schrieb ich und wiederhole er noch einmal:<\/p>\n<p><em>\u00c4hnlich wie es viele heute sehen, so sah Walser keinen wesentlichen Unterschied mehr zwischen den Konservativen und den Sozialdemokraten, zwischen CDU\/CSU und SPD. Was damals die DKP war, findet sich heute vielleicht in der Linken wieder \u2013 eine Position links der verb\u00fcrgerlichten SPD. W\u00e4hlbar aber waren bzw. sind beide kaum. So muss eine eigene Alternative her, wenn auch nur eine <strong>vorstellbare.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>\u00dcbrigens beschreibt Walser bereits in diesem Roman sein \u201aVerh\u00e4ltnis\u2019 zur DDR: <em>\u201e&#8230; meine Empfindung [reicht] tief nach Pommern hinein. Sachsen ist mir vertraut, ohne da\u00df ich je dort war. Wie oft denke ich an Magdeburg. Ich will die DDR nicht erobern. Ich will mir aber nicht verbieten lassen, da\u00df mein Gef\u00fchl einreist und ausreist, wie es ihm pa\u00dft.\u201c<\/em> (S.112). Schon damals 1972 wollte Walser die Teilung Deutschlands in zwei Staaten nicht akzeptieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein Roman, der 1972 in erster Auflage erschien. Die Gallistl&#8217;sche Krankheit, ich m\u00f6chte sie fast Walser-Syndrom nennen, \u00e4hnelt sehr dem heute weitverbreiteten Burnout-Syndrom. Bei Walser ist es die Krankheit der Intellektuellen der damaligen Zeit (siehe hierzu auch meinen Beitrag Zu Martin Walser (2): Links und DKP-nah). 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