{"id":8133,"date":"2014-02-05T07:55:49","date_gmt":"2014-02-05T06:55:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=8133"},"modified":"2014-02-04T13:25:52","modified_gmt":"2014-02-04T12:25:52","slug":"martin-walser-jagd-1988","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=8133","title":{"rendered":"Martin Walser: Jagd (1988)"},"content":{"rendered":"<ul><em>Die vielb\u00f6dige Hinterh\u00e4ltigkeit des h\u00f6her gebildeten Normalmenschen. (S. 128)<br \/>\nGute Manieren sind ein Ausdruck schlechten Gewissens (S. 135)<br \/>\nOhne Selbstbeherrschung ist Anarchie nicht m\u00f6glich. (S. 213)<\/em><br \/>\nMartin Walser: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jagd_%28Martin_Walser%29\" target=\"_blank\">Jagd<\/a> (suhrkamp taschenbuch 1785, 3. Auflage 2002)<\/ul>\n<p>Frauen sind M\u00e4nnern ein R\u00e4tsel. Aber fast mehr noch verstehen sie sich selbst kaum. Was veranlasst ihr Handeln, was pr\u00e4gt ihr Verhalten? Menschen, speziell M\u00e4nner, unterscheidet man gern in die Kategorien J\u00e4ger oder Sammler. So ganz habe ich den Unterschied nicht verstanden. Beide, J\u00e4ger wie Sammler, m\u00fcssen doch \u201ahinaus\u2019, um ihrem Bed\u00fcrfnis entsprechend handeln zu k\u00f6nnen. Vielleicht ist der J\u00e4ger eher der Abenteurer, dem die Jagd als solches Ziel ist, w\u00e4hrend der Sammler eher der Stubenhocker ist, dem die Troph\u00e4en das Wichtigste sind.<\/p>\n<p>Nachdem ich zum ersten Mal <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=8086\" target=\"_blank\">Das Schwanenhaus<\/a> (Erstver\u00f6ffentlichung 1980) Anfang des Jahres gelesen habe, so nahm ich mir jetzt den Roman <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1305\" target=\"_blank\">Jagd<\/a> (Erstver\u00f6ffentlichung 1988) zum 2. Mal vor \u2013 der erste und zweite der <em>drei Gottlieb Z\u00fcrn-Romane<\/em> von <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=martin+walser\" target=\"_blank\">Martin Walser<\/a>.<\/p>\n<ul><img src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/41V-KrjmmpL._.jpg\" alt=\"Martin Walser: Jagd (1988)\" title=\"Martin Walser: Jagd (1988)\" \/><\/ul>\n<p><em>Da Gottlieb Z\u00fcrn seine Unterlegenheit als Immobilienh\u00e4ndler erkennen mu\u00dfte, \u00fcberlie\u00df er seiner Frau Anna, die sich im Handel und Wandel mit den Kunden erfolgreich gezeigt hatte, den Part der gr\u00f6\u00dferen Eintr\u00e4glichkeit: Anna, das Zentrum der Familie, \u00c4rztin, die Glaubensf\u00e4hige, die Tonangebende. Es beginnt idyllisch, aber die Idylle h\u00e4lt nicht. Die Jagd beginnt. Als die Tochter Julia, achtzehn, verschwindet, erweist es sich, wie wenig der Familienfrieden einer war. Das Jagdmotiv, handle es sich um Lebenssituationen oder um gesellschaftliche Bereiche, wird aufs vielf\u00e4ltigste variiert. Sechs Frauen sind es, die diese Variationen bewirken.<\/em><br \/>\n(aus dem Klappentext)<\/p>\n<p>Im zweiten Roman ist Gottlieb Z\u00fcrn, der mit seiner Frau und den beiden j\u00fcngeren der vier T\u00f6chter in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nu%C3%9Fdorf_%28%C3%9Cberlingen%29\" target=\"_blank\">\u00dcberlingen (Ortsteil Nu\u00dfdorf)<\/a> am Bodensee lebt, haupts\u00e4chlich als Akquisiteur t\u00e4tig und f\u00fcr die Zeitungsanzeigen zust\u00e4ndig. Dort am Bodensee haben die Z\u00fcrns auch zwei Ferienwohnungen, die sie u.a. schon \u00f6fter an Helmut Halm und Frau in <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1264\" target=\"_blank\">\u201eEin fliehendes Pferd\u201c (1978)<\/a> vermietet haben. Diesmal ist es das Ehepaar Gisela und Stefan Ortlieb. Dieser Gisela (\u201eGisi\u201c) und ihrer paranoiden Freundin Annette Mittenzwei (sic! &#8211; der Name ist Programm) wird Gottlieb Z\u00fcrn auf der Suche nach der Tochter bis nach M\u00fcnchen \u201anachjagen\u2019. Und \u00fcber das Heranschaffen von Immobilien lehrt Z\u00fcrn Liliane Sch\u00f6nherr kennen, eine Frau, die ihren schwerkranken Mann zu pflegen hat und dar\u00fcber sich vom Leben vernachl\u00e4ssigt f\u00fchlt. Zwar erjagt Gottlieb Z\u00fcrn die Frau, aber nicht die Immobilie, deretwegen er sich in dieses amour\u00f6se Abenteuer begeben hat. Wieder ist es jener Jarl F. Kaltammer, der sich <em>das Lebkuchenh\u00e4uschen unter den Nu\u00df- und Kastanienb\u00e4umen in Nonnenhorn<\/em> (oder wie Kaltammer selbst inseriert: <em>\u201eTraumh\u00e4uschen auf gro\u00dfem Grund unter M\u00e4rchenb\u00e4umen\u201c<\/em>) unter den Nagel gerissen hat.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Entgegen meiner ersten Berechnung kommt das Wort Jagd und seine Variationen (J\u00e4ger, jagen) beim 2. Lesen statt achtmal sogar zw\u00f6lfmal vor.<\/p>\n<p><strong>Personenliste zum Roman:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dr. Gottlieb Z\u00fcrn<\/strong>, Makler, Ende 50 Jahre<br \/>\n<strong>Anna<\/strong>, seine Frau<\/p>\n<p>Rosa, die \u00e4lteste Tochter<br \/>\nMagda(lena), Tochter<br \/>\n<strong>Julia<\/strong>, Tochter, 18 Jahre alt <-> Bert Diekmann<br \/>\n<strong>Regina<\/strong>, die j\u00fcngste Tochter, 15 Jahre alt<\/p>\n<p><strong>Gisela Ortlieb<\/strong> und<br \/>\nEhemann Stefan Ortlieb (Diplom-Bibliothekar), Ferieng\u00e4ste aus M\u00fcnchen<br \/>\n<strong>Annette Mittenzwei<\/strong>, Freundin von Gisela Ortlieb<\/p>\n<p><strong>Liliane Sch\u00f6nherr<\/strong>, Kundin (als Verk\u00e4uferin) von Gottlieb Z\u00fcrn in Frankfurt\/Main<\/p>\n<p><strong>Elisabeth Stapf<\/strong>, genannt Lissi, Punkerin und Freundin von Julia<br \/>\nDr. Kevelaer, Frauenarzt<\/p>\n<p><strong>Rudi W. Eitel<\/strong>, Kollege und Freund von Gottlieb Z\u00fcrn<br \/>\n<strong>Helmut \u201aSchaden\u2019-Meier<\/strong>, fr\u00fcher Architekt, jetzt Sch\u00e4tzer, Freund von Gottlieb Z\u00fcrn<\/p>\n<p><strong>Paul Schatz<\/strong>, Immobilienh\u00e4ndler und Konkurrent<br \/>\n<strong>Jarl F. Kaltammer<\/strong>, Immobilienh\u00e4ndler und Konkurrent<\/p>\n<p>au\u00dferdem:<\/p>\n<p>Armin, der Hund der Familie Z\u00fcrn<br \/>\nu.a.<\/p>\n<p>Und wie schon \u00f6fter an anderer Stelle erw\u00e4hnt, hat Gottlieb Z\u00fcrn zwei Cousins, die Walser ebenfalls literarisch bedacht hat (siehe \u00dcbersicht <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/images\/martin_walser_romane_novellen.pdf\" target=\"_blank\">Hauptpersonen Romane Martin Walser als PDF<\/a>) und die so mindestens in aller K\u00fcrze auch in \u201eJagd\u201c Erw\u00e4hnung finden, dort hei\u00dft es:<\/p>\n<p><em>&#8230; Was kann man mit Schmerz anfangen? Bitte, mit Lebensschmerz! Er kennt weder den ewigen Magenschmerz seines Vetters Xaver<\/em> [<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=1266\" target=\"_blank\">Seelenarbeit<\/a>] <em>noch den Weltschmerz seines Vetters Franz<\/em> [Franz Horn \u2013 <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7397\" target=\"_blank\">Jenseits der Liebe<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7544\" target=\"_blank\">Brief an Lord Liszt<\/a>], <em>ihm tut das Leben selber weh. Nur das, sonst nichts.<\/em> (S. 196)<\/p>\n<p>Wie eingangs erw\u00e4hnt: M\u00e4nner verstehen sich selbst kaum. Diesmal gibt zwar Gottlieb Z\u00fcrn kein unn\u00f6tiges Geld f\u00fcr einen noch unn\u00f6tigeren teuren Teppich aus. Daf\u00fcr jagt er nach erotischen Abenteuern und ist manchmal der J\u00e4ger, aber meist doch eher der Gejagte. Seine Abenteuer enden geradezu kl\u00e4glich. Was tut \u201aMann\u2019 sich selbst nicht alles an, um auch noch im fortgeschrittenen Alter \u201am\u00e4nnlich\u2019 zu sein.<\/p>\n<p>Der Roman stie\u00df in den Feuilletons auf ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jagd_%28Martin_Walser%29#Rezeption\" target=\"_blank\">wenig positives Echo<\/a>, weil Walser wieder einmal falsch verstanden wurde. <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7451\" target=\"_blank\">J\u00f6rg Magenau, der Walser-Biograph<\/a>, nannte \u201eJagd\u201c einen \u201eRoman der Stagnation\u201c und meinte die Stagnation Walsers als Literat. Dabei hat Magenau gar nicht so Unrecht: Gottlieb Z\u00fcrns Leben, trotz aller Turbulenzen in Beruf und Familie, ist mit \u00fcber 50 Jahren \u201astagniert\u2019. Da gibt es kaum noch Entwicklungsm\u00f6glichkeiten. Und selbst das, was noch geschieht, geschieht so, als w\u00e4re es ein Abschiednehmen.<\/p>\n<p>Sicherlich ist das nicht Walsers bester Roman. Es ist eher wie ein Baustein, ein Teil eines Mosaiks, das aber f\u00fcr das Gesamtbild unerl\u00e4sslich ist. Hier ist es vor allem die erotische Suche, die \u201aJagd\u2019, der sich selbst der gesetzte Mann immer noch nicht verschlie\u00dfen kann.<\/p>\n<p><em>\u201eDie Suche nach erotischem Leben ist bei Walser eine erotische Suche nach Leben. Eros, Ehe und Erlebnishunger sind die \u00e4u\u00dferen Markierungspunkte dieses Romans, das Verh\u00e4ltnis von Leben, Literatur und Todeslust sein geheimes Motiv. Kaum einer vermag die Verwerfungen und Abgr\u00fcnde in den menschlichen Verh\u00e4ltnissen besser auszuloten als Walser.\u201c<\/em><br \/>\n<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volker_Hage\" target=\"_blank\">Volker Hage<\/a>, Die Zeit<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die vielb\u00f6dige Hinterh\u00e4ltigkeit des h\u00f6her gebildeten Normalmenschen. (S. 128) Gute Manieren sind ein Ausdruck schlechten Gewissens (S. 135) Ohne Selbstbeherrschung ist Anarchie nicht m\u00f6glich. (S. 213) Martin Walser: Jagd (suhrkamp taschenbuch 1785, 3. Auflage 2002) Frauen sind M\u00e4nnern ein R\u00e4tsel. Aber fast mehr noch verstehen sie sich selbst kaum. 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