{"id":8335,"date":"2014-04-28T06:03:07","date_gmt":"2014-04-28T05:03:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=8335"},"modified":"2014-04-25T08:49:49","modified_gmt":"2014-04-25T07:49:49","slug":"jugendkriminalitat-und-das-geschriebene-wort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=8335","title":{"rendered":"Jugendkriminalit\u00e4t und das geschriebene Wort"},"content":{"rendered":"<p><em>In einer vor Kurzem vom <a href=\"http:\/\/www.crimeandjustice.org.uk\/\" target=\"_blank\">Center for Crime and Justice<\/a> am <a href=\"http:\/\/www.kcl.ac.uk\/index.aspx\" target=\"_blank\">King\u2019s College in London<\/a> durchgef\u00fchrten Studie wurden 120 verurteilte Stra\u00dfenr\u00e4uber gefragt, warum sie ihre Straftaten begangen hatten. Ihre Antworten sagten eine Menge \u00fcber das moderne britische Stra\u00dfenleben aus. Nervenkitzel. Spontaner Impuls. Status. Und finanzieller Gewinn \u2013 in ebendieser Reihenfolge. Genau das sorglose, gef\u00fchllose Verhalten, das man oft bei Psychopathen antrifft.<\/em><br \/>\n<em>Erleben wir also die Entstehung einer sub-psychopathischen Minderheit, f\u00fcr die die Gesellschaft nicht existiert? Einer neuen Spezies von Individuen, f\u00fcr die es weitgehend keine sozialen Normen gibt, die keinen Respekt vor den Gef\u00fchlen anderer haben und gleichg\u00fcltig gegen\u00fcber den Folgen ihres Handelns sind?<\/em>  [&#8230;] <em>Den Ergebnissen einer neueren, von <a href=\"http:\/\/home.isr.umich.edu\/?s=Sara+Konrath&#038;submit=Search\" target=\"_blank\">Sara Konrath<\/a> und ihrem Team am <a href=\"http:\/\/home.isr.umich.edu\/\" target=\"_blank\">Institute for Social Research der University of Michigan<\/a> durchgef\u00fchrten Studie zufolge lautet die Antwort auf diese Fragen Ja.<\/em><br \/>\n(<a href=\"http:\/\/kevindutton.co.uk\/\" target=\"_blank\">Kevin Dutton<\/a>: <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=8323\" target=\"_blank\">Psychopathen<\/a>, 2013)<\/p>\n<p><em>Von Erasmus im 16. Jahrhundert bis hin zu Elizabeth Eisenstein im 20. Jahrhundert sind fast alle Gelehrten, die sich mit der Frage befa\u00dft haben, wie sich das Lesen auf die geistige Verfassung eines Menschen auswirke, zu dem Schlu\u00df gelangt, da\u00df es die Rationalit\u00e4t f\u00f6rdert; da\u00df der sequentielle, aussagebestimmte Charakter des geschriebenen Wortes das unterst\u00fctzt, was <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Walter_J._Ong\" target=\"_blank\">Walter Ong<\/a> die \u201eanalytische Verarbeitung von Wissen\u201c nennt. Wer sich auf das geschriebene Wort einl\u00e4\u00dft, der macht sich eine Denkweise zu eigen, die hohe Anspr\u00fcche an die F\u00e4higkeit, zu klassifizieren, Schl\u00fcsse zu ziehen und logisch zu denken, stellt. Dazu geh\u00f6rt, da\u00df man imstande ist, L\u00fcgen, Irrt\u00fcmer und \u00fcberm\u00e4\u00dfige Verallgemeinerungen zu erkennen oder eine mi\u00dfbr\u00e4uchliche Verwendung der Logik und des gesunden Menschenverstandes aufzudecken. Dazu geh\u00f6rt auch, da\u00df man Gedanken zu gewichten, Behauptungen zu vergleichen und gegeneinander abzuw\u00e4gen und eine allgemeine Aussage mit einer anderen zu verbinden vermag. Um dies zu erreichen, mu\u00df man einen gewissen Abstand von den W\u00f6rtern selbst gewinnen, was durch den isolierten, unpers\u00f6nlichen Text selbst unterst\u00fctzt wird. Deshalb bricht ein guter Leser nicht in lauen Beifall aus, sobald er auf einen treffenden Satz oder auf eine geistreiche Wendung st\u00f6\u00dft. Hierzu ist das analytische Denken zu konzentriert und zu distanziert.<\/em><br \/>\n(<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neil_Postman\" target=\"_blank\">Neil Postman<\/a>: <em>Wir am\u00fcsieren und zu Tode<\/em>, 1985) <\/p>\n<p>Es ist nichts Neues, dass die Alten \u00fcber die junge Generation st\u00f6hnt. Junge Menschen neigen nun einmal dazu, sich von den \u00c4lteren zu unterscheiden, was diese oft mit Unverst\u00e4ndnis quittieren. Trotzdem muss nicht ausdr\u00fccklich betont werden, dass die heutige junge Generation nicht schlechter oder besser ist als z.B. meine Generation. Aber es gibt Hinweise, dass sich bestimmte Trends entwickelt haben, die sich zumindest bei einer Minderheit der Jungen zunehmend negativ auswirken.<\/p>\n<p>Zwischen den Texten von Kevin Dutton und Neil Postman liegen fast 30 Jahre. Auf den ersten Blick haben beide Texte nichts miteinander gemeinsam. Ich denke aber, doch &#8230;<\/p>\n<p>Es ist erst wenige Wochen her, da vermeldeten die Medien einen <a href=\"http:\/\/www.heute.de\/jugendrichter-stephan-kuperion-zu-jugendgewalt-koerperverletzungen-deutlich-brutaler-bei-sinkender-zahl-an-jugendlichen-straftaetern-32255118.html\" target=\"_blank\">R\u00fcckgang der Jugendkriminalit\u00e4t<\/a>. Allerdings sei die Jugendgewalt deutlich brutaler geworden. Das deckt sich durchaus mit der Aussage von Kevin Dutton, der von einer m\u00f6glichen <em>\u201eEntstehung einer sub-psychopathischen Minderheit\u201c<\/em> spricht, die skrupel- und gewissenloser gegen ihre Mitmenschen vorgeht.<\/p>\n<p>Ein Grund hierf\u00fcr k\u00f6nnte die unzureichende Urteilsbildung in einer Zeit sein, die zunehmend von der Unterhaltungsindustrie gepr\u00e4gt ist (hierzu und zu dem Buch von Neil Postman komme ich sp\u00e4ter noch einmal ausf\u00fchrlicher zu sprechen). Dazu geh\u00f6rt auch, dass gerade ein Gro\u00dfteil der jungen Menschen weniger liest. Die positiven Auswirkungen des Lesens beschreibt Neil Postman sehr eingehend. Daraus lassen sich die negativen Folgen des Nichtlesens ableiten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es jede Menge Schund zu lesen. Was in irgendwelchen Bestsellerlisten auftaucht, muss nicht unbedingt gut sein. Aber immer ist es nicht nur nach meiner Meinung besser zu lesen als gar nicht.<\/p>\n<p>Neil Postman schreibt: <em>\u201eProblematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen pr\u00e4sentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung pr\u00e4sentiert.\u201c<\/em> Und was f\u00fcrs Fernsehen gilt, gilt u.a. auch f\u00fcr ein Medium wie das Internet. Es sind Bilder, die l\u00e4ngst das Wort abgel\u00f6st haben. Selbst wenn W\u00f6rter ein Bild umrahmen (wer liest den Text denn noch), so ist es das Bild, das sich uns einpr\u00e4gt. Postman weiter: <em>\u201eFernsehen wurde nicht f\u00fcr Idioten erschaffen \u2013 es erzeugt sie\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Wen wundert\u2019s da noch, wenn manch jugendlicher \u201aIdiot\u2019 des Nervenkitzels wegen zum brutalen Straft\u00e4ter wird. Es sind nicht nur die so genannten Ballerspiele, es ist die kritiklose Spa\u00dfgesellschaft insgesamt, in der dank einer geldgierigen Unterhaltungsindustrie der einzelne zu verbl\u00f6den droht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer vor Kurzem vom Center for Crime and Justice am King\u2019s College in London durchgef\u00fchrten Studie wurden 120 verurteilte Stra\u00dfenr\u00e4uber gefragt, warum sie ihre Straftaten begangen hatten. Ihre Antworten sagten eine Menge \u00fcber das moderne britische Stra\u00dfenleben aus. Nervenkitzel. Spontaner Impuls. Status. Und finanzieller Gewinn \u2013 in ebendieser Reihenfolge. 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