{"id":8356,"date":"2014-05-06T06:34:34","date_gmt":"2014-05-06T05:34:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=8356"},"modified":"2014-05-05T11:37:49","modified_gmt":"2014-05-05T10:37:49","slug":"die-philosophie-der-uhr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=8356","title":{"rendered":"Die Philosophie der Uhr"},"content":{"rendered":"<p><em>\u201eWer ein Buch liest, wer vor dem Fernseher sitzt oder wer auf seine Armbanduhr schaut, der interessiert sich im allgemeinen nicht daf\u00fcr, wie diese Vorg\u00e4nge sein Denken organisieren und kontrollieren, und erst recht nicht daf\u00fcr, welche Vorstellung von der Welt das Buch, der Fernseher oder die Uhr ihm nahe legen. Aber es gibt Menschen, die diese Dinge registriert haben, vor allem in unserer Zeit. Und einer der hellsichtigsten unter ihnen war <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lewis_Mumford\" target=\"_blank\">Lewis Mumford<\/a>. Er geh\u00f6rt nicht zu denen, die blo\u00df deshalb auf die Uhr sehen, weil sie wissen wollen, wie sp\u00e4t es ist; sehr viel mehr interessiert er sich daf\u00fcr, wie die Uhr die Vorstellung von einem \u201aMoment\u2019 und einer Abfolge von Momenten hervorbringt. Er besch\u00e4ftigt sich mit der Philosophie der Uhr, mit der Uhr als Metapher, ein Thema, \u00fcber das unsere Wissenschaften bisher wenig zu sagen hatten und die Uhrmacher schon gar nichts. \u201eDie Uhr\u2019, so erkl\u00e4rt Mumford, \u201aist ein Antriebsmechanismus, dessen >Produkt< Sekunden und Minuten sind.\u2019 Die Uhr, die dieses Produkt erzeugt, l\u00f6st die Zeit aus unserem Erlebniszusammenhang heraus und n\u00e4hrt damit den Glauben an eine unabh\u00e4ngige Welt mathematisch me\u00dfbarer Sequenzen. Die Gliederung der Zeit in eine Abfolge von Momenten ist, wie sich herausstellt, nicht gott- oder naturgegeben. Der Mensch selbst hat sie hervorgebracht, indem er sich mittels einer von ihm geschaffenen Maschine mit sich selbst unterh\u00e4lt.<\/em><\/p>\n<p><em>In seinem gro\u00dfen Buch<\/em> <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Technics_and_Civilization\" target=\"_blank\">>Technics and Civilization<<\/a> <em>hat Mumford dargestellt, wie uns die Uhr, beginnend im 14. Jahrhundert, zun\u00e4chst zu p\u00fcnktlichen Zeit-Messern, dann zu Zeit-Sparern und heute schlie\u00dflich zu Dienern der Zeit gemacht hat. Im Zuge dieser Entwicklung haben wir gelernt, der Sonne und den Jahreszeiten unseren Respekt zu entziehen, denn in einer Welt, die aus Sekunden und Minuten besteht, ist die Autorit\u00e4t der Natur abgeschafft. Mit der Erfindung der mechanischen Uhr, so kann Mumford zeigen, h\u00f6rte die Ewigkeit auf, Ma\u00dfstab und Fluchtpunkt menschlichen Erlebens und Handelns zu sein. Es mag manchen \u00fcberraschen, aber das unerbittliche Ticken der Uhren hat vielleicht mehr zur Schw\u00e4chung der Allmacht Gottes beigetragen als s\u00e4mtliche Traktate der Philosophen der Aufkl\u00e4rung; die Uhr erzeugte eine neue Form des Austauschs zwischen den Menschen und Gott, wobei Gott offenbar der Verlierer blieb. Vielleicht h\u00e4tte Moses ein weiteres Gebot erlassen sollen: Du sollst dir keine mechanischen Nachbildungen der Zeit machen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neil_Postman\" target=\"_blank\">Neil Postman<\/a>: <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;index=books&#038;keywords=Postman%20wir%20am%C3%BCsieren&#038;linkCode=ur2&#038;tag=familiealbin-21\">Wir am\u00fcsieren uns zu Tode<\/a><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> \u2013 Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, 1986, S. 20 f .<\/p>\n<p><img src=\"http:\/\/did.mat.uni-bayreuth.de\/~wn\/ss_01\/beller\/Seminar\/HTML\/gfx\/ko\/uhr.gif\" alt=\"Die Philosophie der Uhr\" title=\"Die Philosophie der Uhr\" \/><\/p>\n<p>Zu dem Buch von Neil Postman komme ich noch. In diesen zwei Abs\u00e4tzen befasste sich Postman mit den Gedanken Lewis Mumfords zur <em>\u201aPhilosophie der Uhr\u2019<\/em>. Die Zeit ist ein besonderes Ph\u00e4nomen. Und der Mensch hat sie sich Untertan gemacht, in dem er sie in berechenbare Einheiten zerst\u00fcckelte. Welche Ver\u00e4nderungen damit einhergehen, ist den meisten Menschen heute nicht bewusst, auch wenn wir alle das \u201aDiktat der Zeit\u2019 kennen. Unser t\u00e4gliches Leben ist von der Zeit gepr\u00e4gt, die uns die Uhren dieser Welt vorgeben. H\u00f6chstens an unseren freien Tagen versuchen wir uns von diesem \u201aDiktat\u2019 zu befreien, was aber meist nur unzureichend gelingt. Selbst am Wochenende oder w\u00e4hrend des Urlaubs bestimmt die Zeit unseren Tagesrhythmus.<\/p>\n<p>Vielleicht sollten wir es einmal wagen, ohne Blick auf die Uhr einen Tag zu verbringen und dabei einfach einmal wieder \u201ain den Tag hineinzuleben\u2019.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWer ein Buch liest, wer vor dem Fernseher sitzt oder wer auf seine Armbanduhr schaut, der interessiert sich im allgemeinen nicht daf\u00fcr, wie diese Vorg\u00e4nge sein Denken organisieren und kontrollieren, und erst recht nicht daf\u00fcr, welche Vorstellung von der Welt das Buch, der Fernseher oder die Uhr ihm nahe legen. 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