{"id":8369,"date":"2014-05-10T06:58:11","date_gmt":"2014-05-10T05:58:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=8369"},"modified":"2014-05-08T09:58:57","modified_gmt":"2014-05-08T08:58:57","slug":"heute-ruhetag-49-charles-baudelaire-%e2%80%93-die-blumen-des-bosen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=8369","title":{"rendered":"Heute Ruhetag (49): Charles Baudelaire \u2013 Die Blumen des B\u00f6sen (2)"},"content":{"rendered":"<p>Gedichte sind nicht jedermanns Sache. Schon Romane, also Prosa, liegt manchem schwer im Magen. Wie anders sollte es da mit Lyrik sein. Wenn Romane in der Regel auch fassbare Handlung wiedergeben, so ist ein Gedicht &#8230; ja, was eigentlich?<\/p>\n<p>Romane kann man vielleicht mit einem Film vergleichen. Nicht umsonst m\u00fcht sich mancher Regisseur, einen Roman in bewegte Bilder umzusetzen. Ein Gedicht ist dagegen eher ein Standbild, eine Momentaufnahme \u2013 ganz auf die Sicht eines Dichters bezogen. Es kann ein Blick nach au\u00dfen sein oder eher noch nach innen. Es gibt Empfindungen preis. Und wenn ein Gedicht in uns nicht \u00e4hnliche Gef\u00fchle weckt, dann k\u00f6nnen wir meist mit dem Gedicht nichts anfangen.<\/p>\n<p>Gedichte sind eine besondere Kunstform. Es hat etwas mit Musik zu tun, denn viele Verse haben einen ganz gestimmten Rhythmus (Versfu\u00df und Versma\u00df). Und da gibt es auch den Reim, der \u00fcbrigens nicht immer am Ende von Zeilen stehen muss.<\/p>\n<p>Aber ich verlaufe mich da geradezu. Ich will hier keine <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Verslehre\" target=\"_blank\">Verslehre<\/a> betreiben. Geht man bei Gedichten von einem bestimmten Versma\u00df aus und reimen sich diese Gedichte, dann kann man sich denken, welche Schwierigkeit die \u00dcbersetzung in eine andere Sprache bereitet. Ich will nicht behaupten, dass z.B. die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Shakespeares_Sonette\" target=\"_blank\">Sonette eines William Shakespeare<\/a> nur im Original gelesen werden sollten. Es gibt wohl kaum einen Verszyklus, der \u00f6fter aus einer anderen Sprache <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Shakespeares_Sonette#.C3.9Cbersetzungen_ins_Deutsche_und_mediales_Fortwirken\" target=\"_blank\">ins Deutsche \u00fcbersetzt<\/a> wurde, als Shakespeares Sonette.<\/p>\n<p>Einen Roman mag man ja Satz f\u00fcr Satz \u00fcbersetzen (Wort f\u00fcr Wort macht nat\u00fcrlich keinen Sinn, das kann schon der <a href=\"https:\/\/translate.google.de\/?hl=de\" target=\"_blank\">Google \u00dcbersetzer<\/a> besser). Aber ein Gedicht mit Ma\u00df und Reim?<\/p>\n<p>Aber auch da verlaufe ich mich &#8230; <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=6400\" target=\"_blank\">Vor anderthalb Jahren<\/a> hatte ich mich hier bereits schon einmal mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Charles_Baudelaire\" target=\"_blank\">Charles Baudelaires<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Les_Fleurs_du_Mal\" target=\"_blank\">\u201eLes Fleurs du Mal\u201c<\/a> befasst: \u201eDie Blumen des B\u00f6sen\u201c. Wenn ich heute noch einmal auf diesen Gedichtsband zur\u00fcckkomme, so unter dem Aspekt der \u00dcbersetzbarkeit ins Deutsche. Denn auch Baudalaires Gedichten wurden von vielen, teilweise wirklich namhaften Schriftstellern, ins Deutsche \u00fcbertragen (neben den unten Genannten u.a. auch noch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Walter_Benjamin\" target=\"_blank\">Walter Benjamin<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rainer_Maria_Rilke\" target=\"_blank\">Rainer Maria Rilke<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stefan_Zweig\" target=\"_blank\">Stefan Zweig<\/a>)<\/p>\n<p>Hierzu habe ich ein Gedicht gew\u00e4hlt, <em>Der Mensch und das Meer<\/em>, das den Menschen mit dem Meer vergleicht, beide mit \u201atiefsten Gr\u00fcnden\u2019 ausgestattet. Zun\u00e4chst aber das Original und dann einige Beispiele der deutschen \u00dcbersetzung:<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/blogpicts\/ruhetag.jpg\" alt=\"Heute Ruhetag = Lesetag!\" title=\"Heute Ruhetag = Lesetag!\" \/><\/p>\n<p><strong>L&#8217;HOMME ET LA MER<\/strong><\/p>\n<p><em>Homme libre, toujours tu ch\u00e9riras la mer!<br \/>\nLa mer est ton miroir; tu contemples ton \u00e2me<br \/>\nDans le d\u00e9roulement infini de sa lame,<br \/>\nEt ton esprit n&#8217;est pas un gouffre moins amer.<\/em><\/p>\n<p><em>Tu te plais \u00e0 plonger au sein de ton image;<br \/>\nTu l&#8217;embrasses des yeux et des bras, et ton c\u0153ur<br \/>\nSe distrait quelquefois de sa propre rumeur<br \/>\nAu bruit de cette plainte indomptable et sauvage.<\/em><\/p>\n<p><em>Vous \u00eates tous les deux t\u00e9n\u00e9breux et discrets,<br \/>\nHomme, nul n&#8217;a sond\u00e9 le fond de tes ab\u00eemes;<br \/>\nO mer, nul ne conna\u00eet tes richesses intimes,<br \/>\nTant vous \u00eates jaloux de garder vos secrets!<\/em><\/p>\n<p><em>Et cependant voil\u00e0 des si\u00e8cles innombrables<br \/>\nQue vous vous combattez sans piti\u00e9 ni remord,<br \/>\nTellement vous aimez le carnage et la mort,<br \/>\nO lutteurs \u00e9ternels, \u00f4 fr\u00e8res implacables!<\/em><\/p>\n<p><strong>Der Mensch und das Meer<\/strong><\/p>\n<p><em>Du freier Mensch, du liebst das Meer voll Kraft,<br \/>\nDein Spiegel ist&#8217;s. In seiner Wellen Mauer,<br \/>\nDie hoch sich t\u00fcrmt, wogt deiner Seele Schauer,<br \/>\nIn dir und ihm der gleiche Abgrund klafft.<\/em><\/p>\n<p><em>Du liebst es, zu versinken in dein Bild,<br \/>\nMit Aug&#8216; und Armen willst du es umfassen,<br \/>\nDer eignen Seele Sturm verrinnen lassen<br \/>\nIn seinem Klageschrei, unz\u00e4hmbar wild.<\/em><\/p>\n<p><em>Ihr beide seid von heimlich finstrer Art.<br \/>\nWer taucht, o Mensch, in deine letzten Tiefen,<br \/>\nWer kennt die Perlen, die verborgen schliefen,<br \/>\nDie Sch\u00e4tze, die das neidische Meer bewahrt?<\/em><\/p>\n<p><em>Und doch bek\u00e4mpft ihr euch ohn&#8216; Unterlass<br \/>\nJahrtausende in mitleidlosem Streiten,<br \/>\nDenn ihr liebt Blut und Tod und Grausamkeiten,<br \/>\nO wilde Ringer, ewiger Bruderhass!<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/1363\/1\" target=\"_blank\">Original<\/a> und <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/1361\/15\" target=\"_blank\">\u00dcbersetzung<\/a> von <em>Terese Robinson<\/em>, 1925<\/p>\n<p><strong>DER MENSCH UND DAS MEER<\/strong><\/p>\n<p><em>Auf immer, freier Mensch, wirst lieben du das Meer,<br \/>\nDein Spiegel ist das Meer. Du schaust der Seele Bildnis<br \/>\nIm weiten Wellenspiel der ungeheuren Wildnis,<br \/>\nGleich ihm ist deine Brust von Bitternissen schwer.<\/em><\/p>\n<p><em>Gern schaust dein Bild du, das die Wellen dir enth\u00fcllen,<br \/>\nMit Auge und mit Arm fa\u00dft du es, und dein Herz<br \/>\nVergi\u00dft wie trunken oft den eignen lauten Schmerz<br \/>\nBei dieses Klagesangs unz\u00e4hmbar wildem Br\u00fcllen.<\/em><\/p>\n<p><em>Schweigsam und dunkel seid ihr beide allezeit:<br \/>\nMensch, noch drang keiner je in deine tiefsten Gr\u00fcnde,<br \/>\nMeer, noch fand keiner je den Reichtum deiner Schl\u00fcnde,<br \/>\nSo bergt ihr euren Hort in finstrer Heimlichkeit.<\/em><\/p>\n<p><em>Jahrtausende hindurch rollt euer nimmerm\u00fcder<br \/>\nUnd mitleidsloser Kampf bar jeder Reue fort.<br \/>\nSo sehr liebt beide ihr die Schlachten und den Mord,<br \/>\nO ewges K\u00e4mpferpaar, o nie vers\u00f6hnte Br\u00fcder!<\/em><\/p>\n<p>\u00dcbersetzung von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wolf_von_Kalckreuth\" target=\"_blank\">Graf Wolf von Kalckreuth<\/a>, 1907<\/p>\n<p><strong>Der Mensch und das Meer <\/strong><\/p>\n<p><em>Freier mensch! das meer ist dir teuer allzeit \u00b7<br \/>\nEs ist dein spiegel \u00b7 das meer \u00b7 du kannst dich beschauen<br \/>\nIn seiner wellen unendlichem rollendem grauen \u00b7<br \/>\nIn deinem geist ist ein abgrund nicht minder weit.<\/em><\/p>\n<p><em>Gerne versenkest du dich tief in dein bild \u00b7<br \/>\nZiehst es an dich mit auge und hand \u2013 deine sinne<br \/>\nHalten manchmal im eigenen tosen inne<br \/>\nBei dem ger\u00e4usch dieser klage unz\u00e4hmbar und wild.<\/em><\/p>\n<p><em>Beide lebt ihr in finstrer und heimlicher flucht.<br \/>\nMensch noch sind unerforscht deine innersten gr\u00fcnde!<br \/>\nMeer noch sind unentdeckt deine kostbarsten schl\u00fcnde!<br \/>\nEuer geheimnis bewahrt ihr mit eifersucht.<\/em><\/p>\n<p><em>Und seit unz\u00e4hligen jahren rollet ihr weiter<br \/>\nOhne mitleid ohne reuegef\u00fchl \u00b7<br \/>\nSo sehr liebet ihr blut und totengew\u00fchl \u2013<br \/>\nUnvers\u00f6hnliche br\u00fcder! ewige Streiter! <\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/3278\/15\" target=\"_blank\">Umdichtung<\/a> von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stefan_George\" target=\"_blank\">Stefan George<\/a><\/p>\n<ul><img src=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/gutenb\/autoren\/signatur\/baudelai.gif\" alt=\"Signatur: Charles Baudelaire\" title=\"Signatur: Charles Baudelaire\" \/><\/ul>\n<p><a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/autor\/40\" target=\"_blank\"><strong>Charles Baudelaire<\/strong>: Die Blumen des B\u00f6sen\/Les fleurs du mal<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gedichte sind nicht jedermanns Sache. 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