{"id":850,"date":"2007-05-19T01:26:09","date_gmt":"2007-05-18T23:26:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.albinz.de\/blog\/?p=850"},"modified":"2007-05-23T08:42:09","modified_gmt":"2007-05-23T06:42:09","slug":"von-archaismen-und-neologismen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=850","title":{"rendered":"Von Archaismen und Neologismen"},"content":{"rendered":"<p>Wie vieles im Leben, so ist auch die Sprache etwas Wandelbares. Und so wie Tier- und Pflanzenarten leider f\u00fcr immer aussterben, so verschwinden auch W\u00f6rter mit der Zeit. Aber dank eines Darwinismus in der Linguistik entstehen immer wieder neue Arten, d.h. W\u00f6rter, die unseren Wortschatz erweitern, zumindest den Schwund der W\u00f6rter, die untergegangenen, kompensieren.<\/p>\n<p>W\u00f6rter, bei denen die Gebrauchsh\u00e4ufigkeit abnimmt bzw. die als altmodisch empfunden werden, nennt man <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Untergegangene_W%C3%B6rter\" target=\"_blank\">Archaismen<\/a>. Untergegangene W\u00f6rter haben dagegen bereits <em>das Zeitliche gesegnet<\/em> (welch ein Archaismus). Wortneusch\u00f6pfungen nennt man sprachwissenschaftlich Neologismen. Interessant dabei ist, dass es zu diesem Thema bisher wenig Literatur gibt. Besonders das Problem des Wortunterganges im Deutschen ist sehr stiefm\u00fctterlich behandelt.<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.albinz.net\/models\/untergegangene_woerter.jpg\" alt=\"Untergegangene W\u00f6rter\" \/><\/p>\n<p>1. Komme ich zun\u00e4chst auf die untergegangenen W\u00f6rter zu sprechen. Es gibt hierzu ein kleines B\u00fcchlein als Taschenbuch: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3406459978?ie=UTF8&#038;tag=familiealbin-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3406459978\" target=\"_blank\">Kleines Lexikon untergegangener W\u00f6rter. Wortuntergang seit dem Ende des 18. Jahrhunderts<\/a><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3406459978\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> &#8211; hrsg. von Nabil Osman, mit einem Verzeichnis vieler W\u00f6rter, die heute nicht mehr im Sprachgebrauch zu finden sind. Hier nur einige Beispiele und deren Bedeutung:<\/p>\n<p><strong>T\u00e4ndelwoche<\/strong> \u2013 Flitterwoche<br \/>\n<strong>Brast<\/strong> \u2013 Gram (stellt fast selbst einen Archaismus dar), Sorgen<br \/>\n<strong>strack<\/strong>, z.B. stracker Weg \u2013 gerade, noch als schnurstracks vorhanden<br \/>\n<strong>Absatz<\/strong> \u2013 in der Bedeutung von Kontrast<br \/>\n<strong>anhaltsam<\/strong> \u2013 ununterbrochen, beharrlich, anhaltend<br \/>\n<strong>anheute<\/strong> \u2013 heute<br \/>\n<strong>Aufkunft<\/strong> \u2013 Genesung (auch: Aufkommen, Anfang)<\/p>\n<p>Es gibt dabei eine gr\u00f6\u00dfere Menge an W\u00f6rtern, die heute poetisch klingen, w\u00e4hrend ihre jetzigen Statthalter (Archaismus f\u00fcr Stellvertreter) eher prosaisch klingen, z.B. Kleine f\u00fcr Kleinheit, S\u00fc\u00dfe f\u00fcr S\u00fc\u00dfigkeit. Auch klingen die alten Monatsnamen sehr poetisch:<\/p>\n<p><em>Brachmonat<\/em> \u2013 Juni<br \/>\n<em>Christmonat<\/em> \u2013 Dezember<br \/>\n<em>Erntemonat<\/em> \u2013 August<br \/>\n<em>Hornung<\/em> \u2013 Februar<br \/>\n<em>Heumonat<\/em> \u2013 Juli<br \/>\n<em>Lenzmonat<\/em> \u2013 M\u00e4rz<br \/>\n<em>Ostermonat<\/em> \u2013 April<br \/>\n<em>Windmonat<\/em> \u2013 November<br \/>\n<em>Wintermonat<\/em> \u2013 November<br \/>\n<em>Wonnemonat<\/em> &#8211; Mai<\/p>\n<p>Heute sprechen wir h\u00f6chstens noch vom Wonnemonat Mai, was sprachwissenschaftlich eigentlich eine Tautologie <em>respektive<\/em> ein Pleonasmus (wei\u00dfer Schimmel) ist.<\/p>\n<p>Es gibt viele Gr\u00fcnde f\u00fcr den Untergang von W\u00f6rtern, hier nur einige: Misslungene Verdeutschung &#8211; Scherz- und Schimpfw\u00f6rter \u2013 Euphemismen \u2013 Sprach\u00f6konomie &#8211; Etymologische Isolierung und Semantisches Verblassen des Grundwortes (was man auch immer darunter verstehen mag).<\/p>\n<p>2. F\u00fcr die Archaismen, also den bedrohten W\u00f6rtern, gibt es im Internet bereits eine <a href=\"http:\/\/www.bedrohte-woerter.de\/\" target=\"_blank\">Aktion Artenschutz<\/a>. Wer in meinem Alter ist, d\u00fcrfte mit den folgenden W\u00f6rtern sicherlich noch keine Erkl\u00e4rungsschwierigkeiten haben. Aber es wird deutlich, was Ursache der Bedrohung sein k\u00f6nnte. Aber schauen wir einmal:<\/p>\n<p><strong>Kreiswehrersatzamt<\/strong><br \/>\n<strong>Bandsalat<\/strong><br \/>\n<strong>Butterberg<\/strong><\/p>\n<p>Diese W\u00f6rter sind bedroht, weil deren Existenzgrundlage abhanden gekommen ist oder kommen wird. Wer noch ein Tonbandger\u00e4t kennt, wei\u00df was Bandsalat ist. Heute kennen wir das h\u00f6chstens noch von VHS-Video-Kassetten her.<\/p>\n<p><strong>Backfisch<\/strong><br \/>\n<strong>Brummi<\/strong><br \/>\n<strong>Damenwahl<\/strong><\/p>\n<p>Das sind W\u00f6rter, die z.B. heute durch andere W\u00f6rter ersetzt sind (Backfisch = <em>Girlie, Teenie, Kid<\/em> o.\u00e4.) oder deren Euphemismus nicht mehr tragbar ist (Brummi -> <em>Laster = LKW<\/em>). Und der Damenwahl fehlt die Grundlage, die Damen, die w\u00e4hlen.<\/p>\n<p><strong>B\u00fcckware<\/strong> (Ware, die unterm Ladentisch verkauft wird)<\/p>\n<p>Dieses Wort und \u00e4hnliche hatten bis 1990 lediglich eine regionale Verbreitung (DDR, sp\u00e4terhin neue Bundesl\u00e4nder genannt). Da hier etwas real Existierendes untergegangen ist, so droht auch einer bestimmten Wortgruppe der Untergang.<\/p>\n<p>Interessant ist auch, wie bestimmte Begriffe durch Markennamen ersetzt wurden. Klebstoff, Klebestreifen, Papiertaschentuch, Suppenw\u00fcrze oder Getreideflocken kennt kein Mensch, aber Uhu, Pattex, Tesa, Tempo, Maggi oder Kellegg\u2019s. Es kann dabei allerdings passieren, dass ein Markenname durch einen anderen ersetzt wird.<\/p>\n<p>3. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neologismus\" target=\"_blank\">Neologismus<\/a> sind Wortneusch\u00f6pfungen, die nicht immer sehr originell sind. In der <a href=\"http:\/\/www.wortwarte.de\/\" target=\"_blank\">Uni T\u00fcbingen<\/a> werden solche W\u00f6rter gesammelt. Die meisten d\u00fcrften dabei Eintagsfliegen sein. Aber es gibt nat\u00fcrlich W\u00f6rter, die unser Leben bestimmen. Die neuen Techniken machen es besonders m\u00f6glich. Dabei \u00fcbernehmen wir zunehmend W\u00f6rter aus dem englischen Sprachraum: Hard- und Software, Computer (Rechner tut es eigentlich auch), <em>Videorekorder<\/em> (eigentlich schon wieder ein Archaismus) usw. Und dann die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten 2-bis-4-Buchstaben-W\u00f6rter, die nat\u00fcrlich Abk\u00fcrzungen von Begriffen sind, die keiner mehr im vollen Wortlaut benennen kann: PC, DVD, GPS, HTML \u2013 und tausend mehr.<\/p>\n<p>Die extreme Zunahme von Neologismen spiegelt den technischen Wandel, der uns f\u00f6rmlich \u00fcberrollt. Auch wenn ich nicht gerade <em>auf Kriegsfu\u00df<\/em> (Archaismus!) mit der neuen Technik stehe (wenigstens nicht mit allem), so liebe ich es geradezu, Zugriff auf alte W\u00f6rter zu nehmen, denn f\u00fcr mich stellen sie einen eigenen Wortschatz dar.<\/p>\n<p><em>Zuletzt:<\/em> Interessant ist hierbei nat\u00fcrlich die Frage, wie sehr uns das <a href=\"http:\/\/www.lutherdeutsch.de\/\" target=\"_blank\">Luther-Deutsch<\/a> gepr\u00e4gt hat. Aber das ist ein Thema f\u00fcr sich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie vieles im Leben, so ist auch die Sprache etwas Wandelbares. 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