{"id":8646,"date":"2014-07-22T07:04:20","date_gmt":"2014-07-22T06:04:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.willizblog.de\/?p=8646"},"modified":"2014-07-21T12:14:38","modified_gmt":"2014-07-21T11:14:38","slug":"isaac-b-singer-feinde-die-geschichte-einer-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=8646","title":{"rendered":"Isaac B. Singer: Feinde, die Geschichte einer Liebe"},"content":{"rendered":"<p>Vor geraumer Zeit schrieb ich (<a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/?p=7559\" target=\"_blank\">Heute Ruhetag (39): Scholem Alejchem \u2013 Anatewka<\/a>):<\/p>\n<p><em>Wer <a href=\"https:\/\/www.willizblog.de\/index.php?s=kafka\" target=\"_blank\">Kafka<\/a> verstehen will, muss sich auch mit seinem Judentum auseinandersetzen. So wurde Kafka \u2013 aber nicht nur er allein \u2013 f\u00fcr mich zum Ausgangspunkt, mich mit j\u00fcdischer, speziell mit jiddischer Literatur zu besch\u00e4ftigen. Als Einstieg boten sich da die Erz\u00e4hlungen und Romane von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Isaac_Bashevis_Singer\" target=\"_blank\">Isaac B. Singer<\/a> an, der 1978 als erster und bisher einziger jiddischer Schriftsteller f\u00fcr sein Gesamtwerk den Literaturnobelpreis erhielt. Auch in Deutschland wurde besonders sein Roman <a href=\"http:\/\/www.dieterwunderlich.de\/Singer_feinde.htm\" target=\"_blank\">\u201eFeinde \u2013 die Geschichte einer Liebe\u201c<\/a> aus dem Jahr 1966 (1974 in Deutschland erschienen) bekannt, der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Feinde_%E2%80%93_Die_Geschichte_einer_Liebe\" target=\"_blank\">1989 durch Paul Mazursky<\/a> verfilmt wurde. 1983 wurde Singers Kurzgeschichte \u201eYentl, the Yeshiva Boy\u201c mit Barbra Streisand in der Hauptrolle als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Yentl\" target=\"_blank\">Yentl<\/a> verfilmt; dem Film stand Singer allerdings sehr kritisch gegen\u00fcber. <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;index=books&#038;keywords=Isaac%20Bashevis%20Singer&#038;linkCode=ur2&#038;tag=familiealbin-21\"><strong>Isaac Bashevis Singer<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> beschreibt u.a. das j\u00fcdisch-polnische Leben im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schtetl\" target=\"_blank\">Schtetl<\/a>, sp\u00e4ter das Leben der Juden in den USA. Es ist eine wundersame Welt mit einem ganz eigenen Humor, die sich da dem Leser auftut. Singers Werk steht im Spannungsfeld zwischen Religion und Moderne, Mystizismus und rationaler Einsicht.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Isaac_Bashevis_Singer\" target=\"_blank\">Isaac Bashevis Singer<\/a> wurde 1904 in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Radzymin\" target=\"_blank\">Radzymin<\/a> (andere Quellen: in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leoncin\" target=\"_blank\">Leoncin<\/a>) in Polen geboren und wuchs in Warschau auf. Er erhielt die tradionelle j\u00fcdische Erziehung und besuchte das Rabbinerseminar. Mit 22 Jahren begann er f\u00fcr eine jiddische Zeitung in Warschaz Geschichten zu schreiben, zuerst auf hebr\u00e4isch, dann auf jiddisch. 1935 emigrierte er in die USA und geh\u00f6rte dort bald zum <a href=\"http:\/\/forward.com\/search?query=Isaac+Bashevis+Singer&#038;x=0&#038;y=0\" target=\"_blank\">Redaktionsstab<\/a> des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/The_Jewish_Daily_Forward\" target=\"_blank\">\u201aJewish Daily Forward\u2019<\/a>. F\u00fcr den Roman \u201aFeinde, die Geschichte einer Liebe\u2019 erhielt er 1974 den National Book Award. 1978 wurde ihm f\u00fcr sein Gesamtwerk der Nobelpreis f\u00fcr Literatur verliehen. Singer starb 1991 in Florida.<\/p>\n<ul><img src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/41sf6JrlDVL.jpg\" alt=\"Isaac B. Singer: Feinde, die Geschichte einer Liebe\" title=\"Isaac B. Singer: Feinde, die Geschichte einer Liebe\" \/><\/ul>\n<p><em>Herman Broder, der als Jude in Polen nur knapp der Verfolgung durch die Nationalsozialisten entging, lebt zur\u00fcckgezogen und noch immer von \u00c4ngsten gepeinigt mit seiner Frau Jadwiga in Coney Island bei New York. Jadwiga, das polnische Bauernm\u00e4dchen, hatte ihn vor den Deutschen versteckt und so sein  Leben gerettet; vor allem aus Dankbarkeit f\u00fcr diese Tat wurde sie von Broder geheiratet. Daneben liebt er die sch\u00f6ne, eigenwillig-exaltierte Mascha, wei\u00df diese Verbindung aber vor Jadwiga zun\u00e4chst geheimzuhalten. Da taucht Tamara auf, seine erste Frau, von der Zeugen berichtet hatten, sie sei im KZ umgekommen. Hilflos und unentschlossen steht Herman zwischen diesen drei Frauen, bis er schlie\u00dflich alle drei auf mysteri\u00f6se Weise \u201averl\u00e4\u00dft\u2019. Die verzweifelte Fatalit\u00e4t einer solchen Konstellation erscheint in Singers intensiver Darstellung als \u00e4u\u00dferste dramatische Zuspitzung der allgemeinen Ausweglosigkeit seines von tiefer Resignation und abgr\u00fcndigem Pessimismus gezeichneten \u201aHelden\u2019. Broders Geschichte ist, wie der Autor betont, nicht die des typischen Fl\u00fcchtlings \u2013 doch auch der vermeintlich kuriose \u201aEinzelfall\u2019 weist zur\u00fcck auf den Schock und das Trauma der Vernichtung, das alle diese \u00dcberlebenden zeichnet, auch wenn sie ihm \u00e4u\u00dferlich entkamen.<\/em><br \/>\n(aus dem Klappentext)<\/p>\n<p>In diesen Tagen habe ich den kleinen Roman <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/search?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;index=books&#038;keywords=isaac%20singer%20feinde&#038;linkCode=ur2&#038;tag=familiealbin-21\"><strong>Feinde, die Geschichte einer Liebe<\/strong><\/a><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=familiealbin-21&#038;l=ur2&#038;o=3\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>, Deutsch von <a href=\"http:\/\/blogs.taz.de\/schroederkalender\/2006\/11\/03\/in-memoriam-wulf-teichmann\/\" target=\"_blank\">Wulf Teichmann<\/a> (amerikanische Originalausgabe: <em>Enemies, A Love Story<\/em>) \u2013 Deutscher Taschenbuch Verlag, M\u00fcnchen \u2013 dtv 1216 \u2013 ungek\u00fcrzte Ausgabe \u2013 2. Auflage November 1978: 13. \u2013 17. Tsd. \u2013 erneut gelesen.<\/p>\n<p>Als Vorbemerkung schrieb Singer:<\/p>\n<p><em>Wenn ich auch nicht das Privileg hatte, durch die H\u00f6lle von Hitlers Massenvernichtungen gegangen zu sein, so habe ich doch jahrelang in New York mit Fl\u00fcchtlingen zusammengelebt, die diese Feuerprobe durchgemacht haben. Darum m\u00f6chte ich gleich sagen, da\u00df dieser Roman keineswegs die Geschichte des typischen Fl\u00fcchtlings, seines Lebens und seiner K\u00e4mpfe ist. Wie in den meisten meiner erz\u00e4hlenden Werke wird in diesem Buch ein Ausnahmefall dargestellt \u2013 mit einzigartigen Helden und einer einzigartigen Verflechtung der Ereignisse. Die Figuren sind nicht nur Nazi-Opfer, sondern auch Opfer ihrer eigenen Pers\u00f6nlichkeiten und Schicksale. Wenn sie in das allgemeine Bild passen, so deswegen, weil die Ausnahme die Regel best\u00e4tigt. In der Literatur ist die Ausnahme tats\u00e4chlich die Regel.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Roman wurde erstmals 1966 in \u201aThe Jewish Daily Forward\u2019 unter dem Titel<\/em> \u201aSonim, die Geschichte fun a Liebe\u2019 <em>ver\u00f6ffentlicht. Aliza Shevrin und Elizabeth Shub haben ihn ins Amerikanische \u00fcbersetzt, und Rachel Mac Kenzie und Robert Giroux haben die \u00dcbersetzung redigiert. Mein Dank gilt ihnen allen.<\/em> I.B.S.<\/p>\n<p>Der Roman beginnt wie folgt (Erstes Kapitel \u2013 1):<\/p>\n<p><em>Herman Broder drehte sich um und machte ein Auge auf. Halb noch im Traum fragte er sich, ob er in Amerika sei, in Tzivkev oder in einem deutschen Lager. In der Phantasie versetzte er sich sogar in das Versteck auf dem Heuboden in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lipsk\" target=\"_blank\">Lipsk<\/a>. Alle diese Orte verschmolzen gelegentlich in seinem Geist. Er wusste zwar, da\u00df er in Brooklyn war, aber er h\u00f6rte Nazis schreien. Sie stocherten mit ihren Bajonetten herum und versuchten, ihn aufzust\u00f6bern, w\u00e4hrend er sich immer tiefer ins Heu pre\u00dfte. Eine Bajonettklinge streifte seinen Kopf.<\/em><\/p>\n<p><em>Ganz wach zu werden, erforderte einen Willensakt. \u201eGenug!\u201c sagte er sich und setzte sich auf. Es war mitten am Morgen. Jadwiga war schon eine ganze Weile angezogen. Im Spiegel an der Wand gegen\u00fcber dem Bett erblickte er sich \u2013 langgezogenes Gesicht, seine wenigen ihm noch verbliebenen Haare, einst rot, jetzt gelblich und mit grauen Str\u00e4hnen. Unter buschigen Brauen blaue Augen, bohrend und dennoch sanft, schmale Nase, eingefallene Wangen, die Lippen d\u00fcnn.<\/em><\/p>\n<p><em>Herman wachte immer mitgenommen und zerzaust auf, als h\u00e4tte er die ganze Nacht gerungen. An diesem Morgen hatte er sogar eine blaue Beule an der Stirn. Er ber\u00fchrte sie. \u201eWas ist das?\u201c fragte er sich. Kam das vielleicht von dem Bajonett in seinem Traum? Bei dem Gedanken mu\u00dfte er l\u00e4cheln. Wahrscheinlich war er in der Nacht auf dem Weg zum Klo gegen die Kante der Schrankt\u00fcr gebumst.<\/em><\/p>\n<p>Vor jetzt auch schon wieder vierzig Jahren schrieb <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Horst_Bienek\" target=\"_blank\">Horst Bienek<\/a> in der <em>Zeit<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1974\/43\/in-der-fremde-daheim\" target=\"_blank\">In der Fremde daheim<\/a>) zu dem Roman:<\/p>\n<p>Das Buch ist <em>\u201eein aufrichtiger, verzweifelttragischer, schonungsloser Roman der amerikanischen Gegenwart. Hier hat ein Autor den Mut und die gestalterische Kraft, zwanzig Jahre nach dem Ende der Vernichtungsh\u00f6llen (das Buch ist 1965 entstanden), nicht mehr von der Banalit\u00e4t des B\u00f6sen zu sprechen, sondern \u00fcber die Banalit\u00e4t der Opfer zu schreiben; von Menschen, die Helden oder M\u00e4rtyrer waren im Getto, im Gefangenenlager, im KZ oder einfach in einem Versteck, in jedem Fall von wenigen Noch-einmal-Davongekommenen, die nach der \u201aAu\u00dferordentlichkeit des Lebens\u2019, wie Buber sagt, dessen sie sich oft gar nicht bewu\u00dft waren, wieder zur\u00fcckkehren in den Alltag mit seinen banalen, aufgebauschten und nichtsdestoweniger existentieller. Problemen \u2013 vor denen sie genauso hilflos dastehen wie vorher.\u201c<\/em> \u2013 \u201e&#8230; <em>all seine Figuren<\/em> [sind] <em>im Ostjudentum verwurzelt; sie leben zwar in New York, aber diese Stadt ist f\u00fcr sie nichts anderes als Kulisse \u2013 sie denken, f\u00fchlen, ja, sie leben noch so wie damals in Tzivkev, in Lemberg oder Lipsk,<\/em> &#8230;\u201c.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"425\" height=\"350\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" marginheight=\"0\" marginwidth=\"0\" src=\"https:\/\/maps.google.de\/maps?oe=utf-8&amp;client=firefox-a&amp;q=coney+island&amp;ie=UTF8&amp;hq=&amp;hnear=Coney+Island&amp;gl=de&amp;ll=40.57738,-73.96831&amp;spn=0.019199,0.033088&amp;t=h&amp;z=14&amp;output=embed\"><\/iframe><br \/><small><a href=\"https:\/\/maps.google.de\/maps?oe=utf-8&amp;client=firefox-a&amp;q=coney+island&amp;ie=UTF8&amp;hq=&amp;hnear=Coney+Island&amp;gl=de&amp;ll=40.57738,-73.96831&amp;spn=0.019199,0.033088&amp;t=h&amp;z=14&amp;source=embed\" style=\"color:#0000FF;text-align:left\">Gr\u00f6\u00dfere Kartenansicht<\/a><\/small><br \/>\nConey Island zwischen Neptune und Mermaid Avenue (\u201aHerman Broders\u2019 Welt)<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie es heute ist, ob nach dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schtetl\" target=\"_blank\">Schtetl<\/a>, dem j\u00fcdisch-polnische Leben, das die Nazis vernichtet haben, auch diese \u201aSinger\u2019sche\u2019 Welt in <em>Coney Island<\/em> zwischen <em>Neptune Avenue<\/em> und <em>Mermaid Avenue<\/em> und anderswo in Amerika untergegangen ist: Isaac B. Singer hat in wunderbaren Erz\u00e4hlwerken diese beiden Welten f\u00fcr uns eingefangen, die das Lesen lohnen.<\/p>\n<p><em>\u201eIn diesem gro\u00dfen und ruhigen Roman wird viel \u00fcber das Leben, das Schicksal, Gott nachgedacht und spekuliert, doch in einer ganz unaufdringlichen, selbstverst\u00e4ndlichen art und Weise. Die Erinnerung ist gleichzeitig eine individuelle und eine kollektive, und mit dieser Erinnerung mu\u00df man lebe: \u201aJa, die b\u00f6sen Geister spielen eben mit uns,\u2019 Singer bleibt stets konkret, anschaulich, figurenreich und detailgenau; da ist das Raunen einer langen Leidensgeschichte in der Gestaltung nacherlebbarer und unpathetischer Schicksale aufgegangen.\u201c<\/em> (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Weltwoche\" target=\"_blank\">Die Weltwoche<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor geraumer Zeit schrieb ich (Heute Ruhetag (39): Scholem Alejchem \u2013 Anatewka): Wer Kafka verstehen will, muss sich auch mit seinem Judentum auseinandersetzen. So wurde Kafka \u2013 aber nicht nur er allein \u2013 f\u00fcr mich zum Ausgangspunkt, mich mit j\u00fcdischer, speziell mit jiddischer Literatur zu besch\u00e4ftigen. 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