{"id":9541,"date":"2016-01-18T10:00:16","date_gmt":"2016-01-18T10:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/willizblog.de\/?p=9541"},"modified":"2016-01-18T10:05:14","modified_gmt":"2016-01-18T10:05:14","slug":"ein-gesamtgesellschaftliches-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willizblog.de\/?p=9541","title":{"rendered":"\u201eEin gesamtgesellschaftliches Problem\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Es ist viel gesagt und noch mehr geschrieben worden. Eines ist gewiss: Die Fl\u00fcchtlingsfrage bleibt das bestimmende Thema auch in diesem Jahr. Die Vorf\u00e4lle von Silvester am K\u00f6lner Hauptbahnhof m\u00fcssen als einschneidendes Ereignis angesehen werden. Besonders den Rechtsextremen dienen sie als Vorlage, um gegen Fl\u00fcchtlinge auf das \u00dcbelste zu schimpfen. Dabei steigt nicht nur die Zahl der Hasskommentare im Netz, sondern auch die Gewalttaten nehmen zu. Die Beh\u00f6rden registrierten im vergangenen Jahr etwa 850 rechts motivierte Attacken gegen Fl\u00fcchtlingsheime, davon mehr als 70 Brandanschl\u00e4ge. \u201eEs ist ein Wunder, dass dort noch keine Toten zu beklagen sind\u201c, sagt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Uwe-Karsten_Heye\" target=\"_blank\">Uwe-Karsten Heye<\/a> vom <em>Verein<\/em> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gesicht_Zeigen!\" target=\"_blank\">\u201eGesicht zeigen\u201c<\/a> in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/ZDF\" target=\"_blank\">ZDF<\/a>-Sendung <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/berlin-direkt\/berlin-direkt-5988416.html\" target=\"_blank\">\u201eBerlin direkt\u201c<\/a>. (Quelle u.a. <a href=\"http:\/\/www.heute.de\/heye-beklagt-anstieg-von-rechtsmotiviertem-terror-in-deutschland-fluechtlinge-und-koeln-als-vorlage-fuer-rechte-41833198.html\" target=\"_blank\">heute.de<\/a>)<\/p>\n<p>Im <a href=\"http:\/\/www.kreiszeitung-wochenblatt.de\" target=\"_blank\">Kreiszeitung-Wochenblatt<\/a> f\u00fcr die Region Nordheide wurde in der neuesten Wochenendausgabe <a href=\"http:\/\/www.kreiszeitung-wochenblatt.de\/tostedt\/politik\/interview-mit-islamwissenschaftler-tim-langner-d72112.html\" target=\"_blank\">ein Interview<\/a> mit dem jungen Islamwissenschaftler <a href=\"https:\/\/www.google.de\/search?q=Tim+langner+Herbergsverein+Winsen&#038;ie=utf-8&#038;oe=utf-8\" target=\"_blank\">Tim Langner<\/a> ver\u00f6ffentlicht, in dem u.a. die Frage, ob eine frauenverachtende Einstellung Bestandteil islamischer Kultur ist, angesprochen wurde.<\/p>\n<p><img src=\"https:\/\/www.willizblog.de\/images\/wochenblatt_kreiszeitung_2015_01_16_3.jpg\" alt=\"Ob mit Kopftuch verh\u00fcllt oder \u201afreiz\u00fcgiger' gekleidet: Keine Frau darf Opfer sexueller \u00dcbergriffe werden\" title=\"Ob mit Kopftuch verh\u00fcllt oder \u201afreiz\u00fcgiger' gekleidet: Keine Frau darf Opfer sexueller \u00dcbergriffe werden\" \/><\/p>\n<p><em>Nach den sexuellen \u00dcbergriffen von M\u00e4nnerhorden mit Migrationshintergrund, u.a. in Hamburg und K\u00f6ln, \u00fcberschlagen sich die Autoren in den sogenannten sozialen Netzwerken. Das islamische Facebook-Magazin \u201eMuslim Stern\u201c gibt den weiblichen Opfern und ihrer \u201efreiz\u00fcgigen Bekleidung\u201c die Schuld. Zitat: \u201eEinige Frauen sollten dar\u00fcber nachdenken, ob es klug ist, leicht bekleidet und angetrunken sich zwischen Horden von alkoholisierten M\u00e4nnern zu begeben. Generell tr\u00e4gt die Frau aufgrund ihrer Beschaffenheit eine Verantwortung, wenn sie sich aus dem Haus begibt.\u201c<\/p>\n<p>Die Rechtspopulisten hingegen sehen sich in ihren Warnungen vor \u201e\u00dcberfremdung\u201c best\u00e4tigt und hetzten gegen die \u201eausl\u00e4ndische Meute\u201c. Das WOCHENBLATT bat Islamwissenschaftler Tim Langner, der beim Besch\u00e4ftigungsprojekt des Herbergsvereins Fl\u00fcchtlinge betreut, um eine Einsch\u00e4tzung.<\/em><\/p>\n<p><em>WOCHENBLATT:<\/em> Wieviele Fl\u00fcchtlinge betreuen Sie und Ihre Kollegen beim Besch\u00e4ftigungsprojekt des Herbergsvereins Winsen und welche Nationalit\u00e4ten sind vertreten?<\/p>\n<p><em>Tim Langner:<\/em> Wir betreuen momentan etwa 280 Menschen. Der Gro\u00dfteil der Menschen kommt aus dem arabischsprachigen Raum, wir nehmen die Nationalit\u00e4ten zwar auf, f\u00fchren aber keine diesbez\u00fcgliche Statistik, weil das Projekt f\u00fcr alle nach Asylbewerberleistungsgesetz leistungsberechtigten Personen zug\u00e4nglich ist und die Nationalit\u00e4t daher keine Rolle spielt.<\/p>\n<p><em>WOCHENBLATT:<\/em> Ist eine frauenverachtende Einstellung Bestandteil islamischer Kultur?<\/p>\n<p><em>Tim Langner:<\/em> Nein. Es gibt auch innerhalb des Islams viele unterschiedliche Str\u00f6mungen, individuelle Auspr\u00e4gungen und Auslegungen der religi\u00f6sen Quellen. Jemand, der sich selbst als Salafist bezeichnet, ist nicht zwangsl\u00e4ufig ein gewaltt\u00e4tiger Jihadist, auch wenn er oder sie m\u00f6glicherweise einem, in meinen Augen diskriminierenden Modell der Geschlechterrollen anh\u00e4ngt. Ebenso kann eine \u00e4gyptische Feministin, die sich f\u00fcr absolute Gleichberechtigung einsetzt, gleichzeitig eine gl\u00e4ubige Muslima sein. <\/p>\n<p>Die Verbindung, die h\u00e4ufig zwischen einem diskriminierenden Frauenbild und islamischer Religion gezeichnet wird, liegt meiner Ansicht nach vor allem darin begr\u00fcndet, dass sich innerhalb einiger muslimisch gepr\u00e4gter Gesellschaften patriarchische Strukturen etabliert haben, die zur Folge haben, dass auch die Interpretation religi\u00f6ser Quellen haupts\u00e4chlich von M\u00e4nnern durchgef\u00fchrt wird. Dies f\u00fchrt zu patriarchisch dominierten Auslegungen, die leider in der \u00f6ffentlichen Diskussion viel pr\u00e4senter sind als z.B. reformislamistische oder feministische Interpretationen.<\/p>\n<p><em>WOCHENBLATT:<\/em> Spielen noch weitere Aspekte eine Rolle? <\/p>\n<p><em>Tim Langner:<\/em> Beispielsweise wirtschaftliche Verh\u00e4ltnisse oder bestehende gesellschaftliche Strukturen. Diese pr\u00e4gen ebenso wie religi\u00f6se Einfl\u00fcsse einen Menschen, der grunds\u00e4tzlich dazu neigt, Gelerntes zun\u00e4chst einmal auf sein Leben anzuwenden. Das gilt meines Erachtens f\u00fcr alle Menschen, \u00fcberall.<\/p>\n<p><em>WOCHENBLATT:<\/em> Ist Ihnen das Ph\u00e4nomen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Taharrush_gamea\" target=\"_blank\">\u201eEl Taharrush\u201c\/\u201eTaharrush gamea\u201c<\/a> (gemeinschaftliche sexuelle Bel\u00e4stigung, d. Red.) bekannt? Wenn ja, wo und von welchen Bev\u00f6lkerungsgruppen ausgehend finden solche \u00dcbergriffe statt?<\/p>\n<p><em>Tim Langner:<\/em> Das Ph\u00e4nomen ist mir bekannt, war jedoch keiner der gesellschaftlichen Aspekte, mit denen ich mich w\u00e4hrend meines Studiums eingehender befasst h\u00e4tte. Dar\u00fcber hinaus ist es kein Ph\u00e4nomen, das islamischen Gesellschaften exklusiv ist. Vielmehr findet es sich in vielen m\u00e4nnlich dominierten Gesellschaften, etwa in Indien, wieder. Es gibt durchaus wissenschaftliche Auseinandersetzungen zu dieser Thematik, die versuchen, die Hintergr\u00fcnde dieses Ph\u00e4nomens zu untersuchen. Diese werden u.a. von den Organisationen der Vereinten Nationen durchgef\u00fchrt und sind \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich.<\/p>\n<p><em>WOCHENBLATT:<\/em> Gibt es Ihrer Einsch\u00e4tzung nach M\u00f6glichkeiten, diese \u00dcbergriffe zu verhindern?<\/p>\n<p><em>Tim Langner:<\/em> Sexuelle \u00dcbergriffe sind ein gesamtgesellschaftliches Problem. Es ist notwendig, die Menschen dahingehend zu sensibilisieren, dass sexuelle Bel\u00e4stigung auch als solche erkannt und im Fall der F\u00e4lle zur Anzeige gebracht wird. Repr\u00e4sentative Studien weisen darauf hin, dass knapp 60 Prozent der Frauen in Deutschland bereits mindestens einmal zum Ziel sexueller Bel\u00e4stigung geworden sind. Die Ursachen hierf\u00fcr zu erheben und anzugehen, ist ein erster Schritt, um ein gesellschaftliches Klima der Gleichberechtigung zu schaffen. Letztlich ist es notwendig, Straftaten zu verfolgen und mit den Mitteln des Rechtsstaates zu bestrafen. Dies gilt selbstverst\u00e4ndlich auch f\u00fcr die Vorkommnisse in K\u00f6ln. Da in der Bundesrepublik gl\u00fccklicherweise der Grundsatz \u201ein dubio pro reo\u201c gilt, braucht dies aber seine Zeit, ebenso wie ein eventuell anh\u00e4ngiges Gerichtsverfahren. Sonderregeln f\u00fcr bestimmte Vergehen oder Gruppen zu finden, untergr\u00e4bt die Basis dieses Rechtsstaates und stellt eine Gefahr f\u00fcr die Demokratie und die Freiheit des Einzelnen dar.<\/p>\n<p><em>WOCHENBLATT:<\/em> Bef\u00fcrchten Sie, dass Anschl\u00e4ge wie der in Istanbul k\u00fcnftig auch in Deutschland geschehen k\u00f6nnen? <\/p>\n<p><em>Tim Langner:<\/em> Es ist nat\u00fcrlich &#8211; v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von Anschl\u00e4gen in Beirut, Paris, Istanbul oder Jakarta &#8211; unm\u00f6glich, Anschl\u00e4ge kategorisch auszuschlie\u00dfen. Absolute Sicherheit ist eine Illusion und in meinen Augen auch kein w\u00fcnschenswerter Zustand, denn das bedeutete, dass es eine Institution g\u00e4be, die alles \u00fcber jeden w\u00fcsste. Eine grauenhafte Vorstellung und paradoxerweise das tats\u00e4chliche Ende relativer pers\u00f6nlicher Sicherheit. Ich denke, die Wahrscheinlichkeit einem Anschlag zum Opfer zu fallen, ist \u00e4u\u00dferst gering. <\/p>\n<p><em>WOCHENBLATT:<\/em> Was m\u00fcsste Ihrer Ansicht nach getan werden, um das Anschlagsrisiko zu verringern?<\/p>\n<p><em>Tim Langner:<\/em> Ein weltpolitisches Bestreben, Fluchtursachen zu bek\u00e4mpfen, w\u00fcrde diese Wahrscheinlichkeit weiter verringern. Dazu geh\u00f6ren die konsequente Bek\u00e4mpfung von Armut und Perspektivlosigkeit, die Hilfe zur Selbsthilfe durch Bildung und Qualifizierung, der bewusste und nachhaltige Umgang mit begrenzten Ressourcen sowie deren Verteilung. Terrorismus, B\u00fcrgerkriege, Radikalisierungen, Fluchtbewegungen, Hunger, all diese Dinge h\u00e4ngen miteinander zusammen. Deswegen k\u00f6nnen nur gemeinsame, internationale Bem\u00fchungen und Zusammenarbeit und nicht etwa nationale oder europ\u00e4ische Abschottung die Sicherheit geben, die sich die gro\u00dfe Mehrheit aller Menschen w\u00fcnscht. Dazu wird es vermutlich notwendig sein, dass die Industriegesellschaften auf Teile ihres \u00dcberflusses zu verzichten lernen m\u00fcssen.\u201c <\/p>\n<p><strong>Zur Person<\/strong> &#8211; Tim Langner (28) lebt in Hamburg und ist Sozialarbeiter im Besch\u00e4ftigungsprojekt f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge beim Herbergsverein Winsen und Umgebung. Er absolvierte den Bachelor Studiengang \u201eGeschichte, Sprache und Kultur des Vorderen Orients, Schwerpunkt Islamwissenschaften\u201c am Asien-Afrika-Institut der Universit\u00e4t Hamburg mit dem Nebenfach Politikwissenschaft. \u201eDie Motivation hierzu ergab sich im Nachgang der Anschl\u00e4ge vom 11. September 2001. Die teilweise eindimensionale Auseinandersetzung mit den Anschl\u00e4gen und den vermuteten Hintergr\u00fcnden war mir zutiefst zuwider und weckte in mir das Bestreben, mich mit unterschiedlichen Aspekten der Welt auseinanderzusetzen\u201c, so Tim Langner. W\u00e4hrend seines Studiums absolvierte er ein Auslandssemester an der University of Jordan in Amman. Nach dem Studium war er ein halbes Jahr f\u00fcr die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Internationale Zusammenarbeit (GIZ) am Technical Trainers College in Riad, Saudi Arabien, besch\u00e4ftigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist viel gesagt und noch mehr geschrieben worden. Eines ist gewiss: Die Fl\u00fcchtlingsfrage bleibt das bestimmende Thema auch in diesem Jahr. Die Vorf\u00e4lle von Silvester am K\u00f6lner Hauptbahnhof m\u00fcssen als einschneidendes Ereignis angesehen werden. Besonders den Rechtsextremen dienen sie als Vorlage, um gegen Fl\u00fcchtlinge auf das \u00dcbelste zu schimpfen. 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