Kuriose Musikinstrumente: Lyricon

Handbemachte Musik, unplugged – wie man das heute neudeutsch nennt, ist mir meist doch die liebste Musik. Oft ist mir jeder elektronische Schnickschnack einfach zu viel (schon von daher finde ich Techno und ähnliche Musikrichtung einfach unerträglich). Wenn natürlich Herr Anderson mit seiner Gruppe Jethro Tull das Intro zu Thick as a Brick spielt, dann kann er nicht gleichzeitig Flöte spielen und singen, wie auf der Studioaufnahme. Aber das Keyboard, das die Flöte simuliert, ist mir schon zu viel …

Was ich heute vorstellen möchte, ist ein elektronisches Instrument: das Lyricon. Ein sehr poetischer, genauer: lyrischer Name für ein Instrument. Allerdings stieß ich bei Wikipedia auf eine eher prosaische deutsche Bezeichnung: Blaswandler. Das Lyricon wurde 1975 von Bill Bernardi erfunden und ist ein Analogsynthesizer, der von einem klarinettenähnlichen Blasinstrument kontrolliert wird. Das Lyricon zeichnet sich aus durch den großen Tonumfang und das sehr weite dynamische und klangfarbliche Spektrum des hochdifferenziert auf den menschlichen Atem und alle Artikulationstechniken der Klarinetteninstrumente reagierenden Synthesizers. (siehe auch eine englischsprachige Site mit Klangbeispielen). Daher also der deutsche Name: Blaswandler (eine Funktionsbeschreibung).

Lyricon

Das Lyricon betreffend bin ich als alter Tull-Fan über Jack Lancaster gestolpert. Lancaster gründete u.a. mit Mick Abrahams, der in der ersten Tull-Formation die Gitarre spielte, die Gruppe Blodwyn Pig. Neben Flöte und diversen Saxophonen (teilweise spielte er zwei Instrumente gleichzeitig) experimentierte Lancaster mit elektronischen Instrumenten, u.a. mit dem bereits genannten Lyricon. Später wurde Lancaster u.a. bekannt durch die rockige Neuinterpretation von Sergei Prokofjews ‘Peter und das Wolf’, einem Projekt, an dem u.a. auch Manfred Mann und Phil Collins teilnahmen. Außerdem spielte er 1979 mit Rick van der Linden das Album Wild Connections ein, eine vollständig „synthesised“ aufgenommene Scheibe: eben Lancaster mit Lyricon und van der Linden mit einem Yamaha GX 1, einem Synthesiser mit Basspedalen, bei Kennern als „Yamaha’s Monster!“ verspottet. Stevie Wonder nannte den GX 1 „The dream machine“. (damit wäre ich bei einem weiteren ‚kuriosen‘ Musikinstrument).

Wie gesagt: Ursprüngliche, handgemachte Musik gefällt mir besser. Aber da ich z.B. auf Flöten und sonstige Blasinstrumente (engl. kurz winds genannt – wie lyrisch) stehe, finde ich Lancasters Spiel auf dem Lyricon schon sehr interessant.

Hier noch ein Klangbeispiel aus dem Beginn des Stückes „Save a Place for Me“ von der CD Skinningrove Bay von Jack Lancaster aus dem Jahre 1993 (u.a. mit Phil Collins, Gary Moore, Rick van der Linden, dem Ex-Tull-Drummer Clive Bunker u.a.). Es ist ein Wechsel zwischen Lyricon und Saxophon:

weitere Infoseite auf Englisch zum Lyricon

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!