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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Helge Schneider bezieht Prügel von Schimanski

Gestern sah ich einen alten Tatort (Folge 159) aus Duisburg, also mit Schimanski: Zweierlei Blut – aus dem Jahr 1984. Der WDR hat die alten Tatort-Folgen aus Duisburg aufgehübscht. Diese sind jetzt in der Mediathek aufrufbar. Jede Woche kommt eine neue Folge hinzu.


Tatort 159 aus Duisburg (1984) Zweierlei Blut (Schimanski)

Die Folge „Zweierlei Blut“ enthält ein kleines Schmankerl (wie die Bajuwaren sagen): einen Miniauftritt von Helge Schneider in jungen Jahren.

(1) Helge Schneider als MSV-Duisburg-Fan
(1) Helge Schneider als MSV-Duisburg-Fan

1984 wurde er vom Arbeitsamt Köln an einen Schimanski-„Tatort“ vermittelt. Im Interview mit der „Az“ verriet der 64-Jährige, wie das war. Er sagte: „Ach, den Schimanski hab‘ ich damals gar nicht so wahrgenommen.“ Auf die Frage, welche Rolle er damals hatte, sagte er: „Irgendso ‘nen Typen von einer Rockerbande. So ‘nen ganz Fiesen. Einmal musste ich auf einen einprügeln, und dann hat der mich sofort umgehauen.“ Hört sich nach einem tollen Job an, es gab aber einen Haken. Schneider sagte weiter: „Irgendwann wurden dann beim Dreh alle Rocker versammelt, und einer sagte zu mir: „Du nicht.“ Dabei wollte ich doch berühmt werden! Ich hatte auch noch andere Jobs beim Fernsehen.“ (Quelle: fan-lexikon.de/musik)

(2) Helge Schneider als MSV-Duisburg-Fan guckt nach dem Ball
(2) Helge Schneider als MSV-Duisburg-Fan guckt nach dem Ball

Tatsächlich kommen sich Rocker und angeblicher MSV Duisburg-Fan Helge und Schimanski beim Kampf um einen Ball kurz ins Gehege.Die Szenen mit Helge Schneider beginnen nach genau 35 Minuten und enden nach gut einer Minute. Zunächst sitzt Rocker Helge auf der Lehne einer Parkbank (1). Dann greift er ins Geschehen ein: ein Ball wird hin- und hergeworfen. Beim Versuch, den Ball zu erhaschen (2), kommt ihn Schimanski zuvor. Dieser schubst ihn dann mit dem Ball. Helge fällt zu Boden, fasst sich noch einmal ins Gesicht … und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Natürlich ist das nicht der erste Tatort mit besonderem Besuch. Ebenfalls in einem Duisburg-Tatort laufen sich Schimanski und Jan Fedder (Brakelmann aus Neues aus Büttenwarder) über den Weg. Und in einem Tatort aus München (… und die Musi spielt dazu (1994)) sind die Toten Hosen als Seemannsquintett „Andi Frege und seine Wasserratten“ in Matrosenanzügen zu sehen (Matrosenanzüge als norddeutsches Pendant zur Bayerntracht).

Saschas unglaubliche ‚Aura‘

Am Wochenende erreicht die Lage in Belarus einen Punkt, der für die weitere Entwicklung maßgebend sein könnte. Das Ultimatum von Swetlana Tichanowskaja, der Präsidentschaftskandidatin der Opposition, läuft am Sonntag aus. Darin forderte sie:

1. Lukaschenko muss seinen Rücktritt bekannt geben
2. Gewalt auf den Straßen muss vollständig aufhören
3. Alle politischen Gefangenen müssen freigelassen werden

Ansonsten soll es vermehrt Streiks im Lande geben. Ob das Ultimatum so sinnvoll ist, mag ich zu bezweifelt. Immerhin heißt es, dass den Arbeitern erster Betriebe eine Lohnerhöhung versprochen wurde, was zeigt, dass die Staatsführung unter Lukaschenko ‚kalte Füße‘ bekommt, oder?

Apropos: Lukaschenko und Swetlana Tichanowskaja, die gezwungenermaßen nach Litauen ausreisen musste. Angeblich bat sie Sascha (Alexander Lukaschenko) mit Tränen in den Augen in seinem Arm liegend um die Ausreise und um 15.000 Dollar ‚Reisegeld“. Und auch Sergei Tichanowski, Swetlanas Ehemann und vormals Präsidentschaftskandidat, bevor er Ende Mai verhaftet wurde, der mit anderen inhaftierten Vertretern der Opposition zu dem ominösen Gespräch mit Sascha geladen war, soll sich, nachdem er sich angeblich ‚ungehörig‘ gegen Lukaschenko geäußert hatte, von der ‚Aura‘ des Präsidenten beruhigt worden sein. Eher ist er von dem stundenlangen Geschwafel Lukaschenkos in Tiefschlaf gefallen.

Lukaschenko hat einen Stich
Lukaschenko hat einen Stich

Am Sonntag sollten auch die ‚Anhänger‘ Lukaschenkos Flagge zeigen. Angeblich wusste Lukaschenko nichts von der Kundgebung zu seiner Unterstützung. Und als er es herausfand, sprach er sich aus Sicherheitsgründen dagegen aus. Für ihn genügt es zu sagen, dass „etwa 250-300 Tausend“ seiner ‚Anhänger‘ gekommen wären. Warum 300.000 und nicht 3 Millionen?! – Oder 30 Millionen? Ach, so viele Einwohner hat Belarus ja nicht …

Natürlich gibt es Befürworter für Lukaschenko. Das Problem ist aber, dass die Medien in Belarus mittlerweile komplett gleichgeschaltet sind, und wenn man nicht explizit im Internet sucht, nur noch mit Propaganda gefüttert wird. Gerade die Leute vom Dorf und die Rentner sind davon am meisten betroffen.

Aber von wegen Rentner: Da gibt es z.B. die 73-jährige Nina Baginskaja oder die 82-jährige Zoya Nikolaevna, die beide keinen Minsker Protestmarsch auslassen. Besonders Nina Baginskaja ist zum Inbegriff des Protestes gegen das Regime in Minsk geworden.


Marsch der Rentner

Wenn es nicht so ernst wäre, müssten wir lachen! Denn bei den Protesten von August bis September 2020 wurden in Minsk mindestens 1.376 Menschen von Sicherheitskräften verletzt. Jeder Dritte wurde schwer verletzt. Es gab mindestens drei Fälle sexueller Gewalt, eine der Vergewaltigten war minderjährig.

Die Behörden sind daran interessiert, die Proteste zu radikalisieren: Die Geschichten von den von Demonstranten verletzten Bereitschaftspolizei, beschädigte und verbrannte Autos von Polizisten und staatlichen Medien, Angriffe mit Molotow-Cocktails auf staatliche Institutionen usw. sind Lieblingsthemen regierungsnaher Journalisten. Schauen Sie, wie der Protest radikalisiert wird, dieser ist alles andere als friedlich – Militante und Kriminelle gehen durch die Straßen!

Der erste stellvertretende Innenminister von Belarus, Gennadi Kasakewitsch, erklärte: In dieser Hinsicht sind die Sicherheitsbehörden bereit, erforderlichenfalls Spezialausrüstung und Militärwaffen einzusetzen. Nach dem stellvertretenden Innenminister erklärte Mikalai Karpiankou (Karpenkow), GUBOPiK-Chef (auch GUBAZIK – Sondereinheit gegen organisiertes Verbrechen und Korruption) seine Bereitschaft, auf Zivilisten zu schießen: „Wenn sie sich widersetzen, werden wir Waffen einsetzen.“ Das ist der Mann, der gern auch mal persönlich mithilft, um z.B. die Glastüren eines Cafés zu zertrümmern. Nach seiner Meinung sind die Demonstranten „Banditen, Terroristen und Schläger“, die von Verschwörern und Koordinatoren aus dem Westen angeführt werden. Sie sind mit Messern, Molotow-Cocktails, Metallstangen u.v.m. bewaffnet. Die Polizei war nicht die erste, die Gewalt anwendete. Sie reagierten nur auf Aggressionen. Die Polizei setze moderate Gewalt gegen „überhaupt nicht friedliche Demonstranten“ ein. Und weiteres an hirnrissigen Anschuldigungen.

Mikalai Karpiankou (Karpenkow), Chef der Sondereinheit gegen organisiertes Verbrechen und Korruption, im 'Einsatz'
Mikalai Karpiankou (Karpenkow), Chef der Sondereinheit gegen organisiertes Verbrechen und Korruption, im ‚Einsatz‘

Und da gibt es viele Nadelstiche der Behörden: Anwälte, die die inhaftierten Regierungsgegner vertreten, verlieren ihre Zulassung. Gefangene, die nur donnerstags von ihren Verwandten mit Kleidung und Lebensmittel versorgt werden dürfen, werden noch am Donnerstagmorgen in andere Gefängnisse verlegt. Rektoren mehrerer Universitäten in Minsk wurden entlassen und durch ‚lilientreue‘ Beamte ersetzt, weil sie ihre Studenten nicht ‚in Zaum halten‘ können.

Belarus gibt als Silicon Valley des Ostens. Inzwischen sollen bereits 45 % aller belarusischen Start-up-Unternehmen entschieden haben, dem Land den Rücken zu kehren. Darunter auch viele IT-Firmen. Schon jetzt erleidet Belarus schwere wirtschaftliche Verluste.

Überhaupt das Geld: Nur hier kann man Lukaschenko und seinen Getreuen beikommen: Es steht wohl außer Frage, dass dieses Gesindel sein Geld im westlichen Ausland angelegt hat. Da ist z.B. eine Tochter von Lukaschenko, die ihre Gelder in einem Immobilienunternehmen auf Zypern investiert hat. Es helfen so nur strikte Sanktionen – auch gegen die Familienmitglieder. Die Gelder müssen eingefroren werden (am besten eingezogen und später dem belarusischem Volk, dem sie gestohlen wurden, zurückgegeben werden). Die EU reagiert nur halbherzig auf die brutale Gewalt. Da ist die Vergabe des Sacharow-Preises durch das Europäischen Parlament an die demokratische Opposition in Belarus, repräsentiert durch den Koordinierungsrat, nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

François Truffaut: Der Wolfsjunge (1970)

Auf arte.tv werden in diesem Tage Filme von François Truffaut ausgestrahlt, u.a. der 1970 in Schwarz/Weiß uraufgeführte Film Der Wolfsjunge (Originaltitel: L’Enfant sauvage). Truffaut war Mitglied und maßgeblicher Begründer der Ende der 1950-er Jahre entstandenen Nouvelle Vague („Neue Welle“), einer Stilrichtung des französischen Kinos, zu der weitere bedeutende Regisseure wie Jean-Luc Godard, Claude Chabrol und Éric Rohmer sowie viele andere gehörten.

Truffaut als Dr. Itard und der 'Wolfsjunge' Victor machen Sprechübungen
Truffaut als Dr. Itard und der ‚Wolfsjunge‘ Victor machen Sprechübungen

Den Film ‚Der Wolfsjunge‘ habe ich als jungen Mensch wohl in den 1970-er Jahren zum ersten Mal gesehen und war beeindruckt. Er spielt um das Jahr 1800 in Frankreich und zeigt die Lebensgeschichte des Wolfsjungen Victor von Aveyron nach dem Dokumentarbericht Mémoire et rapport sur Victor l’Aveyron des Arztes Jean Itard. Der Wolfsjunge wurde in einem dokumentarfilmähnlichen Stil in Schwarzweiß gedreht und gehört zu den Schlüsselwerken des Regisseurs. Truffaut, der selbst die Rolle des Dr. Itard spielt, verbindet hier zwei seiner Kernthemen: Kinder und Bildung. Der mit geringem Etat gedrehte Film erhielt eine Reihe von Preisen und stieß in Frankreich und in den USA über Cinéastenkreise hinaus auf eine unerwartet große Resonanz.


François Truffaut: Der Wolfsjunge (1970) – (englischer Trailer: The Wild Child)

Um den jungen Schauspieler in „Der Wolfsjunge“ besser in Szene setzen zu können, beschloss François Truffaut, die Rolle des Tutors selbst zu spielen. Da ist die Schönheit, die Welt zu entdecken, und die Grausamkeit der Ablehnung durch andere. Da ist die plötzliche schlechte Laune der erschöpften Kindheit und, in einem Wimpernschlag, die Liebe zum anderen, die plötzlich erwacht.

Für mich ist dieser Film einer der besonderen. Truffaut spielt den Arzt mit großer Einfühlsamkeit, wie ich sie heute in unserer Welt leider oft vermisse. „Der Wolfsjunge“ zeigt, dass sich erst in entsprechender sozialer Umgebung die natürlichen Anlagen des Menschen entfalten können. Außerhalb der Zivilisation bleibt der Mensch ein Tier.

Leider ist der Film nicht in der Mediathek von arte.tv aufrufbar. Er wird allerdings am 27.10.2020 morgens um 1 Uhr 25 wiederholt. Schade, denn auch die anderen, wirklich sehenswerten Filme von Truffaut werden im Netz nicht gezeigt (anders als vor Zeiten bei den Filmen von Chabrol und Rohmer).

Hierzu empfehle ich auch die Erzählung Das wilde Kind von T.C. Boyle

Kurz und spitz (02): Weg und Ziel

Wer das Ziel erreicht, verfehlt alles Übrige.
Danilo Kiš

Kurz und spitz: Weg und Ziel
Kurz und spitz: Weg und Ziel

Da fällt mir natürlich gleich Konfuzius‘ Spruch ein: Der Weg ist das Ziel. Und der ‚alte Meister‘ des Daoismus, der Lehre vom Weg, Lao-Tse und sein „Heiliges Buch vom Weg und der Tugend“ (Tao-Tê-King) .

Der Weg ist das Tun und Schaffen, das oft sehr mühevoll sein kann. Ist das Werk vollbracht, das Ziel erreicht, dann mögen wir die Lorbeeren ernten (innere Zufriedenheit erlangen), aber das ist dann auch das ENDE. Wir müssen uns auf einen anderen Weg machen.

siehe auch:
Kurz und spitz (01): Polterer

Russische Wochen (5) – Vladimir Kazakov: Unterbrechen Sie mich nicht, ich schweige!

Als ich mir das Buch vor vielen Jahren kaufte (1994 – denke ich), hatte es mir der absurde Titel angetan. Beim Lesen der sämtlichen Dramen von Vladimir Kazakov (in deutscher Transkription: Wladimir Kasakow) war ich zunächst etwas enttäuscht. Aber von Drama zu Drama – und es handelt sich um Minidramen von manchmal nicht einmal zehn Seiten Länge – fand ich zunehmend Gefallen an diesem Buch unter dem Titel Unterbrechen Sie mich nicht, ich schweige! -– Edition Akzente Hanser 1990, München Wien – aus dem Russischen von Peter Urban.

Mit Vladimir Kazakov betritt ein Schriftsteller die Bühne (der Literatur), der das genaue Gegenteil zu dem ist, was wir uns unter einem russischen Autor vorstellen: seine komischen Lese-Stücke und verspielten Scharaden sind kleine Meisterwerke eines metaphysischen Lachtheaters, auf dem die großen Gesten respektlos unterbrochen, die pathetischen Weltentwürfe genüßlich zertrümmert werden. Eine Mischung aus Karl Valentin und Daniil Charms.
Vladimir Kazakovs verrückte Meisterstücke eines metaphysischen Lachtheaters haben den großen Vorteil, daß sie nur drei Minuten dauern und in jedem Kopf mühelos aufzuführen sind. Wer es nicht glaubt, muß selbst dran glauben.
(aus dem Kladdentext)

Nun die Dramen sind nicht nur zur Aufführung für den Kopf gemacht, sondern wurden 1993 im Mousonturm Frankfurt und in der Kampnagel Fabrik Hamburg, Regie: Birgitta Linde – mit Ulrich Cyran – auch auf die Bühne gestellt.

Viel ist es nicht, was ich über den Autor finden konnte. Vladimir Kazakov wurde am 29.08.1938 in Moskau geboren und verstarb dort am 23.06.1988. Er trat 1972 der russisch-orthodoxen Kirche bei. Als Schriftsteller stand er in der Tradition des Futurismus, schrieb surrealistisch-absurde Kurzprosa und »Szenen«, die in der Sowjetunion bis 1989 nicht veröffentlicht werden konnten.

Vladimir Kazakov: Unterbrechen Sie mich nicht, ich schweige! - Sämtliche Dramen
Vladimir Kazakov: Unterbrechen Sie mich nicht, ich schweige! – Sämtliche Dramen

Diese Welt ist merkwürdig streng, gläsern, scharf, kalt. Stein, Eisen und Glas sind die Materialien, aus denen sie hauptsächlich besteht, zu ihrem Inventar gehören – den Menschen gleichgestellt und gleichberechtigt: die steinernen Wände, Hausmauern, Hausdächer, Fenster, der Spiegel, die Uhr. Vermessen werden die Beziehungen, Brechungen, Winkel, Schwingungen, die zwischen diesen Gegenständen entstehen – durch die Luft, durch das Licht und vor allem durch die Zeit, eine Zeit allerdings, die nicht identisch ist mit derjenigen, die die Uhr anzeigt, Zeit, die von Uhren, in Sekunden und Minuten gar nicht meßbar erscheint, eine Zeit, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einer beherrschenden Gleichzeitigkeit verschmelzen.
In dieser Gleichzeitigkeit agieren Menschen oder Personen, die wie surreale Puppen oder gar körperlos sich bewegen, sie erscheinen wie Gespenster, verschwinden wie Gespenster und offen bleibt letztlich, ob es sich bei diesen Kunstfiguren um Menschen handelt, die nicht nur eine Stimme, sondern auch einen realen Körper besitzen, oder um Geister, Erscheinungen, Spiegelungen, Stimme gewordene Erinnerungen, die, in der Stille der Kazakovschen Welt, mehr schweigen als reden.

[…]
In Kazakovs Dialog sind die Regeln und Verbindlichkeiten des allgemeinen Sprachgebrauchs aufgehoben. Kazakovs Personen sehen und hören das Wort jedesmal neu, sie erfahren die Wörter gleichsam staunend, als hörten und sagten sie sie immer wieder zum ersten Mal. Sie sind fähig, sich am Wort „Messer“ die Zunge zu verletzen, fähig, sich am Wort „Glas“ zu schneiden, sie empfinden die scharfe Spitze des Sekundenzeigers als ständige Bedrohung, das Wort „Sekunde“ ist für sie ein Stich, ist für sie – seinen sie nun körperlos oder reale Menschen – physische Wahrnehmung, Schmerz.
(aus dem Nachwort von Peter Urban)

Ich bin ein Freund des Surrealen, des Absurden. Was den meisten als grober Un-Sinn erscheint, hat aber unter seiner rauen Schale oft mehr Sinn als manches, was uns als Sinnvolles verkauft wird. Und wenn es dann doch total absurd ist, dann bringt es uns wenigstens zum Lachen. Das hat dann auch viel Sinn!

Ich habe mir einige Textpassagen im dem Buch unterstrichen, weil diese mir besonders gut gefallen oder ich sie auf bestimmte Weise bemerkenswert finde. Da das Buch leider nicht mehr verfügbar ist (außer im Antiquariat), hier einige dieser Sprüche, um sie gewissermaßen „der Nachwelt“ zu erhalten:

Gibts das andre, gibt es auch das eine.

Ich habe noch 183 Wörter zu leben.
Oder 5 Küsse.

Ich gehe über die Straße und sehe plötzlich, daß ich vergessen habe, aus dem Haus zu gehen.

Man sollte meinen, alles sei bereits gesagt. Aber es gibt auch vieles Nichtgesagte. Also schweigen wir.

Aber das ist ein schlechtes Thema zum Schweigen.

Ob Schlinge oder Schlips ist unwichtig. Auf den Hals kommt es an.

Dieser Himmel ist sehr unbeständig, stellen wir uns unter einen anderen.

Ich erinnere mich nicht, wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt.

Ich rührte mich nicht, aus Angst, meinen Mut zu erschrecken.

Eine Minute besteht aus 60 Fragezeichen …

Das ist das Schicksal aller Unglücklichen – begraben zu werden zusammen mit dem eigenen Glück.

Unter zwei Übeln wähle ich das mittlere.


Meine Liebe ist wie das erste Eis des Winters, noch nicht fest genug.

„Wenn Ungerechtigkeit zum Gesetz wird, wird Widerstand zur Pflicht.“

Da gibt es die Unruhen in Kirgistan, in Chabarowsk finden seit Wochen Anti-Kreml-Proteste statt. Der Streit um Bergkarabach zwischen Armenien und Aserbaidschan hat einen neuen Höhepunkt in den kriegerischen Auseinandersetzungen erreicht. Und in den USA werden weiterhin Schwarze von Polizisten und rechtsextremistischen Trump-Anhängern getötet (Black lives matter!) In was für einer Welt leben wir?

Und in Belarus gehen die Menschen weiterhin auf die Straße, um gegen den Wahlbetrug durch Alexander Lukaschenko zu protestieren. Seit Neuestem sind es die Rentnerinnen und Rentner, die montags demonstrieren und gegen die die so genannten Sicherheitsbeamten zuletzt mit bisher unbekannter Härte vorgegangen sind: Es gab Verhaftungen und u.a. den Einsatz von Pfefferspray und Blendgranaten. Am Samstag demonstrieren weiterhin die Frauen und am Sonntag alle gemeinsam gegen Lukaschenko: Ihre Forderungen wie sie Swetlana Tichanowskaja in einem Ultimatum formuliert:

1. Lukaschenko muss seinen Rücktritt bekannt geben
2. Gewalt auf den Straßen muss vollständig aufhören
3. Alle politischen Gefangenen müssen freigelassen werden

Belarus 2020: Verhaftung mit Blume
Belarus 2020: Verhaftung mit Blume
Übrigens: Die junge Frau wurde heute zu einer Strafe von 810 Rubel verurteilt

Das Wochenende begann mit einer Überraschung: Am Samstag, den 10. Oktober, kam es zu einem äußerst ominösen Treffen zwischen Lukaschenko und zwölf inhaftierten Vertretern der Opposition im Untersuchungsgefängnis des KGB. Auch Maria Kolesnikowa, die belarussische Oppositionsführerin, war dazu eingeladen, weigerte sich aber teilzunehmen: „Ich bin glücklicher in meiner Zelle.“

Natürlich kann ein solches Treffen nur als absurd bezeichnet werden: Da kommt der ‚Gefängnisdirektor‘ zu seinen Gefangenen und hält ihnen Vorträge über seine Dialogbereitschaft, die er spätestens an den folgenden Tagen dank seiner Schlägertrupps widerlegt.

Und über den Internetauftritt von BelTA, der staatlichen Nachrichtenagentur von Belarus, erzählt der Märchenonkel Lukaschenko, was er von der angeblich neuen Taktik der Straßenproteste hält; sein Fazit: „Destruktivität dieser Bewegung liegt auf der Hand“. Scheinbar hat der Übersetzer fürs Deutsche die Kurve gekratzt, dafür wurde der Google Übersetzer benutzt, der Text ist sehr blumig. Lukaschenko spricht von einer Buntrevolution (Farbrevolution) und bezieht sich hierbei aufgrund früherer Äußerungen auf die Ukraine und Euromaidan, als die Lage dort eskalierte und zuletzt Präsident Janukowytsch abgesetzt wurde. – Die belarusischen Demonstranten bezeichnet Lukaschenko als Radikale. Hier gibt er sich wieder sehr ‚väterlich‘ und verweist auf die kilometerlangen Staus, die die Demonstranten verursachen. Und: „Die Eltern können ihre Kinder nicht wegen Schreie auf den Straßen ins Bett bringen.“

Er unterstellt den Protestierenden Gewaltbereitschaft. Das folgende Foto verdeutlicht es besonders:

Am 11. Oktober richtete ein Sicherheitsbeamter eine Schrotflinte auf eine radikale Demonstrantin, die mit einem Regenschirm bewaffnet war
Am 11. Oktober richtete ein Sicherheitsbeamter eine Schrotflinte auf eine radikale Demonstrantin, die mit einem Regenschirm bewaffnet war

Am Rande: Während der Proteste am Wochenende wird meist das mobile Funknetz unterbrochen, um den Austausch von Informationen zwischen den Demonstrierenden zu verhindern. Aber die Menschen wissen sich zu helfen. Wie auf dem folgenden Bild, so geben Anwohner ihr WLAN für die Nutzung frei:

Freies WLAN für Protestierende
Freies WLAN für Protestierende

Darja Domratschewa ist die wohl auch bei uns bekannteste ehemalige Sportlerin aus Belarus, die u.a. viermal Gold bei Olympischen Winterspielen im Biathlon gewann. Sie ist mit dem ‚König‘ der Biathleten, dem Norweger Ole Einar Bjørndalen, verheiratet. Sie war das Aushängeschild des belarusischen Sports und wurde so besonders von Lukaschenko hofiert, der u.a. auch Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Belarus ist.

Nun geschah am Sonntag etwas, was hätte nicht geschehen dürfen. Der ältere Bruder von Darja Domratschewa, Nikita Domratschew, wurde von Lukaschenkos Schergen von seinem Rad gerissen, brutal geschlagen und dann verhaftet, obwohl er an den Protesten nicht teilnahm. Eigentlich wollte er nur sein Fahrrad wieder haben. Dabei erlitt er u.a. schwere Kopfverletzungen.


Nikita Domratschew, Bruder von Darja Domratschewa, wird verhaftet

Darja Domratschewa hat sich bisher eher zurückhaltend geäußert. Auch jetzt reagierte sie leider viel zu vorsichtig. Es wäre sinnvoll, wenn sie ich direkt an Lukaschenko wenden würde. Hat sie etwas zu verlieren?

Lukaschenko klebt weiterhin an seiner Macht. Das Treffen mit den inhaftierten Oppositionellen diente doch nur dazu, eine vermeintliche Gesprächsbereitschaft zu zeigen: ‚Seht, ich bin zu Gesprächen bereit. Aber die wollen nicht und gehen weiterhin auf die Straße!‘ Und so werden seine Schlägertrupps und Folterknechte immer brutaler. Selbst vor Unbeteiligten wird nicht Halt gemacht, wie der Fall Nikita Domratschew zeigt. Und viele fürchten inzwischen, dass Lukaschenko auch vor dem Gebrauch von Waffen nicht zurückschreckt.

Eine junge Frau bringt es mit einem Plakat, das sie den Schlägern Lukaschenkos entgegen hält, auf den Punkt. Dort steht auf Belarusisch (Weißrussisch):

„Калі несправядлівасць робіцца законам, супраціў робіцца абавязкам“ – „Wenn Ungerechtigkeit zum Gesetz wird, wird Widerstand zur Pflicht.“

… alte weiße Männer (2): Trump und Biden

Nein, zu behaupten, dass die USA keine Kultur hätte, ist sicherlich falsch, wenn es auch so scheint, wenn wir das Fernsehduell der alten weißen Männer um die Präsidentschaft gesehen haben. Natürlich habe ich mir diesen Dreck nicht angeschaut, das wäre vergeudete Lebenszeit.

Sprechen wir von Debattenkultur, dann meinen wir sicherlich etwas anderes als das, was uns da die Herren Trump und Biden geboten haben. Besonders Herrn Trump geht es nicht um Sachthemen, die ein ernsthaftes Streitgespräch ausmachen sollten. Wie die nun bald vier Jahre zuvor pöbelt er und verbreitet nichts als Lügen, auf dass sich die Balken schon nicht mehr biegen, sondern längst verbrochen sind. Aber da erzähle ich ja nichts Neues.

Warnung vor alten, weißen Männer! (nur eine Auswahl!)
Warnung vor alten, weißen Männer! (nur eine Auswahl!)

Was mich geradezu erschüttert, ist die Tatsache, dass die Demokratische Partei der USA keinen anderen Kandidaten gegen den 74-jährigen Donald Trump aufzustellen wagte, als den bald 78-jährigen Joe Biden. Zwei alte weiße Männer kämpfen da um das mehr oder weniger wichtigste Amt unseres Planeten. Grausam!

Da wundert es kaum, dass die jungen Menschen keinen Bock auf Politik haben. Joe Biden werden sie nur deshalb wählen, weil er nicht Trump ist, weil sie die Schnauze von diesem egomanen Psychopathen endgültig voll haben.

Aber da gibt es ja noch etwas, was vielleicht für Biden spricht: Kamala Harris, Bidens 55-jährige Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin. Sollte nämlich Biden gewählt werden, die vier Jahre Amtszeit aber nicht überstehen, dann wäre Frau Harris als Vizepräsidentin in der Nachfolge des Präsidenten die erste Person, die im Falle des Todes, des Rücktritts oder der Amtsenthebung des Präsidenten dessen Amt übernimmt.

Allein wegen des Alters von Trump und Biden denken viele Amerikaner diesmal genauer als sonst darüber nach, ob sie auch den Vizepräsidentschaftskandidaten zutrauen, den Top-Job zu übernehmen. Und zumindest was TV-Duelle angeht, ist klar: Die können das. Sogar ein bisschen besser.

Am Dienstag, den 3. November, also in weniger als vier Wochen, ist es soweit: Die USA wählt ihren Präsidenten. Sollte tatsächlich Joe Biden neuer Präsident werden, dann bin ich gespannt, wie sich Donald Trump verhalten wird. „Kampflos“ wird er das weiße Haus nicht räumen. Ich fürchte, die Nationalgarde muss Herrn Trump beim Auszug helfen. Es wird spannend!

siehe auch:
… alte weiße Männer (1): A. Lukaschenko
Virus des Irrsinns
What a Year?!

Blühende Mimose

Auf rosig reimt sich ‚mimosig‘, und wenn es sich bei beiden, Rose und Mimose, auch um als große Sträucher blühende Pflanzen handelt, so ‚behandeln‘ wir beide doch eher gegensätzlich. Die Rose ist das Sinnbild für Schönheit, für Glanz und Gloria. Die Mimose steht für ihre ‚Mimosenhaftigkeit‘, sie ist überaus empfindlich und reagiert übertrieben auf Einflüsse von außen.

Wird die Mimose berührt, so klappt die Pflanze die betroffene Region blattweise ein. So reagiert sie auf Erschütterung, schnelle Abkühlung oder schnelle Erwärmung, außerdem auch auf Änderung der Lichtintensität. Nach einigen Minuten strecken sich die eingezogenen Zweige und Blätter wieder aus.

    Reaktion einer Mimose auf mechanischen Reiz
    Reaktion einer Mimose auf mechanischen Reiz (Autor: Hrushikesh)

Wir haben schon seit mehreren Jahren eine Mimosenpflanze bei uns in der Küche stehen. Lange sah es so aus, als würde sie undank ihrer Empflindlichkeit bald das Zeitliche segnen. Aber in diesem Jahr hat sie sich richtig prächtig erholt und auch endlich die ersten, bemerkenswerten Blüten entwickelt, die es mit den Blüten einer Rose durchaus aufnehmen können.

Blühende Mimose (Mimosa pudica)
Blühende Mimose (Mimosa pudica)

Da sich Mimose also auf Rose reimt (da reimt sich manches), so habe ich geschaut, ob es entsprechende Gedichte gibt, die beide Pflanzen zum Thema haben und fand diese Liebeserklärung an die Mimose:

Weil jeder sie so entzückend
Grün und natürlich fand,
Ging die große Mimose
Von Hand zu Hand.

Und ging und lebte, ward müde und schlief,
Und ward herumgereicht.
Und wünschte sich vielleicht – vielleicht! –
Ganz tief,
So unempfindlich zu sein
Wie ein Stein.

Und wie sie trotzdem wunderbar
Organisch grün und wissend klar
Gedieh,
Umschwärmten, liebten, achteten sie
Die Menschen und die Tiere,
Merkten aber fast nie,
Daß sie keine Rose,
Daß sie eine große Mimose war.

Jene Große von Joachim Ringelnatz

Willis Plaudereien (9): Und und/oder oder?

Denen, die jetzt Bahnhof verstehen, sei es erklärt: Es geht um die Frage, ob jemand ein Und-Typ ist oder doch eher ein Oder-Typ – oder vielleicht beides: Ein Und-Oder-Typ. Geddit? Immer noch nicht?

Es ist ganz einfach: Es gibt die ‚berühmten‘ Fragen: Tee oder Kaffee? Meer oder Berge? Beatles oder Stones? Und derer viele mehr. Na, geht Dir so langsam ein Licht auf? Avete capito, wohin die Reise geht?

Was für ein Typ bist Du? Trinkst Du lieber Tee oder doch lieber Kaffee? Reist Du lieber ans Meer oder in die Berge? Magst Du lieber die Beatles oder doch eher die Rolling Stones?

Willi mit Helm in lila (Edelsteinminen Idar-Oberstein Juli 2019)
Willi mit Helm in lila (Edelsteinminen Idar-Oberstein Juli 2019)

Nein, ich will hier nicht in die Welt der Antonyme, der Gegensatzwörter, einsteigen, obwohl dazu natürlich viel zu schreiben wäre. Es geht hier (soviel darf doch geschrieben sein) um Antonyme im weiteren Sinne.

Was für ein Typ bist Du also? Bleiben wir bei der Frage nach Tee oder Kaffee? Der eine mag also lieber Tee als Kaffee oder umgekehrt. Manche mögen aber durchaus auch beide Getränke gern (Und-Oder-Typ). Da fällt mir natürlich gleich ein, dass ich etwas vergessen habe: die Weder-Noch-Typen, die also weder Tee noch Kaffee mögen, lieber Milch, Saft oder Wasser trinken.

O je! Wir Menschen sind schon seltsame Gebilde. Viele fragen nach dem Sinn des Lebens und stolpern schon über kleinste Kleinigkeiten wie eben diese: Was mag ich lieber? Und vor allem: Was mag meine Liebste/mein Liebster gern.

Ich weiß nicht, ob es viele dieser Deckungsgleichheiten in einer Partnerschaft geben muss, um ihr eine gewisse Dauer zu garantieren. Angeblich mögen sich Gegensätze anziehen, aber auf lange Sicht habe ich da doch meine Bedenken, was die Zeitspanne einer solchen Beziehung betrifft.

Zudem lässt es sich gut streiten, was denn nun besser (oder gesünder und/oder schöner und beglückender etc.) ist. Wie auch immer: Es ist gut, dass wir Menschen auch in solch kleinen Dingen unterschiedlich sind. Es wäre langweilig, wenn alle nur Kaffee mögen. Da käme dann aber ein Ostfriese um die Ecke (wie in der Werbung) und würde fragen: Und was ist mit Tee?!

Nein, so doch nicht … (13): In postideologischen Zeiten

    Wo man früher über Kapitalismus, Marxismus und die Qualität der Politiker stritt, geht es heute um Fleischkonsum und Vollkornrettung. Und wer meint, dass wir in postideologischen Zeiten leben, möge doch beim Elternabend vorschlagen, den Kindern beim Wandertag ein Wurstbrötchen, Vollmilchschokolade und eine Dose Cola mitzugeben, wie früher. Ebenso gut könnte man Heroin anpreisen.
    Nils Minkmar im ‚Spiegel‘

2016 wurde Minkmar mit dem Ben-Witter-Preis ausgezeichnet und geehrt als „lebenskluger Beobachter unserer kleinen Welt, der sich seinen freien Blick und sanften Spott bewahrt hat“.

Nein, so doch nicht ...
Nein, so doch nicht …

Wer ist schon frei von Ideologie? Auch wenn wir uns nicht mehr so sehr um das große Ganze streiten, so hat doch jeder sein spezielles Gedankengebäude errichtet – bei dem einen ist es eher klein, bei dem anderen eher etwas größer aufgestellt -, um gewissermaßen über die alltäglichen Runden zu kommen.

Und wenn mancher meint, die ‚große Ideologie‘ von vorgestern bemühen zu müssen, dann verbirgt sich dahinter doch ein kleinkariertes Denken, das eher Schaden anrichtet als Nutzen bringt.

So sind mir diejenigen doch lieber, Herr Minkmar, die ernährungstechnisch ins Ideologische reichende Vorstellungen haben, als solche, die Nation und Volk zu völkischem Chauvinismus verwandeln wollen.

… alte weiße Männer (1): A. Lukaschenko

Es ist nicht bewiesen, dass Swetlana Tichanowskaja, wäre die Wahl in Belarus ordnungsgemäß verlaufen, gesiegt hätte. Ich behaupte sogar, dass Alexander Lukaschenko auch ohne Wahlfälschungen die Präsidentschaftswahl gewonnen hat. Denn, und da widerspreche ich den Aussagen Tichanowskajas, die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger von Belarus steht weiterhin hinter ihrem „batka“ („Papa“), wie sich Lukaschenko gern nennen läßt.

Warum war er nun so blöd, hat allerorten die Wahl zu seinem Gunsten ‚korrigieren‘ lassen? Mussten es unbedingt 80,1 % der Wählerinnen und Wähler sein, die für ihn stimmten?

Warnung vor alten, weißen Männer! (nur eine Auswahl!)
Warnung vor alten, weißen Männer! (nur eine Auswahl!)

„Papa“ ist der Beste. Das sagen vor allem die Älteren und die Leute vom Lande über ihren Präsidenten. Und diese Bevölkerungsgruppen bestimmten bisher die Zukunft des Landes. Man schaue nur, wer für Lukaschenko auf die Straße geht, meist alte Menschen, die den Altersdurchschnitt nur dadurch senken, in dem sie ihre Enkel mitbringen. Gegen Lukaschenko stellen sich junge Menschen und solche, die endlich die Schnauze voll haben von einem Mann, der sich an das hält, was er zu Sowjetzeiten gelernt hat. Demokratie ist ihm suspekt.

Warum also die doch anscheinend unnötigen Wahlmanipulationen? Warum der Einsatz der Spezialeinheit der belarusischen Polizei OMON (Омон) gegen das eigene Volk? Warum die Lügen, die uns an einen im Westen ansässigen Präsidenten erinnern?

Die Gründe liegen im ‚Wesen der Sache‘. Lukaschenko ist ein Relikt alter Sowjetherrschaft. Und nach 26 Jahren an der Macht, verschiebt sich der Blickwinkel eines solchen Mannes um einiges. Lukaschenko ist alt geworden und seine Sicht der Realität ist eine andere als die von jungen Menschen. Wer ständig in der Unwahrheit lebt, wem von den eigenen Schergen immer Honig um den (Oberlippen-)Bart geschmiert wird, der glaubt sich im Recht. Lukaschenko klebt wie alle Autokraten an der Macht. Keiner kann es besser machen als er, vielleicht in einigen Jahren nur der eigene Sohn. Aber wer so autoritär regiert, der fürchte den Machtverlust. Überall wird Verschwörung gewittert. Es können nur böse Menschen sein, die ihm ans Leder wollen. Gegen solche Menschen kann nur mit aller Härte vorgegangen werden.

Wenn Lukaschenko wahrscheinlich auch ohne Wahlfälschung die Präsidentenwahl gewonnen hätte, so wäre es für ihn eine bittere Pille, einsehen zu müssen, dass er hohe Stimmenverluste (denn nie und nimmer hätte er über 80 % der Stimmen bekommen) hinnehmen musste. Ein Bröckeln seiner Macht ist für ihn nicht hinnehmbar. Es wäre der berühmte Anfang vom Ende.

Und so belügt er sich im Grunde selbst und lebt in einer Welt, die sich von der seines Volkes deutlich unterscheidet. Wie lange sich dieser alte, weiße Mann in Minsk noch halten kann, ist vor allem abhängig von einem anderen weißen Mann, der in die Jahre gekommenen ist und in Moskau residiert.

Ich bin der gleiche Jahrgang wie Lukaschenko (und Frau Merkel) und ein gutes Jahr jünger als Putin. Also auch ein alter, weißer Mann. Aber mich ekelt es mehr und mehr an, wenn die alten Knaben (und auch Mädels) meinen, unsere Geschicke bestimmen zu müssen. Irgendwann (nach 26 Jahren) sollte Schluss sein, Herr Lukaschenko!

Ergänzung: Die belarusische Oppositionsbewegung ist besorgt: Eine ihrer wichtigsten Aktivistinnen wird vermisst. Unbekannte sollen Kolesnikowa in einem Kleinbus verschleppt haben. Die Polizei dementiert eine Festnahme.

Von einer der wichtigsten Anführerinnen der Opposition in Belarus, Maria Kolesnikowa, fehlt jede Spur. Der Pressedienst des Koordinierungsrates der Demokratiebewegung teilte mit, ihre Kollegen hätten keinen Kontakt zu ihr. Ihr Telefon sei abgeschaltet. Außerdem seien ihr Mitarbeiter Iwan Krawzow und ihr Sprecher Anton Rodnenkow nicht mehr erreichbar. Lukaschenkos Schergen schlagen zu! Stalin lässt grüßen!

Außerdem: Pawel Latuschko, Mitglied des Koordinierungsrates, ehemaliger Kulturminister und ehemaliger Diplomat, erklärte, er habe ein Ultimatum erhalten: Entweder er verlasse Belarus oder er werde strafrechtlich verfolgt.

Lukaschenko setzt auf Eskalation: Sollten der Oppositionsaktivistin Kolesnikowa und ihren Mitarbeitern ‚etwas passieren‘, dann fürchte ich, dass die bisher friedlichen Proteste in gewalttätige Unruhen umschlagen. Wollen wir das nicht hoffen!