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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Dunkle Biere aus dem Frankenland (3)

Nach meinen bisherigen zwei Beiträgen zu dunklen Bieren aus dem Frankenland (Teil 1Teil 2) komme ich vorerst zuletzt zu weiteren vier dunklen Bieren aus Franken, die von ihrer Art etwas aus der Reihe tanzen. Da sind zunächst zwei Rauchbiere. Früher waren viele Biere Rauchbiere. Der Grund liegt in der Malzherstellung: Das Malz muss für die Bierherstellung getrocknet werden. Neben der Sonnentrocknung, die klimatisch nicht in allen Regionen möglich war, kam dabei ein offenes Holzfeuer zur Unterstützung der Darre zum Einsatz. Während andere Brauereien nach Erfindung des rauchfreien Malzes auf nicht-rauchige Biere umstellten, wurde die alte Tradition in Bamberg bis in die Gegenwart durchgehend bewahrt. Deswegen spricht man oft auch vom „Bamberger Rauchbier“. – Dann habe ich da ein naturbelassenes Dunkelbier und zuletzt ein Bier von Apostelbräu, wo alte Getreidesorten ‚verflüssigt‘ werden, hier ein Bier bestehend zu großen Teilen aus Hafermalz.

Vier dunkle Biere aus Franken (3)
Vier dunkle Biere aus Franken (3)

1. Aecht Schlenkerla Rauchbier Weizen der Brauerei Heller, Bamberg, 5,2 % Vol.

Pate für dieses Bier stand der Volksmund. Er nannte einen früheren Brauer des Hauses wegen seines schlenkernden Gangs, der die Folge eines Unfalles war, einfach „das Schlenkerla“ und verlieh diesen Namen auch dem seit Jahrhunderten bestehenden Brauhaus. Obwohl mittlerweile die sechste Schlenkerla-Brauer-Generation am Faß steht, ist es dabei bis heute geblieben.

Dieses Bier ist ein sehr dunkles, herbwürziges, untergäriges Märzenbier mit 13,5 % Stammwürze, das entspricht einem Alkoholgehalt von 5,2 %. Vol. Rauchbiere sind nicht jedermanns Sache. Hierbei handelt es sich zudem um ein rauchiges Weizen, wie ich es bisher noch nicht getrunken habe. Der rauhige Geschmack hält sich aber in Grenzen, sodass ich es als Einstieg in die Welt der Rauchbiere gern weiterempfehlen möchte.

2. Rittmayer Hallerndorfer Rauchbier 5,0 % Vol.

Ähnlich verhält es sich auch mit diesem Rauchbier. Dieses kupferfarbene Bier zeichnet sich durch animierende Frische und eleganten Einsatz von Rauchmalz aus. Es ist eine harmonische Verbindung von fruchtigen Malznoten, feiner Hopfenbittere und dezenter Rauch- und Röstaromatik.

3. Aktien Landbier fränkisch Dunkel – Bayreuther Bierbrauerei – naturbelassen – 5,3 % Vol.

Dieses Landbier ist ein untergäriges Vollbier, kernig und vollmundig im Geschmack, naturbelassen und daher leicht trübe. Gebraut wird es mit quellfrischem Fichtelgebirgswasser. Zunächst ist es leicht röstmalzig in der Nase – im Antrunk dann frisch und leicht. Geschmacklich kommt es leicht rezent und röstmalzig mit Karamellnote rüber, wird im Abgang angenehm herb nach Aromahopfen.

4. Schwarzer Hafer – Apostelbräu 4,8 % Vol.

Von Apostelbräu habe ich vor einiger Zeit u.a. auch das Roggenbier probiert. Ich gestehe, dass das nicht ganz nach meiner Nase war, obwohl ich z.B. Roggenbrot ganz gern esse. Aber ich stehe auch auf Hafer. Und dieses Bier, das neben Bio-Gerstenmalz mit speziellem Schwarzhafer veredelt wurde, trifft schon eher meinen Geschmacksnerv. Im Glas zeigt sich dieses Schwarzbier tief dunkelbraun mit mittelporigem, recht kurzlebigem Schaum. Wie bei vielen Apostelbräu-Spezialitäten stehen auch hier wieder säuerliche Aromen im Vordergrund. Zusätzlich haben wir aber auch einen tollen malzigen Duft in der Nase, der an Schokolade und Kaffee erinnert. Der spritzige Antrunk beginnt mit schöner Citrus-Säure. Danach schlagen langsam die Malze zu und bringen dezente, malzige Röstaromen mit einer gewissen Cremigkeit ein. Insgesamt dominiert jedoch die säuerliche Note.

Irgendwo wurden die Biere von Apostelbräu auch als ‚Müslibiere‘ bezeichnet, nun ja. Hier versucht sich eine Brauerei an alten Getreidearten – und heraus kommen Biere, die eben nicht alltäglich sind. Wer dunkle Biere mag, dem sei dieses Bier durchaus anempfohlen. Und wen der Hafer sticht … 😉

Dunkle Biere aus dem Frankenland (2)

Nachdem ich in diesem Blog bereits vier dunkle Biere aus dem Frankenland vorgestellt habe, möchte ich heute auf weitere vier nach meinem Geschmack sehr leckere Biere kurz zu sprechen kommen. Wer wie ich gern diese Mischung aus süffig-malzigen und herb-hopfigen Geschmacksnoten mag, der wird auch diese Biere mögen. Und wieder geht es um Biere aus Franken, dort, wo die Brauereidichte besonders groß ist.

Vier dunkle Biere aus Franken (2)
Vier dunkle Biere aus Franken (2)

1. Hirschentrunk der Brauerei Kraus in Hirschaid bei Bamberg 5,5 % Vol.

Es fängt schon gleich ganz gut an: Dieses Bier hat eine schöne kastanienbraune Farbe und malzig rauchige Aromen, die in die Nase steigen. Der Antrunk mäßig rezent mit leichten Rauchnoten, wobei die süsslichen Malze auch noch zu schmecken sind. Der Körper ist recht schlank, im Abgang kommen dann ein paar Hopfennoten zum Vorschein, wobei auch die Rauchnote erhalten bleibt.

2. Maria Ehrenberger Pilgerstoff aus der Rhön – untergäriges Märzenbier 5,2 % Vol.

    „Den Ehrenberg hinauf pilgert ein langer Zug,
    erst zur Kirch und dann zum Krug.“

    pilgerstoff.de

Dieses Bier ist benannt nach der traditionsreichen Pilgerstätte in der Rhön, an deren Fuße das Hochstiftliche Brauhaus in Bayern/Motten liegt. Eine ganz besondere Bierspezialität – nicht nur für durstige Pilgerkehlen! Nach alter Tradition reift der Pilgerstoff im kalten Lagerkeller mindestens acht Wochen zu einem vollmundigen und perfekt abgerundeten Meisterstück heran. Die urige Bierspezialität präsentiert sich in einer klaren Optik von dunklem Bernstein mit samtig weicher Schaumkrone. Er begeistert mit seinem kräftig würzigen Körper, der leichte Anklänge von Röstmalznoten zeigt. Gleichzeitig ist er frisch im Antrunk und vollendet harmonisch im Abgang. Am besten schmeckt dieses Bier aus einem Steinkrug.

3. Brauerei Simon Spezial 5,6 % Vol. – Lauf a. d. Pegnitz

Wie der Name schon sagt, handelt es sich bei diesem „Simon Spezial“ um eine nicht ganz alltägliche, handwerklich gebraute Spezialität. Auserlesene Spezialmalze verleihen dem Bier einen kräftigen und würzigen Geschmack, mit dem auch die intensive Farbnote gut harmoniert. Eben ein typisches und uriges Vollbier aus einer fränkischen Kleinbrauerei.

4. Vierzehnheiligener Nothelfer der Brauerei Trunk: Export dunkel 5,1 % Vol.

Allein der Name dieses Bieres ist köstlich zu nennen. Das Urbier der Franken leuchtet in der Farbe einer intensiven Roßkastanie mit feurigem Rotstich. Über dem klar filtrierten Gerstensaft steht ein cremefarbener, fein- bis mittelporiger Schaum. Im Geruch entfalten sich Malz-, Getreide- und Brotaromen, unterlegt von Röst- und Toastnoten sowie Anklängen von Apfel, braunem Zucker und Süßholz. Angenehm weich und süß fließt es beim ersten Schluck in den Mund. Anschließend offenbaren sich auch hier Getreide-, Brot- und Röstaromen, gefolgt von Schokolade, Espresso, Karamell und Paranuss – mit einer präsenten Bittere im Abgang.

Ich weiß nicht, welches dieser Biere hervorzuheben wäre. Alle dieser vier sind schon von der Farbe her ein Genuss fürs Auge. Und in Maßen getrunken sind sie alle Köstlichkeiten für den Liebhaber dunkler Biere.

Ab in die Botanik

Der Februar in diesem Jahr beschert uns bereits frühlingshaftes Wetter. Was liegt da näher, als die Sonnenstunden im Freien zu verbringen: Ab in die Botanik! So besuchten meine Frau und ich Mitte des Monats den Botanischen Garten der Universität Hamburg (seit 2012 „Loki-Schmidt-Garten”), der sich in zwei Standorten gliedert: die Tropengewächshäuser am Bahnhof Dammtor (Öffentliche Grünanlage „Planten un Blomen”) oder das Freigelände in Klein-Flottbek. Der Eintritt ist für beide Standorte frei. Wir besuchten das Freigelände.

Erstaunlich, was bereits zu dieser frühen Jahreszeit alles blühte: Neben Schneeglöckchen die Krokusse, aber auch schon Büsche wie Hasel- und Wundernuss.

Haselnussstrauch in Blüte (Botanischer Garten Hamburg 17.02.2019)
Haselnussstrauch in Blüte (Botanischer Garten Hamburg 17.02.2019)

Zaubernussstrauch in Blüte (Botanischer Garten Hamburg 17.02.2019)
Zaubernussstrauch in Blüte (Botanischer Garten Hamburg 17.02.2019)

Schön anzusehen war auch der japanische Garten nach Kare-san-sui-Art. Sowohl das Rechen dieser Felsengärten durch Zen-Mönche als auch die Betrachtung der Kare-san-sui gilt als Teil der Meditation. Dank der Sonne bildeten sich unsere Schattenrisse auf der wellenförmigen Kiesfläche ab, ich mit Kamera, meine Frau als ‚Engel‘.

Kare-san-sui (Zen-Garten) mit Schattenriss (Botanischer Garten Hamburg 17.02.2019)
Kare-san-sui (Zen-Garten) mit Schattenriss (Botanischer Garten Hamburg 17.02.2019)

Mehrere kleine Bambushaine, durch die es zu streifen lohnt, sind auch zu bewundern. Es gibt hier im Botanischen Garten gleich mehrere Gattungen in unterschiedlichen Farben. Im späten Sonnenlicht leuchten die Halmäste auf besondere Weise.

Wanderung durch den Bambushain (Botanischer Garten Hamburg 17.02.2019)
Wanderung durch den Bambushain (Botanischer Garten Hamburg 17.02.2019)

Weitere Fotos siehe auf meinem Facebook-Album: Botanischer Garten Hamburg 2019

Die Cameo-Auftritte des Herrn Hitchcock – Teil 2

Mancher Filmregisseur liebt es, einen Kurzauftritt in den eigenen Filmen zu haben. Besonders bekannt sind diese so genannten Cameo-Auftritte vom Meisterregisseur Alfred Hitchcock. Einige dieser Auftritte habe ich bereits vor längerer Zeit vorgestellt. Aber da einige schon sehr alte Filme von Hitchcock auf arte.tv gesendet wurden, so habe ich mich erneut darangesetzt, weitere dieser Auftritte von Hitchcock herauszufischen.

    Alfred Hitchcock: Psycho (1960)

Apropos arte.tv: zz. sind in der dortigen Mediathek auch noch besonders sehenswerte Filme von Eric Rohmer und Claude Chabrol (der die bürgerliche Gesellschaft messerscharf zu sezieren verstand) aufrufbar.

Aber komme ich auf Alfred Hitchcock zurück, dessen Filme ich auch heute noch immer wieder gern sehe:

Das Rettungsboot  (1944)

Berüchtigt (1946)

Das Rettungsboot (1944)

Berüchtigt (1946)

Der Fall Paradin (1947)

Der Fremde im Zug (1951)

Der Fall Paradin (1947)

Der Fremde im Zug (1951)

Ich beichte (1953)

Bei Anruf Mord (1954)

Vertigo (1958)

Psycho (1960)

Der unsichtbare Dritte (1959)

Familiengrab (1976)

Der unsichtbare Dritte (1959)

Familiengrab (1976)

Der Film Das Rettungsboot (1944) spielt ausschließlich in einem kleinen Rettungsboot auf dem Meer. Hitchcock ist daher in einer zufällig im Boot liegenden Zeitung in einer Werbeanzeige für eine Diät auf einem „Vorher-Nachher-Foto“ zu sehen. Laut Hitchcocks Aussage in einem späteren Interview sei die erste Idee gewesen, ihn als Leiche am Rettungsboot vorbei treiben zu lassen, doch dies wurde verworfen, da Hitchcock nach eigenen Angaben zu große Angst vor dem Ertrinken hatte. In Berüchtigt (1946) trinkt Hitchcock auf der Party in Rains Wohnung ein Glas Champagner in einem Zug leer und verschwindet dann wieder. In Der Fall Paradin (1947) kommt er an der Cumberland Station aus dem Zug mit einem Cellokasten in der Hand. Und in Der Fremde im Zug (1951) steigt Hitchcock bereits nach 10 Minuten mit einem Kontrabass in einen Zug. In Ich beichte (1953) geht er bereits nach zwei Minuten am oberen Rand an einer langen Treppe vorbei. Da im Film Bei Anruf Mord (1954) kein Auftritt möglich war, so taucht Hitchcock stattdessen auf einem an der Wand hängenden Foto einer Wiedersehensfeier von College-Absolventen auf. In Der unsichtbare Dritte (1959) verpasst Hitchcock bereits nach zwei Minuten den abfahrenden Bus. Und in Hitchcocks letzten Film Familiengrab (1976) sieht man seine Silhouette hinter der Milchglasscheibe einer Türe mit der Aufschrift: „Registratur für Geburten und Sterbefälle“.

Alle Bildausschnitte sind übrigens etwas größer auf meiner Facebook-Seite: Hitchcocks Cameo-Auftritte zu sehen.

Dunkle Biere aus dem Frankenland (1)

Leider hat der Getränkehändler meines Vertrauens seit geraumer Zeit geschlossen. Er ist in Rente gegangen, was ihm gegönnt sei, und hat keinen Nachfolger gefunden. So muss ich ‚ausweichen‘ und kaufe (wenn ich nicht gerade in Hamburg shoopingmäßig unterwegs bin) bei einen Getränkemarkt namens HOL‘AB ein, der in meinem Wohnort eine Filiale betreibt. Dieser muss einen guten Draht zum Frankenland haben, denn das Angebot an fränkischen Bieren ist überraschend groß. Franken ist neben dem Wein für sein Bier bekannt. Der Bezirk Oberfranken besitzt die höchste Brauereidichte Deutschlands und der ganzen Welt. In Franken befinden sich daher die meisten Brauereien Bayerns, die meisten Brauereien sind jedoch klein.

Da ich (und seit Neuestem auch wieder meine Frau) gern dunkle Biere bevorzuge, da tut sich hier ein hopfig-malziges Getränkeparadies auf. Einige dieser Biere möchte ich Euch heute vorstellen. Alle stammen aus kleinen Brauereien, die teilweise über Generationen in Familienbesitz sind. Hier die ersten vier dunklen Biere aus Franken:

Vier dunkle Biere aus Franken (1)
Vier dunkle Biere aus Franken (1)

1. Vollbier der Brauerei Meister aus Unterzaunsbach/Franken – 4,9 % Vol.

Heute muss eine Brauerei über ein breites Sortiment verfügen, um auf dem Markt zu bestehen. Muss? Der Brauerei Meister genügt ein Bier, das zudem nicht auf einen wohltönenden Namen hört, sondern schlicht nur Vollbier heißt. Wie der Titel dieses Artikels besagt: ein dunkles Vollbier! Die Brauerei ist klein, aber fein. Und das Bier ist kastanienbraun und leicht trüb. Der Schaum hingegen weiß und feinporig. Man riecht viel Malz. Im Antrunk ist es ebenfalls malzig. Das Mundgefühl erkennt einen vollmundigen, würzigen Körper, dazu Malz und Karamell. Im Abgang dann hopfig herb und noch ganz leichte Malzsüße als Unterlage. Was soll ich sagen: Dieses Bier ist ganz nach meinem Geschmack. Hopfen und Malz sind in wunderbarer Balance. Nicht zu süß und nicht zu herb. Süffig wird das wohl genannt.

2. Braunbier Schinner aus Franken – 5,4 % Vol.

Eigentlich ist die Bezeichnung Braunbier (Bier nur aus Gerste) nur zur Unterscheidung zu Weißbier (gebraut aus Weizen und Gerste) in Gebrauch. Hier dürfte aber auch die Farbe eine gewisse Rolle spielen. „Himmel, welch ein Bier!“ urteilte bereits Ende des 18. Jahrhunderts der Dichter Jean Paul (in diesem Blog auch schon öfter zu finden) über dieses köstliche, fränkische Braunbier. Erfrischende Kaffeenoten, die leicht ausgehopft sind, machen einem leichten Karamellgeschmack Platz. Die malzige Spritzigkeit spielt im Körper eine leichte Obstung in Richtung Pflaume/Aprikose an. Jean Pauls Anrufung des Himmels ist berechtigt!

3. Weißenoher Bonifatius Dunkel – 5,1 % Vol.

Eigentlich weiß ich gar nicht, welches der hier aufgeführten Biere mir das liebste sein soll. Alle schmecken mir, der dunkle, malzige Biere liebt, ausgesprochen gut. Dieses dunkle Bier ragt vielleicht millimeterweise hervor. Es ist (wie die anderen) ein kräftiges, aber süffiges dunkles Landbier – Kräftig im Trunk mit angemessener Bittere und einem angenehmen Röstaroma. Farblich ist es ein wahrer Augenschmaus: tiefbraun mit deutlich erkennbarem Rubinstich im Gegenlicht. Der hellbraune Schaum ist üppig, sehr feinporig und hält sich lang. Erwartungsgemäß schmecke ich sattes Malz, das allerdings durch intensive Röstmalznoten bereichert wird, die in Richtung Kaffee gehen und leichte Aromen von Lakritz aufweisen. Der Antrunk ist leicht säuerlich und ebenfalls mit einer ausgeprägten Röstnote versehen Die Einflüsse von Kaffee und Schokolade sind markant, dazu ein paar Sprenkel Dörrobst. Zum rundum gelungen Gesamtbild passt auch die angenehm dosierte Rezenz. Der Abgang ist unheimlich lang, noch nach Minuten hat man diese ausgeprägte Röstnote am Gaumen. Also mir schmeckt so ein Bier!

4. Krug-Bräu dunkles Lager – 5,0 % Vol.

Zuletzt noch ein weiteres ganz bodenständiges Bier. Wie gesagt: In Franken gibt es viele kleine Brauereien. Und so hört auch zu dieser Brauerei in Waischenfeld in Oberfranken ein Gasthof mit preiswerten Zimmern (und einem reichhaltigen Frühstück). Grad ein Bier am Morgen muss es dann vielleicht doch noch nicht sein. Dieses Bier hat eine braune Farbe, die braunrötlich im Licht schimmert, und ist vollmundig, würzig, kernig malzig mit einer dezenten Süße: Röstmalziger Geruch legt Noten von dunkler Bitterschokolade frei. Milder und malziger Antrunk mit leichter Süße und mit Noten von Karamell. Würze und röstmalzige Noten von dunkler Bitterschokolade und Kaffee im Mittelteil. Hopfenherbe entwickelt sich zum Abgang hin. Der Nachgeschmack ist zuerst malzig mit leichter Süße und mit Noten von Karamell, dann würzig und röstmalzig mit Noten von dunkler Bitterschokolade und Kaffee und zum Ende hin hopfigherb, bitter und leicht röstig-säuerlich.

So kann (und wird) es weitergehen. Demnächst komme ich zu Hirschentrunk, Pilgerstoff und Nothelfer. Auch Rauchbiere werden dabei sein. Lasst Euch überraschen.

Valentin und Rilke

Und da war da noch der Valentinstag, der heutzutage besonders der Floristik- und der Süßwarenindustrie dient. An unsere besonders Lieben gedenken wir doch eigentlich jeden Tag. Wenn wir heute an jemanden allen heiligen Valentinen zum Trotz ‚besonders‘ (ge-)denken, dann sicherlich an Karl Valentin (mit scharfem V). Und so verneigen wir uns vor diesen Sprachanarchisten und Wortzerklauberer ungeachtet der Aversionen der Norddeutschen gegen alles Bajuwarische – wie sagte er u.a.: „Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut.“ (siehe auch weitere Valentin-Zitate).

    Prost, Karl Valentin

Damit’s hier doch noch etwas poetisch wird, greifen wir zu Rilke, der übrigens u.a. auch Karl hieß, und widmen das kleine Gedicht all denen, die ‚mit uns gehen mögen wollen; sie dürfen sich gern trauen.‘

Weißt du, ich will mich schleichen

Weißt du, ich will mich schleichen
leise aus lautem Kreis,
wenn ich erst die bleichen
Sterne über den Eichen
blühen weiß.

Wege will ich erkiesen,
die selten wer betritt
in blassen Abendwiesen –
und keinen Traum, als diesen:
Du gehst mit.

Rainer Maria RilkeDas dichterische Werk

Der Werder-Zug kommt ins Rollen

In der vergangenen Woche wurde beim SV Werder Bremen das 120-jährige Bestehen des Vereins gefeiert. Und die sich selbst gemachten Geschenke sind bekanntlich immer die besten. Nach dem Sieg in Dortmund gegen den Tabellenführer der Fußball-Bundesliga Borussia im Achtelfinale des DFB-Pokals im Elfmeterschießen (1:1 nach 90 Minuten – 3:3 nach Verlängerung – 4:2 im Elfmeterschießen) gewannen die Bremer ihr Bundesligaheimspiel gegen den FC Augsburg mit 4:0 und sind jetzt nur noch drei Punkte hinter einem Tabellenplatz, der für die Europa League berechtigt.

Werder Bremen nach dem 4:0 Sieg am 21. Spieltag 2018/2019 gegen den FC Augsburg

Endlich wurden die Chancen im Spiel genutzt. Sicherlich haben die Bremer Spieler in dieser Saison schon besser gespielt – aber dafür haperte es bisher an der Effektivität. Besonders der als ‚Chancentod‘ bezeichnete Milot Rashica vergab bisher viele gute Möglichkeiten. Jetzt scheint bei ihm der Knoten geplatzt zu sein.

Aber das schönste aller Tore der letzten Woche erzielte der inzwischen 40-jährige Claudio Pizarro beim 2:2-Ausgleich gegen Borussia Dortmund.

These old tom-cat feelings

    Well the night does funny things inside a man
    These old tomcat feelings you don’t understand

    Tom Waits: I Hope That I Don’t Fall in Love with You (Debutalbum: Closing Time 1973)

Die Szene spielt sich in einer Kneipe oder Bar ab. Viele Leute sind da und die Musik spielt. Der gute Thomas Alan (Tom Waits) trinkt sein Bier. Und da ist eine Frau mit einem Typen. Zwischen ihr und Thomas Alan knistert es (er aber hofft, sich nicht in sie zu verlieben). Der Typ ist dann gegangen, sie und er tauschen Blicke aus. Es geht auf Feierabend zu. Er bestellt sich noch ein Bier. Da ist sie verschwunden. Und er denkt, dass er sich gerade in sie verliebt hat.

    Tom Waits: Swordfishtrombones

Kneipe, Alkohol und Zigaretten – die Welt des Tom Waits. Vielleicht alles etwas schmuddelig, verrucht-verräuchert und mit Bierlachen benetzt. Während die Erzählung Dshamilja von Tschingis Aitmatow wohl die schönste Liebesgeschichte der Welt ist, so ist dieses Lied von Tom Waits mindestens eines der schönsten Liebeslieder, die ich kenne.


Tom Waits I hope that I don’t fall in love with you (Lyrics) (Chords/Akkorde)

Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte

    Aber darstellen will ich mich nicht als Wortjongleur, sondern als Mensch, als Person.
    Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte (S. 7)

Was das Sexuelle angeht, wird in der einschlägigen Literatur relativ gesichert festgestellt: Männer fantasieren anders als Frauen. Sie reagieren viel stärker auf optische Schlüsselreize. Frauen finden es erotischer, Geschichten zu hören. Männer reagieren auf das, was sie sehen. (Quelle: zeit.de/zeit-magazin/)

Ein gutes Jahr nach seinem Roman Statt etwas oder Der letzte Rank veröffentlichte Martin Walser sein nächstes Werk, den vor gut 10 Monaten erschienenen Roman Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte, 1. Auflage (27. März 2018) – Rowohlt, Reinbek bei Hamburg. Felicitas von Lovenberg schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Seit einem halben Jahrhundert ist Martin Walser unser Gewährsmann für Liebe, Ehe, Glaube und deutsche Befindlichkeiten. Ein Lustwandler seiner Ausdruckswelt.“ Und natürlich kommen dabei der Sex und speziell Männerphantasien nicht zu kurz. Walser beschreibt. Aber mit zunehmendem Alter, und Martin Walser ist inzwischen über 90 Jahre alt, wird ihm nunmehr das von ihm Geschriebene persönlich angelastet: das Wort, der Vorwurf der Altersgeilheit findet sich in vielen Rezensionen zu seinen Romanen.

Nein, ich will Martin Walser hier nicht verteidigen. Aber ich kann nicht den oft vernommenen Kritiken dieser lediglich den eigenen reflexhaften Vorurteilen erliegenden Walser-Beurteilern folgen, die mit Freuden den Köder schlucken, den Walser auslegt. Ich gestehe allerdings, dass es mir der Roman ‚ Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte‘ nicht leicht gemacht hat, wenn der Protagonist des Romans mit Donald Trump sympathisiert oder sich permanent von „Weibsattacken“ tyrannisiert fühlt.

Jener Justus Mall, der sich aufgrund eines ‚Vorfalls‘ vom Oberregierungsrat namens Dr. Gottfried Schall zum Philosophen ‚mausert‘, macht es dem Leser wirklich nicht leicht. Aber beginnen wir am Anfang. Im so genannten Kladdentext steht geschrieben:

„Was, bitte, wäre ich lieber als ich? Alles andere als ich.“ Das sagt Justus Mall, der früher einmal anders hieß. Oberregierungsrat war er, zuständig für Migration, aber dann kam der Tag, an dem er etwas Unbedachtes machte, und seitdem ist er Philosoph, zuständig für alles und nichts. Doch das ist nicht das einzige Dilemma seines Lebens. Tag und Nacht liegt er im Streit mit den Umständen, zu denen er es als Liebender hat kommen lassen. Ist es vielleicht leichter, keine Frau zu haben als nur eine? Er jedenfalls liebt zwei, und weil das nicht gehen kann, beginnt er, einen Blog zu schreiben – auf der Suche nach einem Menschen, der genau das ist, was ihm fehlt.

Was für ein sagenhaftes Paradox. Ein Mann, für den Wirklichkeit ein Gespinst aus erfundenen Fäden ist, hofft, ausgerechnet in einem Weblog so etwas wie Nähe zu finden. Er richtet seine Selbstgespräche an eine unbekannte Geliebte und weiß doch, sie ist nicht mehr als eine Illusion. In früheren Romanen ließ Martin Walser noch Briefe und E-Mails hin und her gehen, in „Gar alles“ gibt es das nicht mehr. Hier ruft einer ins Irgendwo, ist zurückgeworfen auf sich selbst, hat für das, was er empfindet, keinen Adressaten mehr. Ein völlig geklärt geschriebener Roman über lauer Ungeklärtes, ein in seiner existenziellen Dringlichkeit ungeheuerliches, überwältigendes Buch.

Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte
Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte

Jener Justus Mall will „künftig nur noch Überflüssiges […] verfassen, um dadurch einen utopischen Kontrast zum zeitgenössischen Zweckrationalismus zu entwerfen.“

Aber konzentrieren wir uns auf jenen Vorfall, auf das Unbedachte, das Gottfried Schall tat, bevor er zum Philosophen Justus Mall wurde. Walser schreibt:

[…] Es geschah bei einem Opernbesuch, in der zweiten Pause von “Tristan und Isolde”. […]
Da sie auf einem Barhocker saß und er an der Bar stand, liefen an ihm in Brusthöhe vorbei ihre gleißenden Oberschenkel und ihr rot-schwarzes Rockrüschengewell. Auf einmal war sie nicht mehr der Bartheke zugewendet, sondern halb zu ihm gedreht. Warum, das erfuhr er erst später durch das von ihr verfasste Protokoll. Ein kleiner Wortwechsel zwischen ihr und ihrem Begleiter, der rechts neben ihr saß. Sie sagte: Franz, du spinnst, und drehte sich weg, also zu Justus Mall hin. Natürlich, ohne das zu wollen. Aber er, der dicht neben ihrem Hocker stand, erlebte das so, als habe sie sich zu ihm gedreht. Er wusste, dass sie ihn nicht meinte, nicht meinen konnte, aber er machte in der Laune, in der er durch „Tristan“ plus Alkohol war, einen Scherz, das heißt, er begrüßte sie, als habe sie sich absichtlich zu ihm gedreht, und mehr noch begrüßte er ihre Schenkel. Sink hernieder, Nacht der Liebe, singsangte er und tippte mit einem Zeigefinger auf die gleißende Schenkelrundung, als wolle er sagen: Du, Schenkel, bist die Nacht der Liebe. Dass er, was er da tat, selber als riskant empfand, drückte er dadurch aus, dass er ihr nur mit der Spitze des Zeigefingers seiner rechten Hand auf den Schenkel tippte, dann die Hand sofort zurückzog, als erschreckte er über das, was er da gerade getan hatte. Es war deutlich ein gespieltes Erschrecken! Er hatte doch die Hand so jäh zurückgezogen, als habe er die Zeigefingerspitze auf einer glühenden Herdplatte verbrannt. Um das Spielerische zu betonen, prostete er ihr sofort mit dem Champagnerrest zu, und sie, die auch ein Glas in der Hand hatte, erwiderte sein Prosit. Beide tranken. Dann drehte sie sich sofort wieder zur Bar und damit zu ihrem Begleiter. Auch er war gleich wieder bei seiner Frau, die auf dem Barhocker links neben ihm saß und nichts mitgekriegt hatte, weil sie sich vom Barkeeper sagen ließ, warum dieser Champagner so gut sei.

[…]

Natürlich hatte diese Frau ihn nicht wahrgenommen. Angeschaut hat sie ihn, wie man einen Irren anschaut. Jetzt noch spürte er, wie er sich, so angeschaut, gefühlt hat. Einsam. Er hatte gerade noch sein Um-bemerkt-werden-Betteln in etwas Lustiges hinübergelogen. Dieses Zugleich! Ihre Schenkel, die wilden Rockrüschen, sein Zeigefinger, der Satz aus der Oper, ihr Blick, sein Prosit, ihre Prosit-Entgegnung, das alles messbar kurz, unmessbar intensiv, unmessbar. (S. 79 ff.)

Dieser Vorfall, der stark an die Verbalattacke eines Herrn Brüderle erinnert, hatte Konsequenzen:

Einen Tag später gab es sie wieder. Und wie! In der Süddeutschen Zeitung berichtete die Praktikantin Suse Kranz, was ihr in der zweiten „Tristan“-Pause passiert ist. Ein Oberregierungsrat aus dem Justizministerium hat sie, die mit einem Freund an der Bar saß, grob begrapscht und hat dazu auch noch obszön geredet, nämlich: Ihr Rock sei kürzer, als es die Straßenverkehrsordnung erlaube, und jetzt sei dieser Rock auch noch so weit hochgerutscht, dass man von einer Schenkel-Emanzipation sprechen könne.

Am Tag darauf ein Interview mit der Praktikantin. Sie hat den Grapscher gekannt […].
Am Tag darauf war es in allen Zeitung: Frauen müssten geschützt werden vor den Grapschern der Altherren-Riege.
Die Süddeutsche brachte ein Interview mit dem Grapscher. Er konnte nicht abstreiten, was die Praktikantin zitiert hat, aber daran erinnern, dass er das und das gesagt habe, konnte er sich nicht. Dann wurde die Barszene genau rekonstruiert. Mit ihm. Im Gespräch. Er fand, dieses als Interview veranstaltete Gespräch sei ein Verhör. Das sagte er auch, und das stand dann auch in der Zeitung und was er zu seiner Rechtfertigung sagte.
Wie sehr ihn dieses Verhör aufregte, zeigen seine Formulierungen. Die Welt sei nicht mehr alles, was der Fall ist, sondern alles, was Frau ist! Wo du hinschaust, lächelt, lacht, grinst dir eine Frau entgegen und streckt dir alles hin, ihre Haare, ihre Brüste, ihre Beine. Er finde das, sagte er, nicht furchtbar, sondern herrlich. Aber er möchte auch reagieren dürfen. Er möchte sagen dürfen, dass er sich andauernd verführt fühle. Und wenn dann wirklich einmal ein solches Geschöpf in greifbare Nähe kommt, dann langt man eben eine Zehntelsekunde lang hin und sagt dazu noch irgendeinen Fast-Unsinn. Alles wegen dieses gleißenden Oberschenkels! Es gibt wahrscheinlich keinen Mann in der ganzen Welt, der, wenn ihm so ein Oberschenkel passiert, davon unberührt bleiben könnte. Vielleicht würde nicht jeder mit der Fingerspitze hintippen und dann den Erschreckten spielen, aber er könne, was er da getan hat, was ihm passiert sei, nicht nur nicht abstreiten, er müsse, was er mit einer Fingerspitze eine Zehntelsekunde lang vollbracht habe, immer noch bejahen, vertreten, ja sogar rühmen! Es sei eine Geste der Anbetung gewesen, der Verehrung, ein religiöser Akt. Allerdings gewidmet nicht einem unbekannten Gott, sondern dem wunderbaren Schenkel einer Frau.

Dann wurde er konfrontiert mit dem Wort Altersgeilheit. Er, wütend: Er bitte um Aufklärung! Nicht, dass er je mit so etwas zu tun habe, er wolle nur wissen, ob ein Fünfundfünfzigjähriger anders geil sein als ein Fünfundzwanzigjähriger! Gebe es dafür ein physiologisches Datum? (S. 82 f.)

Ohne Zweifel geht Martin Walser – auch in seiner Ausführlichkeit der Schilderung – viel zu weit. Wenn das sein Beitrag zur #MeToo-Debatte sein soll, dann hat er scheinbar nicht viel begriffen. Ich schreibe scheinbar, denn ich glaube immer noch, dass Walser sich hier bewusst in die Sichtweise des ‚Täters‘ versetzt hat, um – wie soll ich es sagen? – nicht allein das ‚Opfer‘ zu Wort kommen zu lassen. Christoph Schröder (Die Zeit) fasst es so zusammen:

Ganz im Unterschied zum vorangegangenen Buch Statt etwas oder Der letzte Rank, das in seiner Offenbarungskraft eine geradezu erschütternde Radikalität hatte, ist Gar alles ein matter Wiederaufguss. Der Tonfall ist nicht selbstreflexiv, sondern larmoyant. Statt etwas war ein hoch interessantes, poetologisch zu lesendes Buch; Gar alles ist bestenfalls der Versuch der Vorführung eines aktuell ins Visier der Öffentlichkeit geratenen Typus: Der alte, geile, weiße Mann zeigt sich in seiner ganzen Unappetitlichkeit.

Und dann ist da noch der Passus zu Donald Trump, dem derzeitigen US-Präsidenten:

[…] ich habe Mr. Trump von Anfang an, seit er im Wahlkampf gegen Mrs. Clinton angetreten ist, auch als eine Belebung erlebt. Nie hätte ich Hillary Clinton wählen können. Dass er Sätze gesagt hat, die peinlich sind, hat mich für ihn eingenommen. Nicht weil diese Sätze tatsächlich peinlich und unanständig waren, sondern weil er solche Sätze gesagt hat. Er hat sich deutlicher gezeigt als je ein Kandidat vor ihm. Er hat weniger gelogen als je ein Kandidat vor ihm. Ich wusste, woran ich bei ihm bin. Und das ist so geblieben. (S. 89).

Das Ganze steht unter dem Datum 1. April 2017. Also ein Aprilscherz? Wer halbwegs bei gesundem Menschenverstand ist, muss anerkennen, dass sich Trump tatsächlich deutlicher gezeigt hat und zeigt als je ein Kandidat vor ihm. Wie sonst lässt sich ein Urteil über ihn fällen, das ihn als Katastrophe ausweist. Wenn Trump lügt, dann lügt er offensichtlich und nachweisbar. Bei all den anderen Politikern ist der Nachweis ihrer Lügen weitaus schlechter zu führen.

Nun, Walsers Roman schmeckt nicht jedem. Auch bei mir verursachte er leichte Verdauungsstörungen. Wenn Walser provozieren wollte, so ist es ihm wohl gelungen. Er ist der immer noch der eloquente, in diesem Roman im Tonfall leider auch sentimental-weinerliche Wortjongleur.

Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank

Die Zeit seiner großen Romane ist längst vergangen. Aber trotz seiner mehr als 90 Jahre schreibt er immer noch: Martin Walser, einer der bekanntesten Nachkriegsliteraten (bezogen auf den 2. Weltkrieg und die Zeit nach 1945), wenn dieser Begriff auch lange schon nicht mehr verwendet wird. Heinrich Böll, Günter Grass, Max Frisch oder Uwe Johnson, um nur einige zu nennen, haben längst das Zeitliche gesegnet. Martin Walser ist der letzte noch lebende Autor, der sich als Berichterstatter der sich entwickelnden Bundesrepublik Deutschland hervorgetan hat. Mehrere seiner jüngsten Werke habe ich während meiner eher unfreiwillig freien Zeit in der 2. Jahreshälfte des letzten Jahres gelesen, so zunächst Statt etwas oder Der letzte Rank – 1. Auflage Januar 2017 – Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg.

Nach wie vor ist Walser ein Meister der deutschen Sprache, aber für Neueinsteiger in das Walser‘sche Werk sind diese letzten Bücher wenig geeignet. Da verweise ich auf die eingangs erwähnten großen Romane. Leser, die sich aber bereits ausführlich mit Martin Walser beschäftigt haben, kommen kaum um einen Roman wie diesen herum.

Die Gattung Roman trifft wenig auf dieses Buch zu. „Gedankenlyrik in Prosa“ wurde es genannt und es sind 52 Abschnitte voller Welt- und Selbstergründung, die nicht frei sind von einer ziemlich typisch Walser’schen Egozentrik. Das Werk handelt so von persönlichen Verletzungen und sexuellen Andeutungen und abstrahiert Biografisches in knappen pointierten Epigrammen. Und wenn diese oftmals ‚formlos, pathetisch, egozentrisch, sprachlich banal und dem intellektuellen Gehalt nach absolut uninteressant‘ erscheinen, ‚so faszinieren‘ sie ‚auf anderer Ebene. Mit „Statt etwas“ entsagt Walser allen Konventionen und wendet sich der Innerlichkeit zu, entblößt sich und seine Gedankenwelt und das in einer Konsequenz, die an Erbarmungslosigkeit grenzt‘. (Quelle: Roman Bucheli – Neue Züricher Zeitung vom 04.01.2017)

Zur Erklärung des Begriffs Rank – aus: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm

rank, m. wendung, drehung
1. schweiz. rank, wendung, krümmung des weges
2. rank, namentlich auch im wettlaufe und bei der jagd, die wendung, die der verfolgte nimmt, um dem verfolger zu entgehen

„Mit der Unwahrheit ein Glückskunstwerk zu schaffen, das ist die menschliche Fähigkeit überhaupt.“ Wer sagt das? Seine Frau nennt ihn mal Memle; mal Otto, mal Bert, er versucht zu erkennen, wie aus Erfahrungen Gedanken werden. Den Widerstreit von Interessen hat er hinter sich gelassen, Gegner und Feinde auch, sein Wesenswunsch ist, sich herauszuhalten, zu schweigen, zu verstummen. Am liebsten starrt er auf eine leere, musterlose Wand, sie bringt die Unruhe in seinem Kopf zur Ruhe. „Mir geht es ein bisschen zu gut“, sagt er sich dann, „zu träumen genügt.“

„Statt etwas oder der letzte Rank“ ist ein Roman, in dem er in jedem Satz ums Ganze geht – von größter Intensität und Kraft der Empfindung, unvorhersehbar und schön. Ein verwobenes Gebilde, auch wenn es seine Verwobenheit nicht zeigen will oder sogar versteckt. Ein Musikstück aus Worten, das dem Leser größtmögliche Freiheit bietet, weil es von Freiheit getragen ist: der Freiheit des Denkens, des Schreibens, des Lebens. So nah am Rand der Formlosigkeit, ja so entfesselt hat Martin Walser noch nie geschrieben. Ein Höhepunkt in Martin Walsers Alterswerk, ein Roman als Summe und Bilanz. (aus dem Kladdentext)

Das Buch beginnt wie folgt:

Mir geht es ein bisschen zu gut. Seit dieser Satz mich heimsuchte, interessierte ich mich nicht mehr für Theorien. Alles Besitzergreifende mied ich mühelos. Das war mein Zustand: ich merkte, dass mich auch das Umständliche nicht mehr interessierte. Dazu war ich von selbst gekommen. Glaube ich. Genau weiß ich nichts. Zum Glück war das Bedürfnis, etwas genau wissen zu wollen, erloschen.

[…]

Mir geht es ein bisschen zu gut.
Dass ich noch Sätze brauchte, war kein gutes Zeichen. Erstrebenswert wäre gewesen: Satzlosigkeit. Ein Schweigen, von dem nicht mehr die Rede sein müsste. Und ich hörte mich sagen: Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt.
Das war einer der Sätze, die mir den Wesenswunsch zu verstummen aufschiebbar machten.

Gewissensbisse? Dann ist dein Charakter deinen Taten nicht gewachsen!
Gewissen, das sei die innerste Einsamkeit des Menschen.

Und hier noch einige andere interessante ‚Buchstücke‘ aus dem Roman:

…, ich habe den wirklich elenden Zustand unserer Sprache, wenn es um Liebe geht, durch Sprachgirlanden ersetzt, die dem, der sie genießen kann, das Kompliment höherer Zurechnungsfähigkeit macht.

Wie lernt man vergessen, was man nicht erträgt?

Ich konnte nicht denken, was ich wollte.

Weitere Leseproben bei books.google.de

    Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank
    Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank

Hier erzählt einer, der auf sein Leben zurückblickt und begreift. Das fulminante Porträt eines Menschen, ein Roman, wie es noch keinen gab.

„In der schönsten und klarsten Sprache, die in Deutschland zurzeit geschrieben wird, verdichtet Martin Walser Erfahrung und Empfindung.“ Denis Scheck

„Es gibt keine Sätze außerhalb der Zeit. Und doch versucht Martin Walser, sich einem idealen Schreiben anzunähern, das so unmittelbar sein müsste wie Musik.“ Jörg Magenau, Die Tageszeitung

Worte zum Wochenende (3. KW 2019): Wochenend‘ und Sonnenschein

Für den, der im Berufsleben steht, gibt es kaum schönere Begriffe als Urlaub und Wochenende. Zum ersteren dichtete schon Heinz Erhardt: „Ich geh‘ im Urwald für mich hin… Wie schön, daß ich im Urwald bin: man kann hier noch so lange wandern, ein Urbaum steht neben dem andern. Und an den Bäumen, Blatt für Blatt, hängt Urlaub. Schön, daß man ihn hat!“

Worte zum Wochenende (3. KW 2019 – WilliZBlog)

Und vom letzteren sangen bereits Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre die Comedian Harmonists und verbanden es mit dem von jedem von uns so geliebten Sonnenschein.

Nach trostlosen Tagen, nasskalt und verregnet (ich nenne es Totensonntagswetter), ist es endlich bei uns hier im Norden soweit: die Sonne lässt sich wieder blicken. Und das auch noch gerade recht zum Wochenende. Da packen wir unsere Alltagsdepression in den Koffer, verschließen diesen und verstauen ihn auf dem Dachboden (wenn wir einen haben, sonst im Keller).

Allen ein schönes, sonniges Wochenende!