Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Schnutenpulli

Auf der Suche, nein, nicht nach der verlorenen Zeit, sondern nach einem Begriff für diese Dinger, die wir seit Wochen, gar Monaten im öffentlichen Raum vor dem Gesicht zu tragen haben, Nasen-Mund-Maske, nein, von Schutz (Mundschutz oder Atemschutz) darf nicht gesprochen werden, denn findige Anwälte drohen sonst mit Abmahnungen, da „mit diesen Bezeichnungen […] eine Widmung vorgenommen [würde], die Medizinprodukten vorbehalten ist“, also auf der Suche nach einer Bezeichnung dieser Masken für die niederdeutsche Sprache (Plattdeutsch oder kurz: Platt), gab es den Vorschlag: Schnutenpulli.

Selbst diejenigen, die nicht der plattdeutschen Sprache mächtig sind, sollten wissen, was eine Schnute * ist, oder? Eine Schnute ziehen – das kennen wir über Bundeslandgrenzen hinaus. Schnute – das ist grob die Schnauze im Hochdeutschen, also der Mund. Und ein Pulli, ist doch auch klar, ist die umsprachssprachliche Kurzform für Pullover. Schnutenpulli ist also ein Mundpullover, also eine Nasen-und Mund-Maske.

'Schnutenpulli' in grün (Dschungelversion)
‚Schnutenpulli‘ in grün (Dschungelversion)

Und das eigentliche kommt ja noch: „Schnutenpulli“ wurde inzwischen zum plattdeutschen Wort des Jahres gekürt. Auch wenn in einigen Bundesländern bereits diskutiert wird, die Maskenpflicht, sorry: Schnutenpullipflicht aufzuheben – eigentlich gehe ich jetzt geradezu gern mit diesem Ding vor Nase und Mund hinaus – bei einer so liebevollen Benennung!

* Schnüt|chen; Schnu|te, die; -, -n (bes. nordd. für Mund; ugs. für [Schmoll]mund, unwilliger Gesichtsausdruck)
Duden – Die deutsche Rechtschreibung– 24. Auflage 2007

Snüff de Schnauze, Nase; holl dien Snüff! halt deine Schnauze!
Snuut de Schnauze; übertragen Mund, Schnute; nu harr ik mi man de Snuut verbrannt nun habe ich mir den Mund verbrannt; maak man nich so ’n Snuut mach nicht so ein Gesicht oder so eine Schnute; -> Snüff

Mund de Mund, de Babbel, de Beck, de Gaap, de Keek, dat Muul, de Sabbel, de Snuut, de Snüss
Langenscheidt Lilliput Plattdeutsch – 2012

Die vier Prinzipien der Moral

Wir haben nunmehr vier Prinzipien der Moral:

1) EIN PHILOSOPHISCHES: Thue das Gute um sein selbst willen, aus Achtung fürs Gesetz;
2) EIN RELIGIEUSES: Thue es darum, weil es Gottes Wille ist, aus Liebe zu Gott;
3) EIN MENSCHLICHES: Thue es, weil es deine GLÜCKSEELIGKEIT befördert, aus Selbstliebe;
4) EIN POLITISCHES: Thue es, weil es die Wohlfahrt der großen Gesellschaft befördert, von der du Theil bist, aus Liebe zur Gesellschaft, mit Rücksicht auf dich.

Solte dieses nicht alles dasselbe Princip seyn?

Signatur: Georg Christoph Lichtenberg
Signatur: Georg Christoph Lichtenberg

Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799), deutscher Physiker und Meister des Aphorismus) – 4 Principien der Moral (Sudelbücher, 1796-1799. [L 195])

Mario Vargas Llosa: Tod in den Anden

Korporal Lituma und sein Helfer Tomás sollen das mysteriöse Verschwinden dreier Mensch in den peruanischen Anden aufklären. Überall schlägt ihnen Mißtrauen entgegen in dieser feindseligen, abergläubischen Bergwelt, und was sie nach und nach ans Licht bringen, hat die Ausmaße eines unfaßbaren Dramas. Mario Vargas Llosa verbindet in diesem fesselnden Krimi die Abgründe des heutigen Peru mit den Mythen und Ritualen der Inkas. (aus dem Kladdentext).

Vor längerer Zeit habe ich hier den Roman Das grüne Haus von Mario Vargas Llosa, der 2010 den Nobelpreis für Literatur erhielt, ziemlich ausführlich vorgestellt. Es gilt als Vargas Llosas wichtigstes Werk und zählt zu den bedeutendsten lateinamerikanischen Romane überhaupt. Eine der Hauptfiguren, den Sergeanten Lituma, der aus dem entfernten Piura stammt und sich freiwillig ins Amazonasgebiet gemeldet hatte, treffen wir in dem Roman Tod in den Anden als Korporal nach vielen Jahren wieder.

    Mario Vargas Llosa 2010
    Mario Vargas Llosa – Foto: Daniele Devoti – Padova, Italien (13. Juni 2010)

Wie schon Mario Vargas Llosas Das grüne Haus so führt uns auch der Roman Tod in den Anden in eine uns völlig unbekannte Welt:

In der gottverlassenen Gegend haben sich die beiden Polizisten in ihrem Posten, einer Notunterkunft, eingerichtet. Manchmal kommt der Radiosender Junín herein. Bewaffnet und verbarrikadiert erwarten die Repräsentanten der peruanischen Staatsmacht nachts furchtsam die Terroristen. Letztere bleiben zwar über den ganzen Roman hinweg fern, wohl aber ist in der Kantine der Straßenbauer von mehreren Massakern die Rede.

Am Ende: Zwar wird der erfolglose Korporal Lituma zum Unteroffizier befördert, muss aber den abgelegenen Posten Santa María de Nieva in der Selva kommandieren. Der Gendarm Tomás Carreño hat mehr Glück. Er wird nach Piura – direkt in die ziemlich zivilisierte Heimatstadt seiner geliebten Frau Mercedes – versetzt.

Das Buch lässt sich, wie der Titel suggeriert, als Kriminalroman lesen. Die Auflösung des Falls kommt am Romanende nicht überraschend daher. Das große Thema, Menschenopfer der alten Peruaner beim Wegebau – fortgesponnen in den neuzeitlichen Straßenbau im Hochgebirge, wird in der Romanmitte explizit genannt. Der Saumpfad soll durch eine Straße ersetzt werden. Die darob erzürnte Berggottheit muss besänftigt werden.

Schlaf – des Todes kleiner Bruder

Vor wenigen Tagen, am 21. Juni, war der Tag des Schlafes. Gerade auch noch an einem Tag mit Neumond. Da soll es sich besser schlafen lassen.

Der Schlaf hat einen Bruder, den Tod. Wie die Träume sind Schlaf und Tod Kinder der Nyx, der aus dem Chaos entstandenen Nachtgöttin der griechischen Mythologie. Wenn der Schlaf die Menschen überkommt, entrückt er sie. Er kann bleiern kommen oder leicht, friedlich oder unruhig, mit süßen Träumen oder mit Alpdrücken. Und er kann ausbleiben – für zahllose Menschen eine schwere Folter. Noch heute hat der Schlaf für uns etwas Unfaßbares, Unkontrollierbares.
(Quelle: zeit.de – Regina Oehler)

Der Schlaf - des Todes kleiner Bruder
Der Schlaf – des Todes kleiner Bruder

Süßer Schlaf! Nichts bereitete mir so viel Freude, schenkte mir so viel Freiheit und gab mir die Macht, geschützt vor dem Elend meines Bewusstseins, zu fühlen, zu denken, zu träumen. Ich litt nicht an Schlafsucht – ungewollt nickte ich nie ein. Ich schlief einfach für mein Leben gern.
Ottessa Moshfegh: Mein Jahr der Ruhe und Entspannung (My Year of Rest and Relexation. 2018) – deutsch von Anke Caroline Burger

Wer sich zwingen will einzuschlafen und dabei nur daran denkt, dass er gerade nicht schlafen kann, wird nie Ruhe finden. Man muss eine Egalheit dem eigenen Schlaf gegenüber entwickeln.
Hazel Brugger

Ob nun acht die richtige Anzahl Stunden Schlaf sind, mag dahin gestellt sein. Viele kommen mit weniger Stunden pro Nacht aus, manche wie ich schlafen auch gern einmal länger. Es kommt dann darauf an, wann ich eingeschlafen bin, denn oft geht mir noch einiges, was mich des Tags beschäftigte, durch den Kopf und es dauert dann, bis ich wirklich schlafe. Und an einige Tagen gönne ich mir auch noch ein Mittagsschläfchen.

Und? Letzte Nacht gut geschlafen?

Es ist übrigens erstaunlich (oder auch nicht), wie oft ich mich mit Schlafen beschäftigt habe, wobei in diesem Blog ‚Schlafen‘ oft auch im übertragenem Sinne vorkommt.

siehe auch: Der Schlaf in der Literatur – Bruder des Todes, Glückszustand und großes Rätsel

Juli Zeh: Spieltrieb (2004)

„Was, wenn die Urenkel der Nihilisten längst ausgezogen wären aus dem staubigen Devotionalienladen, den wir unsere Weltanschauung nennen? Wenn sie die halb leergeräumten Lagerhallen der Wertigkeiten und Wichtigkeiten, des Nützlichen und Notwendigen, Echten und Rechten verlassen hätten, um auf Wildwechseln in den Dschungel zurückzukehren, dorthin, wo wir sie nicht mehr sehen, geschweige denn erreichen können? Was, wenn ihnen Bibel, Grundgesetz und Strafrecht nie mehr gegolten hätten als Anleitung und Regelbuch zu einem Gesellschaftsspiel? Wenn sie Politik, Liebe und Ökonomie als Wettkampf begriffen? Wenn >das Gute< für sie maximierte Effizienz bei minimiertem Verlustrisiko wäre, >das Schlechte< hingegen nichts als ein suboptimales Resultat? Wenn wir ihre Gründe nicht mehr verstünden, weil es keine gibt?"
Juli Zeh: Spieltrieb (2004) S. 7

Tief im Westen der Republik in unseren Tagen, an einem Bonner Gymnasium, entwickelt sich die atemberaubende Geschichte einer obsessiven Abhängigkeit zwischen einer Schülerin und einem Schüler, Ada und Alev, aus der sich erst die Bereitschaft, dann der Zwang zu Taten ergibt, die alle Grenzen der Moral, des menschlichen Mitgefühls und des vorhersehbaren Verhaltens überschreiten. Die beiden jungen Menschen wählen sich ihren Lehrer Smutek als Ziel einer ausgeklügelten Erpressung. Es beginnt ein perfides Spiel.
Ganz ruhig fängt das an: Ada, überaus selbstbewusste Schülerin, vierzehn Jahre alt, kommt neu an ein Gymnasium namens Ernst-Bloch, wo der Alltag sie nicht fordert und die Lehrer meist schwache Gegner beim intellektuellen Kräftemessen sind. Anfangs erregt Ada auf Ernst-Bloch wenig Aufmerksamkeit. Das soll sich ändern im Fortgang dieses Romans.
Während im Großen und Ganzen der Weltpolitk die Fronten von >Gut< und >Böse< unter dem Eindruck von Terrorismus und den Spätfolgen einer zusammengestürzten Weltordnung durcheinandergeraten sind, entwickelt sich im Mikrokosmos auf Ernst-Bloch eine mitreißende Geschichte, die unausweichlich auf eine Kette unerhörter Begebenheiten zuläuft, bis der Lehrer Smutek sich schließlich in einer Gewaltorgie gegen seine Schüler rächt und befreit.

(aus dem Kladdentext)

    Juli Zeh - 2018
    Juli Zeh – 2018

Nachdem ich die dreiteilige Verfilmung des Romans „Unterleuten“ von Juli Zeh gesehen hatte, las ich noch einmal den 2004 erschienenen Roman Spieltrieb der damals erst 30-jährigen Autoren. Heute gehört Juli Zeh sicherlich zu den arriviertesten Autorinnen in Deutschland. Der Roman wurde 2013 verfilmt.

Der weit über 500 Seiten starke Roman ‚Spieltrieb‘ war bei seinem Erscheinen ziemlich umstritten. Während die einen den Roman in den höchsten Tönen lobten, wurde er andererseits als „pornolastiges Hanni-und-Nanni-Remake“ verunglimpft, zudem sei er zu sehr von Robert Musils „Törless“ inspiriert worden. Im Mittelpunkt des Romans steht so Musils Der Mann ohne Eigenschaften. Richard Kämmerlings von der FAZ schrieb, „er hat nur das Gefühl, den Roman einer überambitionierten Klassenstreberin gelesen zu haben.“

Ich halte Juli Zehs Roman für eine Art Jugendroman, der für Erwachsene geschrieben wurde, denn die sicherlich ausufernde Handlungsfülle, besonders die literarischen Anspielungen dürften für Jugendliche kaum nachvollziehbar sein. Und irgendwie – zumindest vom Typus her – sehe ich in Ada, der Protagonistin, ein Alter Ego der Autorin. Vielleicht täusche ich mich da.

Bemängelt wurde übrigens auch die „chronische Verwendung schiefer Metaphern“, die ich zunächst auch etwas merkwürdig, dann aber durchaus witzig fand. Besonders die Bilder, die aus der Meteorologie stammen (und Wetter spielt bei uns immer eine wichtige Rolle), sind zwar schräg, aber einfallsreich.

Der Roman dreht sich um das Spiel als „letzte uns verbliebene Seinsform“. „Wissen Sie, was übrig bleibt, wenn man dem Menschen alle Wertvorstellungen nimmt? […] Der Spietrieb bleibt.“ (S. 547) – „Moral dient der Herbeiführung von Berechenbarkeit. Der Mensch ist […] am berechenbarsten, wenn er pragmatisch handelt. Wenn er spielt.“ (S. 552)

Spieltrieb ist ein großer Roman über die Unmoral und ihre Folgen, letztlich aber ein moralischer Roman, der die Fortgeltung von überkommenen Wertprinzipien in Frage stellt und sich damit einer der großen Fragen unserer Zeit annimmt. Wer weiß noch, was gut und was böse ist – und woher kann er das wissen? – siehe auch: perlentaucher.de

‚Willi‘ Marx

Seit Montag haben die Friseure wieder geöffnet. Ich lasse mir noch etwas Zeit, aber in den nächsten Tagen werde ich wohl mein Haupthaar endlich schneiden lassen. Mit der Bartpracht sieht es leider nicht so gut aus. Das Kinngewächs muss ich mir wohl erst einmal selbst kürzen. Sei es drum …

    Bärtiger Marx-Willi (mit und ohne Brille)
    Bärtiger Marx-Willi (mit und ohne Brille)

An Marx‘ Gesichtsbehaarung komme ich aber erst einmal noch nicht heran. Wenn die Marx’sche Stirn auch ziemlich hoch ist, so ist der Rest der reinste Wildwuchs. Immerhin stimmt die Farbe. Und wenn ich noch etwas warten würde, dann … Aber auch heute schon ist eine gewisse Ähnlichkeit nicht zu leugnen, oder?

Karl Marx wird zu 'Willi'
Karl Marx wird zu ‚Willi‘

Übrigens: Vor wenigen Tagen (5. Mai) hatte Karl Marx Geburtstag. Es wäre sein 202. (1818 in Trier geboren). Der 5. Mai ist übrigens Europa- und Hebammentag.

Und da ich gerade bei Marx bin: Gerhard_Henschel schrieb in seinem ‚Erfolgsroman‘:

„Man soll ja auch in seiner eigenen Bibliothek Entdeckungen machen können“, sagte sie und zog ‚Das Kapital‘ aus dem Regal.
„Hab ich auch mal zu lesen versucht. Schön und gut, aber irgendwie hätte ich gedacht, es müßten mehr Indianer drin vorkommen …“

Da hat jemand May mit Marx verwechselt, oder? – In diesem Sinne: Indianer kennen keinen Schmerz und überstehen auch die Coronakrise.Bleibt gesund!

Welttag des Buches – Willi liest

Es ist eine schöne Sitte (oder fast schon Unsitte), Tagen eine gewisse Bedeutung zu geben. Heute ist also der Welttag des Buches. So wird dem Buch als solches gehuldigt. Ich wäre der Letzte, der etwas dagegen hätte.

23. April: Welttag des Buches
23. April: Welttag des Buches

Wenn man wie ich von der schnöden Arbeit entbunden ist, also über freie Zeit en masse verfügt (es sei denn, andere meinen, meine kostbare Zeit unnötig in Anspruch zu nehmen), der schlägt gern ein Buch auf oder zwei oder drei …

Noch in etwas sichtbar weiter (wohl auch geistiger) Ferne liegt der Ulysses von James Joyce (übersetzt von Hans Wollschläger) auf einem Stapel anderer Bücher, den ich vor vielen Jahren einmal bis zur Seite 400 geschafft hatte. Dann gab ich es mit dem Hinweis auf, es einmal z.B. im Rentenalter erneut aufzuschlagen:

Stately, plump Buck Mulligan came from the stairhead, bearing a bowl of
lather on which a mirror and a razor lay crossed. A yellow dressinggown,
ungirdled, was sustained gently behind him on the mild morning air. He held
the bowl aloft and intoned:
—Introibo ad altare Dei.
Halted, he peered down the dark winding stairs and called out coarsely:
—Come up, Kinch! Come up, you fearful jesuit!

… zu Deutsch nach Hans Wollschläger (1975):

STATTLICH UND FEIST erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in
Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen. Ein gelber Schlafrock mit
offenem Gürtel bauschte sich leicht hinter ihm in der milden Morgenluft. Er hielt das Becken in die
Höhe und intonierte:
– Introibo ad altare Dei. [Zum Altar Gottes will ich treten, …]
Innehaltend spähte er die dunkle Wendeltreppe hinunter und kommandierte grob:
– Komm rauf, Kinch! Komm rauf, du feiger Jesuit!

… und in der Übersetzung von Georg Goyert (1927):

Gravitätisch kam der dicke Buck Mulligan vom Austritt am obern Ende der Treppe: er trug ein Rasierbecken, auf dem kreuzweise ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen. Im milden Morgenwind bauschte sich leicht hinter ihm ein gelber, ungegürtelter Schlafrock. Er hob das Becken in die Höhe und stimmte an:
>Introibo ad altare Dei.< Dann machte er halt, sah die dunkle Wendeltreppe hinab und rief rauh: >Kinch, komm rauf! Komm rauf, du gräßlicher Jesuit!<

In zwei Jahren jährt sich zum hundertsten Mal der Jahrestag des Erscheinens (1922) dieses Romans. Also wäre das DANN doch der richtige Zeitpunkt, oder?

Was lese ich im Augenblick? Es ist zum zweiten Male Juli Zehs Spieltrieb aus 2004 (Anlass zum erneuten Lesen war für mich die Verfilmung ihres Romans Unterleuten). Zum ‚Spieltrieb‘ in den nächsten Tagen etwas mehr …

Was lest Ihr eigentlich so … in Zeiten des Coronavirus? Sich mit einem guten Buch in den nächsten Park zu setzen, ist durchaus erlaubt (und wer einen Garten oder Balkon hat, kann es dort sogar völlig ungestört tun). Bleibt gesund und geruhsames Lesen! Es braucht dazu nicht eines Welttages des Buches, oder?!

Tag der Erde – Heinrich Heine: Ganz entsetzlich ungesund

Heute ist der Tag der Erde und ich lasse Heinrich Heine zu Wort kommen, wenn auch das, was er uns in lyrischer Form zu sagen hat, eher unangenehm ist. Ist zu hoffen, dass wir Erdenmenschen aus der Coronakrise lernen und etwas mehr auf uns und unseren Planeten achtgeben.

Heinrich Heine (Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831)
Heinrich Heine (Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831)

Ganz entsetzlich ungesund
Ist die Erde, und zugrund‘,
Ja, zugrund‘ muß alles gehn,
Was hienieden groß und schön.

Sind es alten Wahns Phantasmen,
Die dem Boden als Miasmen
Stumm entsteigen und die Lüfte
Schwängern mit dem argen Gifte?

Holde Frauenblumen, welche
Kaum erschlossen ihre Kelche
Den geliebten Sonnenküssen,
Hat der Tod schon fortgerissen.

Helden, trabend hoch zu Roß,
Trifft unsichtbar das Geschoß;
Und die Kröten sich beeifern,
Ihren Lorbeer zu begeifern.

Was noch gestern stolz gelodert,
Das ist heute schon vermodert;
Seine Leier mit Verdruß
Bricht entzwei der Genius.

O wie klug sind doch die Sterne!
Halten sich in sichrer Ferne
Von dem bösen Erdenrund,
Das so tödlich ungesund.

Kluge Sterne wollen nicht
Leben, Ruhe, Himmelslicht
Hier einbüßen, hier auf Erden,
Und mit uns elendig werden –

Wollen nicht mit uns versinken
In den Twieten, welche stinken,
In dem Mist, wo Würmer kriechen,
Welche auch nicht lieblich riechen –

Wollen immer ferne bleiben
Vom fatalen Erdentreiben,
Von dem Klüngel und Geruddel,
Von dem Erdenkuddelmuddel.

Mitleidsvoll aus ihrer Höhe
Schaun sie oft auf unser Wehe;
Eine goldne Träne fällt
Dann herab auf diese Welt.

Heinrich Heine: Ganz entsetzlich ungesund…

Quiz zum Wochenende (3): Pest, Cholera, Typhus oder Covid-19?!

In naher Zukunft wird wohl auch das Coronavirus und die daraus verursachte Krankheit Covid-19 literarisch aufgearbeitet werden. Die Pest, Cholera und Typhus haben dagegen längst ihren Niederschlag in der Bellestristik gefunden.

So habe ich in diesen Tagen einen Roman gelesen, in dem eine dieser Infektionskrankheiten eine wesentliche Rolle spielt.

Hierzu meine heutige Quizfrage:

Einer der Protagonisten dieses Romans ist ein kleiner Rathausangestellter, der einen Roman schreiben will, jedoch nie über den ersten Satz hinauskommt. So lautet dieser Satz anfangs:

„An einem schönen Morgen des Monats Mai durchritt eine elegante Amazone auf einer wunderbaren Fuchsstute die blühenden Alleen des Bois de Boulogne.“

Eine 2. Fassung lautet dann:
„An einem schönen Maimorgen durchritt eine schlanke Amazone auf einer wunderbaren Fuchsstute die blühenden Alleen de Bois de Boulogne.“

Auch das ist ihm noch nicht gut genug. So ändert er diesen Saz wie folgt:
„An einem schönen Maimorgen durchritt eine schlanke Amazone auf einer prächtigen Fuchsstute die Alleen voller Blumen des Bois de Boulogne.“

Und er kommt zur vorerst letzten Fassung:
„An einem schönen Maimorgen durchritt eine schlanke Amazone auf einer prächtigen Fuchsstute inmitten der Blumen die Alleen des Bois.“

Am Ende verzichtet er auf alle Adjektive:
„An einem Maimorgen durchritt eine Amazone auf einer Fuchsstute inmitten der Blumen die Alleen des Bois.“

Willi mit Pest, Cholera oder Typhus und zu langen Haaren (den Zeitpunkt, zum Friseur zu gehen, verpasst)
Willi mit Pest, Cholera oder Typhus und zu langen Haaren (den Zeitpunkt, zum Friseur zu gehen, verpasst)

Diese Romanfigur erkrankt übrigens an der Seuche, wird diese aber überleben. – Von wem stammt der Roman und wie heißt dieser?

Albert Camus: Die Pest

Gabriel García Márquez: Die Liebe in den Zeiten der Cholera

Jürg Federspiel: Die Ballade von der Typhoid Mary

Nun, wer von Euch weiß es? Ansonsten weiterhin gute Gesundheit!

Albert Camus: Die Pest – Aufruf zur Solidarität

Mit Ausbruch der Corona-Krise sind in Frankreich und Italien die Verkäufe des Romans „Die Pest“ von Albert Camus gestiegen, der eine von Krankheit und Tod heimgesuchte Stadt beschreibt. Der Roman ist vor allem ein Aufruf zur Solidarität zwischen den Menschen, die heute durch das Coronavirus genauso wichtig ist wie zu der Zeit vor gut 70 Jahren, in der Camus‘ Roman spielt. Hier ein Beitrag, den ich bereits vor fast sieben Jahren geschrieben habe:

    Das Böse in der Welt rührt fast immer von der Unwissenheit her, und der gute Wille kann so viel Schaden anrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist. (S. 86)

Und weiter heißt es bei Camus: Die Menschen sind eher gut als böse, und in Wahrheit dreht es sich gar nicht um diese Frage. Aber sie sind mehr oder weniger unwissend, und das nennt man dann Tugend oder Laster. Das trostloseste Laster ist die Unwissenheit, die alles zu wissen glaubt und sich deshalb das Recht anmaßt zu töten. (S. 86f.)

Es ist wohl das bekannteste Werk des Romanciers und Philosophen Albert Camus, dem ich mich in diesem Weblog schon öfter gewidmet habe. Gemeint ist der Roman Die Pest, das ich in folgender Ausgabe habe: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg – rororo 15 – 829.-853. Tausend März 1979 (Original: La Peste, 1947 Librairie Gallimard, Paris)

Albert Camus: Die Pest

Camus war der Philosoph des Absurden, der meinte, dass man dem Leid und Elend in der Welt keinen Sinn abgewinnen kann. Der Mensch fühlt, wie „fremd“ alles ist, die Außenwelt und ihre Sinnlosigkeit bringen ihn wegen seines Strebens nach Sinn in existentielle Konflikte. In diesem Roman nun führte Camus das Element der ständigen Revolte gegen die Sinnlosigkeit der Welt ein, wie sie in seinem Essay „Der Mensch in der Revolte“ („l’homme révolté“, 1958) später voll entwickelt wird. Insbesondere kommen aber die Werte Solidarität, Freundschaft und Liebe als möglicher Ausweg hinzu, wenn auch die Absurdität nie ganz aufgehoben werden kann.

In der nordafrikanischen Stadt Oran bricht eine furchtbare Seuche aus, die längst aus zivilisierten Regionen verbannt schien. Die sich unerbittlich ausbreitende mörderische Epidemie bestimmt allmählich das gesamte Leben der von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt und verändert es. Außerordentlich wirklichkeitsnah, ist das Werk zugleich ein großartiges Sinnbild des apokalyptischen Grauens, das den Einzelmenschen angesichts der maßlosen kollektiven Verhängnisse unserer Zeit befällt. Doch nimmt der Leser die Gewißheit mit, daß Mut, Willenskraft und Nächstenliebe auch ein scheinbar unabwendbares Schicksal meistern können.
(aus dem Kladdentext)

In seinen Tagebücher (Albert Camus, Tagebücher 1935 – 1951) schrieb Camus dazu: „Ich will mit der Pest das Ersticken ausdrücken, an dem wir alle gelitten haben, und die Atmosphäre der Bedrohung und des Verbanntseins, in der wir gelebt haben. Ich will zugleich diese Deutung auf das Dasein überhaupt ausdehnen. Die Pest wird das Bild jener Menschen wiedergeben, denen in diesem Krieg das Nachdenken zufiel, das Schweigen – und auch das seelische Leiden.“

Personen:

Bernard Rieux, Arzt und Verfasser des Berichts
Frau Rieux (†)
Mutter Rieux

M. Michel, Hauswart († – 1. Opfer)
M. Othon, Untersuchungsrichter (†)

Raymond Rambert, Journalist
Jean Tarrou, junger Mann, Tagebuchschreiber († – das letzte Opfer)
Pater Paneloux († – zweifelhafter Fall)
Joseph Grand, Angestellter der Stadtverwaltung (erkrankt) -> Liebe zu Jeanne
M. Cottard (Selbstmordversuch) -> Verhaftung

Dr. Richard, Sekretär des Ärzteverbandes (†)
Dr. Castel (stellt Serum her)

Schmuggler und Menschenschieber
Garcia / Raoul / Gonzales / Marcel & Louis

Präfekt
Asthmaischer Spanier
männlicher Katzenbespucker

u.a.

Der Roman „Die Pest“ ist als Parabel der französischen Widerstandsbewegung Résistance ein Plädoyer für die Solidarität der Menschen im Kampf gegen Tod und Tyrannei und damit „gleichzeitig eine Chronik der Kriegszeit. Die von Albert Camus gewählte Stadt Oran steht stellvertretend für das von Nazideutschland besetzte Frankreich. Durch den Ausbruch der Pest wurde Oran zu einer hässlichen von der Außenwelt abgeschlossenen Stadt. Der Arzt Rieux, der der Erzähler der Geschehnisse ist, und Tarrou machen Aufzeichnungen von den Ereignissen, auf die die Bewohner nicht vorbereitet waren. Nicht nur Rieux, sondern ebenso die anderen Hauptpersonen machen es sich nach und nach zur Aufgabe, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Pest und ihre verheerenden Folgen für die Bevölkerung vorzugehen und sich den von Tarrou aufgestellten Sanitätstrupps [Widerstandsgruppen] anzuschließen. Auch der Jesuitenpater Paneloux meldet sich als freiwilliger Helfer und sieht es als seine Pflicht an, in der vordersten Reihe seinen Dienst zu tun. Der Roman ‚Die Pest’ besitzt wie der Roman ‚Der Fremde’ eine soziale und eine metaphysische Ebene. In mehreren Gesprächen zwischen Rieux und Pater Paneloux, sowie zwischen Rieux und Tarrou wird die Frage nach dem Leid in der Welt erörtert. In seiner ersten Predigt spricht der Pater von der Pest als einer Geißel Gottes, dieser Standpunkt wird von Rieux vehement abgelehnt. Jedoch sucht Pater Paneloux in seiner zweiten Predigt nicht mehr nach einer Erklärung für das Leid. Er hat seinen Zuhörern keine Belehrungen mehr zu geben und spricht sie daher mit ‚wir’ und nicht wie in seiner ersten Predigt mit ‚ihr’ an.“ (siehe weiter: Albert Camus: das Absurde – die Wahrheit – die Revolte – Die Pest).

Der Roman endet mit einer eindringlichen Mahnung:

Während Rieux den Freudenschreiben lauschte, die aus der Stadt empordrangen, erinnerte er sich nämlich daran, daß diese Fröhlichkeit ständig bedroht war. Denn er wußte, was dieser frohen Menge unbekannt war und was in den Büchern zu lesen steht: daß der Pestbazillus niemals ausstirbt oder verschwindet, sondern jahrzehntelang in den Möbeln und der Wäsche schlummern kann, daß er in den Zimmern, den Kellern, den Koffern, den Taschentüchern und den Bündeln alter Papiere geduldig wartet und daß vielleicht der Tag kommen wird, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und erneut aussenden wird, damit sie in einer glücklichen Stadt sterben. (S. 202)

Nein, so doch nicht … (9): Lustgewinn und Schmerzvermeidung

Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind, denn es sind keine anderen da. Und für jeden einzelnen dieser Menschen, auch für dich und für mich, geht es, aufs Wesentliche runtergebrochen, ausschließlich um zwei Dinge: Lustgewinn und Schmerzvermeidung. Wer das einmal begriffen hat, ist den entscheidenden Schritt weiter. Also, zähl deine Geschenke, nicht deine Probleme.

Heinz Strunk, Jürgen

Nein, so doch nicht ...
Nein, so doch nicht …

Reduzieren wir den Lebenssinn aufs den Kern, dann mag Heinz Strunk recht haben: Nun tut sich kaum einer wirklich so leicht. Viel zu oft werden wir ausgebremst, wenn es um ‚Lustgewinn‘ geht (nicht nur durch Konventionen – und wer will schon so, wie wir es wollen). Und spätestens, wenn wir ins Alter kommen, lassen sich durch die mit den angesammelten Jahren bedingte Schmerzen (aller Fitnessübungen zum Trotz) kaum vermeiden. Klar, dem, der weint und verzagt, wird es nicht besser gehen. Also aufgerafft, den Hintern hoch, hinein ins mit Energie strotzende Leben. Und her mit den ‚Geschenken‘. Die Sorgen lasst zu Hause!