Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Nein, so doch nicht … (13): In postideologischen Zeiten

    Wo man früher über Kapitalismus, Marxismus und die Qualität der Politiker stritt, geht es heute um Fleischkonsum und Vollkornrettung. Und wer meint, dass wir in postideologischen Zeiten leben, möge doch beim Elternabend vorschlagen, den Kindern beim Wandertag ein Wurstbrötchen, Vollmilchschokolade und eine Dose Cola mitzugeben, wie früher. Ebenso gut könnte man Heroin anpreisen.
    Nils Minkmar im ‚Spiegel‘

2016 wurde Minkmar mit dem Ben-Witter-Preis ausgezeichnet und geehrt als „lebenskluger Beobachter unserer kleinen Welt, der sich seinen freien Blick und sanften Spott bewahrt hat“.

Nein, so doch nicht ...
Nein, so doch nicht …

Wer ist schon frei von Ideologie? Auch wenn wir uns nicht mehr so sehr um das große Ganze streiten, so hat doch jeder sein spezielles Gedankengebäude errichtet – bei dem einen ist es eher klein, bei dem anderen eher etwas größer aufgestellt -, um gewissermaßen über die alltäglichen Runden zu kommen.

Und wenn mancher meint, die ‚große Ideologie‘ von vorgestern bemühen zu müssen, dann verbirgt sich dahinter doch ein kleinkariertes Denken, das eher Schaden anrichtet als Nutzen bringt.

So sind mir diejenigen doch lieber, Herr Minkmar, die ernährungstechnisch ins Ideologische reichende Vorstellungen haben, als solche, die Nation und Volk zu völkischem Chauvinismus verwandeln wollen.

Nein, so doch nicht … (12): Das Wörtchen ‚man‘

Kafkas Prozess beginnt damit („Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, …“), Goethe benutzte es in seinem Faust („Ich weiß, wie man den Geist des Volks versöhnt; …“). Es geht um Indefinitpronoma, also um unbestimmte Fürwörter, die sich leider nicht immer vermeiden lassen, besonders das Wörtchen ‚man‘. Die Frage, die ich hier erörtern will, ist, ob ‚man‘ frauenfeindlich ist, wenn man ‚man‘ benutzt.

In diesem Blog bemühe ich mich, das Wörtchen ‚man‘ tunlichst zu vermeiden. ‚Man‘ klingt wie Mann. Ist aber ‚man‘ mit Mann gleichzusetzen? Werden Frauen also diskriminiert, weil ’s immer nur ‚man‘ und nie ‚frau‘ heißt?

Das Wörtchen ‚man‘ ist wie jemand (siehe Kafka), alle, einer, manche, wer, etwas, einige, andere ein Indefinitpronomen, also unbestimmtes Fürwort. Pronomen treten „an die Stelle eines Nomens (Substantiv; deutsch Namenwort)“ und das Wörtchen ‚man‘ verwenden wir insbesondere dann, wenn wir etwas verallgemeinern, also nicht konkret von einer Person, Sache usw. sprechen. Und ‚man‘ taucht noch in vielen anderen Wörtern auf wie mancherlei – manchmal – mannigfach. Und gibt es da noch jedermann (Hugo von Hofmannsthal und Salzburg lassen grüßen).

Nein, so doch nicht ...
Nein, so doch nicht …: Das Wörtchen ‚man‘

Wie verhält es sich nun mit der ‚Männlichkeit? Was dafür spricht, ist das generische Maskulinum, die Benutzung der verallgemeinernden männlichen Form, z.B. Man hat sein Glück gemacht, wenn … Das Possessivpronomen (besitzanzeigende Fürwörter) ’sein‘ ist männlich (so wie: Er hat sein Glück gemacht!).

Nun habe ich aber zur Etymologie von ‚man‘ gelesen (pinkstinks.de bzw. frauensprache.com), dass ‚man‘ im ursprünglichen Altnordischen „Frau“ (engl. woman) bedeutet. Das Wort für „Mann“ war nicht ‚man‘, sondern ‚wer‘, aus der Sanskritwurzel vir, wie in wer-wulf, dem Wolfsmann. Und die englische Isle of Man war z.B. der Mondfrau geweiht, die auch als Seejungfrau daher kam. Im Europa des Altertums sei es Mana, die Mondmutter, gewesen, die die Menschen hervorbrachte. Dem widerspricht allerdings, was ich über den Namen der Isle of Man gelesen habe. Danach lehnt sich ‚Man‘ an das keltische Wort für Berg, könnte allerdings auch der Name eines Königs sein. Männlich oder weiblich? Mann oder Frau? Wer weiß es genau? Wie auch immer …

Der Duden sagt, dass die Herkunft mittelhochdeutsch, althochdeutsch sei und ‚man‘ eigentlich irgendeiner, jeder beliebige (Mensch!) meint. Oder an anderer Stelle: ‚man‘ meint irgend jemand, manche oder alle Menschen, formal sind Frauen mitgemeint, wenn MAN „man“ sagt:

Der Duden geht dann noch etwas mehr in die Tiefe und definiert ‚man‘ u.a. mit:

– jemand (sofern er in einer bestimmten Situation stellvertretend für jedermann genommen werden kann), z.B. … man nehme … (wie viele Kochbücher müssten umgeschrieben werden, wenn …)

– irgendjemand oder eine bestimmte Gruppe von Personen, z.B. … man vermutet … (es wird allgemein vermutet)

– du, ihr, Sie; er, sie (zum Ausdruck der Distanz, wenn jemand die direkte Anrede vermeiden will), z.B. … hat man sich gut erholt? …

Und im digitalen Grimm (Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm) finden MAN u.a.:

man, seit der mhd. zeit im gebrauche […], sagt ohne bezug auf ein bestimmtes subject im allgemeinen aus, was zugleich von mehreren gelten kann (gramm. 4, 220); bei dieser allgemeinheit ist eine mehrheit verstanden, man menschen, leute …

Wie gesagt: Das Wörtchen ‚man‘ verallgemeinert. Und deshalb versuche ich, es zu umgehen. Wer laufend ‚man‘ benutzt, bleibt im Unbestimmten. Wir wollen angesprochen werden (wir oder ihr statt ‚man‘).. Oder wir wollen, dass sich der Schreiber zu erkennen gibt (ich statt ‚man‘).

Auf jeden Fall finde ich die Verwendung von ‚frau/man‘ statt ‚man‘ für – na ja – unpassend. Ich bin durchaus für eine geschlechtergerechte Sprache. Aber mit diesem ‚frau/man‘ ginge der Schuss nach hinten los. Nein, so doch nicht …!

Zuletzt: Nun, ich komme aus norddeutschem Gefilde. Und da gibt es eine Eigenheit mit dem Wörtchen ‚man‘, das nur hier zu finden ist: ‚man‘ als Adverb (Umstandswort), norddeutsch umgangssprachlich für nur, mal, z.B.:

– lass man gut sein!
– na, denn man los!

Ja, richtig: Lass man gut sein, Willi!

Robert Walser: Mädchen

Es war im Jahr 1978, also vor nun 42 Jahren – ich war im noch zarten Alter von 24 Jahren -, da gönnte ich mir als Werkausgabe Edition suhrkamp (ja, die mit dem Reihendesign in Spektralfarben) das Gesamtwerk in 12 Bänden von Robert Walser (erste Auflage zum 100. Geburtstag). Irgendwie muss ich über Hermann Hesse auf Walser gestoßen sein. Aber gleich das Gesamtwerk?

    Robert Walser (1878 - 1956)
    Robert Walser (1878 – 1956)

Nun, es war nicht nur Hesse, der sich für Robert Walser einsetzte. Walser hatte auch einen zumindest heute prominenten Leser: „Wenige seiner Leser von 1909 dürften so klar und sicher wie Kafka in einem Brief geurteilt haben: ‚Ein gutes Buch.‘ (Auch Max Brod hat bezeugt, ‚Jakob von Gunten‘ [ein Roman von Robert Walser] sei ein Lieblingsbuch seines Freundes gewesen.)
aus dem Nachwort zu Jakob von Gunten – ein Tagebuch (1909)

Nun, um es vorweg zu nehmen: Die Investition hat sich gelohnt. Robert Walser fällt dermaßen aus dem Rahmen, den die Schriftsteller um die Zeit 1900 bis 1935 gebildet haben, dass es mich eigentlich wundert, Walser auch heute noch im Olymp deutschsprachiger Dichter zu wähnen.

Aber komme ich endlich zur Sache. Hier ein Gedicht von ihm, das im März 1927 im „Prager Tagblatt“ erstmals erschien. Max Brod war Mitarbeiter der Zeitung und hat Walser dadurch unterstützt, dass er von seinem Werk vieles veröffentlichen ließ (so schließt sich dann auch der Kreis Walser-Brod-Kafka):

    Das eine dieser beiden Mädchen
    sieht zierlich aus wie ein Salätchen
    von duftenden und zarten Blättchen
    und hat die schönstgeformten Wädchen
    und schaut zum Fenster still hinaus
    ins morgendliche Landschaftshaus.
    Des andern Mädchens Haar ist kraus
    wie ein zerzauster Blumenstrauß.
    Unangefochten steht die eine
    als Ungezwungene und Reine
    auf ausgesprochen feinem Beine,
    im Mieder vor dem Sonnenscheine.
    Die andre küßt und flüstert: „Du!“
    Besinnung schließt sich ganz ihr zu,
    sie zittert, knistert, lodern, puh,
    von Leidenschaft bis in die Schuh`
    und kennt im Herzen keine Ruh‘.
    Die erste weiß nichts von Genüssen,
    wofür noch jed` hat büßen müssen,
    sie gleicht mit jedem Atemzug
    dem wonnenangefüllten Krug.
    Die zweite ist von sündigfrommen,
    lüsternen Flammen eingenommen,
    von Ungenügsamkeit umglommen,
    und hat sie nicht mehr wegbekommen.
    Wie fröhlich, selig ist ein Leben,
    das heiter uns aus uns kann heben.
    Das ist`s ja eben, daß wir kleben
    am Körpers Nöten, statt zu schweben
    in unherabgezognem Streben,
    wie Reben, die im Trieb, zu geben,
    sich wohlbefinden an den Stäben.

Zu seiner Zeit wurde Walser Geschwätzigkeit vorgeworfen (bezog sich vor allem auf seine Romane). So ganz kann das nicht bestritten werden. Aber es ist eine besondere Geschwätzigkeit. Und besonders die Gedichte von ihm zeugen von einem Wort-Klang-Spiel von kindlichem Ernst. Wie das Gedicht ‚Mädchen‘ so sind viele mit „ziemlich gewollten, unglücklichen Reime[n]“ ausgestattet. Aber darin liegt der Reiz: Vielleicht sollten wir etwas kindlicher sein.

Hier nur ein kleines, weiteres Beispiel Walser’scher Dichtkunst:

“Schnee liegt vergnügt auf allen Dächern
wie längst vergeßne Brief in Fächern”

„Wie ich zum Dichten kam, weiß ich selber nicht recht. Das gab sich, wie sich sonst etwas gibt. Ich habe mich oft gefragt, wie es anfing. Nun, es fing bei einem Zipfelchen an und nahm mich fort. Kaum wußte ich, was ich tat. Ich dichtete aus einem Gemisch von hellgoldenen Aussichten und ängstlicher Aussichtslosigkeit, war immer hlb in Angst, halb in einem beinah übersprudelnden Frohlocken.“
Robert Walser

Kurz und spitz (01): Polterer

    Die Deutschen sind Polterer, ob von links oder von rechts. Es fehlt ihnen das Vermögen zur feinen Spitze, zur eleganten Ironie, die den Gegner bloßstellt, ohne ihn zu vergrößern.
    Dirk Kurbjuweit

Kurz und spitz: Polterer
Kurz und spitz: Polterer

Hier entsteht eine neue Rubrik, eine neue Kategorie (wie es in Blogs auch genannt wird), in der kurz, dafür möglichst spitz, Gedanken formuliert werden, die Anstoß zum Überdenken geben sollen.

Ja, feine Spitzen der Ironie gegen den Unverstand, die Ignoranz braucht das Land. Denn was mich immer wieder wundert, gar ärgert, ist, wie es bei uns immer wieder geschafft wird, den Gegner größer dazustellen, als er es ist. Wir müssen wohl noch einiges lernen.

Albert Camus: Der Fall (1956)

    «Wenn die Zuhälter und Diebe immer und überall verurteilt würden, hielten sich ja alle rechtschaffenen Leute ständig für unschuldig! Und meiner Meinung nach muss gerade das verhindert werden.»
    Albert Camus: Der Fall (1956)

In diesem 1957 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Roman Der Fall schildert Camus den Fall des Pariser Anwalts Johannes Clamans, der seine Karriere als erfolgreicher und beliebter Strafverteidiger der Pariser Hautevolee freiwillig aufgibt, um als um als Winkeladvokat und „Bußrichter“ unter den Asozialen im Amsterdamer Hafenviertel unterzutauchen. Clamans war aus seiner Selbstzufriedenheit und dem vermeintlichen Einklang mit der Welt gestürzt, als er eines Nachts an der Seine den Hilfeschrei einer Selbstmörderin gehört und nicht beachtet hatte. Damit beginnt sein Gewissenskonflikt; und in einer atemberaubenden Beichte voll eisiger Ironie und lateinischer Klarheit bekennt er, daß Selbstgefälligkeit und Opportunismus die Triebfelder seines Gerechtigkeitssinnes waren. (aus dem Kladdentext)

Ich habe diesen gerade einmal 120 Seiten umfassenden Roman in folgender Ausgabe vorliegen: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg – 1044, 184.-193. Tausend Februar 1979 – aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister – Originalausgabe erschien unter dem Titel „La Chute“

Albert Camus: der Fall (1956)
Albert Camus: der Fall (1956)

Die Geschichte ist in Amsterdam angesiedelt und wird als Monolog vom selbsternannten „Bußrichter“ Jean-Baptiste Clamence erzählt, der einem Fremden seine Vergangenheit als erfolgreicher Anwalt offenbart. In seiner Lebensbeichte berichtet er von seiner Krise und seinem Fall, der als individuelle säkulare Version des Sündenfalls gesehen werden kann. Das Werk erkundet Themen wie Bewusstsein, Freiheit und die Sinnlosigkeit des menschlichen Lebens.

Die Besonderheit dieses Romans liegt darin, dass der Protagonist, der die Beichte ablegt, im ganzen Werk als Einziger zu Wort kommt. Der Verzicht auf einen allwissenden Erzähler, der auch Camus’ 14 Jahre zuvor erschienenen Roman Der Fremde prägt, nimmt dem Leser die Möglichkeit, das Geschehen zu objektivieren.

Nebelverhangene Grachten, kleine Brücken und unzählige Fahrradfahrer bestimmen das Bild von Amsterdam. 1954 entdeckte Albert Camus die niederländische Hauptstadt und empfand sie als klassisch und frech, aber auch düster – der ideale Konterpart zu seiner Melancholie. In Amsterdam siedelte der zukünftige Literaturnobelpreisträger seinen Roman „Der Fall“ an: die poetische Irrfahrt eines Mannes, der von der Schuld zerfressen wird. (Quelle: arte.tv)


Der Fall: Albert Camus und Amsterdam

Hier einige kurze Textpassagen, die teilweise allein für sich sprechen:

„… gepflegter Stil und Seidenhemden haben miteinander gemein, daß sie nur allzu oft einen häßlichen Ausschlag verbergen.“ (S. 8)

    „Wer keinen Charakter hat, muß sich wohl oder übel eine Methode zulegen.“ (S. 12)

„Wenn einer nicht umhin kann, Sklaven zu halten, ist es dann nicht besser, er nennt sie freie Menschen?“ (S.- 40)

    „Sie wissen ja, was Charme ist: eine Art, ein Ja zur Antwort zu erhalten, ohne eine klare Frage gestellt zu haben.“ (S. 48f.)

„Ich habe keine Freunde mehr, ich habe nur noch Komplicen. Dafür hat ihre Zahl zugenommen, sie umfaßt das ganze Geschlecht der Menschen. Und unter den Menschen kommen Sie an erster Stelle. Der just Anwesende kommt immer an erster Stelle.“ (S. 62f.)

    „… geben wir ihnen ja keinen Vorwand, […] uns zu richten!“ (S. 65)

„Glücklich und gerichtet oder freigesprochen und elend.“ (S. 67)

    „… und bliebt in einem Leben auch nur eine Lüge verborgen, verlieh der Tod ihr Endgültigkeit.“ (S. 75)

„… die Lobreden wurden mir je länger desto unerträglicher. Mir schien, die Lüge nehme damit immer mehr zu …“ (S. 76)

    „Um dem Lachen zuvorzukommen, verfiel ich also auf die Idee, mich der allgemeinen Lächerlichkeit preiszugeben.“ (S. 76)

„… es genügt nicht, sich anzuklagen, um seine Unschuld zu beweisen …“ (S. 79)

    „… der Dreck verleiht uns Haltung.“ (S. 82)

„… die Wahrheit […] ist zum Sterben langweilig!“ (S. 85)

    „… daß die echte Ausschweifung befreit, weil sie keinerlei Verpflichtung schafft.“ (S. 86)

„Es ist kein Gott vonnöten, um Schuldhaftigkeit zu schaffen oder um zu strafen. Unsere von uns selbst wacker unterstützten Mitmenschen besorgen das zur Genüge.“ (S. 92)

    „… daß die einzige Nützlichkeit Gottes darin bestünde, die Unschuld zu verbürgen …“ (S. 92)

„Es fehlt nie an Gründen, einen Menschen umzubringen. Im Gegenteil, es ist unmöglich, sein Weiterleben zu rechtfertigen.“ (S. 93)

    „Keine Entschuldigung [,,,] Ich lasse nichts gelten, weder die wohlmeinende Absicht, noch den achtbaren Irrtum, den Fehltritt oder den mildernden Umstand.“ (S. 109)

„Die Anklagerede ist zu Ende. Im selben Augenblick wird das den Mitmenschen vorgehaltene Porträt zum Spiegel.“ (S. 115)

Willis Plaudereien (8): Die ‚große Freiheit‘

    Wie Hamburg habe ich meine „Große Freiheit‘. In allem. Ich halte mich nicht einmal an den Kalender. Wieso Neujahr feiern? An jedem Tag beginnt ein neues Jahr.
    Tomi Ungerer

Der Mann hatte gut reden. Natürlich kann jeder sich, anders als die anderen, an eigene Regeln halten, und übliche Gesetzmäßigkeiten außer Acht lassen. Irgendwann soll endlich die Umstellung zwischen Sommer- und Winterzeit entfallen. Da soll es aber schon heute Leute geben, die das gar nicht interessiert. Die haben immer Winterzeit (die Normalzeit übrigens). Bei denen ist es nicht 15, sondern erst 14 Uhr. Auf diese Art leben die Guten eine Stunde ‚länger‘.

Und ab einem bestimmten Alter wollen einige wiederum nicht mehr älter werden. Die bleiben 39 oder 49 oder 59 und eines Tages ‚vergessen‘ sie ganz einfach ihren Geburtstag (entsprechende Daten bei Facebook, Twitter usw. beizeiten löschen). Und wer mit Geschenken kommt, wird erschlagen.

Willi mit Helm - unscharf (Edelsteinminen Idar-Oberstein Juli 2019)
Willi mit Helm – unscharf (Edelsteinminen Idar-Oberstein Juli 2019)

Und für viele ist jeder neue Tag nicht nur der Beginn eines neuen Jahres (wie bei Herrn Ungerer), sondern sogar der Anfang eines neuen Lebens. Da wärst Du platt, lieber Tomi!

Russische Wochen (4) – Michael Bulgakow: Meister und Margarita

Komme ich zum vorerst letzten von mir gelesenem Buch meiner ‚russischen Wochen‘. Es ist ein Geschenk meines ältesten Sohnes und seiner Freundin, die russisch und vor allem weißrussisch als Muttersprache spricht, zum Vatertag. Der Autor, Michail Bulgakow, ist zwar in Kiew geboren, der heutigen Hauptstadt der Ukraine (bei seiner Geburt gehörte Kiew zum russischen Kaiserreich), er schrieb aber in russischer Sprache und gilt als einer der großen Satiriker der russischen Literatur. Seinen aberwitzigen Roman „Das hündische Herz“ habe ich bereits kurz vorgestellt. Heute geht es um sein Meisterwerk, an dem er zwölf Jahre (bis zu seinem Tode 1940 im Alter von 48 Jahren) schrieb: Meister und Margarita (dtv14301, vollständige Ausgabe 2014 – 7. Auflage 2019 – Мастер и Маргарита [Master i Margarita], 1966 – neu übersetzt und kommentiert von Alexander Nitzberg – mit einem Nachwort von Filicitas Hoppe).

Michael Bulgakow: Meister und Margarita
Michael Bulgakow: Meister und Margarita

Michail Afanassjewitsch Bulgakow, geboren am 15. Mai 1891 in Kiew, studierte Medizin, war Autor, Dramatiker, Übersetzer und Theaterregisseur. Berühmt wurden seine Romane und Erzählungen sowie seine Theaterstücke. Ab 1930 wurden die Werke Bulgakows in der Sowjetunion nicht mehr veröffentlicht. Der Schriftsteller stellte mehrfach Ausreiseanträge, die ihm jedoch verwehrt wurden.

Moskau um 1930: Zusammen mit seinen Gehilfen geht der Teufel um und wirbelt die Stadt mächtig durcheinander. Im Varietétheater richten sie ein heilloses Chaos an und stellen das Publikum – Bürger der Stalinzeit – mit all ihren Schwächen bloß. Die Behörden scheitern kläglich mit rationalen Erklärungsversuchen. Nur zwei Personen entgehen Schreck und Unbill: Der Meister – ein Schriftsteller, der seine Tage in der Psychiatrie zubringt – und Margarita, seine Geliebte, die sich in ihrem gutbürgerlichen Leben nach ihm sehnt.
Bulgakows Meisterwerk in der frischen und poetischen Neuübersetzung von Alexander Nitzberg ist eine auch heute noch hochpolitische Gesellschaftssatire – grotesk, aberwitzig und skurril: einer der schönsten Klassiker der Moderne.
(aus dem Kladdentext)

Der Roman schildert in einer allegorischen und witzigen, satirischen Weise das Leben in Moskau zu dieser Zeit. Viele Kritiker zählen den Roman zu den wichtigsten russischen Erzählungen des 20. Jahrhunderts und halten ihn für eine der besten Satiren der Zeit, gerichtet gegen die starre, von Willkür geprägte Bürokratie sowie die Überwachungspraktiken und die Versorgungsengpässe in der dogmatisch atheistischen Sowjetunion.

Das zweite Hauptthema des Romans ist mit den menschlichen Werten wie Gut und Böse, Gott und Teufel, Leben und Tod verbunden. Die Erlösung aller Beteiligten, deren freiwilliges Werkzeug auch der Teufel ist, steht hierbei im Mittelpunkt. Einige Kapitel enthalten eine auf historische Glaubwürdigkeit bedachte Erzählung über Pontius Pilatus während der letzten Tage Jesu Christi, der in der Erzählung mit seinem hebräischen Namen Jeschua genannt wird.

Aus beiden Handlungssträngen ergibt sich das dritte Hauptthema: Keine größere Sünde als die Feigheit. Keiner der Moskauer Beteiligten ist wirklich bereit, sich der höheren Macht – teils der Staatsmacht, teils der des Satans (in Gestalt des Zauberkünstlers Voland) – zu stellen. Auch Pontius Pilatus verzichtet angesichts der Konsequenzen auf die Freilassung Jeschuas.
Ein weiteres Thema des Romans ist das des Künstlers und der Kunst.

Die Figuren des Romans

Keine Frage: Es ist ein herrlich skurriles Buch, das auch heute noch Bestand hat und uns tief in die russische Seele blicken lässt – nicht nur der Stalinzeit, sondern auch der Putin-Ära. Nicht umsonst hat der Roman jede Menge Adaptionen erfahren, wurde verfilmt, kam als Hörspiele heraus oder wurde in diversen Theaterausführungen verarbeitet.

„Es ist an der Zeit, Bulgakows Werk als große epische Dichtung zu entdecken – dafür hat Nitzberg den Weg freigemacht … man muss sich Satz und Satz auf der Zunge zergehen lassen.“ ‚BuchMarkt‘

„Sensationell! Kongenial!“ Felicitas von Lovenberg in ‚Literatur im Foyer‘

Mit diesem Roman enden für mich erst einmal die ‚russischen Wochen‘. Ich kann Bulgakow, aber natürlich auch die Werke Dostojewskis (und der vielen anderen russischen Autoren) nur wärmstens empfehlen. Jetzt in der Urlaubszeit sollte genügend Muße zum Lesen vorhanden sein.

siehe auch:
Russische Wochen (1) – Tschingis Aitmatow: Frühe Kraniche
Russische Wochen (2) – Michael Bulgakow: Das hündische Herz
Russische Wochen (3) – Fjodor M. Dostojewski: Die Dämonen

Russische Wochen (3) – Fjodor M. Dostojewski: Die Dämonen

Komme ich heute zum 3. Buch meiner ‚russischen Wochen‘. Es ist der 1873 veröffentlichte Roman Die Dämonen von Fjodor M. Dostojewski, den ich in folgender Ausgabe vorliegen habe: Deutscher Taschenbuch Verlag, München – 5. Auflage Juni 1982 – 31. – 36. Tausend – dtv weltliteratur – Dünndruck-Ausgabe – Vollständige Ausgabe. Aus dem Russischen übertragen von Marianne Kegel [Marianne Kegel: Die Teufel – Leipzig: Hesse & Becker 1924]. – Titel der Originalausgabe: Бесы ‚Besy‘ (Petersburg 1971/72)

Über dieses Buch:
Der Roman >Die Dämonen< ist eine der machtvollsten, beziehungsreichsten Schöpfungen Dostojewskijs. Seine Romantechnik erreicht hier in der Verbindung von packender Handlung mit tiefster philosophisch-religiöser Thematik ihren Höhepunkt. Ein >Buch des großen Zorns< hat ein russischer Kritiker >Die Dämonen< genannt. Das ist der Roman zweifellos in dem heftigen Angriff Dostojewskijs auf die „nihilistische“ Generation der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts.
Wie in Turgenjews >Väter und Söhne< steht sich die Welt der Väter und der Söhne gegenüber. Der Vater Stepan Trofimowitsch Werchowenskij ficht Dostojewskijs Kampf gegen den Utilitarismus der jungen Genaration aus. Vor seinem Tod läßt er sich aus dem Lukas-Evangelium die Geschichte von der Austreibung der Teufel vorlesen, die dem Roman den Titel und seine religiöse Entschlüsselung gibt. Die Teufel, die Dämonen Russlands, sind die Handlanger der Zerstörung um der Zerstörung willen, vertreten durch den Sohn und Mörder aus politischen Motiven, Pjotr Stepanowitsch, durch die Hauptfigur Nikolaj Stawrogin und seinen Kreis der Nihilisten. Stawrogin ist ein von Machtgier und Zerstörungslust Besessener, der ein Leben voller Ausschweifungen und Grausamkeiten führt und sich schließlich, innerlich gescheitert, erhängt.

War der Ausgangspunkt Dostojewskijs zunächst weltanschaulicher Natur – der Konflikt zwischen den atheistischen, westlich orientierten Revolutionären und seiner nationalen, christlich-orthodoxen Überzeugung -, so wird immer mehr zum eigentlichen Thema, was der Dichter in einem Brief über den Romanplan schrieb: „Die Hauptprobleme, durch alle Teile des Romans hin, werden die gleichen sein, von denen ich bewußt und unbewußt während meines ganzen Lebens gequält worden bin – die Existenz Gottes.“

Fjodor M. Dostojewski: Die Dämonen
Fjodor M. Dostojewski: Die Dämonen

Das ist kein Buch, das man liest, das ist ein Abgrund, in den man hineinstürzt. Mir schien damals, ich habe durch diese Lektüre endgültig erfahren, was Leben wirklich ist: sich hilf- und heillos verstricken und schuldlos schuldig werden. Verzweifelt wie alle Personen des Romans bot sich mir als Ausweg jener an, den Kirillow und Stawrogin wählten: Selbstmord. So ein Buch ist das. Ein gefährliches Buch, wenn man es nicht ganz zu Ende liest.
[…]
Bei der Sitzung eine[s diese]r „Fünferkomitees“ legt ein Mitglied, Schigaljow, sein Buch vor, in dem er das Bild der künftigen sozialistischen Gesellschaft entwirft, ein Bild, gegen das, so sagt er, alle Gedanken früherer Reformer nichts als törichte Träume seien. Jedoch: er bekennt, sich selbst in seinen Ideen verirrt zu haben, und er müsse sehen, daß seine Propagierung der unbeschränkten Freiheit des einzelnen geradewegs in den unbeschränkten Despotismus führen. Es gebe keinen andern Weg als die Teilung des Volks in zwei Gruppen: ein Zehntel erhalte die unbeschränkte Freiheit und damit die absolute Macht, der Rest müsse entmündigt und damit in den „ursprünglichen Zustand der Lämmerunschuld zurückgeführt werden“. Das Ideal der totalen Diktatur, die Vorwegnahme des Faschismus und Stalinismus. (Quelle: zeit.de)

Aber damit endet Dostojewskis Hellsicht noch nicht. Es ist Pjotr Werchowenski, dem das Charisma eines Stawrogin abgeht, der diesen daher als ’neuen Zaren‘ auserkoren hat. Warum erinnert mich das so sehr an Putin, der mit seiner Scheindemokratie eine neue Form des Zarentums begründet hat. Stawrogin wollte nicht und nahm sich das Leben, Putin will dafür um so mehr …

Personenverzeichnis als PDF-Datei

siehe auch:
Heute Ruhetag (16): Fjodor Michailowitsch Dostojewski – Die Dämonen (nachzulesen bei zeno.org)

sowie:
Russische Wochen (1) – Tschingis Aitmatow: Frühe Kraniche
Russische Wochen (2) – Michael Bulgakow: Das hündische Herz

Sommerfrische

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil`s wohltut, weil`s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.

Joachim Ringelnatz
Joachim Ringelnatz

Tun wir es dem Dichter gleich und denken nicht weiter als einen Grashüpferhupf. Mit einer Eistüte auf dem Gewissen und Sonne im Kopf frönen wir dem Sommer und Joachim Ringelnatz. Und mit seinen Gedichten. Wenn nicht jetzt, wann dann …

Russische Wochen (2) – Michael Bulgakow: Das hündische Herz

Zum Vatertag bekam ich von dem älteren meiner beiden Söhne und seiner Freundin ein Buch geschenkt, das ich inzwischen gelesen habe. Es ist der Roman Meister und Margarita von Michail Bulgakow. Dazu später mehr. Inzwischen hat mir mein Sohn zwei weitere Bücher dieses Autoren ausgeliehen und ich habe mir das deutlich kleinere Buch, den Roman Das hündische Herz: Eine fürchterliche Geschichte [Собачье сердце, 1925], aus dem Russischen übertagen, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Alexander Nitzberg – dtv, München – vollständige Ausgabe 2014 – 3. Auflage 2017, zu Gemüte geführt.

Michael Bulgakow: Das hündische Herz
Michael Bulgakow: Das hündische Herz

Hundeherz, in der neuen Übersetzung: Ein hündisches Herz (Originaltitel russisch Собачье сердце, transkribiert Sobatschje serdze) ist eine Roman des russischen Schriftstellers Michail Bulgakow. Sie ist eine zynische Satire auf den von der Sowjetunion propagierten „neuen sowjetischen Menschen“ und handelt von einem durch ein Experiment entstandenen grobschlächtig-ruchlosen „Hundemenschen“, der sich zum Alptraum für seinen Schöpfer entwickelt.

Verfasst wurde das Werk 1925, zur Zeit der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP), als in der Sowjetunion kapitalistische Wirtschaftsmechanismen teilweise wieder eingeführt wurden, was heftige politische Auseinandersetzungen und Kämpfe mit sich zog und auch einen grundlegenden Wandel in der Partei selbst zur Folge hatte: Der kommunistische Idealist trat in den Hintergrund zugunsten des kommunistischen Bürokraten. Obschon die NÖP zu einer relativ gemäßigten Haltung gegenüber Schriftstellern und Künstlern führte, wurde Hundeherz, mit seinen unverkennbaren allegorischen Anspielungen auf Widersprüche zwischen ursprünglichen revolutionären Hoffnungen, offizieller Propaganda und den Realitäten der NÖP-Zeit, verboten. Erst 1987, 47 Jahre nach dem Tode des Autors, konnte die Erzählung in der Sowjetunion erscheinen.

Um 1925. Der renommierte Moskauer Chirurg Professor Preobraschenski nimmt einen Straßenköter mit nach Hause – nicht aus Mitleid, sondern um seiner Experimente willen: Sein Ziel ist der >neue Mensch< ... Bugakows bissiger Klassiker, erstmals nach der letzten Fassung des Autors neu übersetzt, ist nicht nur eine moderne Mixtur aus russischem Faust, Frankenstein und Pygmalion, sondern auch eine aberwitzige Parabel auf die neue Sowjetgesellschaft, auf die Grenzen der Wissenschaft sowie die menschliche Natur im Allgemeinen. (aus dem Kladdentext)

Moskau um 1925: Der hoch angesehene Chirurg Professor Filipp Filippowitsch Preobraschenski ist auf berjüngende Eingriffe spezialisiert. Aber heimlich experimentiert er – mit Hunden. Bei Lumpi, dem Straßenköter, scheint das Experiment endlich erfolgreich …

„Ich bin vom Stuhl gefallen. Ein Buch, das auf abgründige Weise das Bild des biotechnisch hergestellten Neuen Menschen so vernichtend darstellt – das ist ungeheuerlich.“ Rüdiger Safranski im >Literaturclub< (Schweizer Radio und Fernsehen) „Es ist die erste Übersetzung ins Deutsche, die Geist und Gestus des radikal modernen Werkes wirklich erfasst …“ Eckhard Stuff in rbb kulturradio

siehe auch:
Russische Wochen (1) – Tschingis Aitmatow: Frühe Kraniche

Russische Wochen (1) – Tschingis Aitmatow: Frühe Kraniche

Urlaubszeit oder gar die Zeit des Rentnerdaseins ist auch immer eine Zeit des Lesens. Für mich sind es in diesen Wochen nicht nur die Bücher, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben, sondern auch das eine oder andere, das sich lohnt, erneut gelesen zu werden. Zuletzt hatte ich ‚russische Wochen‘, habe also Romane gelesen, die aus Russland stammen oder zumindest in russischer Sprache erschienen sind. Ich mag die russische Kultur, die uns besonders in der Literatur, aber auch durch die Musik (ich denke da an Modest Mussorgski, Sergei Prokofjew, Sergei Rachmaninow oder Dmitri Schostakowitsch, um nur einige zu nennen – ja, ich höre auch gern so genannte E-Musik) Werke von unbezahlbarem Wert geschenkt haben. Ich mag weniger die russische Politik. Dazu aber später einmal mehr, wenn es hier um Dostojewskis ‚Die Dämonen‘ gehen wird.

Beginnen möchte ich mit einem kleinen Roman eines kirgisischen Autoren, der hauptsächlich in russischer Sprache schrieb: Tschingis Aitmatow. Ihn habe ich hier schon einmal vorgestellt mit einem ebenfalls dünnen, aber gehaltvollen Büchlein: Dshamilja, der wohl schönsten Liebesgeschichte der Welt. Aitmatow war eine bemerkenswerte Person. So war er von 1988–1990 Vorsitzender des kirgisischen Autorenverbandes. In der Zeit der Perestroika war er als parlamentarischer Vertreter (Oberster Sowjet der UdSSR) aktiv, seit Ende 1989 auch als Berater Michail Gorbatschows. 1990 wurde er der letzte sowjetische Botschafter in Luxemburg. Bis März 2008 war er Botschafter für Kirgisistan in Frankreich und den Benelux-Staaten und lebte in Brüssel.

Tschingis Aitmatow
Tschingis Aitmatow

Frühe Kraniche heißt der kleine, gerade einmal 120 Seiten starke Roman, der zuerst 1975 unter dem Titel > Ранние журавли (Ranni Zurawli)< in der Zeitschrift Nowy Mir in Moskau erschien. Ich habe ihn aus dem Russischen übersetzt von Charlotte Kossuth in einer Ausgabe des Fischer Taschenbuch Verlages 5327 aus dem März 1984 vorliegen.

Rußland 1943: Sultanmurat, ein halbwüchsiger Kirgisenjunge und Anführer einer Gruppe gleichaltriger Jungen, wartet in der menschenleeren Steppe, wo sie die Saat vorbereiten, auf die ersten Zeichen des Frühlings, den Kranichzug. Dieses Zeichen der Hoffnung auf eine gute Ernte läßt sie für einen Augenblick die Schrecken des Krieges, die Unerbittlichkeit des Winters und die Anstrengungen der bäuerlichen Arbeit vergessen. Sie wissen nicht, daß in den nahen Bergen eine große Gefahr auf sie lauert. Sulranmurat aber bewährt sich in einer schier aussichtslosen Situation.
Aitmatow erzählt mit großer Anteilnahme und Einfühlung von Sultanmurat und seinen Gefährten. Eben noch Kinder, die die Schulbank drücken müssen, sind sie von heute auf morgen dazu ausersehen, die Grundbedürfnisse des Lebens für ihr Kolchosendorf zu sichern. Es ist eine dunkle Zeit, in der sie leben, Krieg und ein scheinbar endloser Winter, Tod und Hunger sind ihre Begleiter, doch die Jungen geben nicht auf.
(aus dem Kladdentext).

„Es geht mir um die Liebe und die Kriegszeit. Der Krieg brandet irgendwo … Und hier, gleich daneben, ist die Liebe die Entdeckung der Welt. Zwischen Krieg und Liebe entstehen zwangsläufig unsichtbare Beziehungen und Brücken.“ Tschingis Aitmatow