Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Valentin und Rilke

Und da war da noch der Valentinstag, der heutzutage besonders der Floristik- und der Süßwarenindustrie dient. An unsere besonders Lieben gedenken wir doch eigentlich jeden Tag. Wenn wir heute an jemanden allen heiligen Valentinen zum Trotz ‚besonders‘ (ge-)denken, dann sicherlich an Karl Valentin (mit scharfem V). Und so verneigen wir uns vor diesen Sprachanarchisten und Wortzerklauberer ungeachtet der Aversionen der Norddeutschen gegen alles Bajuwarische – wie sagte er u.a.: „Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut.“ (siehe auch weitere Valentin-Zitate).

    Prost, Karl Valentin

Damit’s hier doch noch etwas poetisch wird, greifen wir zu Rilke, der übrigens u.a. auch Karl hieß, und widmen das kleine Gedicht all denen, die ‚mit uns gehen mögen wollen; sie dürfen sich gern trauen.‘

Weißt du, ich will mich schleichen

Weißt du, ich will mich schleichen
leise aus lautem Kreis,
wenn ich erst die bleichen
Sterne über den Eichen
blühen weiß.

Wege will ich erkiesen,
die selten wer betritt
in blassen Abendwiesen –
und keinen Traum, als diesen:
Du gehst mit.

Rainer Maria RilkeDas dichterische Werk

Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte

    Aber darstellen will ich mich nicht als Wortjongleur, sondern als Mensch, als Person.
    Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte (S. 7)

Was das Sexuelle angeht, wird in der einschlägigen Literatur relativ gesichert festgestellt: Männer fantasieren anders als Frauen. Sie reagieren viel stärker auf optische Schlüsselreize. Frauen finden es erotischer, Geschichten zu hören. Männer reagieren auf das, was sie sehen. (Quelle: zeit.de/zeit-magazin/)

Ein gutes Jahr nach seinem Roman Statt etwas oder Der letzte Rank veröffentlichte Martin Walser sein nächstes Werk, den vor gut 10 Monaten erschienenen Roman Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte, 1. Auflage (27. März 2018) – Rowohlt, Reinbek bei Hamburg. Felicitas von Lovenberg schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Seit einem halben Jahrhundert ist Martin Walser unser Gewährsmann für Liebe, Ehe, Glaube und deutsche Befindlichkeiten. Ein Lustwandler seiner Ausdruckswelt.“ Und natürlich kommen dabei der Sex und speziell Männerphantasien nicht zu kurz. Walser beschreibt. Aber mit zunehmendem Alter, und Martin Walser ist inzwischen über 90 Jahre alt, wird ihm nunmehr das von ihm Geschriebene persönlich angelastet: das Wort, der Vorwurf der Altersgeilheit findet sich in vielen Rezensionen zu seinen Romanen.

Nein, ich will Martin Walser hier nicht verteidigen. Aber ich kann nicht den oft vernommenen Kritiken dieser lediglich den eigenen reflexhaften Vorurteilen erliegenden Walser-Beurteilern folgen, die mit Freuden den Köder schlucken, den Walser auslegt. Ich gestehe allerdings, dass es mir der Roman ‚ Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte‘ nicht leicht gemacht hat, wenn der Protagonist des Romans mit Donald Trump sympathisiert oder sich permanent von „Weibsattacken“ tyrannisiert fühlt.

Jener Justus Mall, der sich aufgrund eines ‚Vorfalls‘ vom Oberregierungsrat namens Dr. Gottfried Schall zum Philosophen ‚mausert‘, macht es dem Leser wirklich nicht leicht. Aber beginnen wir am Anfang. Im so genannten Kladdentext steht geschrieben:

„Was, bitte, wäre ich lieber als ich? Alles andere als ich.“ Das sagt Justus Mall, der früher einmal anders hieß. Oberregierungsrat war er, zuständig für Migration, aber dann kam der Tag, an dem er etwas Unbedachtes machte, und seitdem ist er Philosoph, zuständig für alles und nichts. Doch das ist nicht das einzige Dilemma seines Lebens. Tag und Nacht liegt er im Streit mit den Umständen, zu denen er es als Liebender hat kommen lassen. Ist es vielleicht leichter, keine Frau zu haben als nur eine? Er jedenfalls liebt zwei, und weil das nicht gehen kann, beginnt er, einen Blog zu schreiben – auf der Suche nach einem Menschen, der genau das ist, was ihm fehlt.

Was für ein sagenhaftes Paradox. Ein Mann, für den Wirklichkeit ein Gespinst aus erfundenen Fäden ist, hofft, ausgerechnet in einem Weblog so etwas wie Nähe zu finden. Er richtet seine Selbstgespräche an eine unbekannte Geliebte und weiß doch, sie ist nicht mehr als eine Illusion. In früheren Romanen ließ Martin Walser noch Briefe und E-Mails hin und her gehen, in „Gar alles“ gibt es das nicht mehr. Hier ruft einer ins Irgendwo, ist zurückgeworfen auf sich selbst, hat für das, was er empfindet, keinen Adressaten mehr. Ein völlig geklärt geschriebener Roman über lauer Ungeklärtes, ein in seiner existenziellen Dringlichkeit ungeheuerliches, überwältigendes Buch.

Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte
Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte

Jener Justus Mall will „künftig nur noch Überflüssiges […] verfassen, um dadurch einen utopischen Kontrast zum zeitgenössischen Zweckrationalismus zu entwerfen.“

Aber konzentrieren wir uns auf jenen Vorfall, auf das Unbedachte, das Gottfried Schall tat, bevor er zum Philosophen Justus Mall wurde. Walser schreibt:

[…] Es geschah bei einem Opernbesuch, in der zweiten Pause von “Tristan und Isolde”. […]
Da sie auf einem Barhocker saß und er an der Bar stand, liefen an ihm in Brusthöhe vorbei ihre gleißenden Oberschenkel und ihr rot-schwarzes Rockrüschengewell. Auf einmal war sie nicht mehr der Bartheke zugewendet, sondern halb zu ihm gedreht. Warum, das erfuhr er erst später durch das von ihr verfasste Protokoll. Ein kleiner Wortwechsel zwischen ihr und ihrem Begleiter, der rechts neben ihr saß. Sie sagte: Franz, du spinnst, und drehte sich weg, also zu Justus Mall hin. Natürlich, ohne das zu wollen. Aber er, der dicht neben ihrem Hocker stand, erlebte das so, als habe sie sich zu ihm gedreht. Er wusste, dass sie ihn nicht meinte, nicht meinen konnte, aber er machte in der Laune, in der er durch „Tristan“ plus Alkohol war, einen Scherz, das heißt, er begrüßte sie, als habe sie sich absichtlich zu ihm gedreht, und mehr noch begrüßte er ihre Schenkel. Sink hernieder, Nacht der Liebe, singsangte er und tippte mit einem Zeigefinger auf die gleißende Schenkelrundung, als wolle er sagen: Du, Schenkel, bist die Nacht der Liebe. Dass er, was er da tat, selber als riskant empfand, drückte er dadurch aus, dass er ihr nur mit der Spitze des Zeigefingers seiner rechten Hand auf den Schenkel tippte, dann die Hand sofort zurückzog, als erschreckte er über das, was er da gerade getan hatte. Es war deutlich ein gespieltes Erschrecken! Er hatte doch die Hand so jäh zurückgezogen, als habe er die Zeigefingerspitze auf einer glühenden Herdplatte verbrannt. Um das Spielerische zu betonen, prostete er ihr sofort mit dem Champagnerrest zu, und sie, die auch ein Glas in der Hand hatte, erwiderte sein Prosit. Beide tranken. Dann drehte sie sich sofort wieder zur Bar und damit zu ihrem Begleiter. Auch er war gleich wieder bei seiner Frau, die auf dem Barhocker links neben ihm saß und nichts mitgekriegt hatte, weil sie sich vom Barkeeper sagen ließ, warum dieser Champagner so gut sei.

[…]

Natürlich hatte diese Frau ihn nicht wahrgenommen. Angeschaut hat sie ihn, wie man einen Irren anschaut. Jetzt noch spürte er, wie er sich, so angeschaut, gefühlt hat. Einsam. Er hatte gerade noch sein Um-bemerkt-werden-Betteln in etwas Lustiges hinübergelogen. Dieses Zugleich! Ihre Schenkel, die wilden Rockrüschen, sein Zeigefinger, der Satz aus der Oper, ihr Blick, sein Prosit, ihre Prosit-Entgegnung, das alles messbar kurz, unmessbar intensiv, unmessbar. (S. 79 ff.)

Dieser Vorfall, der stark an die Verbalattacke eines Herrn Brüderle erinnert, hatte Konsequenzen:

Einen Tag später gab es sie wieder. Und wie! In der Süddeutschen Zeitung berichtete die Praktikantin Suse Kranz, was ihr in der zweiten „Tristan“-Pause passiert ist. Ein Oberregierungsrat aus dem Justizministerium hat sie, die mit einem Freund an der Bar saß, grob begrapscht und hat dazu auch noch obszön geredet, nämlich: Ihr Rock sei kürzer, als es die Straßenverkehrsordnung erlaube, und jetzt sei dieser Rock auch noch so weit hochgerutscht, dass man von einer Schenkel-Emanzipation sprechen könne.

Am Tag darauf ein Interview mit der Praktikantin. Sie hat den Grapscher gekannt […].
Am Tag darauf war es in allen Zeitung: Frauen müssten geschützt werden vor den Grapschern der Altherren-Riege.
Die Süddeutsche brachte ein Interview mit dem Grapscher. Er konnte nicht abstreiten, was die Praktikantin zitiert hat, aber daran erinnern, dass er das und das gesagt habe, konnte er sich nicht. Dann wurde die Barszene genau rekonstruiert. Mit ihm. Im Gespräch. Er fand, dieses als Interview veranstaltete Gespräch sei ein Verhör. Das sagte er auch, und das stand dann auch in der Zeitung und was er zu seiner Rechtfertigung sagte.
Wie sehr ihn dieses Verhör aufregte, zeigen seine Formulierungen. Die Welt sei nicht mehr alles, was der Fall ist, sondern alles, was Frau ist! Wo du hinschaust, lächelt, lacht, grinst dir eine Frau entgegen und streckt dir alles hin, ihre Haare, ihre Brüste, ihre Beine. Er finde das, sagte er, nicht furchtbar, sondern herrlich. Aber er möchte auch reagieren dürfen. Er möchte sagen dürfen, dass er sich andauernd verführt fühle. Und wenn dann wirklich einmal ein solches Geschöpf in greifbare Nähe kommt, dann langt man eben eine Zehntelsekunde lang hin und sagt dazu noch irgendeinen Fast-Unsinn. Alles wegen dieses gleißenden Oberschenkels! Es gibt wahrscheinlich keinen Mann in der ganzen Welt, der, wenn ihm so ein Oberschenkel passiert, davon unberührt bleiben könnte. Vielleicht würde nicht jeder mit der Fingerspitze hintippen und dann den Erschreckten spielen, aber er könne, was er da getan hat, was ihm passiert sei, nicht nur nicht abstreiten, er müsse, was er mit einer Fingerspitze eine Zehntelsekunde lang vollbracht habe, immer noch bejahen, vertreten, ja sogar rühmen! Es sei eine Geste der Anbetung gewesen, der Verehrung, ein religiöser Akt. Allerdings gewidmet nicht einem unbekannten Gott, sondern dem wunderbaren Schenkel einer Frau.

Dann wurde er konfrontiert mit dem Wort Altersgeilheit. Er, wütend: Er bitte um Aufklärung! Nicht, dass er je mit so etwas zu tun habe, er wolle nur wissen, ob ein Fünfundfünfzigjähriger anders geil sein als ein Fünfundzwanzigjähriger! Gebe es dafür ein physiologisches Datum? (S. 82 f.)

Ohne Zweifel geht Martin Walser – auch in seiner Ausführlichkeit der Schilderung – viel zu weit. Wenn das sein Beitrag zur #MeToo-Debatte sein soll, dann hat er scheinbar nicht viel begriffen. Ich schreibe scheinbar, denn ich glaube immer noch, dass Walser sich hier bewusst in die Sichtweise des ‚Täters‘ versetzt hat, um – wie soll ich es sagen? – nicht allein das ‚Opfer‘ zu Wort kommen zu lassen. Christoph Schröder (Die Zeit) fasst es so zusammen:

Ganz im Unterschied zum vorangegangenen Buch Statt etwas oder Der letzte Rank, das in seiner Offenbarungskraft eine geradezu erschütternde Radikalität hatte, ist Gar alles ein matter Wiederaufguss. Der Tonfall ist nicht selbstreflexiv, sondern larmoyant. Statt etwas war ein hoch interessantes, poetologisch zu lesendes Buch; Gar alles ist bestenfalls der Versuch der Vorführung eines aktuell ins Visier der Öffentlichkeit geratenen Typus: Der alte, geile, weiße Mann zeigt sich in seiner ganzen Unappetitlichkeit.

Und dann ist da noch der Passus zu Donald Trump, dem derzeitigen US-Präsidenten:

[…] ich habe Mr. Trump von Anfang an, seit er im Wahlkampf gegen Mrs. Clinton angetreten ist, auch als eine Belebung erlebt. Nie hätte ich Hillary Clinton wählen können. Dass er Sätze gesagt hat, die peinlich sind, hat mich für ihn eingenommen. Nicht weil diese Sätze tatsächlich peinlich und unanständig waren, sondern weil er solche Sätze gesagt hat. Er hat sich deutlicher gezeigt als je ein Kandidat vor ihm. Er hat weniger gelogen als je ein Kandidat vor ihm. Ich wusste, woran ich bei ihm bin. Und das ist so geblieben. (S. 89).

Das Ganze steht unter dem Datum 1. April 2017. Also ein Aprilscherz? Wer halbwegs bei gesundem Menschenverstand ist, muss anerkennen, dass sich Trump tatsächlich deutlicher gezeigt hat und zeigt als je ein Kandidat vor ihm. Wie sonst lässt sich ein Urteil über ihn fällen, das ihn als Katastrophe ausweist. Wenn Trump lügt, dann lügt er offensichtlich und nachweisbar. Bei all den anderen Politikern ist der Nachweis ihrer Lügen weitaus schlechter zu führen.

Nun, Walsers Roman schmeckt nicht jedem. Auch bei mir verursachte er leichte Verdauungsstörungen. Wenn Walser provozieren wollte, so ist es ihm wohl gelungen. Er ist der immer noch der eloquente, in diesem Roman im Tonfall leider auch sentimental-weinerliche Wortjongleur.

Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank

Die Zeit seiner großen Romane ist längst vergangen. Aber trotz seiner mehr als 90 Jahre schreibt er immer noch: Martin Walser, einer der bekanntesten Nachkriegsliteraten (bezogen auf den 2. Weltkrieg und die Zeit nach 1945), wenn dieser Begriff auch lange schon nicht mehr verwendet wird. Heinrich Böll, Günter Grass, Max Frisch oder Uwe Johnson, um nur einige zu nennen, haben längst das Zeitliche gesegnet. Martin Walser ist der letzte noch lebende Autor, der sich als Berichterstatter der sich entwickelnden Bundesrepublik Deutschland hervorgetan hat. Mehrere seiner jüngsten Werke habe ich während meiner eher unfreiwillig freien Zeit in der 2. Jahreshälfte des letzten Jahres gelesen, so zunächst Statt etwas oder Der letzte Rank – 1. Auflage Januar 2017 – Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg.

Nach wie vor ist Walser ein Meister der deutschen Sprache, aber für Neueinsteiger in das Walser‘sche Werk sind diese letzten Bücher wenig geeignet. Da verweise ich auf die eingangs erwähnten großen Romane. Leser, die sich aber bereits ausführlich mit Martin Walser beschäftigt haben, kommen kaum um einen Roman wie diesen herum.

Die Gattung Roman trifft wenig auf dieses Buch zu. „Gedankenlyrik in Prosa“ wurde es genannt und es sind 52 Abschnitte voller Welt- und Selbstergründung, die nicht frei sind von einer ziemlich typisch Walser’schen Egozentrik. Das Werk handelt so von persönlichen Verletzungen und sexuellen Andeutungen und abstrahiert Biografisches in knappen pointierten Epigrammen. Und wenn diese oftmals ‚formlos, pathetisch, egozentrisch, sprachlich banal und dem intellektuellen Gehalt nach absolut uninteressant‘ erscheinen, ‚so faszinieren‘ sie ‚auf anderer Ebene. Mit „Statt etwas“ entsagt Walser allen Konventionen und wendet sich der Innerlichkeit zu, entblößt sich und seine Gedankenwelt und das in einer Konsequenz, die an Erbarmungslosigkeit grenzt‘. (Quelle: Roman Bucheli – Neue Züricher Zeitung vom 04.01.2017)

Zur Erklärung des Begriffs Rank – aus: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm

rank, m. wendung, drehung
1. schweiz. rank, wendung, krümmung des weges
2. rank, namentlich auch im wettlaufe und bei der jagd, die wendung, die der verfolgte nimmt, um dem verfolger zu entgehen

„Mit der Unwahrheit ein Glückskunstwerk zu schaffen, das ist die menschliche Fähigkeit überhaupt.“ Wer sagt das? Seine Frau nennt ihn mal Memle; mal Otto, mal Bert, er versucht zu erkennen, wie aus Erfahrungen Gedanken werden. Den Widerstreit von Interessen hat er hinter sich gelassen, Gegner und Feinde auch, sein Wesenswunsch ist, sich herauszuhalten, zu schweigen, zu verstummen. Am liebsten starrt er auf eine leere, musterlose Wand, sie bringt die Unruhe in seinem Kopf zur Ruhe. „Mir geht es ein bisschen zu gut“, sagt er sich dann, „zu träumen genügt.“

„Statt etwas oder der letzte Rank“ ist ein Roman, in dem er in jedem Satz ums Ganze geht – von größter Intensität und Kraft der Empfindung, unvorhersehbar und schön. Ein verwobenes Gebilde, auch wenn es seine Verwobenheit nicht zeigen will oder sogar versteckt. Ein Musikstück aus Worten, das dem Leser größtmögliche Freiheit bietet, weil es von Freiheit getragen ist: der Freiheit des Denkens, des Schreibens, des Lebens. So nah am Rand der Formlosigkeit, ja so entfesselt hat Martin Walser noch nie geschrieben. Ein Höhepunkt in Martin Walsers Alterswerk, ein Roman als Summe und Bilanz. (aus dem Kladdentext)

Das Buch beginnt wie folgt:

Mir geht es ein bisschen zu gut. Seit dieser Satz mich heimsuchte, interessierte ich mich nicht mehr für Theorien. Alles Besitzergreifende mied ich mühelos. Das war mein Zustand: ich merkte, dass mich auch das Umständliche nicht mehr interessierte. Dazu war ich von selbst gekommen. Glaube ich. Genau weiß ich nichts. Zum Glück war das Bedürfnis, etwas genau wissen zu wollen, erloschen.

[…]

Mir geht es ein bisschen zu gut.
Dass ich noch Sätze brauchte, war kein gutes Zeichen. Erstrebenswert wäre gewesen: Satzlosigkeit. Ein Schweigen, von dem nicht mehr die Rede sein müsste. Und ich hörte mich sagen: Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt.
Das war einer der Sätze, die mir den Wesenswunsch zu verstummen aufschiebbar machten.

Gewissensbisse? Dann ist dein Charakter deinen Taten nicht gewachsen!
Gewissen, das sei die innerste Einsamkeit des Menschen.

Und hier noch einige andere interessante ‚Buchstücke‘ aus dem Roman:

…, ich habe den wirklich elenden Zustand unserer Sprache, wenn es um Liebe geht, durch Sprachgirlanden ersetzt, die dem, der sie genießen kann, das Kompliment höherer Zurechnungsfähigkeit macht.

Wie lernt man vergessen, was man nicht erträgt?

Ich konnte nicht denken, was ich wollte.

Weitere Leseproben bei books.google.de

    Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank
    Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank

Hier erzählt einer, der auf sein Leben zurückblickt und begreift. Das fulminante Porträt eines Menschen, ein Roman, wie es noch keinen gab.

„In der schönsten und klarsten Sprache, die in Deutschland zurzeit geschrieben wird, verdichtet Martin Walser Erfahrung und Empfindung.“ Denis Scheck

„Es gibt keine Sätze außerhalb der Zeit. Und doch versucht Martin Walser, sich einem idealen Schreiben anzunähern, das so unmittelbar sein müsste wie Musik.“ Jörg Magenau, Die Tageszeitung

Worte zum Wochenende (3. KW 2019): Wochenend‘ und Sonnenschein

Für den, der im Berufsleben steht, gibt es kaum schönere Begriffe als Urlaub und Wochenende. Zum ersteren dichtete schon Heinz Erhardt: „Ich geh‘ im Urwald für mich hin… Wie schön, daß ich im Urwald bin: man kann hier noch so lange wandern, ein Urbaum steht neben dem andern. Und an den Bäumen, Blatt für Blatt, hängt Urlaub. Schön, daß man ihn hat!“

Worte zum Wochenende (3. KW 2019 – WilliZBlog)

Und vom letzteren sangen bereits Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre die Comedian Harmonists und verbanden es mit dem von jedem von uns so geliebten Sonnenschein.

Nach trostlosen Tagen, nasskalt und verregnet (ich nenne es Totensonntagswetter), ist es endlich bei uns hier im Norden soweit: die Sonne lässt sich wieder blicken. Und das auch noch gerade recht zum Wochenende. Da packen wir unsere Alltagsdepression in den Koffer, verschließen diesen und verstauen ihn auf dem Dachboden (wenn wir einen haben, sonst im Keller).

Allen ein schönes, sonniges Wochenende!

Genutzte Zeit zum Lesen

So einmal gut sieben Monate ohne die werktägliche Arbeit zu tun oder gar tun zu müssen, nicht morgens viel zu früh aufzustehen, nicht in vollen Bahnen zu fahren und abends eher erschöpft nach Hause zu kommen – ich habe mich daran gewöhnt. Die Zeit nach der Knie-OP und der Rehabilitation hat mir viel freie Zeit beschert, die ich genutzt habe: Endlich bin ich wieder einmal zum Lesen gekommen, habe mir auch den einen oder anderen guten Film angeguckt, war wieder für Wochen da, wohin ich gern wollte. Und wo ich am Ende des Jahres wieder sein werde.

Willi lässt sich treiben
Willi lässt sich treiben

Liegengeblieben waren die letzten Werke von Martin Walser, der ja 2017 inzwischen seinen 90. Geburtstag feierte. Zunächst ein Gespräch zwischen Walser und seinem Sohn Jakob Augstein: Das Leben wortwörtlich

Dann drei Romane von Martin Walser:
Statt etwas oder Der letzte Rank (2017)
Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte (2018)
Ehen in Philippsburg (sein erster Roman aus dem Jahre 1957)

Von Halldór Laxness hatte ich mir vor geraumer Zeit einmal ein ganzes Bündel Taschenbücher zum Sonderpreis zugelegt. Viele seiner Romane habe ich inzwischen gelesen – es verblieben trotzdem noch vier Romane und ein Band mit Erzählungen, die ich in der freien Zeit gelesen habe. Hinzu kommt noch eine Biografie Halldór Laxness – Sein Leben von Halldór Gudmundsson.

Die glücklichen Krieger (hier bereits besprochen)
Atomstation
Die Litanei von den Gottesgaben
Das wiedergefundene Paradies
Ein Spiegelbild im Wasser – Erzählungen

Verbleibt für mich nur noch ein Roman von Laxness, der bisher leider nicht verfügbar war, nun aber Ende Februar neu aufgelegt wird: Das Fischkonzert

Über Suzanne Vegas Album Lover, Beloved: Songs from An Evening With Carsonaus dem Jahr 2016 bin ich auf dem Roman Das Herz ist ein einsamer Jäger von Carson McCullers gekommen.

Im letzten Jahr war es fünfzig Jahre her, dass der Roman Deutschstunde von Siegfried Lenz erschien. Den Fernsehfilm dazu aus dem Jahre 1971 kannte ich. So wurde es Zeit, jetzt auch den Roman zu lesen. Inzwischen ist der Roman erneut verfilmt worden und wird ab 03.10.2019 in den Kinos gezeigt.

Außerdem hatte ich das letzte Werk von Günter Grass Vonne Endlichkait einige Zeit liegen – und während meiner ‚Freizeit‘ endlich gelesen.

Ich bin ein Freund der kleinen Bücher des Insel-Verlags. Diese muten etwas altmodisch an. Aber genau das mag ich an ihnen. Hermann Hesses Aufzeichnungen Wanderung mit Zeichnungen des Autors sind poetische Protokolle einer Wanderung und Wandlung und passen sehr gut in diese Reihe.

David Zane Mairowitz war es, der sich speziell Kafkas Roman Der Prozess annahm und daraus mit der französischen Comiczeichnerin Chantal Montellier eine Graphic Novel zauberte: Der Process – endlich habe ich das Buch zur Hand genommen.

Und wenn ich schon bei Kafka bin: Von Peter Weiss habe ich dessen Theaterstück Der neue Prozess, das am 12. März 1982 in Stockholm uraufgeführt wurde, erneut gelesen

1997 war es ein Bestseller, der Roman Die Asche meiner Mutter von Frank McCourt, in dem er seine Kindheitserinnerungen in Irland veröffentlichte. Einer meiner Schwager hatte das Buch ausgesondert, so habe ich es zu mir genommen – und im letzten Jahr gelesen.

Tom Coraghessan Boyle ist ein ziemlich schräger Vogel – und ein hervorragender Schriftsteller, der in Amerika dem historischen Roman zu neuem Ansehen verholfen hat. In seinem Roman Wassermusik erzählt er die Geschichte des (historischen) schottischen Afrikaforschers Mungo Park, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts zwei Entdeckungsreisen ins Innere Afrikas unternimmt. Er ist besessen von dem Wunsch, den Niger zu entdecken, was ihm nach allerlei Mühen auch gelingt.

Ich habe eine gewisse Vorliebe für Krimis (allerdings eher in Form von Filmen, lese aber ab und zu auch einmal einen Kriminalroman). So habe ich von Martha Grimes aus der Inspektor Jury-Reihe, von der bisher vier Folgen verfilmt wurden, den Roman Inspektor Jury geht übers Moor gelesen. Den Kriminalroman Eismond von Jan Costin Wagner habe ich erneut gelesen. Er begründete ebenfalls eine Krimi-Reihe, hier um den finnischen Kommissar Kimmo Joentaa.

Es las während meiner (unfreiwilligen) Freizeit noch das eine und andere Buch. Den hier erwähnten Bücher werde ich sicherlich noch etwas Aufmerksamkeit zukommen lassen, um diese zumindest in gewisser Kürze zu besprechen.

Worte zum Wochenende (2. KW 2019): Die Jungs kommen

Unsere zwei Söhne sind längst erwachsen und leben ihr eigenes Leben. Beide haben nette und hübsche Freundinnen. Der eine lebt und studiert in Mannheim; der andere wohnt bei uns im Ort, okay, zu Fuß in fünf Minuten zu erreichen (‚Dreimal lang hinschlagen und schon ist man da!‘).

Früher waren es meine Frau und ich, die Weihnachten zu unseren Eltern fahren mussten. Heiligabend waren wir noch unter uns. Am ersten Feiertag ging es dann zu meinen Eltern und am 2. Feiertag zu den Eltern meiner Frau. Jetzt sind wir es, meine Frau und ich, die zu Weihnachten besucht werden. Das ist eben der Lauf der Zeit.

So waren wir am Heiligabend zu sechst. Der jüngere der Söhne kochte (mit der Unterstützung seiner Freundin und mir). Alles war lecker und der Abend gemütlich und geruhsam. Der ältere der Söhne blieb mit seiner Freundin dann noch bis zum 28. Dezember, kochte ebenfalls etwas Leckeres für uns verbliebene Vier. Auch wenn das Wetter nicht berauschend war, so waren wir an zwei Tagen doch längere Zeit unterwegs.

Worte zum Wochenende (2. KW 2019 – WilliZBlog)

Weihnachten liegt nun schon über zwei Wochen hinter uns. Und an diesem Wochenende treffen wir uns wieder. Unsere Jungs kommen. Diesmal koche ich.

Halldór Laxness: Die glücklichen Krieger

Schon als Halbwüchsiger begeistert sich Thorgeir (isländisch: Þorgeirr) Havarsson für Waffen. Und Thormod (isländisch: Þormóðr) Bessason hat seit jeder eine Leidenschaft für die Poesie. Die beiden schwören Blutsbrügerschaft, denn ohne Heldentaten keine Dichtung, und ohne Dichtung kein Heldenruhm. Thorgeir verläsß Island und folgt einem Wikingerheer nach England und Frankreich. Er begegnet der Grausamkeit einer Soldateska, die keine Rücksicht kennt.

Dichter Thormod hat inzwischen geheiratet und ist seßhaft geworden. Doch eines Tages macht er einen grausamen Fund: Jemand hat den Kopf seines Freundes ans Hoftor genagelt. Thormod macht sich auf und durchstreift die Welt, um den Mörder zu finden. Dieser Roman über den Krieg verarbeitet die Erfahrungen des gewaltsamen zwanzigsten Jahrhunderts.
(aus dem Kladdentext)

    Halldór Laxness: Die glücklichen Krieger
    Halldór Laxness: Die glücklichen Krieger

Gerpla ist ein Roman des isländischen Schriftstellers Halldór Laxness. Die deutsche Übersetzung trägt den Titel Die glücklichen Krieger. Das Buch ist eine Nachahmung einer isländischen Saga und nach Die Islandglocke der zweite historische Roman Laxness‘; er erschien 1952, drei Jahre bevor er den Literatur-Nobelpreis erhielt.

Der Stil Halldór Laxness‘ orientiert sich an dem der mittelalterlichen Sagas. Bereits der Titel Gerpla ist eine Neuschöpfung und eigentlich unübersetzbar. Er orientiert sich an die Tradition der Kurztitel altisländischer Sagas wie Grettla für Grettis saga oder Egla für Egils saga. Das Ausgangswort des Titels ist garpur, der Held. Gerpla bedeutet also in etwa: Heldenbuch, Heldengeschichte bzw. Heldenlied. Scheinbare Authentizität gewinnt der Erzähler durch die Verwendung altisländischer Sprachformen aus dem 11. Jahrhundert, die in Island auch heute noch unmittelbar verstanden werden (im Gegensatz zu althochdeutschen Texten des Mittelalters, die wir Deutsche kaum noch entziffern können). Allerdings erlaubt sich Laxness einige witzige Ausnahmen. So sehr sich der Roman formal an den mittelalterlichen Werken orientiert, verkehrt Laxness die Heldensagen inhaltlich in eine Anti-Saga, deren Heldentum sich in blutrünstiger Mord- und Raublust sowie hemmungsloser Gier nach Geld und Macht erschöpft.

Während das Original den Isländersagas nachempfunden ist, orientiert sich die deutsche Übersetzung an den älteren deutschen Übersetzungen der Isländersagas. So entsteht auch im Deutschen der Eindruck, es handle sich um einen altertümlichen Test. Noch einmal zur isländischen Sprache: „In Island ist wegen der Isolation des Landes, der starken Stellung der altisländischen Literatur und der nationalistischen Sprachpolitik eine einmalige Kontinuität der Sprache gegeben, die es geübten Lesern noch heute ermöglicht, die Sagas im Original zu lesen.“ (Halldór Gudmundsson: Halldór Laxness — Sein Leben, S. 177)

Für empfindliche Leser ist dieser Roman in der Beschreibung der Grausamkeiten sicherlich ziemlich brutal. Das ist Absicht. Krieg mit Mord und Totschlag hat mit Heldentum am Ende wenig zu tun. Alles wird ungeschön, wenn auch meist sehr lapidar, also knapp und schnörkellos beschrieben. Laxness gewährt uns dabei einen ungewöhnlichen Einblick in das alte Island, das vom alltäglichen Überlebenskampf geprägt ist. Und es ist ein Blick in die Geschichte Anfang des 11. Jahrhunderts. So findet der Leser historische Personen als Protagonisten wieder wie Olaf der Dicke, norwegischer König von 1015 bis 1028, der später Olaf der Heilige genannt werden wird, oder den englischen König Æthelred (im Buch Adalrad).

Wer Halldór Laxness gelesen hat, kennt seinen oft mit ironischem Unterton besetzten Stil. In diesem Roman kann man diesen Ton nur als beißenden Spott deuten, denn das angebliche Heldenepos entlarvt sich als zynische Lüge.

… wieder da

Nein, nicht ER IST wieder da, ICH BIN wieder da. Nach fast dreimonatiger Pause habe ich mich gestern mit einem Beitrag zur zz. laufenden Fußball-WM in Russland hier in meinem Blog zurückgemeldet. – Ja, wie kommt denn das? War ich verschollen in der Arktis? Entführt? In Koma gefallen?

Es war (und ist noch) eine bedingte Auszeit. Ich habe mir am rechten Knie etwas schnippeln lassen (dazu später etwas mehr), aber ich hatte einfach keine Lust mehr, mich mit Facebook, Twitter und damit auch mit meinem Blog zu beschäftigen. Endlich bin ich wieder einmal zum Lesen gekommen, habe mir den einen oder anderen guten Film angeguckt (auch dazu später mehr). Erholung abseits der ‚Dinge‘, die einen nur Zeit rauben.

Willi lässt sich treiben

Vor allem habe ich das schöne Wetter der letzten Wochen genossen. Ja, ich bin schuld, dass der Sommer bereits im April und Mai über uns gekommen ist. Als hätte ich es geahnt, habe ich die Auszeit genau zu der Zeit genommen, als das Wetter meinte, auf Sommermodus umschalten zu müssen. Eigentlich dauert meine Auszeit wohl noch einige Wochen. Und so ganz verstehe ich nicht, dass es jetzt zum baldigen Sommeranfang eher herbstlich daher kommt. Aber es wird schon noch (wieder) werden, sicherlich …

Warum denn jetzt aber diese Kehrtwende und zurück ‚ins Netz‘? Warum ist die Banane krumm? Ach, ich weiß es wohl selbst nicht genau. Sollte mir etwas gefehlt haben?

Wie auch immer: Ave! Seid gegrüßt! Ich bin wieder da!

Alexandra Reinwarth: Am Arsch vorbei geht auch ein Weg

Also ehrlich: So ein Ratgeber geht mir eigentlich am Arsch vorbei. Wird einem ein solcher Ratgeber geschenkt (z.B. mir zu Weihnachten), dann wird natürlich ein Blick hineingeworfen – und am Ende auch gelesen. Okay, natürlich trifft das Buch einen Nerv. Wir sind alle zu sehr bemüht, es allen und jedem recht zu machen. Wir opfern unsere Zeit für Dinge, die uns eigentlich in keiner Weise tangieren.

Ich spreche von Alexandra Reinwarth und ihrem Buch Am Arsch vorbei geht auch ein Weg: Wie sich dein Leben verbessert, wenn du dich endlich locker machst. Inzwischen ist es längst ein Bestseller, sodass die Autorin uns mit weiteren Büchern zu diesem Thema zu beglücken meinte (die ich mir allerdings am Arsch vorbei gehen lasse).

„Es gibt Momente im Leben, in denen einem klar wird, dass man etwas ändern muss. Der Moment, als Alexandra Reinwarth ihre nervige Freundin Kathrin mit einem herzlichen ‚Fick dich‘ zum Teufel schickte, war so einer. Das Leben war schöner ohne sie … und wie viel schöner könnte es erst sein, wenn man generell damit aufhörte, Dinge zu tun, die man nicht will, mit Leuten, die man nicht mag, um zu bekommen, was man nicht braucht!“ (aus dem Kladdentext)

Alexandra Reinwarth: Am Arsch vorbei geht auch ein Weg
Alexandra Reinwarth: Am Arsch vorbei geht auch ein Weg

„Bikinifigur? Am Arsch vorbei! Ein besserer Mensch werden? Am Arsch vorbei! Afterwork-Dates mit langweiligen Kollegen oder beknackte Whats-App-Gruppen, die einem nur Zeit stehlen? Am Arsch vorbei! Alexandra Reinwarth mistet gründlich aus. Das Leben kann schließlich ruhig mehr Freiheit, Muße, Eigenbestimmung und Schokolade vertragen.“

Es sind oft die kleinen Dinge, die uns die Zeit rauben. „Die Autorin probiert diverse Dinge und stößt auch an Grenzen, diese zum Beispiel: Das Kind ungeschminkt in die Kita zu bringen, ist okay. Sich im Schlabberlook an den Schreibtisch in der Werbeagentur zu setzen, nicht. Das beklemmt mehr als es befreit.“ (Quelle: mittelbayerische.de)

Auch ohne dieses Buch habe ich erkannt, dass ich nicht auf jeder Hochzeit tanzen muss, dass ich nicht jeden Kram brauche, dass manchmal weniger mehr ist. Ich muss mich nicht mit Leuten abgeben, die mir auf den Geist gehen. Es sind oft nur kleine Entscheidungen, die einen großen Effekt auf die Lebensqualität haben können. So vieles darf uns am Arsch vorbeigehen. Eine Einsicht, die wir klar vor Augen haben, aber viel zu oft nicht zu ihrem Recht kommen lassen. Insoweit ist das Buch ein erneuter Anstoß zu überdenken, was wir fallenlassen können, ohne in Gewissensnöte zu geraten. Ja, am Arsch vorbei geht ein Weg.

Türchen für Türchen

Türchen für Türchen ‚hangeln‘ wir uns in diesen Tagen durch den Adventskalender um das Ziel, Weihnachten, zu erreichen. Dieses Jahr bin ich für mich kalenderlos. Dafür hat meine Frau einen Adventskalender des Lions Club erworben, dessen Erlös Kindern und Jugendlichen in unserer Region zu Gute kommt. Von diesen Kalendern gab es 6000 Exemplare, die alle einen Abnehmer fanden. Statt etwas Süßem gibt es 550 Preise im Wert von ca. 20.000 Euro zu gewinnen. Schauen wir mal …

Nun die halbe Strecke (adventskalendermäßig) haben wir bereits bewältigt (und noch nichts gewonnen – aber die fetten Gewinne kommen ja erst noch), da wird es Zeit, die letzten Geschenke zu besorgen. Viel wird es in diesem Jahr nicht sein. Wir schenken uns Stunden des Beisammenseins (auch mit den Söhnen), nämlich eine Urlaubsreise. Und was schenkt Ihr Euch so (neben Aufmerksamkeit und all dem Vielen, das kein Geld kostet, aber umso lieber entgegengenommen wird)?

Wenn’s denn doch etwas käuflich zu Erwerbendes sein muss, dann sollte es vielleicht etwas Sinnvolles sein. Aus diesem Blog heraus kann ich da nur etwas empfehlen, das gewissermaßen zu dem einen oder anderen Thema passt. Da wäre zunächst etwas Musikalisches und vornweg Jethro Tull. Die Gruppe gibt es eigentlich nicht mehr, wenn ihr Mastermind Ian Anderson natürlich auch das 50-jährige Bestehen entsprechend zu feiern gedenkt. Unter dem Namen der Gruppe hat Herr Anderson vor geraumer Zeit auch das Album Jethro Tull: The String Quartets veröffentlicht. Zusammen mit dem Carducci Quartet hat Ian Anderson einige der bekanntesten Jethro Tull-Lieder in der Krypta der Kathedrale von Worcester und in der St Kenelm’s Kirche zu Sapperton, Gloucestershire, aufgenommen. Arrangiert wurde die Musik vom derzeitigen Keyboarder der Gruppe, John O’Hara. Ian spielt seine Flöte auf vielen der Stücke und wagt sich auch gesanglich an einigen Liedzeilen. Hätte er letzteres unterlassen, das Album wäre um einiges besser geworden.

Ian Anderson mit John O’Hara und dem Carducci Quartet © James Anderson
Ian Anderson mit John O’Hara und dem Carducci Quartet © James Anderson

Nach Aussage von Ian Anderson ist dieses Album “perfect for lazy, long sunny afternoons, crisp winter nights, weddings and funerals.” He forgot to add, perfect also after a night of wild, abandoned sex or to celebrate the win of your favourite football team. Also auch etwas für knackig (kalte) Winterabende! (Und Werder hat ja auch wieder gewonnen!).

Auch wenn sich die Geister an Martin Walser scheiden, so ist und bleibt er doch einer meiner Lieblingsautoren. Das kleine Büchlein Nirgends wäre ich lieber als hier: Mit Martin Walser unterwegs am Bodensee ist so etwas wie eine Einstiegslektüre in das Werk Walsers. Wie der Titel fast schon verrät, steht im Mittelpunkt der Bodensee, die Heimat des Autoren. Es enthält kurze Auszüge aus seinem Werk und macht reichlich Appetit auf diese Landschaft rund um den See.

Als Videofilmer und Sammler von Filmen komme ich nicht herum, die entsprechenden Speichermedien zu besitzen. Neben der internen Festplatte meines Rechners ist inzwischen auch eine drei Terabyte große externe Festplatte fast vollständig belegt. So wird es also Zeit, mir eine weitere Festplatte zuzulegen:

Zuletzt noch ein kulinarischer Hinweis (durchaus auch in eigener Sache). Meine beiden Söhne sind Veganer. Und so verzichten auch meine Frau und ich zunehmend auf den Konsum von Fleisch. Natürlich sind wir nicht ganz so streng, trinken aber statt tierischer Milch gern solche auf pflanzlicher Basis (weniger Sojamilch, eher Hafer-, Mandel- oder Hirsemilch; auch Cashewmilch ist lecker). Aufs Frühstückei am Wochenende verzichten wir eher ungern. Statt Honig gibt es jede Menge Alternativen – von Agavendicksaft (Sirup) bis hin zu Ahornsirup. Wer Lust verspürt, den ersten Schritt zu wagen, dem stehen viele Kochbücher zum Thema bereit.

Und wem das alles nicht ‚schmeckt‘, wird sich vielleicht mit einem Gutschein behelfen:

Literaturnobelpreis 2017 für Kazuo Ishiguro

    Ich füllte meine Kaffeetasse beinahe bis zum Rand. Dann machte ich mich, die Tasse vorsichtig in der einen, meinen großzügig beladenen Teller in der anderen Hand balancierend, auf den Weg zurück zu meinem Platz.
    Kazuo Ishiguro: Die Ungetrösteten (letzter Satz des Romans)

Vor 16 Jahren, 2001, hatte ich mir einen Roman von Kazuo Ishiguro gekauft: Die Ungetrösteten. in der Übersetzung von Isabell Lorenz – 1. Auflage September 1996 – Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg. Bis in der Herbst hinein hatte ich dann das rund 730 Seiten umfassende Werk gelesen:

Müde und erschöpft betritt der berühmte Pianist Ryder nach einem anstrengenden Flug sein Hotel. Am liebsten möchte er sich in den drei Tagen bis zu seinem großen Konzert einfach nur entspannen. Aber schon in der Lobby wird er von Menschen bedrängt, die ihn um den einen oder anderen Gefallen bitten: Hoffman, der Hotelmanager, fragt, ob Ryder sich nicht einmal die Musikaliensammlung seiner Frau ansehen könnte, die ihr ganzer Stolz ist. Stephan, Hofmmans Sohn, möchte ein fachmännisches Urteil über seine Klavierkünste. Der alte Page Gustav bittet Ryder, zwischen ihm und seiner Tochter Sophie zu vermitteln, mit der er seit Jahren nur noch über seinen kleinen Enkel Boris Kontakt hat.

Geschmeichelt begibt sich Ryder in ein nahe gelegenes Café, um dort mit Sophie und Boris zu reden. Zu seiner Verblüffung begrüßen ihn die beiden wie einen intimen Freund – und er ist sich plötzlich selbst nicht mehr sicher, ob man sich vielleicht tatsächlich von früher kennt.

Als Ryder verwirrt das Café verläßt, weiß er aus einmal nicht mehr, wo er sich befindet. Er glaubt zu träumen oder gar den Verstand zu verlieren, denn rätselhafte Mächte nehmen sein Schicksal in die Hand und schicken ihn auf eine Reise durch die Stadt so unüberschaubar und voller Sackgassen wie ein Labyrinth. Wie durch Geisterhand hetzt es ihn von hier nach da, mysteriöse Figuren kreuzen seinen Weg: Bekannte und Freunde, Lebende und Totgeglaubte, sie alle Ungetröstete, die sich von ihm als Künstler Hilfe oder gar Erlösung erhoffen – wie die Frau, die ihn bittet, auf der Beerdigung eines Hundes Klavier zu spielen, oder der alkoholabhänige Dirigent Leo Brodsky, der von Ryder verlangt, daß er seine ehemalige Geliebte wieder für ihn zurückerobert. Am Abend von Ryders Konzert kommen schließlich die Schicksale aller zusammen, und der große Pianist muß bitter erfahren, wie schnell gute Taten plötzlich vergessen sein können. (aus dem Kladdentext)

„‚Die Ungetrösteten‘ ist ein Meisterwerk, anspruchsvoll und von außerordentlicher Originalität, nicht nur, weil die Idee so meisterhaft ausgeführt ist, sondern in erster Linie, weil dieser Roman Grundlegendes über die menschliche Seele erzählt.“ („The Times“)

    Kazuo Ishiguro (2005)

Kazuo Ishiguro wurde 1954 in Nagasaki geboren. Er ist also mein Jahrgang. Mit fünf Jahren kam er mit seiner Familie nach England. Ishiguro studierte Amglistik und Philosopie und lebt heute als freier Schriftstelle in London. Sein Roman „Was vom Tage übrigblieb“ wurde 1993 von James Ivory verfilmt. Sein 2005 erschienener Roman Alles, was wir geben mussten über menschliche Klone als Organspender bzw. „Ersatzteillager“ galt für viele Kritiker als die wichtigste Erzählung des Jahres 2005. So schreibe Ishiguro gegenwärtig das vielleicht schönste Englisch. Der Roman wurde 2010 unter der Regie von Mark Romanek und mit Carey Mulligan, Andrew Garfield und Keira Knightley in den Hauptrollen verfilmt. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich den Film mit meiner Familie gesehen.

In der letzten Woche wurde nun Ishiguro den Nobelpreis für Literatur zugesprochen. Die Schwedische Akademie würdigte ihn als einen Schriftsteller, „der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat“

Es mag ein gewisses Gespür sein, das ich für hervorragende Literatur habe, bevor es z.B. durch eine Preisverleihung wie den Literaturnobelpreis gewürdig wird. Lange vor der Vergabe dieses nach wie vor wohl bedeutendsten Literaturpreises hatte ich Autoren wie den Ägypter Nagib Machfus, Jean-Marie Gustave Le Clézio oder den Peruaner Mario Vargas Llosa, übrigens einer meiner Lieblingsautoren, gelesen. Und Kazuo Ishiguro schließt in gewisser Hinsicht diesen Kreis. Vielleicht erlangt in den nächsten Jahren auch ein gewisser Javier Marías diese Ehre (nur so als kleiner Tipp von mir).

Ishiguros Roman „Die Ungetrösteten“ steht übrigens in dem Bücherregal am Kopfende meines Bettes. Dort befinden sich Bücher, die ich in der nächsten Zeit (erneut) zu lesen gedenke. Vielleicht war das ja ein gutes Omen, denn Ishiguro galt schon viele Jahre als Anwärter auf den Nobelpreis für Literatur.