Willi am Baggersee

Jetzt ist sie also doch da, die große Hitze wie im letzten Jahr Ende Juli. Und was ist da am Sinnvollsten zu tun: Man begibt sich in kühlende Gewässer. Da gibt es das Freibad Tostedt in der Ortsmitte, das erst vor zwei Jahren neu erstanden ist. Die Eintrittspreise sind erträglich.

Baggersee Todtglüsingen
Baggersee Todtglüsingen

Neben dem Freibad gibt es im Ortsteil Todtglüsingen auch noch einen Baggersee, in dem gebadet werden darf und der vom TV Todtglüsingen betrieben wird. Allerdings dürfen hier nur Vereinsmitglieder baden. Für 2 € 75 im Monat geht das dann natürlich bereits.

Selfi mit Willi am Baggersee Todtglüsingen
Selfi mit Willi am Baggersee Todtglüsingen

Gestern war ich mit meinen Lieben dort und wir haben uns in dem kühlen Wasser bei rund 32 ° C Lufttemperatur im Schatten angenehm erfrischen können.

Kurz und spitz (01): Polterer

    Die Deutschen sind Polterer, ob von links oder von rechts. Es fehlt ihnen das Vermögen zur feinen Spitze, zur eleganten Ironie, die den Gegner bloßstellt, ohne ihn zu vergrößern.
    Dirk Kurbjuweit

Kurz und spitz: Polterer
Kurz und spitz: Polterer

Hier entsteht eine neue Rubrik, eine neue Kategorie (wie es in Blogs auch genannt wird), in der kurz, dafür möglichst spitz, Gedanken formuliert werden, die Anstoß zum Überdenken geben sollen.

Ja, feine Spitzen der Ironie gegen den Unverstand, die Ignoranz braucht das Land. Denn was mich immer wieder wundert, gar ärgert, ist, wie es bei uns immer wieder geschafft wird, den Gegner größer dazustellen, als er es ist. Wir müssen wohl noch einiges lernen.

Nicht nur Hagebuttentee – deutsche Jugendherbergen bangen um ihre Existenz

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, plane ich mit meinen beiden Söhnen eine Radtour von unserem Wohnort Tostedt aus längs der Wümme über Rotenburg bis Bremen-Vegesack, den sogenannten Wümme-Radweg. Dort treffen wir dann auf den Weser-Radweg, der uns über Bremerhaven (7. Etappe) bis Cuxhaven (8. Etappe) führen wird. Da wir immer noch Mitglieder der Deutschen Jugendherberge (DJH) sind, wollten wir eigentlich in Rotenburg und Cuxhaven jeweils eine Nacht verbringen.

Ich habe in alten Unterlagen gekramt und dort einen so genannten „Bleibenausweis“ auf meinem Namen für das Jahr 1969 gefunden. Also schon vor jetzt 51 Jahren war ich Mitglied bei der DJH.

    DJH: Bleibenausweis für Willi aus dem Jahr 1969
    DJH: Bleibenausweis für Willi aus dem Jahr 1969

Anlass war damals auch eine Radtour – mit Freunden in Richtung Niederlande. Dabei waren wir in den Jugendherbergen von Oldenburg in Oldenburg, Leer/Ostfriesland und Weener/Ems. In Oldenburg gibt es inzwischen einen Neubau, die in Leer war damals in einem früheren Wasserturm mit toller Aussicht auf die Stadt (jetzt in einem der ältesten Gebäude der Stadt Leer) untergebracht. Und die in Weener kurz vor der holländischen Grenze gibt es heute nicht mehr.

    DJH: Übernachtungen 1969 (Radtour Richtung Niederlande)
    DJH: Übernachtungen 1969 (Radtour Richtung Niederlande)

Obwohl die Deutschen Jugendherbergen besonders unter der Corona-Krise zu leiden hatten und z.T. noch haben, konnten wir für die geplanten Übernachtungen in der DJH Rotenburg/Wümme und DJH Cuxhaven keine freien Bette finden. Nun denn, dann eben nicht …

Dank Corona-Virus: Zwar konnten 288 der bundesweit rund 450 Häuser nach der wochenlangen Corona-Zwangspause wieder öffnen. Doch das traditionelle Kerngeschäft der Herbergen mit Klassenfahrten und Gruppenreisen ist nahezu vollständig weggebrochen. Schul- und Klassenreisen würden 40 Prozent des Umsatzes ausmachen.

111 Jahre alt ist die Idee der Jugendherbergen, doch im Jahr des Schnapszahl-Jubiläums lässt die Corona-Krise viele der Häuser um ihre Existenz bangen. Lt. DJH: „Wir gehen von mehr als 180 Millionen Euro fehlenden Einnahmen aus – und das ist der Stand, den wir bis Anfang Juni beziffert haben“. Normalerweise beträgt der Jahresumsatz laut Bundesverband etwa 385 Millionen Euro. (Quelle u.a.: zdf.de)

Gern hätten wir natürlich unseren kleinen Beitrag zum Erhalt der DJH geleistet. Es soll aber nicht sein. So haben wir uns nach anderen Unterkünften umgeschaut und sind fündig geworden:

Alles rund um die Reise: booking.com – Geldprämie im Wert von € 15

Apropos ‚Bleibenausweis‘ 1969: Ziehen wir 51 Jahre seitdem von den 111 Jahren des Bestehens der DJH 2020 ab, dann feierten die Deutschen Jugendherbergen damals ihr 60-Jähriges. Anders als damals, als uns noch Hagebuttentee zum Frühstück serviert wurde, haben Jugendherbergen heutiger Zeit den Komfort von Hotels erlangt.

Tiere im Garten (4): Bienen und Schmetterling

In unserem Garten haben wir Zierlauch (Allium oreophilum) ausgesät, dessen kugelrunde Blütenköpfe schön anzusehen, aber besonders auch bei Bienen beliebt sind. Ja, in diesem Sommer sind die Bienen wieder da. Endlich ist es begriffen worden, dass nicht jeder Randstreifen, nicht jede Wildwiese gemäht werden muss. Und eine Vielfalt an Blumen im eigenen Garten ist nicht nur eine Augenweide, sondern lockt neben den Hummeln auch wieder Bienen an.

Bienen auf Zierlauch
Bienen auf Zierlauch

Und Ende Juli/Anfang August lassen sich auch wieder vermehrt Schmetterlinge in unserem Garten nieder – so wie dieser Admiral.

Admiral (Vanessa atalanta)
Admiral (Vanessa atalanta)

Albert Camus: Der Fall (1956)

    «Wenn die Zuhälter und Diebe immer und überall verurteilt würden, hielten sich ja alle rechtschaffenen Leute ständig für unschuldig! Und meiner Meinung nach muss gerade das verhindert werden.»
    Albert Camus: Der Fall (1956)

In diesem 1957 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Roman Der Fall schildert Camus den Fall des Pariser Anwalts Johannes Clamans, der seine Karriere als erfolgreicher und beliebter Strafverteidiger der Pariser Hautevolee freiwillig aufgibt, um als um als Winkeladvokat und „Bußrichter“ unter den Asozialen im Amsterdamer Hafenviertel unterzutauchen. Clamans war aus seiner Selbstzufriedenheit und dem vermeintlichen Einklang mit der Welt gestürzt, als er eines Nachts an der Seine den Hilfeschrei einer Selbstmörderin gehört und nicht beachtet hatte. Damit beginnt sein Gewissenskonflikt; und in einer atemberaubenden Beichte voll eisiger Ironie und lateinischer Klarheit bekennt er, daß Selbstgefälligkeit und Opportunismus die Triebfelder seines Gerechtigkeitssinnes waren. (aus dem Kladdentext)

Ich habe diesen gerade einmal 120 Seiten umfassenden Roman in folgender Ausgabe vorliegen: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg – 1044, 184.-193. Tausend Februar 1979 – aus dem Französischen übertragen von Guido G. Meister – Originalausgabe erschien unter dem Titel „La Chute“

Albert Camus: der Fall (1956)
Albert Camus: der Fall (1956)

Die Geschichte ist in Amsterdam angesiedelt und wird als Monolog vom selbsternannten „Bußrichter“ Jean-Baptiste Clamence erzählt, der einem Fremden seine Vergangenheit als erfolgreicher Anwalt offenbart. In seiner Lebensbeichte berichtet er von seiner Krise und seinem Fall, der als individuelle säkulare Version des Sündenfalls gesehen werden kann. Das Werk erkundet Themen wie Bewusstsein, Freiheit und die Sinnlosigkeit des menschlichen Lebens.

Die Besonderheit dieses Romans liegt darin, dass der Protagonist, der die Beichte ablegt, im ganzen Werk als Einziger zu Wort kommt. Der Verzicht auf einen allwissenden Erzähler, der auch Camus’ 14 Jahre zuvor erschienenen Roman Der Fremde prägt, nimmt dem Leser die Möglichkeit, das Geschehen zu objektivieren.

Nebelverhangene Grachten, kleine Brücken und unzählige Fahrradfahrer bestimmen das Bild von Amsterdam. 1954 entdeckte Albert Camus die niederländische Hauptstadt und empfand sie als klassisch und frech, aber auch düster – der ideale Konterpart zu seiner Melancholie. In Amsterdam siedelte der zukünftige Literaturnobelpreisträger seinen Roman „Der Fall“ an: die poetische Irrfahrt eines Mannes, der von der Schuld zerfressen wird. (Quelle: arte.tv)


Der Fall: Albert Camus und Amsterdam

Hier einige kurze Textpassagen, die teilweise allein für sich sprechen:

„… gepflegter Stil und Seidenhemden haben miteinander gemein, daß sie nur allzu oft einen häßlichen Ausschlag verbergen.“ (S. 8)

    „Wer keinen Charakter hat, muß sich wohl oder übel eine Methode zulegen.“ (S. 12)

„Wenn einer nicht umhin kann, Sklaven zu halten, ist es dann nicht besser, er nennt sie freie Menschen?“ (S.- 40)

    „Sie wissen ja, was Charme ist: eine Art, ein Ja zur Antwort zu erhalten, ohne eine klare Frage gestellt zu haben.“ (S. 48f.)

„Ich habe keine Freunde mehr, ich habe nur noch Komplicen. Dafür hat ihre Zahl zugenommen, sie umfaßt das ganze Geschlecht der Menschen. Und unter den Menschen kommen Sie an erster Stelle. Der just Anwesende kommt immer an erster Stelle.“ (S. 62f.)

    „… geben wir ihnen ja keinen Vorwand, […] uns zu richten!“ (S. 65)

„Glücklich und gerichtet oder freigesprochen und elend.“ (S. 67)

    „… und bliebt in einem Leben auch nur eine Lüge verborgen, verlieh der Tod ihr Endgültigkeit.“ (S. 75)

„… die Lobreden wurden mir je länger desto unerträglicher. Mir schien, die Lüge nehme damit immer mehr zu …“ (S. 76)

    „Um dem Lachen zuvorzukommen, verfiel ich also auf die Idee, mich der allgemeinen Lächerlichkeit preiszugeben.“ (S. 76)

„… es genügt nicht, sich anzuklagen, um seine Unschuld zu beweisen …“ (S. 79)

    „… der Dreck verleiht uns Haltung.“ (S. 82)

„… die Wahrheit […] ist zum Sterben langweilig!“ (S. 85)

    „… daß die echte Ausschweifung befreit, weil sie keinerlei Verpflichtung schafft.“ (S. 86)

„Es ist kein Gott vonnöten, um Schuldhaftigkeit zu schaffen oder um zu strafen. Unsere von uns selbst wacker unterstützten Mitmenschen besorgen das zur Genüge.“ (S. 92)

    „… daß die einzige Nützlichkeit Gottes darin bestünde, die Unschuld zu verbürgen …“ (S. 92)

„Es fehlt nie an Gründen, einen Menschen umzubringen. Im Gegenteil, es ist unmöglich, sein Weiterleben zu rechtfertigen.“ (S. 93)

    „Keine Entschuldigung [,,,] Ich lasse nichts gelten, weder die wohlmeinende Absicht, noch den achtbaren Irrtum, den Fehltritt oder den mildernden Umstand.“ (S. 109)

„Die Anklagerede ist zu Ende. Im selben Augenblick wird das den Mitmenschen vorgehaltene Porträt zum Spiegel.“ (S. 115)

Willis Plaudereien (8): Die ‚große Freiheit‘

    Wie Hamburg habe ich meine „Große Freiheit‘. In allem. Ich halte mich nicht einmal an den Kalender. Wieso Neujahr feiern? An jedem Tag beginnt ein neues Jahr.
    Tomi Ungerer

Der Mann hatte gut reden. Natürlich kann jeder sich, anders als die anderen, an eigene Regeln halten, und übliche Gesetzmäßigkeiten außer Acht lassen. Irgendwann soll endlich die Umstellung zwischen Sommer- und Winterzeit entfallen. Da soll es aber schon heute Leute geben, die das gar nicht interessiert. Die haben immer Winterzeit (die Normalzeit übrigens). Bei denen ist es nicht 15, sondern erst 14 Uhr. Auf diese Art leben die Guten eine Stunde ‚länger‘.

Und ab einem bestimmten Alter wollen einige wiederum nicht mehr älter werden. Die bleiben 39 oder 49 oder 59 und eines Tages ‚vergessen‘ sie ganz einfach ihren Geburtstag (entsprechende Daten bei Facebook, Twitter usw. beizeiten löschen). Und wer mit Geschenken kommt, wird erschlagen.

Willi mit Helm - unscharf (Edelsteinminen Idar-Oberstein Juli 2019)
Willi mit Helm – unscharf (Edelsteinminen Idar-Oberstein Juli 2019)

Und für viele ist jeder neue Tag nicht nur der Beginn eines neuen Jahres (wie bei Herrn Ungerer), sondern sogar der Anfang eines neuen Lebens. Da wärst Du platt, lieber Tomi!

Bauplanung ‚Am Bahnhof 9/9a‘ in Tostedt (14): ‚Stöckchen‘ statt Bäume

Es genügt nicht, von Montag bis Freitag ab 6 Uhr 30 vom Lärm auf dem Baugelände ‚Am Bahnhof 9/9a‘ seit Monaten belästigt zu werden (das Krähenkonzert gegen 5 Uhr 30 nicht vergessen), nein, an einem Samstag kamen noch zwei Arbeiter (immerhin erst um 9 Uhr 30), um das inzwischen in die Höhe geschossene Gras „an den angrenzenden Grundstücken der Morlaasstraße Ost“ (neben dem mehrere Meter hoch aufgeschütteten Erdhaufen) mit Motorsensen zu mähen, damit die im letzten April gepflanzten ‚Stöckchen‘ freigelegt wurden. Mein Gespräch am Frühstückstisch auf der Terrasse mit meiner Frau ging im Motorlärm unter.

Gelände ‚Am Bahnhof 9/9a‘ in Tostedt: der Mann mit der Motorsense
Gelände ‚Am Bahnhof 9/9a‘ in Tostedt: der Mann mit der Motorsense

Apropos ‚Stöckchen‘: Lt. 2. Änderung des Bebauungsplanes Nr. 22 „Karlstraße“ vom 21.06.2017 (betrifft die Bauplanung ‚Am Bahnhof 9/9a‘ in Tostedt) heißt es unter Punkt 4.1.:

„Innerhalb der […] Fläche zum Erhalt und zum Anpflanzen von Bäumen und Sträuchern ist der vorhandene Gehölzbestand dauerhaft zu erhalten und durch Anpflanzungen von Gehölzen zu ergänzen. […]“

Es wird eine Auswahl der zu verwendenden Arten getroffen, z.B. Bäume ( 2-j. Sandbirke, 3-j. Rotbuche) und Sträucher wie 3-j. Haselnuss , 3-j. eingriffeliger Weißdorn oder 2-j. Pfaffenhütchen.

Gelände ‚Am Bahnhof 9/9a‘ in Tostedt: 'Stöckchen' statt Bäume
Gelände ‚Am Bahnhof 9/9a‘ in Tostedt: ‚Stöckchen‘ statt Bäume

Die Umsetzung sollte eigentlich in der Pflanzperiode November 2017 bis April 2018 erfolgen. Gepflanzt wurde dann aber erst Ende April 2019 und auch erst, als die Verwaltung im Rathaus Tostedt auf das bisherige Versäumnis aufmerksam gemacht wurde.

Ich weiß nicht, wo groß zwei- bzw. dreijährige Bäume und Sträucher sein sollten, aber die gepflanzten ‚Stöckchen‘ geben wirklich nicht viel her. Uns soll es egal sein. Aber von dem „hohen Grünanteilen“ (lt. Begründung zur B-Planänderung) sehe ich weiterhin nicht viel – neben den Gebäuden vor allem Stellplätze und nochmals Stellplätze.

Russische Wochen (4) – Michael Bulgakow: Meister und Margarita

Komme ich zum vorerst letzten von mir gelesenem Buch meiner ‚russischen Wochen‘. Es ist ein Geschenk meines ältesten Sohnes und seiner Freundin, die russisch und vor allem weißrussisch als Muttersprache spricht, zum Vatertag. Der Autor, Michail Bulgakow, ist zwar in Kiew geboren, der heutigen Hauptstadt der Ukraine (bei seiner Geburt gehörte Kiew zum russischen Kaiserreich), er schrieb aber in russischer Sprache und gilt als einer der großen Satiriker der russischen Literatur. Seinen aberwitzigen Roman „Das hündische Herz“ habe ich bereits kurz vorgestellt. Heute geht es um sein Meisterwerk, an dem er zwölf Jahre (bis zu seinem Tode 1940 im Alter von 48 Jahren) schrieb: Meister und Margarita (dtv14301, vollständige Ausgabe 2014 – 7. Auflage 2019 – Мастер и Маргарита [Master i Margarita], 1966 – neu übersetzt und kommentiert von Alexander Nitzberg – mit einem Nachwort von Filicitas Hoppe).

Michael Bulgakow: Meister und Margarita
Michael Bulgakow: Meister und Margarita

Michail Afanassjewitsch Bulgakow, geboren am 15. Mai 1891 in Kiew, studierte Medizin, war Autor, Dramatiker, Übersetzer und Theaterregisseur. Berühmt wurden seine Romane und Erzählungen sowie seine Theaterstücke. Ab 1930 wurden die Werke Bulgakows in der Sowjetunion nicht mehr veröffentlicht. Der Schriftsteller stellte mehrfach Ausreiseanträge, die ihm jedoch verwehrt wurden.

Moskau um 1930: Zusammen mit seinen Gehilfen geht der Teufel um und wirbelt die Stadt mächtig durcheinander. Im Varietétheater richten sie ein heilloses Chaos an und stellen das Publikum – Bürger der Stalinzeit – mit all ihren Schwächen bloß. Die Behörden scheitern kläglich mit rationalen Erklärungsversuchen. Nur zwei Personen entgehen Schreck und Unbill: Der Meister – ein Schriftsteller, der seine Tage in der Psychiatrie zubringt – und Margarita, seine Geliebte, die sich in ihrem gutbürgerlichen Leben nach ihm sehnt.
Bulgakows Meisterwerk in der frischen und poetischen Neuübersetzung von Alexander Nitzberg ist eine auch heute noch hochpolitische Gesellschaftssatire – grotesk, aberwitzig und skurril: einer der schönsten Klassiker der Moderne.
(aus dem Kladdentext)

Der Roman schildert in einer allegorischen und witzigen, satirischen Weise das Leben in Moskau zu dieser Zeit. Viele Kritiker zählen den Roman zu den wichtigsten russischen Erzählungen des 20. Jahrhunderts und halten ihn für eine der besten Satiren der Zeit, gerichtet gegen die starre, von Willkür geprägte Bürokratie sowie die Überwachungspraktiken und die Versorgungsengpässe in der dogmatisch atheistischen Sowjetunion.

Das zweite Hauptthema des Romans ist mit den menschlichen Werten wie Gut und Böse, Gott und Teufel, Leben und Tod verbunden. Die Erlösung aller Beteiligten, deren freiwilliges Werkzeug auch der Teufel ist, steht hierbei im Mittelpunkt. Einige Kapitel enthalten eine auf historische Glaubwürdigkeit bedachte Erzählung über Pontius Pilatus während der letzten Tage Jesu Christi, der in der Erzählung mit seinem hebräischen Namen Jeschua genannt wird.

Aus beiden Handlungssträngen ergibt sich das dritte Hauptthema: Keine größere Sünde als die Feigheit. Keiner der Moskauer Beteiligten ist wirklich bereit, sich der höheren Macht – teils der Staatsmacht, teils der des Satans (in Gestalt des Zauberkünstlers Voland) – zu stellen. Auch Pontius Pilatus verzichtet angesichts der Konsequenzen auf die Freilassung Jeschuas.
Ein weiteres Thema des Romans ist das des Künstlers und der Kunst.

Die Figuren des Romans

Keine Frage: Es ist ein herrlich skurriles Buch, das auch heute noch Bestand hat und uns tief in die russische Seele blicken lässt – nicht nur der Stalinzeit, sondern auch der Putin-Ära. Nicht umsonst hat der Roman jede Menge Adaptionen erfahren, wurde verfilmt, kam als Hörspiele heraus oder wurde in diversen Theaterausführungen verarbeitet.

„Es ist an der Zeit, Bulgakows Werk als große epische Dichtung zu entdecken – dafür hat Nitzberg den Weg freigemacht … man muss sich Satz und Satz auf der Zunge zergehen lassen.“ ‚BuchMarkt‘

„Sensationell! Kongenial!“ Felicitas von Lovenberg in ‚Literatur im Foyer‘

Mit diesem Roman enden für mich erst einmal die ‚russischen Wochen‘. Ich kann Bulgakow, aber natürlich auch die Werke Dostojewskis (und der vielen anderen russischen Autoren) nur wärmstens empfehlen. Jetzt in der Urlaubszeit sollte genügend Muße zum Lesen vorhanden sein.

siehe auch:
Russische Wochen (1) – Tschingis Aitmatow: Frühe Kraniche
Russische Wochen (2) – Michael Bulgakow: Das hündische Herz
Russische Wochen (3) – Fjodor M. Dostojewski: Die Dämonen

Urlaub

Bekanntlich ist der Urlaub Ausgangspunkt vieler ehelicher resp. familiärer Auseinandersetzungen, die dann zu Scheidung, in einigen Fällen auch zu Mord und Totschlag führen. Selbst wenn es nicht dazu kommt, so kann ein Urlaub zu einer bis zu drei Wochen dauernden Lebenskrise führen. Jetzt in Coronazeiten dürfte das kaum besser sein. – Und bekanntlich obsiegt bei allen Urlaubsheimkehrern nach solch strapaziösen Tagen in der Ferne die Einsicht, dass es zu Hause doch am schönsten ist.

    Vom Alltagsleben, wo man sich immerhin alles einigermaßen eingerichtet und zurechtgelegt hat, unterscheidet sich dieser selbstquälerische Ausnahmezustand vor allem durch die den ganzen Tag in Anspruch nehmende Sorge um Ernährung und sonstige Notdurft. Und: werde ich heil zurückkehren?
    Eugen Egner über Urlaub

Notdurft: Willi muss mal für kleine Antons
Notdurft: Willi muss mal für kleine Antons

Okay, es liegt an uns selbst, was wir aus einem Urlaub machen. Meine Familie und ich haben die Urlaubstage eigentlich immer genossen. In diesem Jahr werden wir zwar nicht für einen längeren Zeitraum verreisen (mit meinen beiden Söhnen werde ich demnächst auf Radtour gehen; das ist ja auch Urlaub; und meine Frau darf sich auf ihre Art von mir erholen), aber die Abkehr von den eigenen vier Wänden hat schon sein Gutes. Wie gesagt: Anschließend wird einem das Daheim wieder besonders lieb.

Zuletzt zur allgemeinen Erheiterung noch etwas von Heinz Erhardt, der da wohl einen Begriff unterschiedlich zu interpretieren sucht:


Heinz Erhardt- Da kommt doch noch was – Der Urwald

Willi läuft wieder …

Lange ist es her, dass ich meine Laufschuhe schnürte, um an der frischen Luft etwas für meine Gesundheit zu tun. Nun ganz so optimal, wie ich es mir wünschte, war das vielleicht doch nicht. Meinen Knie tat es wohl nicht ganz so gut, da sie schon ‚vorgeschädigt‘ waren. Zuletzt vor über vier Jahren war ich ‚auf der Piste‘, dann ging es erst einmal nicht mehr. Das rechte Knie knirschte und schmerzte zunehmend. Nach Diagnose und OP, nach einer Reha, Krankengymnastik und Rehasport vor nun zwei Jahren dauerte es zwei weitere Jahre, bis ich es jetzt zum ersten Male wieder wagte, die Laufschuhe hervorzukramen und vorsichtig im Laufschritt die ersten Kilometer abzuspulen.

2500 km mit diesen Tretern
2500 km mit diesen Tretern

Eigentlich habe ich nicht mehr damit gerechnet, wieder einmal eine größere Runde zu drehen. Meinen Außensport betreibe ich auf dem Fahrrad. Das geht ganz gut. Und demnächst ist sogar eine längere Radtour mit meinen beiden Söhnen angesagt. Aber laufen …? Sicherlich liegt es am vermehrten Radfahren, dass sich mein rechtes Knie dadurch gestärkt auch wieder zum Laufen ‚eignet‘.

Natürlich werde ich mich schonen müssen. Ich werde es nicht übertreiben. Aber es grenzt doch fast an ein Wunder, dass ich nach so langer Zeit neben dem Bloggen auch wieder joggen kann.

Siehe auch: Bloggen und Joggen
und Laufen und saufen statt joggen und bloggen?

Nein, so doch nicht … (11): Neid

Das N-Wort sticht immer. Selbst unter den sieben Todsünden ist Neid die mit Abstand unpopulärste. Und anders als Wollust, Faulheit und Völlerei macht es auch nicht den geringsten Spaß, neidisch zu sein.
Jürgen Ziemer

Nein, so doch nicht ... Oder doch?!
Nein, so doch nicht … Oder doch?!

… und da Neid dermaßen unpopulär ist, versucht der Neider seine Missgunst möglichst für sich zu behalten. Innerlich kocht er, weil er es nicht soweit gebracht hat wie irgendwelche Dahergelaufenen. Wie können die nur und ich nicht … – Gern benutzt er ein Mäntelchen, um seinen Neid zu verstecken: Gerade die so genannte Flüchtlingskrise offenbart den Neid vieler, die sich gegenüber den ins Land gekommenen Flüchtlingen benachteiligt fühlen: Denen wird alles in den Hintern geschoben. Und ich …?! – Vielleicht rühre ich einmal meinen Arsch, dann bekomme ich das, was ich mir wünsche und muss gegenüber anderen nicht neidisch sein.

Natürlich eignet sich der Vorwurf, neidisch zu sein, anderen übelzuwollen als K.O.-Kriterium. Einer, der bestimmte Missstände anprangert, die vielleicht mit der Vergeudung von Geld zu tun haben, wird mundtot gemacht, wenn er als Neidhammel bezeichnet wird. In soweit sticht das N-Wort (fast) immer.

Wird das genauer betrachtet, so ist zu sehen, dass wir in einen Circulus vitiosus, einen Teufelskreis geraten sind. Der Neid als Vorwurf oder der Vorwurf als Zeichen des Neides?!

Ach, Jungs und Mädels, das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Leider ist der Neid heute zu einer politischen Waffe geworden, der sich besonders die Rechten gern bedienen. Und dabei, ich unterstreiche es geradezu, macht Neid wirklich keinen Spaß!