Advent, Advent, die Hütte brennt …

Bevor ich mich den vorweihnachtlich nostalgischen Gefühlen hingebe und mir den Magen mit Marzipan, Stollen und Lebkuchen verrenke, muss ich mich noch einmal auskotzen:

Ja, wir leben in besonderen Zeiten. Das Coronavirus hat uns wieder voll im Griff. Vielerorts gilt seit dem 1. Dezember die 2G+-Regelung in fast allen öffentlichen Bereichen, z.B. beim Sport und beim Friseur. Es genügt also nicht, genesen oder vollständig (also zweimal) geimpft zu sein, ein Schnelltest muss vorgelegt werden, der höchstens 24 Stunden alt sein darf.

Bei uns in Tostedt nun gibt es zwei Schnelltestzentren (eine davon ein Drive-in), die allerdings überlaufen sind. Der Mensch ist nun einmal ein Herdentier und sucht die Nähe von Artgenossen. Alternativ geht es auch bei einigen Ärzten. Und eine Apotheke führt auch kostenlose Schnelltests durch. Ich wollte vor Weihnachten endlich wieder zum Friseur, aber als ich die endlos langen Schlangen vor beiden Testzentren sah, habe ich kehrtgemacht So fuhr ich (mit dem Rad) zur nächsten Apotheke, um dort zumindest einen Termin auszumachen, und siehe da: Ich war der einzige Testwillige und kam gleich dran. Kurz aufs Ergebnis gewartet und schon saß ich beim Friseur, der mich besonders freundlich begrüßte, denn auch hier war ich (zumindest zunächst) der einzige Kunde. Diesmal wurde der Haarschnitt auch besonders gut, da der Friseur viel Zeit für mich hatte. Also alles gut …?!

Willi mit Gesichtsmaske
Willi mit Schnutenpulli

Eigentlich kann ich nicht klagen. Aber – und da schreibe ich natürlich nichts Neues – ist es eine Zumutung, dass dermaßen kurzfristig eine solche Regelung wie 2G+ von der Politik verordnet wird, obwohl es nicht genügend Testmöglichkeiten gibt. Dem meinte man in Niedersachsen gegenzusteuern, indem diejenigen, die sich zum 3. Mal impfen lassen (Boosterimpfung), keine Tests mehr vorweisen müssen. Boostern kann man sich allerdings erst fünf Monate nach der Zweitimpfung, wenn überhaupt Impfstoff vorhanden ist und man einen Termin bekommt. Die Impfzentren wurden ja bekannterweise vor einiger Zeit geschlossen. Dafür gibt es z.B. jetzt in Niedersachsen mobile Impfzentren, bei denen man sich ohne Termin in sicherlich ebenso lange Warteschlangen einreihen darf wie bei den Testzentren. – Wenn ich also zum Sport will, muss ich mich weiterhin vorher testen lassen. Super!

Was die Politik (und das gilt für die alte wie die neue Bundesregierung, natürlich besonders auch für die Landesregierungen) sich bisher geleistet hat, ist ein Skandal. Anstatt gleich zu klaren, dauerhaften Regeln zu kommen, gibt es ein ewiges Hin und Her, sodass kaum noch einer weiß, was gerade gilt. Statt auf Fachleute wie Virologen zu hören, köchelt jeder Politiker sein eigenes Süppchen. Am Ende ist man dann auch noch so dreist und behauptet, die neue Welle schon früh vorausgesagt zu haben, obwohl genau das Gegenteil stimmt (oder Herr Söder?).

Ich will hier gar nicht erst auf die unbelehrbaren Dummköpfe zu sprechen kommen, die meinen, das Coronavirus ignorieren zu können. Solche Vollidioten gab es z.B. schon vor 200 Jahren, als in Bayern die Impfpflicht gegen die Pocken eingeführt wurde. Wir hätten diese Krankheit wohl noch heute, wenn es nach diesen Pappnasen gegangen wäre.

Was mich ankotzt, ist die Politik! Und wenn ich sehe, solche Gestalten (Lindner und Co.) in der neuen Bundesregierung mit das Sagen haben, die meinen, unsere ‚Freiheit‘ schützen zu müssen und dabei auch über Leichen zu gehen bereit sind, dann sehe ich kein Ende der Pandemie. Und was da an Fakes aus den Mäulern vieler Politiker kommt, ist hanebüchen.

Mit Corona werden wir wohl weiterhin leben müssen. Die nächste Variante ist auf dem Vormarsch. Aber wir sollten uns so gut wie möglich davor schützen. Nur so können wir zum Alltag zurückkehren. Nicht, indem die Politik uns erst Hü, dann Hott verordnet.

Kurt Marti: event advent

die in nebelfeuchten städten wohnen
hören heilsarmeegesänge
in den alpen schleudern die kanonen
kunstschnee auf noch grüne hänge


kläuse gibt`s und engel zur genüge
bettler leiden unterm wetter
wers vermag bucht jetzt karibikflüge
junge kaufen snowboardbretter

jahr um jahr adventets kühner greller
ein event in dunklen tagen
alle waren zirkulieren schneller –
wär`da sonst noch was zu sagen?

Kurt Marti

selbst gebundener Adventskranz bei AlbinZ (Wohnzimmer)

selbst gebundener Adventskranz bei AlbinZ (Küche)

Es ist wieder soweit: Die Vorweihnachtszeit hat begonnen, der 1. Advent liegt schon hinter uns. – „Wär‘ da sonst noch was zu sagen?“ – Wie bereits im Vorjahr bestimmt wieder das Corona-Virus diese Zeit – dank der vielen Pappnasen, die sich nicht impfen lassen wollen. DANKE!

Machen wir das Beste daraus. Euch allen eine schöne Zeit. Bleibt gesund und lasst Euch nicht unterkriegen!



Henning Mankell: Mittsommermord

Es gab eine Menge bekannter Detektive und Kommissare in der Literatur, deren Namen uns allgegenwärtig sind. Um nur einige älteren Datums zu nennen: Sherlock Holmes, Hercule Poirot und Arsène Lupin. Begonnen hatte aber alles mit C. Auguste Dupin, von Edgar Allan Poe erdacht, der als Begründer der modernen Kriminalgeschichte gilt.

In die Geschichte der Weltkriminalliteratur eingegangen ist natürlich auch ein ‚alter Schwede‘: Kommissar Kurt Wallander aus der Feder von Henning Mankell. Wallander wurde gleich in mehreren Serie verfilmt:

Da gibt es zunächst die neunteilige Serie Wallander von 1994 bis 2007 mit Rolf Lassgård in der Titelrolle. Am bekanntesten dürfte die Serie Mankells Wallander von 2005 bis 2013 sein, einer 32-teiligen Fernsehadaption mit Krister Henriksson. Daneben produzierte die britische BBC von 2008 bis 2015 eine eigene Wallander-Reihe (deutscher Titel: Kommissar Wallander) in 12 Teilen mit Kenneth Branagh in der Hauptrolle, die zz. auf 3sat im Fernsehen läuft. Auf netflix gibt es jetzt auch eine schwedisch-britische Produktion: Der junge Wallander (Young Wallander) mit Adam Pålsson als junger Polizist Kurt Wallander (in 1. Staffel mit sechs Folgen).

In meiner bescheidenen (nun ja!) hauseigenen Videothek an Spielfilmen und Fernsehprduktionen (umfasst zz. über 5000 Videos, davon aber schon rund 1000 Tatort-Folgen) habe ich die beiden Serien mit Krister Henriksson (Mankells Wallander) und Kenneth Branagh (Kommissar Wallander) vollständig vorliegen.

Willi liest ... Mankells Wallander

Nun habe ich einen der insgesamt 11 bzw. 12 Wallander-Romane von Henning Mankell gelesen: Mittsommermord und konnte diesen dann auch mit der entsprechenden Folge aus der Kommissar Wallander-Fernsehserie ‚vergleichen‘.

Während Mankell in seinen 600 Seiten umfassenden Roman geradezu minutiös den Ablauf der Handlung beschreibt, oft den Gemütszustand seines Protagonisten darlegt, läuft der Fall in der knapp 90 Minuten dauernden Filmfassung ‚wie im Schweinegalopp‘ ab. Bitte, das nicht negativ auffassen. Mankell bedient den Leser in einer Ausführlichkeit, die unerwartet ein Suchtpotential entwiclelt, die den Leser fesselt und nicht loslassen will. Der Film muss dagegen viele Details unterschlagen, um nicht auszuufern. Auch ist das Ende ein etwas anderes als im Roman, aber genauso sehenswert, wie der Roman lesenwert ist.

Schweden- bzw. Skandinavien-Krimis, besonders als Filmversionen, haben einen besonderen Rang erreicht. Was mich eigentlich daran fasziniert, ist, dass der ‚Psychologie‘ viel Raum zugestanden wird und das diese auch fast immer ’stimmt‘. Und oft haben wir es bei unseren nördlichen Nachbarn mit Seriemördern und Psychopathen zu tun. Diesen üben bekanntlich einen besondern Reiz auf Zuschauer bzw. Leser aus: Gänsehaut!

Ein Geschnattere liegt in der Luft

Gestern war ich bei uns mit dem Fahrrad unterwegs und fuhr bei angenehmen Wetter u.a. einen Teil des Oste-Radweges, d.h. von Tostedt über Wistedt, Avensermoor und Vaerloh, dann nach Heidenau und zurück über Wüstenhöfen und Dohren. Bereits bei Avensermoor mit den vielen Grünflächen war es nicht zu überhören, das Geschnattere der Wildgänse. Und hinter Dohren auf einem Stoppelfeld (ein abgeerntetes Maisfeld) hatten sie sich niedergelassen: ein Schwarm Graugänse!

Graugänse auf einem Stoppelfeld bei Dohren/Landkreis Harburg
Graugänse auf einem Stoppelfeld bei Dohren/Landkreis Harburg

Noch kam gestern die Sonne hervor, auch wenn es eher frisch war; aber die Gänse wussten es genau und ein Blick auf die Wetterkarte bestätigte es mir: Es wird kälter werden. Ein Wintereinbruch wird das nicht sein, aber die Temperaturen werden sich deutlich unter 10 ° C bewegen, besonders in der Nacht. Die Gänse wissen schon, warum sie gen Süden fliegen …

Apropos Gänse: Heute ist ja Sankt Martinstag. Da geht es bekanntlich den ‚Hausgänsen‘ an den Kragen. Vielleicht entfliehen daher die Wildgänse …

Und vor 200 Jahren wurde Fjodor Michailowitsch Dostojewski, ja, der mit den Dämonen, geboren. Der MDR zeigt eine siebenteilige russische Fernsehserie aus dem Jahr 2010 (in deutscher Sprache) über das Leben des Literaten.

Kurz und spitz (15): Misanthropisches

Nicht jeder konnte ES mit seinen Mitmenschen. Ich kenne einige Schriftsteller, die eine teilweise abgrundtiefe Abneigung gegenüber ihren Artgenossen hegten. Wilhelm Busch (Rechthaber) tat sich schwer mit seinen Artgenossen, Jonathan Swift schrieb sich in Gullivers Reisen den Frust von der Seele (auf der 4. Reise erleben wir die Menschen als wildes Vieh). Und auch Mark Twain bediente sich des Mittels der Satire, um die menschlichen Schwächen aufzuzeigen.

Kurz und spitz (15): Misanthropisches
Kurz und spitz (15): Misanthropisches

Hier einige Zitate, die nicht frei sind von Misanthropie, also der Abneigung, gar dem Hass gegenüber den Menschen:

    Falls es doch einen Himmel gibt, stell ich mir den vor wie eine Cocktail-Party mit Menschen, die ich lieber nie wiedersehen möchte.
    Rosamunde Pilcher

Wer hätte das von der „Meisterin der Liebesschnulze“ gedacht, deren der Trivialliteratur zugeordneten Liebesromane häufig als „Kitsch“ bezeichnet werden. Aber weiter:

    Sei ganz du selbst, und das möglichst weit weg.
    Ruth Rendell
    „Ich meine es doch nur gut mit Ihnen!“ gehört zu den Bösartigkeiten, die sich die guten Gewissen erlauben.
    Johannes Gross
    Nach manchem Gespräch mit einem Menschen hat man das Verlangen, einen Hund zu streicheln, einen Affen zuzunicken und vor einem Elefanten den Hut zu ziehen.
    Maxim Gorki

Ja, oft mag man sich lieber zurückziehen, will keine quatschenden, mit guten Ratschlägen um sich werfende menschliche Wesen um sich haben. Da hilft nur die Ruhe im stillen Kämmerlein.

Bücher und mehr bei ihrem lokalen Buchhändler ONLINE bestellen – selbst abholen oder nach Hause liefern lassen …



Kurz und spitz (14): Bettruhe

Zum Schlaf ist vieles gesagt und geschrieben worden. So vom Schlaf als des Todes kleiner Bruder. Schlaf ist Erholung, Ruhepause (nicht umsonst wird von Bettruhe gesprochen). Und am Rande erwähnt: Wer kennt es nicht aus jungen Jahren: die ‚allgemeine Bettruhe‘ (wie bei Klassenfahrten, bei der Bundeswehr oder überhaupt in Jugendherbergen),

Hier einige weitere Sentenzen den Schlaf betreffend:

    Das Bett ist herrlich. Es ist die Ruhe des Todes in dem Bewusstsein, dass man ein wenig am Leben ist.

Also wieder Schlaf und Tod. Dabei bleibt es gewiss, doch noch am Leben zu sein.

    Schlaf ist die kompromisslose Unterbrechung der uns vom Kapitalismus geraubten Zeit.

Schlaf schützt zwar nicht vor Ausbeutung und Gewalt, ist aber für kurze Zeit die Abwesenheit davon (außer bei dauerndem Schlafentzug, einer der schlimmsten psychischen Foltern).

Kurz und spitz (14): Bettruhe
Kurz und spitz (14): Bettruhe

    Wenn man wacht, muß man was erleben können und wenn man schlafen will, muß man schlafen können. Das dürfen wir verlangen.

Das Recht auf Schlaf sollte vielleicht ausdrücklich ins Grundgesetz aufgenommen werden.

    Jetzt schlaft die Steffi noch … so lieb sieht sie aus, wenn sie schlaft … als wenn sie nicht bis fünf zählen könnt:! – Na, wenn sie schlafen, schaun sie alle so aus!

Ja, der Wiener Schmäh … die depperten Dirndl … als Blunzen … wenn sie schlafen!

Zuletzt Shakespeares Hamlet, der sich nicht nur die Frage um Sein oder Nichtsein stellte, sondern auch dem Schlaf seine gewichtige Bedeutung zumaß:

    Schlafen! Vielleicht auch träumen! Ja, da liegts:
    Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen,
    Wenn wir die irdische Verstrickung lösten,
    Das zwingt uns stillzustehn.

Zwei Jahre Rentnerdasein: Willi liest … Fußball-Bücher

Dank eines Abonnements der Monatszeitschrift 11 Freunde – Magazin für Fußballkultur bin ich in den Besitz mehrerer Fußball-Bücher gekommen. Ich mag Fußball. Ich bin immer noch ein Fan des SV Werder Bremen – trotz des Abstiegs des Vereins in die 2. Liga. Aber dass ich mir Bücher zum Thema Fußball kaufe, darauf käme ich so schnell nicht. Es sei denn, wie gesagt, ich komme kostenlos bei Auslosungen zu einem Gewinn – oder sogar zu mehreren. Das erste bei 11 Freunde gewonnene Fußball-Buch habe ich bereits ausführlich in diesem Blog beschrieben: Ben Lyttleton: Elf Meter – Die Kunst des perfekten Strafstoßes.

Willi liest ... Fußball-Bücher
Willi liest … Fußball-Bücher

Philipp Köster/Tim Jürgens (Hrsg.): Das große 11 Freunde Buch – 2000 – 2020

Nun, ein Buch habe ich mir dann doch gekauft: Das große 11 Freunde Buch zum 20-jährigen Bestehen des Fußballmagazin. Es muss nicht ungedingt ein Abo sein. Dieses Buch ‚entschädigt‘ gewissermaßen für die Absenz eines solchen. Allein der tollen Bilder wegen ist dieses Buch (wenn noch nicht vorhanden) für jeden Fußballfan empflehlenswert.

Julia Friedrichs: Gebrauchsanweisung für Werder Bremen

Als Werder-Fan ist das nächste Buch, das ich gewann, natürlich besonders ansprechend:

Würde Sympathie über Fußballspiele entscheiden, wäre Werder Bremen die Nummer eins der Bundesliga. Die Fanliebe zum 1899 gegründeten Traditionsverein reicht weit über die Grenzen des Weserstadions hinaus, und auch Julia Friedrichs trägt das Vereinswappen, die Raute, auf dem Herzen. Voller Leidenschaft durchlebt sie in ihrem Band die wechselvolle Geschichte des »grün-weißen« Bundesligisten: das Goldene Zeitalter unter Otto Rehhagel und die berühmten »Wunder von der Weser«. Das leidige Schicksal eines Fast-ganz-großen-Vereins, dem immer wieder Spieler wie Özil, Diego oder Klose abhandenkommen, und dramatische Abstiegskämpfe, die sich in letzter Sekunde entscheiden. Sie folgt ihren Helden ins Trainingslager, spricht mit Anhängern der Bremer Ultraszene, und am Ende ist zweifellos klar, warum man so einem Klub lebenslang die Treue hält.

In jetzigen Zeiten hat das Buch Gebrauchsanweisung für Werder Bremen natürlich durch den Abstieg etwas Beklemmendes. Aber als echter Anhänger des Bremer Vereins träumt man nicht nur von guten alten Zeiten, sondern erhofft sich kommende bessere Zeiten. Wir werden sehen …!

Filippo Cataldo: Unnütztes Bundesligawissen – Alles, was man in der Sportschau nicht erfährt

Dieses Buch ist ein Geschenk meines jüngeren Sohnes. Es hat ein Faible für Bücher/Kalender zum Thema ‚unnützes Wissen‘. Und da es ein solches auch zur Fußball-Bundesliga gibt, hat er es mir zu Weihnachten einmal geschenkt. Der Autor Filippo Cataldo, Jahrgang 1980, ist Chief Editor bei SPOX und Goal. Sein Buch Unnützes Bundesligawissen: Alles, was man in der Sportschau nicht erfährt hat viel Witz:

Wer war der jüngste Spieler der Bundesligageschichte? Und wer war der älteste? Wer kann auf die längste Bundesligakarriere zurückblicken? Was waren die verrücktesten Verletzungen – auf und abseits des Fußballplatzes? Welcher Spieler hält den Eigentorrekord? Wer schoss den härtesten Ball? Wie kam Thorsten Frings zu seinem Spitznamen „Lutscher“? Was bekommt man, wenn man in einer Bremer Kneipe einen – nach dem gleichnamigen Schiedsrichter benannten – „Ahlenfelder“ bestellt?
Die Bundesliga hat seit ihrer Gründung 1963 unzählige – teilweise auch skurrile – Rekorde, Legenden, Anekdoten und Helden kreiert. Amüsant, verblüffend, mal abseitig, mal trivial, oft unnütz, aber immer interessant sind die Fakten und Geschichten über die Bundesliga und ihre wichtigsten Vereine in diesem Buch. Wer am Stammtisch mitreden will, kommt an diesem Meisterwerk nicht vorbei.

Auflösung zum Stichwort „Ahlenfelder“: Wenn man nach 1975 in einer beliebigen Bremer Kneipe einen „Ahlenfelder“ bestellte, bekam man ein Pils und einen Malteser. Das Ahlenfelder-Gedeck wurde nach Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder benannt, der die erste Halbzeit des Spiels Bremen gegen Hannover bereits nach 30 Minuten abpfiff. Grund war besagte Kombination aus Pils und Malteser, die der Unparteiische kurz vor der Partie getrunken hatte – um die schwere Gans mit Rotkohl und Klößen zu verdauen, die es zum Mittagessen gegeben hatte. Blöd nur, dass es nicht bei einem Ahlenfelder geblieben war, sondern das Schiedsrichtergespann so viel gegessen hatte, dass es gleich zwei Runden bestellte – zum Essen hatten sie sich schon zwei Pils genehmigt.

Toni Gottschalk: Konfetti im Bier

Diese Buch von Toni Gottschalk: Konfetti im Bier habe ich wieder bei einer Verlosung bei den 11 Freunden gewonnen (noch nie hatte ich soviel Glück!).

Wer den Roar am Millerntor oder einem anderem Fußballstadion vor dem Spiel einmal mitgemacht hat, weiß mit dem Titel des Romans von Toni Gottschalk sofort etwas anzufangen. „Konfetti im Bier“ ist eine Beschreibung der St. Pauli Ultra-Szene von innen und damit einzigartig. Doch er ist noch viel mehr. Er ist Hamburg-Roman, Antifa, Viertelliebe, Fußball und immer wieder St. Pauli Nachtleben. Gespickt von Insiderwissen und Wortwitz, der durch seine Protagonisten auf die Spitze getrieben wird.

Toni Gottschalk, selbst seit vielen Jahren Teil der St. Pauli Ultras und ab 2006 Comiczeichner für verschiedene Fanzines, gelingt ein Debütroman, der nicht von außen draufschaut, sondern mitten drinsteckt. Er erzählt von Merks, Subbe, Jette und all den anderen, für die der FC St. Pauli und die eigene Gruppe viel mehr bedeuten, als nur jedes Wochenende gemeinsam zum Spiel zu gehen. Während sich Walter durch so ziemlich jede Kaschemme St. Paulis trinkt, beschäftigt sich der Rest mit politischer Viertelverteidigung. (Quelle: szene-hamburg.de)

“Konfetti im Bier” ist ein Subkultur-Roman. Ein Buch für Fußball-Fans, und zwar nicht nur die der Kiezkicker. Für Leute, die immer schon mal mehr über die Mechanismen von Ultra-Gruppierungen wissen wollten. Für Hamburger. Und für jene, die es immer wieder dort hinzieht.
Im Fokus steht das Spannungsfeld zwischen Fußball, Politik, Verein und der eigenen Fan-Gruppe, in dem sich die Mitglieder bewegen.
Toni Gottschalk erzählt von Merks, Subbe, Jette und all den anderen. Von denen, für die der FC St.Pauli und die eigene Gruppe viel mehr bedeuten, als nur jedes Wochenende gemeinsam zum Spiel zu gehen. Die Gemeinschaft genießen und gleichzeitig an ihrem Handeln zweifeln. Jenen, die denken, dass sie eigentlich “zu alt für diesen Scheiß” sind und anderen, die doch gar nicht wissen, ob sie da wirklich richtig sind.
Choreos vorbereiten, Auswärtsfahrten planen, sich mit den Fans des blau-weiß-schwarzen Nachbarn rumärgern: Toni Gottschalk guckt nicht von außen drauf, sondern steckt seit Jahren mittendrin. “Konfetti im Bier” ist lebendig, humorvoll und schnörkellos.

siehe auch: Genutzte Zeit zum Lesen
Zwei Jahre Rentnerdasein: Willi liest … Kriminalromane

Zwei Jahre Rentnerdasein: Willi liest … Kriminalromane

Am Ende des Monats bin ich bereits seit zwei Jahren Rentner (siehe auch: Ein Jahr Rentnerdasein). Kaum zu glauben, wie die Zeit vergeht. Mein Rentnerdasein ist zu einem festen Teil Lesezeit. Okay, James Joyce‘ Ulysses habe ich immer noch nicht gelesen (Im nächsten Jahr – bis dahin ist es nicht mehr lange hin – jährt sich zum hundertsten Mal der Jahrestag des Erscheinens (1922) dieses Romans. Also wäre das DANN doch der richtige Zeitpunkt, oder?) – Dafür habe ich jede Menge anderer Bücher gelesen: in den 24 Monaten komme ich auf über 26.000 gelesene Buchseiten. Nicht übel für einen, der noch viele andere Sachen auf dem Zettel hat …

Willi liest ... Kriminalromane
Willi liest … Kriminalromane

in den letzten Tagen habe ich bereits einige der von mir gelesenen Bücher vorgestellt und weitere Bücher werden so peu à peu folgen. Hier schon einige Bücher auf einem Streich. Es handelt sich um Kriminalromane (oder ähnliches):

Lawrence Norfolk: Lemprière ’s Wörterbuch

London im Jahre 1788: John Lemprière sitzt am Ufer der Themse und wartet auf das Postschiff, das ihn auf die Insel Jersey zurückbringen soll. Und er erinnert sich dabei an die Ursprünge der englischen Ostindien-Gesellschaft, die auf geheimnisvolle Weise mit der Geschichte seiner Familie verbunden ist. Der Held gerät in den Taumel einer Spurensuche, irrt durch die Straßen und Gassen des alten London und verliert sich in seltsamsten Abenteuern. Mit abgefeimter Raffinesse und in einer Sprache von bestrickender Farbigkeit entwirft der Roman das Labyrinth dieser Suche, schildert riskante Geschäftsübernahmen, transkontinentale Entdeckungsreisen, perfide Finanzverschwörungen und erzählt eine ganz wunderbare, originelle und zart-versponnene Liebesgeschichte. Er wird bevölkert von Gelehrten, Exzentrikern, Kapitänen, verschrobenen Aristokraten, lockenden Huren, Meuchelmördern und eienr Bande betagter Piraten. Die abgründige Geschichte führt durch zwei Jahrhunderte bis an die Schwelle der Französischen Revolution. Im Zentrum steht die Fehde zwischen den Lemprières und einer schattenschaften Geheimgesellschaft, der Cabbala, die ihren Einfluß auf ganz Europa ausdehnen will. (aus dem Klappentext)

Lawrence Norfolk, der Autor, wurde 1963 in London geboren. Ich habe seinen Erstlingsroman Lempriere’s Wörterbuch in einer 2. Auflage August 1998 als btb Taschenbuch (Goldmann Verlag) vorliegen, bei dem es sich um ein wildes Gemisch aus Abenteuer-, Kriminal-, Geschichts- und Liebesroman handelt. Das titelgebendem Wörterbuch ist eine Art Lexikon, in dem zum ersten Mal die in den antiken Texten vorkommenden Namen der griechischen Mythologie mit kurzen Beschreibungen alphabetisch aufgeführt wurden.

Der Roman wurde vielerseits als aufsehenerregendes, wortgewaltiges Meisterwerk gepriesen. Ich finde es vor allem überladen und mit seltsamen Metaphern (z.B. ’straffe Haut der Stadt‘ oder ’schieres Gewicht, ein tiefes Baßgerumpel in seinen schlecht orchestrierten Gedanken‘ – S. 218) bestückt. Die Literaturkritik der Zeit bemängelte an dem Roman „seine eisige Künstlichkeit, seine Plastik-Perfektion“. Darüber hinaus entzündete sich an Hanswilhelm Haefs‘ eigenwilliger Eindeutschung des Romans eine Debatte über die Qualität der Übersetzung. Nicht umsonst findet sich das Werk heute nur noch in Antiquariaten. Trotz der interessant erscheinenden Art von ‚Räuberpistole‘ ist es für mich das bisher zweitschlechteste Buch, das ich gelesen habe. Das bisher Schlechteste war von David Payne: Bekenntnisse eines Taoisten an der Wall Street. Ich hatte damals das Lesen sehr bald aufgegeben …

Graham Greene: Der dritte Mann/Kleines Herz in Not

„Der dritte Mann“ wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern um gesehen zu werden. (Vorwort von Graham Greene)

Ich habe den Roman Der dritte Mann (mit der Erzählung „Kleines Herz in Not“, die laut Greene ’nicht für den Film geschrieben‘ wurde) in einer Ausgabe des Fackelverlags Olten – Stuttgart – Salzburg aus dem Jahre 1962 vorliegen. Es handelt sich dabei um einen spannenden Thriller im Nachkriegs-Wien des Jahres 1945 und ist ein fesselnder Roman über Freundschaft, Korruption und Verbrechen – der durch die spannende Verfilmung mit Orson Welles bekannt wurde.

»Er hegte nicht mehr den geringsten Zweifel, daß ein Mord geschehen war. Warum sonst hätten sie ihn über den Zeitpunkt des Todes angelogen? Sie wollten mit ihren Geldgeschenken und der Flugkarte die einzigen zwei Freunde, die Harry in Wien hatte, zum Schweigen bringen. Und der dritte Mann? Wer war dieser dritte Mann?«

Wien 1945. Russen, Amerikaner, Franzosen und Briten haben die Stadt gemeinsam besetzt. Vor dem Hintergrund der Ruinen blühen die dunklen Geschäfte. Rollo Martins, der Jugendfreund von Harry Lime, steht vor einem Rätsel. War Harry der skrupellose Kopf einer Schieberbande?

Jan Costin Wagner: Eismond

Sanna ist tot. Und obwohl Kimmo Joentaa weiß, daß seine junge Frau an Krebs gestorben ist, kann er ihren Tod einfach nicht begreifen. In einer Art Trancezustand versucht er, sein Leben weiterzuführen, als sei nichts gewesen. Wie in einem dunklen Traum gefangen, sitzt er in seinem Büro in der Polizeidirektion der finnischen Stadt Turku, bis ihn dort die Nachricht eines eigenartigen Mordfalls erreicht: Eine Frau wurde im Schlaf mit einem Kissen erstickt, vom Täter und einem möglichen Motiv fehlen jede Spur. Als Joentaa den Tatort betritt, glaubt es, wieder Sanna vor sich zu sehen – scheinbar schlafend, träumend, und in Wahrheit doch brutal aus dem Leben gerissen. Die junge Frau wird nicht das einzige Opfer des mysteriösen Mörders bleiben, der immer nach der gleichen Methode vorgeht und durch Wände zu gehen scheint. Kimmo Joentaa fühlt sich mit dem Täter auf eigentümliche Weise verbunden, denn er ahnt, daß sie beide etwas eint: der Wunsch, den Tod zu verstehen. Da nur die Suche nach dem Mörder seinem Leben noch einen Sinn zu geben scheint, hofft Joentaa gegen alle Vernunft, diese Suche möge nie zu Ende gehen … (aus dem Klappentext)

Jan Costin Wagner wurde 1972 in Langen bei Frankfurt geboren. Der Schauplatz seines Romans Eismond ist nicht nur das Land, aus dem seine Ehefrau stammt, Finnland ist inzwischen dem Autor zur zweiten Heimat geworden. Ich habe den Krimi in 1. Auflage August 2005 als Taschenbuchausgabe des Goldmann Verlags, München, vorliegen. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe mit Romanen um den finnischen Polizeiinspektor Kimmo Joentaa.

Martha Grimes: Inspektor Jury geht übers Moor

Es ist viele Jahr her, dass ich über die Kriminalromane um Inspektor Jury von der US-amerikanischen Autorin Martha Grimes gestolpert bin. Von den inzwischen 25 Krimis habe ich fünf vorliegen, u.a. Den 10. Teil der Reihe: Inspektor Jury geht übers Moor

Bei den Romanen handelt es sich um traditionelle englische Kriminalromanen um Inspektor Richard Jury, in denen Martha Grimes die sich in komplizierten Verstrickungen verlierenden Fälle des melancholischen Protagonisten beschreibt. Der Inspektor bzw. Superintendent von Scotland Yard wird dabei von seinem humorvollen Freund Melrose Plant unterstützt, der sich ob seines ererbten Reichtums erlauben kann, seine Adelstitel abzulegen, sowie von dem stets kränkelnden Assistenten Sergeant Alfred Wiggins. Übrigens: Alle „Inspector Jury“-Romane sind im Original nach real existierenden Pubs benannt. Cheerio!

Inzwischen gibt es auch eine österreichisch-deutsche Filmreihe in bisher 4 Folgen zu der Romanreihe:

siehe auch: Genutzte Zeit zum Lesen

Siegfried Lenz: Deutschstunde

Heute zeigt das ZDF die 2019 entstandene Verfilmung eines Romans von Siegfried Lenz: Deutschstunde. Das Video ist in Deutschland bis zum 10.11.2021 in der ZDF-Mediathek verfügbar (Video in HDTV im Download)

Das Buch habe ich wie folgt vorliegen: Auflage April 1982: 481. – 510. Tausend – Deutscher Taschenbuch Verlag, München – 944 – und 2018 von mir gelesen (Genutzte Zeit zum Lesen).

Siggi Jepsen, Insasse einer Hamburger Besserungsanstalt, hat in der Deutschstunde versagt und muß den Aufsatz ‚Die Freuden der Pflicht‘ nachliefern. Dem in seiner Zelle Eingeschlossenen drängt sich das Bild des Vaters in die Erinnerung, wie dieser als Polizeihauptwachtmeister in Rugbüll, „dem nördlichsten Polizeiposten Deutschlands“, dem international geachteten Maler Max Ludwig Nansen im Jahre 1943 das Malverbot überbringt. Der Vater war außerdem beauftragt, die strikte Einhaltung des Verbots zu überwachen. Siggi, damals zehn Jahre alt, hatte heimlich gemalte Bilder des Malers in Sicherheit gebracht, um sie vor dem Zugriff des Vaters zu schützen, der bis über das Kriegsende hinaus an seiner nun schon krankhaften Pflichttreue festhält. Um diese Geschichte gegensätzlicher Pflichtauffassungen gruppiert sich eine Fülle von Nebenhandlungen, die sich wie selbstverständlich in den weitgespannten Rahmen fügen. „Die präzise Phantasie des Autors ist auf den Weiten zwischen Torf, Watt und Meer, aber auch in den geduckten Fischerkaten der Menschen mit dem zweiten Gesicht zu Hause. Eine in all ihrer Grenzenlosigkeit und wortkargen Größe doch beklemmend enge Welt aus Vorurteilen und starrer Beharrlichkeit entfaltet sich, mit hinreißender Sprachgewalt und epischer List porträtiert, zum Bild einer Epoche; jene ländliche Welt kleinbürgerlicher Pflicherfüllung, in der die Macht so leicht Wurzeln schlägt.“ (Stuttgarter Zeitung) – (aus dem Klappentext)

Siegfried Lenz, 1926 in Lyck (Ostpreußen) geboren, arbeitete zunächst für Zeitungen und Rundfunk und lebte als freier Schriftsteller in Hamburg, wo er 2014 starb. Ein großer Erfolg wurde seine Sammlung heiterer Geschichten aus Masuren: >So zärtlich war Suleyken> (1955).

Hier die wichtigsten Personen:
Siggi Jepsen — in Rugbüll, Bleekenwarf
Jens Ole Jepsen, Vater
Hilke, Schwester

Max Ludwig Nansen, Maler
Ditte, seine Frau

Karl Joswig, Wächter
Dr. Julius Korbjuhn
Himpel, Direktor

Pelle Kastner, Freund
Eddi Sillus, Freund
Kurtchen Nickel, Freund

Tetjus Prugel, Lehrer

Ole Plötz
Charlie Friedländer
Philipp Neff

Siegfried Lenz war wie mein Vater ein gebürtiger Ostpreuße, wurde dann aber nach dem 2. Weltkrieg in Hamburg heimisch. So spielen viele seiner Romane und Erzählungen in und um Hamburg. Und an der Nordsee:

Alles war an seinem Platz, aber alles sah anders aus jeden Tag, unter verändertem Licht, unter verändertem Himmel, mit wie vielen Überraschungen konnte allein die Nordsee aufwarten, die bei der Hinfahrt noch breit, fast verschlafen den Strand leckte, auf der Rückfahrt dann taumelige Wellen aus grünblauer Tinte gegen die Buhnen schleuderte. Oder die Höfe: einmal bescheiden und wie verdammt unter langen Regenschleiern, verloren unter Grau; dann wenn milchiges Weiß auf sie fiel oder wenn die Wiesen vor und hinter ihnen aufleuchteten, behäbig und selbstbewußt mit mittäglichem Stornsteinrauch. Oder der Wind: einmal pfiff er durch die Speichen und war vergnügt und wollte sich totlachen, wenn man ins Schleudern kam, dann warf er einem wütend den Regenumhang ins Gesicht oder ließ den Umhang flattern und schlagen oder schubste einen vom Deich. Wie oft alles wechselt hier, täglich, stündlich, wie oft man sich etwas denken kann über die Unterschiede, man kann sich auch erregen über die Unterschiede, wenn man nur will.
(S. 336)

Siegfried Lenz und Jan Fedder 2008 (anläßlich der Verfilmung 'Das Feuerschiff')
Siegfried Lenz und Jan Fedder 2008 (anläßlich der Verfilmung ‚Das Feuerschiff‘)

Einige der Werke von Siegfried Lenz wurden auch verfilmt, so Der Mann im Strom (2006), Das Feuerschiff (2008) und Arnes Nachlass (2013) mit Jan Fedder, der sich mit Lenz angefreundet hatte.

„Die deutsche erzählende Literatur seit 1945 ist, fast durchwegs, eine ‚Deutschstunde‘; Arbeit an der Vergangenheit, mit der Vergangenheit; Arbeit zur Gegenwart. Vieles in ihr ist thesenhaft auffällig; zeitbedingte Aufgabe, Strafaufgabe. Aus dieser manchmal etwas grämlichen Literatur setzt sich Siegfried Lenz mit einem Meisterwerk ab, dessen Ernst voller Trauer ist – wie es nur bei einem Beobachter sein mag, der Humor hat.“ (Die Zeit)

Franz Kafka: Das Schloss

    Es war spätabends, als K. ankam.
    Kafka: Das Schloss – das erste Kapitel

Immer wieder stolpert der werte Leser meines Blogs über … Franz Kafka. Zu einem ist es ein Artikel über Kafka und/oder sein Werk, zum anderen ziehe ich Vergleiche mit ihm. Kafka schrieb drei Romane, die allesamt unvollendet blieben. Viele Kafka-Kenner sagen, dass diese nicht ohne Grund unvollendet blieben: Ein Ende, ein Schluss wäre nicht möglich. Open End wird das beim Film genannt.

Franz Kafka 1924
Franz Kafka 1924

Nach Kafkas Roman Der Prozess habe ich nun Das Schloss erneut gelesen. Es liest sich leicht und locker, ist gespickt mit Dialogen, ähnelt einem Drehbuch. Kafka ist eigentlich unkompliziert – aber was so real beschrieben ist, gleicht doch eher einem Alptraum: Da ist K., der Landvermesser, der gekommen ist, um seine Arbeit aufzunehmen. Er versucht, Zugang zum Schloss zu bekommen, gerät dabei in die Mühlen der Schlossverwaltung …. (soviel zur Inhaltsangabe).

Es ist viel in diesen Roman hineingedeutet worden. In der existentialistisch geprägten Interpretation von Albert Camus steht der ergebnislose Versuch K.s sich dem Schloss anzunähern für die berechtigte aber erfolglose Sinnsuche des Menschen in einer sinnentleerten Welt.

Max Brod sah in dem Roman ein theologisches Modell, nämlich den Ort göttlicher Gnade. Als enger Vertrauter und Nachlassverwalter Kafkas konnte er dies mit einer gewissen Berechtigung vorbringen. Adorno interpretierte das Werk als Darstellung von Hierarchie- und Machtstrukturen auch künftiger totalitärer Systeme. Weitere Deutungen sehen eine schwarze Satire auf Macht, Willkür und Überbürokratisierung von Behörden und Staatsapparaten. Das „Schloss“ könnte nach psychoanalytischer Deutung auch die Welt der Väter darstellen, die zu erobern der Sohn sich vergeblich bemüht. Peter Weiss erklärt in seinem Roman-Essay Ästhetik des Widerstands Kafkas Roman zu einem Proletarierroman.

In dem japanischen Film Guilty of Romance aus dem Jahre 2011 von Sion Sono wird „Das Schloss“ (japanisch: 城) von Franz Kafka zum Sinnbild für eine vergebliche Suche. Wie K., der Landvermesser aus dem Roman, finden sie nicht das ‚Tor’, keinen Zugang zum Schloss, also keinen Zugang zum eigenen Ich.

Guilty of Romance (2011) – an der Wand steht 城 – 'Das Schloss'
Guilty of Romance (2011) – an der Wand steht 城 – „Das Schloss“

Nun ich habe Kafkas Erzählungen und Romane als Gesammelte Werke – herausgegeben von Max Brod – in einer Taschenbuchausgabe in sieben Bänden – Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main – Ungekürzte Ausgabe – April 1976. Die Bildbände, die Sekundärliteratur u.v.m. zu Kafka füllen bei mir inzwischen zwei Regalreihen aus. Für mich ist er die faszinierendste Person der deutschsprachigen Literatur.

Obwohl die Anzahl der wichtigsten Protagonisten des Romans Das Schloss durchaus übersichtlich ist, so habe ich in einer Übersicht auch die Randfiguren aufgeführt:

Personen:

[das Schloß des Herrn Grafen Westwest]

K., der Landvermesser [zu Hause ‚das bittere Kraut‘ genannt]
Hans, Wirt im Wirtshaus ‚Zur Brücke‘
Gardena, Frau des Wirtes
[Kastellan Schwarzer]
Unterkastellan Fritz
Gerbermeister Lasemann
Artur – vom Schloss, Gehilfe von K.
Jeremias – vom Schloss, Gehilfe von K. – später Zimmerkellner im ‚Herrenhof“
Fuhrmann Gerstäcker

Herr Oswald, Telefonat mit dem Schloss
Barnabas, ein Bote
Barnabas‘ Eltern
Olga, Schwester Barnabas‘
Amalia Schwester Barnabas‘
Klamm, Vorstand
{der X. Kanzlei]
Wirt im ‚Herrenhof‘

Frieda, Ausschankmädchen im ‚Herrenhof‘, angeblich Geliebte von Klamm
Vorsteher im Dorf
Mizzi, seine Frau
Sordini, Referent in Abteilung B [des Schlosses]
Otto Brunswick, Schustermeister [in der Madeleinegasse] und Gemeinderat, Schwager von Lasemann, dem Gerbermeister
Hans Brunswick, sein junger Sohn, Schüler der 4. Klasse
Frieda Brunswick, Schwester von Hans

Pepi, Nachfolgerin von Frieda als Ausschankmädchen im ‚Herrenhof‘
Henriette und Elilie, Pepis Freundinnen
Momus, Dorfsekretär Klamms [und für Vallabene]

Schwarzer, Sohn des Kastellans, Hilfslehrer [liebt Gisa]
der Lehrer
Gisa, Lehrerin im Dorf

Sortini, großer Beamter [nicht mit Sordini verwandt]
Seemann, Obmann der Feuerwehr
Galater, Vertreter von Klamm
Erlanger, erster Sekretär Klamms

[Friedrich, Beamter im Schloss]
Bürgel, Verbindungssekretär zwischen Friedrich und dem Dorf

Der Roman gliedert sich in folgende Kapitel:

1. Ankommen – Gerbermeister/Kutscher
2. Telefon Errlaubnis – Barnabas, der Bote
3. Herrenhof – Frieda – Schlaf
4. Gespärch mit Wirtin – Dachboden
5. Gespräch Vorsteher
6. Gespräch Wirtin – Verschlag / Küche
7. Gespräch mit Lehrer
8. Herrenhof Kutsche – Warten auf Klamm
9. Herrenhof Verhör – Gespräch mit der Wirtin
10. Heimweg – Treffen Barnabas – Brief Klamms
11. Im Schulzimmer nachts
12. Lehrer und Lehrerin im Schulzimmer
13. Entlassung der Gehilfen – Gespräch mit Hans Brunswick – Vorwurf Friedas
14. Schwarzer – Olga – Amalia
15. Gespräch Olga über Barnabas‘ Botentätigkeit – Vorwurf
– Amalias Geheimnis
– Amalias Strafe
– Bittgänge
– Olgas Pläne
16. Gespräch mit dem Gehilfen Jeremias (Galater) – Barnabas -> Erlanger Vermittlung
17. Waren auf Erlanger
18. Gespräch mit Frieda (Abschied?)
19. Bei Erlanger – Auf dem Flur
20. Gespräch mit Pepi – Herrenhofs Wirtins Kleider
Fragmente und gestrichene Stellen

Wie ich oben erwähnte, ähnelt Kafkas Roman in großen Teilen einem Drehbuch. In meinem Beitrag Kafka, der Prozess und das Kino schrieb ich vor nun fast 10 Jahren:

Kafka interessierte sich sehr für ein neues Medium, den Cinémato- bzw. Kinematographen – also das Kino […]. Liest man die besagten gut 13 Seiten des Romananfangs [von ‚Der Prozess‘], dann fällt einem sehr bald der „filmische Blick“ des Erzählers auf. Diese Seiten (und überhaupt das gesamte Werk) weisen einen hohen Grad an Visualität auf. Besonders die vielen Gesten der Handelnden werden – ähnlich wie in einem Drehbuch – sehr präzise beschrieben und erläutert. Franz Kafka war ein stetiger Besucher von Kinos. So wiederholen sich in seinen Romanen Szenen (z.B. im Prozess), die einem Running Gag entsprechen. Und es gibt Slapstickeinlagen, z.B. auf Seite 70: „Die so lange unbeachteten Gehilfen und Mizzi hatten offenbar den gesuchten Akt nicht gefunden, hatten dann alles wieder in den Schrank sperren wollen, aber es war ihnen wegen der ungeordneten Überfülle der Akten nicht gelungen. Da waren wohl die Gehilfen auf den Gedanken gekommen, den sie jetzt ausführten. Sie hatten den Schrank auf den Boden gelegt, alle Akten hineingestopft, hatten sich mit Mizzi auf die Schranktüre gesetzt und suchten jetzt so, sie langsam niederzudrücken.“

Jonathan Swift: Gullivers Reisen

Vor zweihundert Jahren [inzwischen sind es schon fast dreihundert Jahre] sind in England kurz nacheinander zwei Bücher geschrieben worden, welche sich rasch über die ganze Welt verbreitet haben und seither in tausend Bearbeitungen, Übersetzungen und Nachdichtungen zu den weitverbreitetsten Büchern der Welt gehören. Es sind Dafoes Robinson und Swifts Gulliver, beides halbphantastische Reiseromane, beide ursprünglich durchaus für Erwachsene geschrieben, beide im Laufe der Zeit zu höchst haltbaren und ermeßlich einflußreichen Kinderbüchern geworden.
[zu Jonathan Swifts Gullivers Reisen:] „Es steht also Zeitloses, es steht Menschliches in diesem Buch, das uns alle angeht, heut wie damals.“ (aus dem Vorwort von Hermann Hesse)

Wer hat noch nie davon gehört, es vielleicht auch nicht gelesen, wenn auch in einer für Kinder bzw. Jugendliche verkürzten Fassung: Jonathan Swifts Gullivers Reisen?! Wer hat noch nie etwas vom Land Lilliput gehört?! (Es ist noch nicht so lange her, da wurden bei uns kleinwüchsige Menschen als ‚Lilliputaner‘ gezeichnet.) – Wohl nur die Wenigsten, die Nichtleser, die Yahoos!

Jonathan Swift: Gulliver im Land Lilliput (Illustration: Grandville)
Jonathan Swift: Gulliver im Land Lilliput (Illustration: Grandville)

Jonathan Swift, geboren am 30.11.1667 in Dublin, ist am 19.10.1745 dort gestorben.
Er gehörte in Deutschland lange Zeit zu den verkannten, das heißt eben auch nichtübersetzten Schriftstellern. Eine Ausnahme bildete schon immer sein Werk: „Reisen – zu mehreren entlegenen Völkern der Erde – in vier Teilen von – Lemuel Gulliver – erst Wundarzt – später Kapitan mehrerer Schiffe“ – kurz: Gullivers Reisen.
Dieses Buch aber wurde leider alsbald, verstümmelt und verkürzt, zur Kinder- und Jugendlektüre verniedlicht
[auch Erich Kästner hat das Buch für Kinder bearbeitet].
Dabei handelt es sich bei diesem Buch um eine hochkarätige Satire auf die Lebensgewohnheiten und politischen Gepflogenheiten der damaligen Zeit, der der Autor das fadenscheinige Mäntelchen der exotischen Reisebeschreibung umhing. (aus dem Klappentext)

Das gilt besonders für die Beschreibung der dritten und vierten Reise: Was Swift hier schreibt lässt sich (leider!) auch auf heutige Zeiten anwenden, in denen es weiterhin an korrupten Politikern und gnadenlosen Staatsführern nur so wimmelt.

Ich habe das Buch mit den vielen grandiosen (sic!) Illustrationen von Grandville – Vorwort von Hermann Hesse – aus dem Englischen übersetzt von Franz Kottenkamp – vervollständigt und bearbeitet von Roland Arnold – als Insel Taschenbuch 58 – vierte Auflage, 30. – 35. Tausend 1981 vorliegen. Ich lese das Buch zz. mit Hochgenuss. Da kann es draußen trübe sein. In meinem Zimmer leuchten die Zeilen und erleuchten die wunderschönen Illustrationen (lateinisch illustrare „erleuchten, erklären, preisen“) von Grandville.

Hier die vier Reisen Gullivers im Überblick:
Erster Teil: Eine Reise nach Lilliput
Zweiter Teil: Eine Reise nach Brobdingnag
Dritter Teil: Eine Reise nach Laputa, Balnibarbi, Luggnagg, Glubbdubdrib und Japan
Vierter Teil: Eine Reise in das Land der Houyhnhnms (sprich: ‚Huinəm)

siehe auch François Rabelais: Gargantua und Pantagruel (von dem Swift einige Ideen gemopst hat)