Kategorie-Archiv: Wiedergelesen

Wiedergelesen – wiederentdeckte Literatur

Martin Walser: Brief an Lord Liszt

    Oh mein Lord, wo steht Ihnen eigentlich das Wasser!
    S. 71
    Seine Fähigkeit, an nichts zu glauben zu müssen, als an sich selbst, ist inzwischen zur Lieblingstugend der Epoche geworden. S. 105

Am Freitag vor Pfingsten, kurz vor Arbeitsschluss, rief Arthur Thiele die Abteilungsleiter der Firmen Chemnitzer Zähne und Fin Star zu sich: Benedikt Stierle, der Konkurrent, hatte aufgegeben, er hatte seine Firma und sich in Brand gesteckt. Die Abteilungsleiter erhoben sich, Thiele dankte, die Sitzung war beendet, frohe Pfingsten. Franz Horn war als erster an der Tür.

Die Zeiten, als Thiele nach einem solchen Ereignis unbedingt noch ein paar Sätze mit Franz Horn wechseln musste, waren vollkommen vorbei. Auch Dr. Liszt, der Kollege und Freund, war nicht mehr an einem Gespräch mit Horn interessiert, das sah er deutlich, denn Liszt eilte, wie alle anderen, auf Thiele zu.

Vor ein paar Jahren hatte Franz Horn einen Selbstmord versucht. Da er nicht gelang, wurde er zu Horns Misserfolgen gezählt: Horns Zeit war vorüber, er gehörte zu den rapid Älterwerdenden; eine junge Mannschaft rückte heran, eine Fusion mit der Weltfirma Bayer stand bevor. Die Tatsache, dass auch Liszt, der von seiner Familie Verlassene und dem Alkohol Ergebene, in diesen neuen Zeiten keine Chance mehr hatte, war ohne Trost für ihn; Liszt weigerte sich, sein Verbündeter zu sein. Ja, es hatte den Anschein, als sei er ein Feind geworden, zumindest aber einer, mit dem er in Feindseligkeit leben musste.

Warum nicht einen Brief schreiben, einen richtigen Brief, einen langsam geschriebenen Brief, in dem er Liszt den historischen Anteil an der Krise ihrer Beziehung oder Freundschaft zuweisen konnte? Damit endlich einmal alles richtig ausgesprochen wäre. Damit man wieder atmen, die Freundschaft neu oder endgültig begründen könnte. Lieber Lord Liszt! (Die Anrede war da, als Horn nach dem Schreiber griff.) Und Franz Horn begann zu schreiben, Seite um Seite. Und beendete den Brief. Und nahm ihn mit einem PS wieder auf. Und dem ersten PS folgte ein zweites, ein drittes, ein viertes; am Ende waren es neunzehn Fortsetzungen.

Was aber enthält der Brief, der in der Art der Lawinenentstehung ins Nichtgeheuere oder Ungeheuere anschwillt und – wie Lawinen es tun – alles, was im Weg liegt, mitreißt, aus den Höhen in die Tiefe oder aus den Tiefen in die Höhe, das Unausgesprochene, nur Empfundene? Was er Liszt vorzuwerfen hat, sind keine strafbaren Delikte, die sich trefflich in Szene setzen ließen. Es geht um Kränkungen, Verletzungen, Niederlagen, Unrecht menschlicher Art. Zwischen Liszt und Horn, Horn und Liszt, zwischen Thiele und Horn und Liszt. Es geht um Konkurrenz, um Anerkennungs-, Freundschafts- und Liebesentzug, um das gefahrvolle Leben, wenn genommen wird, was stark und widerstandsfähig macht; es geht um die Überwindung eines Zustands permanenten Verschweigens, um das plötzliche Aufbrechen eines Schmerzes, der artikuliert werden will, ohne Rücksicht auf die anderen und auf sich selbst.

Das Schreiben wird ein Ersatz für alles: „Sprechen wir doch endlich aus, soviel wir können, anstatt zu leiden wie die Hummeln. Oder leiden Sie gar nicht? Leidet, wer recht hat, nicht?“

Nicht in den einzelnen Fällen minutiöser und gröblicher Verletzung durch den anderen wird der Leser sich und seine Erfahrungen wiederfinden. Vielmehr wird sich der Leser im Faktum des Verletztwerdens erkennen, im wahnwitzigen Wunsch, sich all dessen zu entledigen, was ihn der zu sein zwingt, der er nicht ist. Der Leser wird sich an die von anderen eigens für ihn erdachte weise Erkenntnis erinnern: „Jeder sieht ein, dass er einsehen muss: ihm steht nur zu, was ihm zusteht.“ Und er wird sich endlich entledigen wollen, „nicht mehr der Vernunft anderer zu Kreuze zu kriechen.“

Martin Walser: Brief an Lord Liszt (1982)
Martin Walser: Brief an Lord Liszt (1982)

Das Buch ist ein Abrechnungsfest, ein Befreiungsunternehmen, eine Trennungsorgie, eine Wahrheitsmaschine, eine Einsamkeitsprüfung, kurzum: der Bericht von der schweren Erträglichkeit des wirklichen Lebens. Also eine Schmerzensgeschichte und ein Heilungsprozess. Dieser rücksichtslos leidenschaftliche Brief ist nicht weniger als ein Lehrbuch: Es zeigt uns einen Weg, um (wieder) in den Besitz der eigenen Vernunft zu kommen.
(aus dem Klappentext)

Ich habe diesen kleinen, gerade 150 Seiten umfassenden Roman von Martin Walser nach vielen Jahren erneut gelesen. Das Buch habe ich als 1. Auflage 1982 aus dem Suhrkamp Verlag, Frankfurt, vorliegen.

In seinem Brief an Dr. Liszt entwirft der Schreiber Franz Horn ein ‚Gesetz der Gesellschaftsphysik‘, wie er es nennt. Dieses besteht aus sieben Sätzen. Ich bin mir nicht sicher, aber den sechsten Satz muss Martin Walser unterschlagen habe, zumindest ist dieser nicht als solcher gekennzeichnet. Ich habe dafür eine andere Aussage von Franz Horn herangezogen, den mit dem Hinweis auf die Identität des Einzelnen, der mir sehr nach Max Frisch (siehe u.a.: Max Frisch: Stiller) klingt (siehe unten).

Gesetz der Gesellschaftsphysik

1. Satz: Was man über einen Menschen denkt, kann man allen sagen, nur ihm selbst nicht. Er verstünde es nicht. Ihm muß man sagen, was er will, daß man ihm über ihn sage. Nur das versteht er. (S. 41)

2. Satz: Wer jemanden unter sich erträgt, erträgt auch jemanden über sich. (S. 70)

3. Satz: Freundschaft zwischen Angestellten einer Firma ist nicht möglich. Zwischen Konkurrenten ist Freundschaft nicht möglich. Oder einfach: Konkurrenten sind Feinde. Noch einfacher: Konkurrent ist Feindschaft. (S. 91/92)

4. Satz: Zwischen Chef und Abhängigen gibt es menschliche Beziehungen nur zum Schein. (S. 92)

5. Satz: Freunde hat man, solange man sich die Frage, ob man welche hat, noch nicht stellt. (S. 109)

6. Satz [ist als solcher nicht benannt]: Es kann sich keiner identifizieren mit dem, der er in den Augen der anderen ist. Aber bevor man sich nicht mit dem, der man für andere ist, identisch erklärt, hat man keinen ruhigen Augenblick. (S, 142)

7. Satz: Der Mißerfolg seines Konkurrenten ist der Erfolg der Erfolglosen. (S. 144)

Im Mittelpunkt des Briefes steht ein Treffen zwischen Horn und Liszt in Hagnau am Bodensee, als beide vergeblich auf Thiele, der sie zu einer Segeltour eingeladen hatte, warteten und in Streit gerieten. Ich habe ansatzweise versucht, den Bodensee zu jener Stunde (ein Gewitter zog auf) in einem mit KI erstellten Video zu kennzeichnen.


„Hätten Sie doch auf den See gesehen! Der lag, als sei schon alles zu Ende. Wie nach einer Weltkatastrophe lag er. Kein Wasser mehr. Geschmolzenes Blei. Schon ganz violett. Die Flaute, vollkommen. […] Hinter Ihnen, das aus gar allen Farben zusammengezogene Gleißen des Gewitterlichts.“ (S. 118)

Friedrich Glauser: Studer ermittelt (sämtliche Kriminalromane)

Die Kriminalromane von Friedrich Glauser (1896-1938) haben es mir angetan. Seine sämtlichen Krimis habe ich in 1.Auflage Januar 2009 aus dem Verlag Zweitausendeins, Frankfurt mit 1100 Seiten in letzter Zeit erneut gelesen. Im Mittelpunkt steht der Fahnderwachtmeister von der Berner Kantonspolizei Jakob Studer, genannt ‚Köbu‘, samt Ehefrau Hedwig. Studer hatte sich vor Jahren mit den Oberen der Schweiz angelegt und wurde daraufhin degradiert und nach Bern versetzt. Hier und im Umfeld erleben wir seine, wie es Studer nennt, ‚verkachelten‘ Geschichten.

Mir sind 5 Verfilmungen bekannt, die vom SRF (Schweizer Fernsehen) in Bärndütsch (Berndeutsch -> Hochalemannisch) mit hochdeutschen Untertiteln und von 3SAT in Hochdeutsch ausgestrahlt wurden: Wachtmeister Studer (Mord in Gerzenstein) 1939 / Matto regiert 2x 1946 und 1980 / Der Chinese 1978 / Krock & Co. 1976. Leider sind die Filme nicht verfügbar.


Friedrich Glauser: Wachtmeister Studer – Filme in aller Gemächlichkeit
(1) Vorspann: Krock & Co. (OMU 1976) – (2) Vorspann: Der Chinese (OMU 1978) – (3) Vorspann: Matto regiert (OMU 1980) – (4) Abspann: Matto regiert (OMU 1980)

Friedrich Glauser gilt als Begründer des modernen deutschsprachigen Kriminalromans. Seine Reihe um den behäbigen, aber intuitiven Wachtmeister Studer umfasst fünf vollendete Romane, die zwischen 1936 und 1941 veröffentlicht wurden.

Friedrich Glauser (1896–1938) führte ein rastloses Leben, das oft als „Biographie der Katastrophen“ bezeichnet wird. Seine persönlichen Erfahrungen mit Sucht, Psychiatrie und Flucht spiegeln sich tief in seinem Werk wider.

Friedrich Glauser
Friedrich Glauser

Eckdaten und Lebensstationen
Herkunft: Geboren am 4. Februar 1896 in Wien als Sohn eines Schweizers.
Unruhige Jugend: Früher Tod der Mutter, schwieriges Verhältnis zum Vater und häufige Schulwechsel. Er wurde bereits in jungen Jahren wegen „lasterhaften Lebenswandels“ entmündigt.
Sucht und Psychiatrie: Glauser litt zeit seines Lebens unter einer schweren Morphium- und Opiumsucht. Dies führte zu zahlreichen Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken (u.a. in der Anstalt Waldau), was er später in seinem Roman ‚Matto regiert‘ verarbeitete.
Fremdenlegion: Von 1921 bis 1923 diente er in der französischen Fremdenlegion in Nordafrika – eine prägende Zeit, die er in dem Roman ‚Gourrama‘ und den Legionserzählungen literarisch festhielt.
Literarischer Durchbruch: Erst in seinen letzten Lebensjahren gelang ihm mit der Figur des Wachtmeister Studer (ab 1936) der Erfolg als Schriftsteller.
Tod: Er starb am 8. Dezember 1938 mit nur 42 Jahren in Nervi bei Genua, am Vorabend seiner geplanten Hochzeit mit Berthe Bendel.
Heute wird Glauser als Wegbereiter des modernen Kriminalromans im deutschsprachigen Raum gefeiert. Zu seinem Gedenken wird jährlich der Friedrich-Glauser-Preis verliehen, eine der bedeutendsten Auszeichnungen für deutschsprachige Krimiautoren.

Die fünf abgeschlossenen Romane
1. Wachtmeister Studer (auch: Schlumpf Erwin Mord, 1936): Der Auftaktfall führt Studer in das Dorf Gerzenstein, wo er einen vermeintlichen Selbstmord als Mord entlarvt und sich gegen die lokale Justiz stellt.
2. Die Fieberkurve (1938): Dieser autobiografisch geprägte Fall führt den Ermittler bis nach Nordafrika zur Fremdenlegion, in der Glauser selbst gedient hatte.
3. Matto regiert (1936): Studer ermittelt in einer psychiatrischen Heilanstalt. Der Roman thematisiert Glausers eigene Erfahrungen mit Internierungen und kritisiert die damalige Psychiatrie.
4. Der Chinese (1939): In einer Armenanstalt und einer Gartenbauschule sucht Studer nach der Wahrheit hinter einem rätselhaften Todesfall. Glauser schrieb das Manuskript nach einem Diebstahl in Rekordzeit neu.
5. Krock & Co. (auch: Die Speiche, 1941): Während einer Hochzeitsreise gerät Studer in einen Kriminalfall im ländlichen Umfeld, der posthum veröffentlicht wurde.

Besonderheiten der Figur
Studer ist kein klassischer „Super-Detektiv“. Seine Stärken sind:
Menschlichkeit: Er zeigt tiefes Mitgefühl für Randfiguren und die „kleinen Leute“.
Intuition: Er verlässt sich eher auf sein Gefühl und seine Beobachtungsgabe als auf rein analytische Methoden.
Atmosphäre: Die Krimis leben von ihrer dichten, oft düsteren Stimmung und präzisen Milieustudien.
Neben den Romanen gibt es noch mehrere Erzählungen und Romanfragmente wie ‚Knarrende Schuhe‘ oder ‚Der alte Zauberer‘.

Die Kriminalromane von Friedrich Glauser sind im Hochdeutschen geschrieben, enthalten aber starke Einflüsse und Passagen in Bärndütsch (Berndeutsch -> Hochalemannisch) in den Dialogen und der Atmosphäre. Hier nur zwei Beispiele: … nüd apartigs … (nichts Besonderes) – Vhabis = Kohl (Blödsinn). Es gibt hierzu eine Website mit einem Wörterbuch, das berndeutsche Begriffe ins Hochdeutsche übersetzt und mir bei Lesen sehr geholfen hat: berndeutsch.ch

Sprachliche Besonderheiten
Hochdeutsche Erzählung: Der Haupttext und die erzählenden Passagen sind in standardisiertem Hochdeutsch gehalten, sodass die Romane im gesamten deutschsprachigen Raum lesbar sind.
Berndeutsche Dialoge: Ein wesentliches Merkmal der Romane ist die Verwendung von Schweizerdeutsch in den direkten Reden der Charaktere. Wachtmeister Studer selbst spricht ebenfalls diesen Dialekt. Dies verleiht den Romanen Authentizität und Tiefe und hilft, das spezifische Schweizer Milieu einzufangen.
Polyglotte Elemente: Die Romane spiegeln die sprachliche Vielfalt der Schweiz wider, indem sie neben Deutsch auch gelegentliche französische oder italienische Ausdrücke einbinden, was eine komödiantische Ebene hinzufügen kann.

Auswirkungen auf das Leseerlebnis
Für Leser ohne Schweizerdeutsch-Kenntnisse kann das Verständnis einiger Dialoge eine Herausforderung darstellen, da sie oft nicht direkt übersetzt werden. Jedoch trägt gerade diese sprachliche Eigenheit maßgeblich zur Atmosphäre und Glaubwürdigkeit der Geschichten bei. Die Sprache Studers hilft ihm auch, eine Verbindung zu den „einfachen Leuten“ und Verdächtigen aufzubauen, da er im gleichen Zungenschlag spricht wie sie.

Dieser Beitrag wurde zum Teil mit KI erstellt

… lokalen Buchhandel stärken:

Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel

    „Diese Regeln, die Zeichensprache und Grammatik des Spieles, stellen eine Art von hochentwickelter Geheimsprache dar, an welcher mehrere Wissenschaften und Künste, namentlich aber die Mathematik und die Musik (beziehungsweise Musikwissenschaft) teilhaben und welche die Inhalte und Ergebnisse nahezu aller Wissenschaften auszudrücken und zueinander in Beziehung zu setzen imstande ist. Das Glasperlenspiel ist also ein Spiel mit sämtlichen Inhalten und Werten unsrer Kultur […] Was die Menschheit an Erkenntnissen, hohen Gedanken und Kunstwerken in ihren schöpferischen Zeitaltern hervorgebracht, was die nachfolgenden Perioden gelehrter Betrachtung auf Begriffe gebracht und zum intellektuellen Besitz gemacht haben, dieses ganze ungeheure Material von geistigen Werten wird vom Glasperlenspieler so gespielt wie eine Orgel vom Organisten …“
    Das Glasperlenspiel – Versuch einer Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht samt Knechts hinterlassenen Schriften herausgegeben von Hermann Hesse – Den Morgenlandfahrern
    (suhrkamp taschenbuch 79 – Achte Auflage 141.-160. Tausend 1976 – Copyright 1943)

Hermann Hesse gehört zu den Schriftstellern, die mein Leben beeinflusst haben. Vor einigen Jahren schrieb ich das Folgende:

Hermann Hesse widmete sich in seinem Tun und literarischem Schaffen dem Individuum. Seine Romane, Erzählungen und Gedichte haben immer wieder die Selbstverwirklichung, die Selbstwerdung, die Autoreflexion des einzelnen zum Thema. Im Glasperlenspiel nun findet das individuelle Leben in einer überpersönlichen Gemeinschaft seine Einordnung. Obwohl es hier um eine streng hierarchisch geordnete Gesellschaft geht, so ist diese zutiefst human und lässt dem Einzelnen die Wahlmöglichkeit.

In diesen Tagen habe ich den Roman erneut gelesen und konnte nicht umhin, eine gewisse Enttäuschung zu erfahren. Der Roman beschreibt eine reine Männerwelt, in der Frauen nur am Rande vorkommen. Hier eine kleine Analyse, die am Ende zeigt, dass selbst Hesse die fiktive Gelehrtenprovinz namens Kastalien als steril und einseitig empfand.

Hermann Hesse
Hermann Hesse

In Hermann Hesses 1943 erschienenem Zukunftsroman ‚Das Glasperlenspiel‘ ist die Abwesenheit des Weiblichen ein konstitutives Element der dargestellten Gesellschaftsordnung. Der Roman spielt in der fiktiven Provinz Kastalien, einem rein männlichen Gelehrtenorden des 23. Jahrhunderts, der sich der Pflege des Geistes und dem abstrakten „Glasperlenspiel“ widmet.


Ein fiktives Gespräch zwischen Franz Kafka (1883-1924), Hermann Hesse (1877-1962) und Martin Walser (1927-2023)
Audio: Hermann Hesse liest aus seinem Gedicht: Stufen (1949)

Hier sind die zentralen Aspekte der Inhaltsangabe unter dem Fokus dieser Männerwelt:

1. Kastalien als Refugium des patriarchalen Geistes
Die Handlung folgt der Vita von Josef Knecht, der innerhalb der kastalischen Hierarchie vom begabten Schüler zum Magister Ludi (Meister des Spiels) aufsteigt. Kastalien ist als pädagogische Provinz konzipiert, die bewusst klösterliche Züge trägt. Frauen haben in diesem System keinen Platz; die Gemeinschaft basiert auf Zölibat, Askese und der strikten Trennung von der „profanen“ Außenwelt.

2. Die Frau als Symbol der „niederen“ Welt
Frauen erscheinen im Roman fast ausschließlich jenseits der kastalischen Grenzen. Sie werden mit der „Welt“ assoziiert – einem Bereich, der für die Gelehrten als Ort der Triebhaftigkeit, der biologischen Fortpflanzung, des Krieges und der Vergänglichkeit gilt.
Maria Feremonte: Als eine der wenigen namentlich genannten Frauen verkörpert die Ehefrau von Knechts Gegenpart Plinio Designori das häusliche, weltliche Leben. Sie bleibt jedoch eine Randfigur ohne intellektuelle Teilhabe am kastalischen Diskurs.

3. Homoerotische Subtexte und männliche Mentorenschaft
Die emotionalen Bindungen im Roman finden ausschließlich zwischen Männern statt. Die Entwicklung Josef Knechts wird durch die Beziehung zu verschiedenen Vaterfiguren und Mentoren geprägt:
Der Musikmeister, der Knecht als Kind entdeckt und ihn spirituell leitet.
Der Ältere Bruder im Bambushain, bei dem Knecht die chinesische Weisheit studiert.
Pater Jacobus, der Knecht die Bedeutung der Geschichte lehrt.

Diese rein männliche Kette der Wissensweitergabe betont das Ideal einer geistigen Zeugung, die ohne Frauen auskommt.

4. Der Ausbruch: Rückkehr zur Natur und das tragische Ende
Knechts wachsendes Unbehagen an der Sterilität Kastaliens führt schließlich zu seinem Austritt aus dem Orden. Er erkennt, dass ein Geist ohne Bezug zur Realität (und damit zum „Weiblichen“, Mütterlichen und Naturgegebenen) leblos bleibt.
• Sein Versuch, als Hauslehrer für Designoris Sohn Tito in die Welt zurückzukehren, scheitert jedoch tragisch.
• In einer symbolträchtigen Szene ertrinkt Knecht in einem Bergsee. Dies kann als die letztlich missglückte Vereinigung des kastalischen Geistes mit der elementaren, oft weiblich konnotierten Natur gedeutet werden.

Fazit
In Das Glasperlenspiel ist die Männerwelt ein Synonym für die reine Abstraktion. Hesse zeichnet Kastalien als eine Utopie des Geistes, die jedoch an ihrer eigenen Einseitigkeit krankt. Das Fehlen von Frauen ist nicht bloßes Zeitkolorit, sondern markiert die Unvollständigkeit einer rein rationalen Existenz, die den Bezug zum Leben, zur Emotion und zur Erneuerung verliert.

Dieser Beitrag wurde zum Teil mit KI erstellt

Halldór Laxness: Am Gletscher

Vor einiger Zeit habe ich den kleinen Roman ‚Am Gletscher‘ des isländischen Literaturnobelpreisträgers Halldór Laxness aus dem Jahr 1968 (dt. 1974 unter dem Titel ‚Seelsorge am Gletscher‘, 1989: ‚Am Gletscher‘) erneut gelesen. Der besondere Humor, mit dem der Roman geschrieben ist, ist dabei besonders erwähnenswert. Der Roman wurde 1989 von Laxness’ Tochter Guðný Halldórsdóttir unter dem Titel ‚Kristnihald undir Jökli‘ in Island verfilmt. Eine deutsche Synchronfassung mit dem Titel ‚Am Gletscher‘ liegt vor.

In Halldór Laxness‘ Roman „Am Gletscher“ (Originaltitel: Kristnihald undir Jökli, 1968) reist ein junger, namenloser Gesandter des isländischen Bischofs – genannt „Embi“ (für Emissär) – an den Fuß des Snæfellsjökull. Er soll dort das seltsame Verhalten von Pfarrer Jón Prímus untersuchen, gegen den schwere Vorwürfe vorliegen.


Der ‚Embi‘ wird am Gletscher lediglich mit Kaffee (Island ist ein Kaffeetrinkerland) und Torten verpflegt (sein Ebenbild tut sich auf)

Halldór Laxness: Am Gletscher (1968)
Halldór Laxness: Am Gletscher (1968)

Die Handlung
Der Auftrag: Embi soll prüfen, warum der Pfarrer seine Amtspflichten vernachlässigt: Er hält keine Gottesdienste mehr ab, begräbt die Toten nicht und hat die Kirche vernageln lassen. Stattdessen verbringt Jón Prímus seine Zeit mit dem Beschlagen von Pferden und der Reparatur alter Gebrauchsgegenstände.
Die Begegnung: Am Gletscher trifft Embi auf eine skurrile Gemeinschaft, in der Realität und Mythisches verschwimmen. Jón Prímus vertritt eine pragmatisch-mystische Weltanschauung, in der das Hier und Jetzt und die Natur wichtiger sind als dogmatische Zeremonien.
Das Geheimnis: Im Zentrum der rätselhaften Ereignisse steht Ua, die verschwundene Ehefrau des Pfarrers. Um sie ranken sich Gerüchte über Auferstehung und Ewigkeit, die das rationale Weltbild des Gesandten zunehmend erschüttern.

Zentrale Themen
Kritik an Institutionen: Laxness nutzt die Figur des Jón Prímus, um eine Kirche zu hinterfragen, die sich mehr um Riten als um das Leben der Menschen sorgt.
Mystik vs. Rationalität: Der Kontrast zwischen dem bürokratischen Embi und der archaischen, fast magischen Welt am Gletscher thematisiert die Grenzen der Logik.
Menschlichkeit: Die Seelsorge wird hier nicht durch Predigten, sondern durch praktische Hilfe und das Akzeptieren des Unerklärlichen geleistet.

Der Roman gilt als eines der komplexesten und humorvollsten Werke des Nobelpreisträgers. Er ist im Steidl Verlag als Taschenbuch erhältlich.

Die Seele als Fisch
Ein zentrales Element des Romans ist die Vorstellung, dass die Seele der verstorbenen Údua (die Frau von Pfarrer Jón Prímus) in einen Fisch beschworen wurde.
• Symbol der Konservierung: Der Fisch wird in einem speziellen Behälter auf dem Gletscher aufbewahrt, um dort bis zu einer möglichen Wiederauferstehung oder Rückkehr zu verharren.
• Transformation: Dieses Motiv spielt mit der Idee der Seelenwanderung und stellt eine Verbindung zwischen dem Spirituellen und der physischen Natur (dem Element Wasser/Eis) her.


Der ‚Embi‘ mit Ua/Údua und dem ‚Fisch‘

Christliche Symbolik und ihre Dekonstruktion
Der Fisch ist das traditionelle Symbol für Christus (Ichthys). Laxness nutzt dies jedoch oft auf ironische Weise: Im Roman wird ein Fisch, der als religiöses oder spirituelles Symbol dient, eher profan behandelt – er wird „achtlos aufgetaut“ und schließlich von Vögeln gefressen.

Dieser Beitrag wurde zum Teil von KI erstellt

siehe meine weiteren Beiträge zu Halldór Laxness in diesem Blog

Umberto Eco: Die Insel des vorigen Tages (1995)

Umberto Ecos Roman ‚Die Insel des vorigen Tages‘ aus dem Jahr 1995 (Originaltitel: L’isola del giorno prima – Carl Hansa Verlag 2. Auflage 1995 – Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber) habe ich in diesen Tagen erneut gelesen. Dieser gilt uns einen Einblick in die Gedankenwelt des 17. Jahrhunderts und damit in das damalige Weltbild der Menschen. In dem Roman, der im Jahr 1643 spielt, landet ein gewisser Roberto de La Grive auf einem einsamen Schiff in der Südsee. Er ist auf der Suche nach der Bestimmung des Meridians (Längengrad), der bis dato noch nicht bestimmt werden konnte (lässt sich nur aus dem Unterschied zwischen Orts- und der Zeit auf dem Nullmeridian, heute in Greenwich bei London, bestimmen und wurde erst 1750 gelöst). Östlich von seinem Standort liegt eine Insel. Da er meint, sich auf dem 180 Grad Länge zu befinden, also der Datumsgrenze, so läge die Insel ‚im vorigen Tag‘. Im Fieber träumt er … Ich habe versucht, einige dieser Träume mit Hilfe von KI darzustellen – Teil 1

Hier der 2. Teil der Träume des Roberto de La Grive. Zwar ist die Umsetzung des Textes von Umberto Eco nicht so ganz gelungen, aber immerhin …

Wir schreiben das Jahr 1643. Die Niederlande kämpfen gegen die spanische Krone, in Deutschland wütet immer noch der Dreißigjährige Krieg. In Frankreich herrscht der Absolutismus, In England ist Bürgerkrieg. Die Epoche des europäischen Barock, das Zeitalter der Aufklärung hat begonnen, und die Erde ist nicht mehr Mittelpunkt des Universums.

Aus den Träumen des Roberto de La Grive
Aus den Träumen des Roberto de La Grive

Mitten in dieser turbulenten Zeit ist Roberto de La Grive, ein junger Piemontese, in geheimer. Mission und in allerhöchstem Auftrag unterwegs. Er ist nach einer abenteuerlichen Jugend nach Paris gekommen, ist dort in antiklerikale Kreise geraten und wird von Kardinal Mazazin persönlich vor die Wahl gestellt: Entweder verliert er Kopf und Kragen, oder er muß als Spion im Dienste Frankreichs einem Geheimnis auf die Spur kommen, das zu enträtseln sich die seefahrenden Großmächte verzweifelt bemühen – dem Geheimnis des Festen Punktes, der die Längengrade bestimmt, die allein es ermöglichen, einen einmal entdeckten Ort wiederzufinden. Roberto schifft sich ein auf der Amarilli, auf der sich nächtens sinistre Dinge abspielen. Doch genau in dem Moment, als er, wie es scheint, der Aufklärung des Rätsels nahe gekommen ist, geht die Amarilli in einem Orkan mitten in der Südsee unter, und nur Roberto kann sich retten. Tagelang treibt er im Meer umher, bis er auf ein verlassenes Schiff stößt. Aber nach einer Weile merkt er, daß noch jemand außer ihm an Bord der Daphne ist. Und der unheimliche Fremde ist, wie sich zeigt, hinter dem gleichen Ziel her wie Roberto, wenn auch aus anderen Gründen und mit anderen Mitteln.

Doch zunächst geht es ums Überleben. Wie sollen die beiden auf die in Sichtweite gelegene Insel kommen, die wie eine Fata Morgana mit allen möglichen tropischen Verheißungen zu ihnen herüberleuchtet, auf die Insel des vorigen Tages, die auf dem 180. Meridian liegt, also östlich der Datumsgrenze? Beide können nicht schwimmen, und das Meer ist von todbringendem Getier bevölkert. Der Fremde hat einen genialen Einfall, doch er kehrt nicht von seiner Reise zur Insel zurück.

In seiner Verlassenheit beginnt Roberto sich einen Roman auszudenken, dessen Hauptpersonen eine von ihm verehrte schöne Dame in Paris und sein Zwillingsbruder, sein Doppelgänger, sind – eine dämonische Gestalt, die Verkörperung des absolut Bösen. Immer dramatischer spitzt sich diese Handlung zu, immer mehr vermischen sich Wahn und Wirklichkeit, bis Roberto, in Gefahr, die Geliebte zu verlieren, der erlösende Einfall kommt…

Roberto de La Grive, unterwegs mit einer geheimen wissenschaftlichen Expedition, erleidet Schiffbruch in der Südsee und landet nicht auf einer einsamen Insel, sondern auf einem Schiff voller exotischer Pflanzen und Vögel, Meßinstrumente und merkwürdiger Gerätschaften. Wieder zu Kräften gekommen, merkt er, daß sich außer ihm offenbar noch ein anderer Mensch auf dem Schiff befindet…
So beginnt Umberto Ecos dritter Roman, der in einer Zeit des politischen Chaos, des materiellen Elends und feudalen Glanzes, finstersten Aberglaubens und wissenschaftlicher Revolutionen spielt: zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Abenteuerroman, Liebesgeschichte und historisches Panorama – Eco erfindet den gewaltigen Kosmos eines ganzen Jahrhunderts neu, und vor dem Auge des gebannten Lesers entsteht die Epoche des Barock…

Kafka 2024: Kafka in Riva am Gardasee (6) – Max Brod und Franz Kafka: Richard und Samuel

4. SEPTEMBER [1909]
-> RIVA
Gemeinsam mit Max Brod, Abfahrt 13 Uhr. Brod überreicht K. auf dem Bahnhof ein Notizbuch mit der Bemerkung: „wir werden parallele Reisetagebücher führen“. Otto Brod folgt mit einem späteren Zug.

aus: Reiner Stach: Kafka von Tag zu Tag – Dokumentation aller Briefe, Tagebücher und Ereignisse – S. Fischer, Frankfurt am Main 2017

Nun in Riva kam es nicht zu diesen ‚parallele[n] Reisetagebücher[n]‘. Erst zwei Jahre später 1911 entstand diese Gemeinschaftsarbeit von Franz Kafka und seinem Freund Max Brod unter dem Titel ‚Richard und Samuel‘ Eine kleine Reise durch mitteleuropäische Gegenden‘ und kam dabei über ein erstes Kapitel mit dem Untertitel „Die erste lange Eisenbahnfahrt (Prag–Zürich)“ nicht hinaus.

Es handelt sich um die Beschreibung einer realen Reise beider Freunde. Sie führten jeder ein Reisetagebuch, beschreiben also aus ihrer jeweiligen Sicht die verschiedensten Abfolgen, Gegebenheiten und Befindlichkeiten auf der Reise. Die Zusammenarbeit wurde allerdings von beiden schnell als unbefriedigend empfunden, da sie dabei immer störender ihre große Verschiedenheit spürten. Sie beendeten daher diese Zusammenarbeit nach dem ersten Kapitel. Auf Betreiben von Brod wurde dieses erste Kapitel im Juni 1912 in den Herder-Blättern (entstanden als eine Art jüdische Studentenzeitung des Herausgebers Willy Haas), in der viele namhafte Prager Schriftsteller, darunter Franz Werfel und Paul Leppin, publizierten, veröffentlicht.
Die Zuordnung der beiden Personen ist nicht eindeutig geklärt, aber mit sehr großer Sicherheit dürfte die Texte von Richard Franz Kafka, die von Samuel Max Brod verfasst haben.

aus Kafkas Werken: Die Aeroplane in Brescia – Erzählungen – Beschreibung eines Kampfes
aus Kafkas Werken: Die Aeroplane in Brescia – Erzählungen – Beschreibung eines Kampfes

Unter dem Titel »Richard und Samuel – Eine kleine Reise durch mitteleuropäische Gegenden«, wird ein Bändchen die parallelen Reisetagebücher zweier Freunde verschiedenartigen Charakters enthalten:

Samuel ist ein weltläufiger junger Mann, der mit vielem Ernst sich Kenntnisse im grossen Stil und ein richtiges Urteil über alle Gegenstände des Lebens und der Kunst zu bilden bestrebt ist, ohne doch jemals nüchtern oder gar pedantisch zu werden. Richard hat keinen bestimmten Interessekreis, lässt sich von rätselhaften Gefühlen, noch mehr von seiner Schwäche treiben, zeigt aber in seinem engen und zufälligen Kreise so viel Intensität und naive Selbstständigkeit, dass er nie zu schrullenhafter Komik ausartet. Dem Berufe nach ist Samuel Sekretär eines Kunstvereines, Richard Bankbeamter. Richard hat Vermögen, arbeitet nur, weil er sich nicht für fähig hält, freie Tage zu ertragen; Samuel muss von seiner (überdies erfolgreichen und sehr geschätzten) Arbeit leben.

Die beiden, obwohl Schulkollegen, sind während dieser beschriebenen Reise zum erstenmal andauernd mit einander allein. Sie schätzen einander, obwohl sie einander unbegreiflich erscheinen. Anziehung und Abstossung wird vielartig gefühlt. Es wird beschrieben, wie sich dieses Verhältnis zunächst zu überhitzter Intimität anstachelt, dann nach manchen Zwischenfällen auf dem gefährlichen Boden von Mailand und Paris in männliches Verständnis gegenseitig beruhigt und ganz befestigt. Die Reise schliesst damit, dass die beiden Freunde ihre Fähigkeiten zu einem neuen eigenartigen Kunstunternehmen vereinigen.

Die vielen Nüancen, deren Freundschaftsbeziehungen zwischen Männern fähig sind, darzustellen und zugleich die bereisten Länder durch eine widerspruchsvolle Doppelbeleuchtung in einer Frische und Bedeutung sehn zu lassen, wie sie oft mit Unrecht nur exotischen Gegenden zugeschrieben werden: ist der Sinn dieses Buches.

Vorbemerkungen zum 1. Kapitel (aus Franz Kafka: Erzählungen – Fischer Taschenbuch Verlag April 1976)

Text der Zusammenarbeit von Franz Kafka und Max Brod

Kafka 2024: Kafka in Riva am Gardasee (5) – Klaus Wagenbach: Dr. von Hartungen, Sanatorium und Wasserheilanstalt – Riva am Gardasee

Ab Mitte 1979 erschien für 20 Jahre im Wagenbach-Verlag Freibeuter, eine Vierteljahreszeitschrift für Kultur und Politik – herausgegeben u.a. von Klaus Wagenbach. Die Nr. 16 aus 1983 hatte als Schwerpunktthema Franz Kafka nachgestellt.

Zeitschrift ‚Freibeuter‘ Nr. 16 aus 1983: Franz Kafka
Zeitschrift ‚Freibeuter‘ Nr. 16 aus 1983: Franz Kafka

Der Verleger und Kafka-Kenner, Klaus Wagenbach, verfasste u.a. auch einen Artikel zu Kafkas Aufenthalt 1913 in dem Sanatorium und der Wasserheilanstalt des Dr. von Hartungen:

In Riva, das damals zu Österreich gehörte, war Kafka zweimal: im September 1909 für zehn Tage, gemeinsam mit Max und Otto Brod, in einer kleinen Pension unterhalb der Ponalestraße, und im September/Oktober 1913 für drei Wochen, allein, im Sanatorium Dr. von Hartungen.

'Sanatorium und Wasserheilanstalt Dr. von Hartungen' in Riva am Gardasee: das Haupthaus
‚Sanatorium und Wasserheilanstalt Dr. von Hartungen‘ in Riva am Gardasee: das Haupthaus

Kafka kam mit dem Schiff (aus Desenzano) in Riva an, wie der „Jäger Gracchus“, und wie er fühlte er sich (nach dem Bruch mit Felice [Verlobte in Berlin]) „leer und sinnlos“. „Mein einziges Glücksgefühl besteht darin, daß niemand weiß, wo ich bin.“ Der Jäger Gracchus sagt: „… niemand weiß von mir, und wüßte er von mir, so wüßte er meinen Aufenthalt nicht, und wüßte er meinen Aufenthalt, so wüßte er mich dort nicht festzuhalten, so wüßte er nicht, wie mir helfen. Der Gedanke, mir helfen zu wollen, ist eine Krankheit und muß im Bett geheilt werden.“

Die Krankheit, die Kafka mit nach Riva brachte und die noch immer „Neurasthenie“ hieß, war auch im Sanatorium Hartungen nicht zu heilen. Und sie überschattete auch das zweite (nach dem in Zuckmantel) große Liebeserlebnis: die Begegnung mit einer achtzehnjährigen Schweizerin, die ebenfalls im Sanatorium wohnte. Auch über diese Liebe hat Kafka fast vollständiges Stillschweigen bewahrt, es gibt kaum mehr als eine kurze Notiz im Tagebuch nach der Rückkehr aus Riva: „Die Süßigkeit der Trauer und der Liebe. Von ihr angelächelt werden im Boot. Das war das Allerschönste. Immer nur das Verlangen zu sterben und das Sich-noch-Halten, das allein ist Liebe.“ Auch dies ist Gracchus: Er lebt nicht, er kann nicht sterben.

In einem Prospekt aus dem Jahr 1910, verfaßt von Dr. Erhard und Dr. Ch. E. von Hartungen, hat sich eine Beschreibung des Sanatoriums und seiner Möglichkeiten erhalten:

Das Anstaltsgebäude liegt inmitten eines grossen Parkes, unmittelbar am Gardasee. 60 Zimmer und eine Lufthütten-Kolonie (20 Lufthütten) mit vornehmen, hygienischen Einrichtungen, mit herrlichem Ausblick auf den Gardasee. Zur Durchführung von Freiluftkuren dient ein grosses, geschlossenes Luftbad im Anstaltsparke, ebenso ein Luft- und Sonnenbad für Herren und Damen am Dach-Plateau der Wasserheilanstalt und die Liegehalle.

… und die Strandliegehalle
… und die Strandliegehalle

Licht-, Luft- und Sonnenbäder, Nacktgymnastik und schwedische Freiluftspiele in gedeckten und freien Luftbädern das ganze Jahr hindurch.

See-, Sonnen- und Sandbäder am Strande unmittelbar vor der Anstalt während der Sommermonate.

Aseptisch ermolkene Kur- und Kindermilch von tuberkelfreien, nur trocken gefütterten Kühen, ebenso auch pasteurisierte Kefir- und Yoghurt (bulgarische Sauermilch).
Auch dieses Sanatorium rühmte sich der Behandlung von „Nervenleiden“ an erster Stelle, erinnerte an die „segensvolle Bedeutung des Lichts, speziell des Sonnenlichts bei Nervenschwäche“ und erinnert die „Bewegungsfreunde“ (zu denen Kafka ohne Zweifel gehörte) daran, daß „die malerische Umgebung Rivas an Abwechslung zu Wasser und zu Lande mehr bietet, als irgend ein anderer Kurort zu bieten vermag“.

Als Kuren – neben den diätetischen – werden angeboten:

Hydriatische Kuren in Form von Teil- und Vollbädern, verschieden temperierten Halbbädern, Abreibungen, Güssen, Teil- oder Ganzpackungen, Dampf- und trockenheissen Luftbädern, des elektrischen Bogenlichtbades. Klinisch erprobte Mineral-, Kräuter- und Schlammbäder, sowie die Behandlung mit Radium in verschiedenster Form wurden schon seit vielen Jahren mit sehr günstigem Erfolge gehandhabt.

Atmosphärische Kuren durch methodischen Gebrauch von Sonnen-, Luft-, Marsch- und Ruderlichtbädern mit und ohne folgende Wasseranwendung.

Heilgymnastik, d.h. leichte Leibesübungen, werden unter Aufsicht den Indikationen entsprechend ausgeführt.

Elektrotherapie wird mittelst Vierzellenbades (nach Dr. Schnee) faradischer und galvanischer Ströme und Bäder, der Influenzmaschine etc. etc. angewendet; die Anwendung derselben findet nur durch die Ärzte statt.

Ein weiteres Therapieangebot zeigt, daß das Sanatorium Hartungen damals zu den modernsten Anstalten gehörte:

Die Psychotherapie spielt im Sanatorium keine untergeordnete Rolle, da die Ärzte täglich mit den Patienten verkehren, sich auf das intimste über deren Befinden informieren, so dass ausser der streng individuell diätetisch-physikalischen Behandlung gleichzeitig eine seelische Einwirkung als Korrektiv möglich wird, welche die Krankheitsfurcht oder andere schädliche Vorstellungen, wie Gemütsbeschwerden, beseitigt, und den Kranken einer gesundheitsfreudigen und daseinsfrohen Stimmung entgegenführt.

Spezialärztlich durchgeführte psychoanalytische Behandlung.

Die meisten Gebäude des Sanatoriums stehen heute noch und dienen, nach einem Besitzerwechsel, ähnlichen Zwecken.

siehe auch: Kafka „kehrt zur Natur zurück!“

Kafka 2024: Kafka in Riva am Gardasee (4) – Der Jäger Gracchus

    „Eine Barke schwebte leise, als werde sie über dem Wasser getragen, in den kleinen Hafen. […] Auf dem Quai kümmerte sich niemand um die Ankömmlinge […]“
    FRANZ KAFKA: Der Jäger Gracchus

aus Kafkas Werken: Die Aeroplane in Brescia – Erzählungen – Beschreibung eines Kampfes
aus Kafkas Werken: Die Aeroplane in Brescia – Erzählungen – Beschreibung eines Kampfes

    „A boat lightly slid into the small harbour, as if it were hovering over water. […] On the pier no one noticed the people who had just arrived“
    lt. Google Translater: A barge floated quietly, as if it were being carried over the water, into the small harbor. […] On the quay, no one paid any attention to the arrivals
    FRANZ KAFKA: The Hunter Gracchus

Zwischen 1916 und 1917 entstanden die Fragmente zum Thema ‚Der Jäger Gracchus‘, zu denen sich Franz Kafka durch seine Aufenthalte in Riva inspirieren ließ.

Diese Erzählung ist einzigartig unter allen Werken Kafkas, denn zum ersten Mal wird eine Stadt mit Namen erwähnt: Riva, das sein Schicksal als Landeplatz in seinem Namen trägt. Die Geschichte spiegelt die Erinnerung an Stätten und Denkmäler der kleinen Stadt wider: den alten Hafen, Piazza Benacense und ihre Arkaden, die „schmalen, stark abfallenden Gäßchen“, den Stadtturm Torre Apponale, Palazzo Pretorio, den Brunnen daneben – und nicht zuletzt das Standbild des Hl. Johannes Nepomuk, Schutzpatron von Prag und zugleich von Riva. Franz hatte das Gefühl, die Luft von zu Hause zu atmen und hier vielleicht ein neues Leben beginnen zu können.

Informationsschild in Riva

Ein Bezug des Namens Gracchus zu den Persönlichkeiten der römischen Geschichte, den Konsuln und Volkstribunen, ist nicht ohne weiteres erkennbar. Die Bedeutung des lateinischen Namens („der Gnadenreiche“) wird hier auf jemanden angewendet, dem ausdrücklich die Gnade des ersehnten Todes versagt ist. Kafka wird eher auf gracchio, das italienische Wort für Dohle (im Tschechischen: Kavka = Dohle), angespielt haben, um so eine Identifizierung seiner eigenen Person mit der Gestalt des Jägers literarisch ins Spiel zu bringen.

Hier der Text der Erzählung ‚Der Jäger Gracchus‘

Kafka 2024: Kafka in Riva am Gardasee (3) – 1913

Franz Kafka (Prag, 1883 – Kierling, 1924) liebte Riva auf den ersten Blick. Er war im September 1909 zum ersten Mal in Urlaub am Gardasee.

Im September 1913 kam er an den Gardasee wieder, getrieben von dem „Wunsch nach besinnungsloser Einsamkeit“. Diesmal wohnte er in dem vom berühmten Wiener Naturarzt Dr. Christoph von Hartungen in Riva gegründeten Reform-Sanatorium, das von einer kulturellen Elite aus ganz Mitteleuropa besucht wurde. Dort lernte Kafka eine junge Schweizerin kennen und verliebte sich in sie. Zwischen 1916 und 1917 entstanden die Fragmente zum Thema ‚Der Jäger Gracchus‘, zu denen er sich durch seine Aufenthalte in Riva inspirieren ließ.

Quelle: u.a. Informationsschild in Riva

Riva am Gardasee (Hafen)
Riva am Gardasee (Hafen)

Riva am Gardasee (Hafen)
Riva am Gardasee (Hafen)

21. SEPTEMBER [1913]

Desenzano am Gardasee ...
Desenzano am Gardasee (Die Mehrheit der Einwohner hat sich am 21. September 1913 zum Empfang des Vicesekretärs der Anstalt, Dr. Kafka, versammelt. Der aber liegt am Seeufer im Gras, „leer und sinnlos, selbst im Gefühl meines Unglücks. Ginge es doch jetzt statt ins Sanatorium auf eine Insel, wo niemand ist“)

-> DESENZANO
Tagebuch_ (2 Notizbuchblätter) „Mein einziges Glücksgefühl besteht darin, dass niemand weiss, wo ich bin.“ „Das Geniessen menschlicher Beziehungen ist mir gegeben, ihr Erleben nicht.“
-> GARDONE

22. SEPTEMBER
-> RIVA
Ankunft im ‚Sanatorium und Wasserheilanstalt Dr. von Hartungen‘. K. bezieht eine Lufthütte.
Ludwig Ullmann, Rezension von ‚Der Heizer‘, in: ‚Wiener Allgemeine Zeitung‘.

'Sanatorium und Wasserheilanstalt Dr. von Hartungen' in Riva am Gardasee: das Haupthaus
‚Sanatorium und Wasserheilanstalt Dr. von Hartungen‘ in Riva am Gardasee: das Haupthaus

… der Speisesaal
… der Speisesaal

… und die Strandliegehalle
… und die Strandliegehalle

nach 22. SEPTEMBER
[an Alfred Löwy]: (Karte) Glaubt, er sei seinem Onkel eine Erklärung schuldig.

24. SEPTEMBER
an Oskar Baum: (Ansichtskarte)
an Ottla Kafka: (2 Ansichtskarten) Bittet sie, den kostenlosen Katalog ‚Das Buch des Jahres 1913‘ zu besorgen.

vor 27. SEPTEMBER
[Max Brod an K.]: (2 Karten)

28. SEPTEMBER
an Max Brod: Bezeichnet die Beziehung zu Felice [Bauer] als „seit 14 Tagen vollständig beendet“. Muss dennoch zwanghaft daran denken. Bedürfnis nach Einsamkeit. „… die Vorstellung einer Hochzeitsreise macht mir Entsetzen“.
an Ottla Kafka: (Ansichtskarte) Über Malcesine.
Schiffsausflug nach Malcesine. K. sucht die Stelle auf, wo Goethe beim Zeichnen einer Schlossruine der Spionage verdächtigt wurde.

ANFANG OKTOBER
an Felix Weltsch: „Manchmal glaube ich, dass ich nicht mehr auf der Welt bi, sondern irgendwo in der Vorhölle herumtreibe.“ Über Schuldbewusstsein und Reue. Hat über Brod einen Brief an Felice Bauer erhalten, den er jedoch nicht beantworten will. Eine junge Russin hat einigen Sanatoriumsgästen die Karten gelegt, wobei K. Einsamkeit prophezeit wurde.
K. übersiedelt ins Hauptgebäude des Sanatoriums. Beginn der Freundschaft mit der jungen Schweizerin „G.W.“.

2. OBTOBER
an Ottla Kafka: (Ansichtskarte) Verspricht für den folgenden Tag einen Brief an die Eltern, die ihm schon mehrfach schrieben.

3. OKTOBER
K.s Tischnachbar, der 66-jährige Generalmajor Ludwig von Koch, begeht in seinem Zimmer im Sanatorium Selbstmord.

VOR 10. OKTOBER
K. trifft den in Nago bei Riva lebenden Carl Dallego.

10. OKTOBER
Carl Dallogo an Ludwig von Ficker: Über K.: „Ein wirklich sehr netter Mensch, der Wertvolles schafft.“

11.-12. OKTOBER
-> MÜNCHEN -> PRAG
K. hält sich einen Tag in München auf.

15. OKTOBER
Tagebuch: Über Riva: „Ich verstand zum ersten Mal ein christliches Mädchen und lebte fast ganz in seinem Wirkungskreis.“ […]

aus: Reiner Stach: Kafka von Tag zu Tag – Dokumentation aller Briefe, Tagebücher und Ereignisse – S. Fischer, Frankfurt am Main 2017

Kafka 2024: Kafka in Riva am Gardasee (2) – Die Aeroplane in Brescia

aus Kafkas Werken: Die Aeroplane in Brescia – Erzählungen – Beschreibung eines Kampfes
aus Kafkas Werken: Die Aeroplane in Brescia – Erzählungen – Beschreibung eines Kampfes

Vom 5. – 13. September 1909 fand bei Brescia ein „Flugmeeting“ statt (das erste internationale in Italien), das Kafka und die beiden Brüder Brod von Riva aus besuchten. Kafkas Bericht „Die Aeroplane in Brescia“, der in der Prager Zeitung „Bohemia“ erschien, ist der erste über diese ‚Apparate‘ in der deutschen Literatur.

Im Oval: Louis Blériot ...
Im Oval: Louis Blériot, der kurz zuvor den Ärmelkanal überquert hatte, fliegt an den Tribünen vorbei. Im unteren Teil vorne rechts ein Curtiss-Flyer, mit dem Curtiss den ‚Großen Preis von Brescia‘ gewann: 50 Kilometer in 49 Minuten und 24 Sekunden.

Rougier bei seinem Höhenweltrekord: 198 m
Rougier bei seinem Höhenweltrekord: 198 m. Im Vordergrund der Signalmast und die Zielrichtertribüne

Rougier mit seinem Flugzeug
Rougier mit seinem Flugzeug

Situationsplan des Flugfeldes
Situationsplan des Flugfeldes

Die ersten Zeilen von Kafkas Artikel ‚Die Aeroplane in Brescia‘ in Prager Zeitung ‚Bohemia‘
Die ersten Zeilen von Kafkas Artikel ‚Die Aeroplane in Brescia‘ in Prager Zeitung ‚Bohemia‘

Quelle der Bilder: Klaus Wagenbach: Franz Kafka – Bilder aus seinem Leben – Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1983

Hier der Text des Artikels als PDF-Datei

Kafka 2024: Kafka in Riva am Gardasee (1) – 1909

Im Juli d.J. machte ein Sohn von mir mit seiner Freundin Urlaub in dem Örtchen Limone sul Garda am Gardasee (Lago di Garda) in Oberitalien Urlaub. Berühmt ist die Beschreibung der Zitronenhäuser von Limone durch J. Wolfgang Goethe in seiner „Italienischen Reise“ [Amazon], als er mit dem Schiff von Torbole nach Malcesine reiste; das Dorf, seine Gärten und Zitronen gingen plötzlich in die Weltliteratur ein. Natürlich fuhren die beiden auch nach Riva del Garda, das durch Franz Kafka in den Jahren 1909 und 1913 besucht wurde und somit auch ‚Geschichte‘ schrieb. So gibt es dort eine kleine Straße, die in die Nähe des Strandes gelegen ist mit dem Namen: Via Franz Kafka

Via Franz Kafka in der Nähe des Strandes von Riva del Garda (© Jan Albin)
Via Franz Kafka in der Nähe des Strandes von Riva del Garda (© Jan Albin)

Via Franz Kafka in der Nähe des Strandes von Riva del Garda (Quelle: Google Maps)
Via Franz Kafka in der Nähe des Strandes von Riva del Garda (Quelle: Google Maps)

Ich habe inzwischen nachgeforscht und in meinen Kafka-Büchern einiges an Material zu Kafkas zwei Urlaubsreisen nach Riva gefunden. Hier die Quellen:

Josef Čermák: Franz Kafka – Leben und Werk – Band: Dokumente – parthas berlin 2009

Klaus Wagenbach: Franz Kafka – Bilder aus seinem Leben – Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1983

Reiner Stach: Kafka von Tag zu Tag – Dokumentation aller Briefe, Tagebücher und Ereignisse – S. Fischer, Frankfurt am Main 2017

Zunächst einiges zur 1. Reise Kafkas 1909 mit den Brüdern Max und Otto Brod nach Riva (heute: Riva del Garda). Max Brod war der Freund, dem wir es zu verdanken haben, dass die Manuskripte Kafkas entgegen seinem Wunsch nicht verbrannt, sondern veröffentlicht wurden. Der heutige Artikel ist der Auftakt zu einer sechsteiligen Reihe – zum 100. Todestag von Franz Kafka in diesem Jahr.

aus Kafkas Werken: Die Aeroplane in Brescia – Erzählungen – Beschreibung eines Kampfes
aus Kafkas Werken: Die Aeroplane in Brescia – Erzählungen – Beschreibung eines Kampfes

Franz Kafka (Prag, 1883 – Kierling, 1924) liebte Riva auf den ersten Blick. Er war im September 1909 zum ersten Mal in Urlaub am Gardasee.

Den Urlaub, den der neue Arbeitgeber gewährte, verbrachte Kafka oft mit Freunden. Das erste Mal brach er im September 1909 mit den Brüdern Max und Otto Brod in den Süden auf, ins oberitalienische Riva am Gardasee. Sie verlebten an dessen Ufern und in der Umgebung sorglose Tage. Eine große Sensation war, besonders für Kafka, eine internationale Flugschau auf dem Flughafen Montechiari in der Nähe von Brescia. Erstmals im Leben sahen die Freunde dort vom Nahem die Vorbereitungen der Flieger in den Hangars und tatsächlich auch das Abheben der „Aeroplane“ und die Künste der Piloten in ihren fliegenden Wundermaschinen. Eine exklusive Gesellschaft, darunter der Opernkomponist Giacomo Puccini und der Flugfanatiker und Schriftsteller Gabrielle d’Annunzio, verliehen diesem großartigen Spektakel besonderen Glanz. Kafka schrieb unmittelbar danach unter dem Titel ‚Die Aeroplane in Brescia‘ eine der ersten Reportagen zu diesem Thema in Böhmen und veröffentlichte sie im Feuilleton der Prager ‚Bohemia‘, wo er bereits zuvor und auch später noch kleinere Beiträge publizierte.

aus Josef Čermák: Franz Kafka – Leben und Werk – Band: Dokumente – parthas berlin 2009

4. SEPTEMBER [1909]
-> RIVA
Gemeinsam mit Max Brod, Abfahrt 13 Uhr. Brod überreicht K. auf dem Bahnhof ein Notizbuch mit der Bemerkung: „wir werden parallele Reisetagebücher führen“. Otto Brod folgt mit einem späteren Zug.

Kafka (rechts) mit Otto Brod
Kafka (rechts) mit Otto Brod (nach einem von Max Brod in seiner Biografie veröffentlichten Foto)

5. SEPTEMBER
10 Uhr Ankunft in Riva.

Riva am Gardasee
Riva am Gardasee

Riva am Gardasee
Riva am Gardasee

6. – 9. SEPTEMBER
Vormittägliches Bad in den >Bagni alla Madonnina< unterhalb der Ponalestraße. Kleinere Ausflüge in die Umgebung, u.a. Arco und Torbole. 7. SEPTEMBER an Elli Kafka [Kafkas älteste von drei Schwestern]: (Ansichtskarte) an Ottla Kafka [Kafkas jüngste Schwester/seine Lieblingsschwester]: (Ansichtskarte) Sie arbeitet im elterlichen Geschäft. Ansichtskarte an Ottla von der Reise mit Max Brod aus Riva (07.09.1909) Lago di Garda – Riva vom Hotel Lido aus: Ansichtskarte an Ottla von der Reise mit Max Brod aus Riva (07.09.1909)

Ansichtskarte an Ottla aus Riva … (07.09.1909)

9. SEPTEMBER
Aus der Zeitung ‚La Sentinella Bresciana‘ erfahren die Freunde von dem Flugmeeting im nahe gelegenen Brescia. K. drängt darauf, hinzufahren.

10. SEPTEMBER
-> BRESCIA
Ankunft spätestens 15 Uhr. Fahrt zum Komiteepalast in der Via Umberto I. Sehr schmutziges Hotelzimmer. Am späten Abend Streit mit dem Kutscher.

Uhrturm in Brescia (Stereoskopische Aufnahme)
Uhrturm in Brescia (Stereoskopische Aufnahme)

11. SEPTEMBER
Fahrt zum Flugfeld von Montichiari. Die Freunde beobachten die Piloten, darunter Louis Blériot und Glenn Curtiss, vor ihren Hangars; außerdem prominente Besucher, darunter Gabrielle d’Annunzio. Mahlzeit in einem riesigen Restaurant. Am Nachmittag verfolgen sie, auf Stühlen stehend, einige Flüge. K. und Max Brod vereinbaren, unabhängig voneinander Reportagen über das Flugmeeting zu verfassen.

Fotografie von der Flugschau in Brescia
Fotografie von der Flugschau in Brescia

-> DESENZANO
Übernachtung in einer Herberge am Hafen. Wegen zahlloser Wanzen verbringen die Freunde einen Teil der Nacht auf Bänken am Ufer.
AUVA [Arbeiterunfallversicherungsanstalt] an K.: Mitteilung der Beförderung zum Praktikanten zum 1. Okt. Mit einem jährlichen Gehalt von 1430 K.

12. SEPTEMBER
-> RIVA
Abfahrt mit dem Dampfer um 6 Uhr, Ankunft 11. 25 Uhr.

Dampfer der Linie Desenzano - Riva
Dampfer der Linie Desenzano – Riva

14. SEPTEMBER
-> PRAG
Abfahrt 6.12 Uhr

15. SEPTEMBER
7 Uhr Ankunft in Prag

aus: Reiner Stach: Kafka von Tag zu Tag – Dokumentation aller Briefe, Tagebücher und Ereignisse – S. Fischer, Frankfurt am Main 2017