Kategorie-Archiv: WilliZ Welt

WilliZ kleine (eigene) literarische Welt

… wie 70 Einheiten Strafarbeit

Lange ist es ja nicht mehr hin. Aber je näher das Ziel kommt, umso anstrengender wird es. Marathonläufer kennen das bestimmt: Zehn Kilometer sind hinter sich gebracht worden, dann zwanzig, gar dreißig. Aber längst schmerzen die Muskeln, und statt sich mit jedem Meter dem Ziel zu nähern, scheint es sich von einem zu entfernen.

Ich sehe mich schon torkelnd und taumelnd der Ziellinie nähern. Noch einmal tief Luft holen. Vielleicht auch noch ein kräftiger Schluck aus der Buddel! Das Ziel heißt: Rente!

Es sind gerade noch 70 Tage, die ich – ziehe ich Urlaub, Wochenend- und Feiertage ab – noch zu arbeiten habe. Wäre im März 2007 von einer schwarz-roten Bundesregierung nicht die Rente mit 67 Jahren beschlossen worden, dann wäre ich längst im Ziel. So aber darf ich dank einer Übergangslösung zu meinen 65 Lenzen noch acht weitere Monate den Bleistift schwingen resp. die Computermaus schütteln.

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Das Rotlicht(-Milieu) bekommt mir nicht

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Natürlich gibt es viele Faktoren, die mir diese letzten Tage wie eine nicht enden wollende Durststrecke vorkommen lassen, z.B. schönstes Sonnenwetter, das mich lieber im Garten verweilen sähe als in einem muffigen Büroraum. Die vertane Zeit für Fahrten zwischen Heim und Arbeit. Vom Generve auf der Arbeit ganz zu schweigen (genug ist genug!).

Ich sehe mich wie der Wanderer in der Wüste, der nahe der Quelle in der rettenden Oase doch noch zusammenbricht, um zu verdursten. Wie der angeschlagene Boxer, den nur der nächste Gongschlag vor dem K.O. retten kann, für den aber jede Sekunde wie eine Unendlichkeit vorkommt. Es ist Strafarbeit wie Steineklopfen, die längst nicht mehr freiwillig getan wird. Selbst Jesus flehte am Ende seiner Qualen darum, den Kelch an sich vorbeiziehen zu lassen.

Ich übertreibe? Erst wenn ich im Ziel bin, werde ich von meinem Leiden erlöst sein. Hier ist der Weg längst nicht mehr das Ziel. Das Ziel ist der Weg, der dann erst kommt! Der Weg fern vom alltäglichen Trott, weg von Problemen, die nicht die meinen sind. Sich nicht mehr mit Dingen beschäftigen müssen, die mich eigentlich nicht betreffen.

Aber bis dahin sind es noch 70 lange Tage (eher weniger!), 70 viel zu lange Tage …

Worte zum Wochenende (3. KW 2019): Wochenend‘ und Sonnenschein

Für den, der im Berufsleben steht, gibt es kaum schönere Begriffe als Urlaub und Wochenende. Zum ersteren dichtete schon Heinz Erhardt: „Ich geh‘ im Urwald für mich hin… Wie schön, daß ich im Urwald bin: man kann hier noch so lange wandern, ein Urbaum steht neben dem andern. Und an den Bäumen, Blatt für Blatt, hängt Urlaub. Schön, daß man ihn hat!“

Worte zum Wochenende (3. KW 2019 – WilliZBlog)

Und vom letzteren sangen bereits Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre die Comedian Harmonists und verbanden es mit dem von jedem von uns so geliebten Sonnenschein.

Nach trostlosen Tagen, nasskalt und verregnet (ich nenne es Totensonntagswetter), ist es endlich bei uns hier im Norden soweit: die Sonne lässt sich wieder blicken. Und das auch noch gerade recht zum Wochenende. Da packen wir unsere Alltagsdepression in den Koffer, verschließen diesen und verstauen ihn auf dem Dachboden (wenn wir einen haben, sonst im Keller).

Allen ein schönes, sonniges Wochenende!

Worte zum Wochenende (2. KW 2019): Die Jungs kommen

Unsere zwei Söhne sind längst erwachsen und leben ihr eigenes Leben. Beide haben nette und hübsche Freundinnen. Der eine lebt und studiert in Mannheim; der andere wohnt bei uns im Ort, okay, zu Fuß in fünf Minuten zu erreichen (‚Dreimal lang hinschlagen und schon ist man da!‘).

Früher waren es meine Frau und ich, die Weihnachten zu unseren Eltern fahren mussten. Heiligabend waren wir noch unter uns. Am ersten Feiertag ging es dann zu meinen Eltern und am 2. Feiertag zu den Eltern meiner Frau. Jetzt sind wir es, meine Frau und ich, die zu Weihnachten besucht werden. Das ist eben der Lauf der Zeit.

So waren wir am Heiligabend zu sechst. Der jüngere der Söhne kochte (mit der Unterstützung seiner Freundin und mir). Alles war lecker und der Abend gemütlich und geruhsam. Der ältere der Söhne blieb mit seiner Freundin dann noch bis zum 28. Dezember, kochte ebenfalls etwas Leckeres für uns verbliebene Vier. Auch wenn das Wetter nicht berauschend war, so waren wir an zwei Tagen doch längere Zeit unterwegs.

Worte zum Wochenende (2. KW 2019 – WilliZBlog)

Weihnachten liegt nun schon über zwei Wochen hinter uns. Und an diesem Wochenende treffen wir uns wieder. Unsere Jungs kommen. Diesmal koche ich.

… wieder da

Nein, nicht ER IST wieder da, ICH BIN wieder da. Nach fast dreimonatiger Pause habe ich mich gestern mit einem Beitrag zur zz. laufenden Fußball-WM in Russland hier in meinem Blog zurückgemeldet. – Ja, wie kommt denn das? War ich verschollen in der Arktis? Entführt? In Koma gefallen?

Es war (und ist noch) eine bedingte Auszeit. Ich habe mir am rechten Knie etwas schnippeln lassen (dazu später etwas mehr), aber ich hatte einfach keine Lust mehr, mich mit Facebook, Twitter und damit auch mit meinem Blog zu beschäftigen. Endlich bin ich wieder einmal zum Lesen gekommen, habe mir den einen oder anderen guten Film angeguckt (auch dazu später mehr). Erholung abseits der ‚Dinge‘, die einen nur Zeit rauben.

Willi lässt sich treiben

Vor allem habe ich das schöne Wetter der letzten Wochen genossen. Ja, ich bin schuld, dass der Sommer bereits im April und Mai über uns gekommen ist. Als hätte ich es geahnt, habe ich die Auszeit genau zu der Zeit genommen, als das Wetter meinte, auf Sommermodus umschalten zu müssen. Eigentlich dauert meine Auszeit wohl noch einige Wochen. Und so ganz verstehe ich nicht, dass es jetzt zum baldigen Sommeranfang eher herbstlich daher kommt. Aber es wird schon noch (wieder) werden, sicherlich …

Warum denn jetzt aber diese Kehrtwende und zurück ‚ins Netz‘? Warum ist die Banane krumm? Ach, ich weiß es wohl selbst nicht genau. Sollte mir etwas gefehlt haben?

Wie auch immer: Ave! Seid gegrüßt! Ich bin wieder da!

Urlaub auf der Hallig Hooge (4): Willi im windigen Gewühl

Jede schöne Zeit hat irgendwann einmal ein Ende. Und schon versinkt der Mensch wieder in der grauen Suppe des elenden Alltags, konkret gesprochen: Ich hatte Urlaub und muss wieder zur Arbeit, um den schnöden Mammon für die Brötchen zu verdienen, die ich mit meinen Lieben zum Leben brauche. Oh, Elend! Und dem Klagen kein Ende!

Willi rollt

Okay, ganz so schlimm ist es nicht, auch wenn gleich am ersten Arbeitstag das während meines Urlaubs Liegengebliebene der Erledigung heischte. Immerhin verdeutlicht es mir, dass meine Kollegen auf meine Hilfe angewiesen sind. Bestimmte Sachen gehen nicht ohne mich, ha!

Willi wässert

Erst kürzlich gestand mir ein Bekannter, der seit geraumer Zeit in Rente ist, dass er massive Probleme hatte, sich dem Rentnerdasein zu stellen. Da kann ich eigentlich nur lachen. Für mich war und ist der Broterwerb notwendiges Übel, auf das ich zugunsten anderer Beschäftigungen gern verzichten kann. Es gibt anderes und besseres als die tägliche Tretmühle. Selbstbestimmt wünsche ich mir das Leben. Was nicht ist, soll bald werden.

Willi im Wind

Willi vom Winde zerzaust

Ach, was lamentiere ich hier. Ich sprach eingangs vom Urlaub. Und einen Teil davon machte ich mit meiner Frau – wie schon bekannt sein dürfte – auf einer Hallig. Halligen, Inseln, Nordsee! Wer denkt da nicht an Wellen, Strände und Sturmgebraus! So mancher Windzug zerzauste mir das schütterwerdende Haar, bis es mir zu Berge stand. Im Sturm klebte mir die Jacke förmlich am Körper. Und das Donnern der aufgewühlten Wellen erhöhte deutlich den Harndrang. Da musste Willi für kleine Antons.

Willi muss mal für kleine Antons

Oh, Alltag, Du hast mich nun wieder.

Aber in wenigen Stunden beginnt wieder das Wochenende. Da werde ich froh sein, die erste Woche Arbeit hinter mich gebracht zu haben. Zu Hause liegt ein Maßband. Es misst Inches, also in Zoll. Und es war einmal 100 Daumenbreit lang. Inzwischen ist es auf 90 Zoll geschrumpft. Jeder Zoll eine Arbeitswoche. Und zu Hause kommt die Schere, schnipp-di-schnapp, und schon ist das Maßband wieder ein Stück kürzer.

Willi will i

Ich erinnere mich noch an die Bundestagswahl Ende 1972, als Willy Brandt in seinem Amt als Bundeskanzler bestätigt wurde und die SPD mit 45,8 % der abgegebenen Wählerstimmen erstmals stärkste Bundestagsfraktion. Ein Ergebnis, wovon Sigmar Gabriel und Co. heute nur träumen können. An der Wand eines Hauses in der Bremer Innenstadt hatte ein Unbekannter ein Graffito hinterlassen mit der Inschrift: Willy will i – auf Hochdeutsch: Ich will Willy! Und es waren eben nicht wenige, die Willy (Brandt) wollten.

Willi unterm Volk

Nein, ich will das gar nicht auf mich beziehen. Eher hätte die Überschrift „Willi ist wieder da“ lauten sollen, denn ich habe mich fast fünf Wochen rar gemacht. Nicht, dass es mir an Themen gefehlt hätte. Da war ja die Wahl in den USA – dessen Ergebnis nicht nur mich sprachlos gemacht hatte. Und als Fan des SV Werder Bremen gab es in diesen letzten Wochen auch nichts zu lachen. Aber nein, das war es nicht.

Eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich so sprachlos diese fünf Wochen blieb. Es war eher Faulheit, ein Maß von Gleichgültigkeit. Noch eher waren es die Sachen, die auf dem Zettel standen und endlich erledigt werden mussten, sodass keine Zeit für weitere Späße blieb.

Jetzt also dieses Lebenszeichen, damit keiner denkt, der Willi liegt in den letzten Zügen, macht schlapp, will nichts mehr von mir und dir wissen.

Obwohl … ein Quäntchen Trägheit kann nie schaden. Und ich muss ja auch nicht gleich übertreiben: Also ich lebe noch … und wünsch‘ Euch ‘was!

Worte zum Wochenende (20. KW 2016)

Eigentlich habe ich keine Lust mehr. Nein, dieses dumme Geseire dieser allzu besorgten Bürger, das täglich im Netz abgeladen wird, berührt mich nicht. Es ärgert mich nicht. Stammtischgeschwafel gab es immer schon und wird es weiterhin geben. Die ‚sozialen Netze‘ bieten leider auch solchen Hohlköpfen die Plattform, um über die Grenzen des Stammtischs und ihrer geistigen Horizonte hinaus ihren Dreck in die Welt zu tragen. Ich habe keine Lust mehr, mich auf so viel Dummheit einzulassen. Gut zu wissen, dass manche Hassrede nicht ohne Konsequenz bliebt. Am ehesten schmerzt es eben, wenn es das Portemonnaie trifft.

Worte zum Wochenende (20. KW 2016 – WilliZBlog)

Aber auch sonst bin ich ziemlich lustlos und froh, dass es endlich wieder Wochenende wird. Ist es das Wetter, ist es ein Rest von Frühjahrsmüdigkeit? Oder ist es die Arbeit, die mich schlaucht? Vielleicht habe ich zu viel um die Ohren und finde nicht den Absprung ins süße Nichtstun. Und jünger werde ich natürlich auch nicht (wer schon)!

Manchmal muss man sich geradezu zwingen, um einmal für längere Zeit alles liegen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Zwinge ich mich … 😉

Hein Sager sagt (4): Der Luxusdampfer

Stellen wir uns einmal vor, wir haben eine Reise auf einen Kreuzfahrtschiff, einem Luxusdampfer, gebucht. Natürlich will man sich auf so einem Fahrzeug, das die Weltmeere befährt, entspannen, das gute Essen und die erlesenen Getränke genießen. Stellen wir uns weiter vor: Da schwimmen viele Schiffbrüchige in ihrer Not auf uns zu. Was werden wir tun?

    Hein Sager sagt …

Die einen werden sagen, nein, die wollen wir nicht an Bord. Die werden uns all die guten Sachen aufessen und die edlen Weine wegtrinken. Überlasst sie ihrem Schicksal, das sich nicht mit dem unseren verknüpfen soll.

Nun der Kapitän, der sich an internationale Rechtsnormen halten muss, lässt Rettungsboote herab, um die ersten Schiffbrüchigen zu retten. Nach und nach kommen immer mehr Menschen an Bord. Da kommt eine zweite Gruppe Reisender, die ebenfalls nicht auf ein ausgiebiges Frühstücksbuffet und das Fünf-Gänge-Menu zu Mittag und am Abend verzichten möchte, aber durchaus ein Einsehen mit den in Seenot Geratenen hat. Sie meint, man solle nur so viele an Bord nehmen, wie ‚Platz‘ für diese vorhanden ist. Und überhaupt: Irgendwann wäre das Schiff voll …

Ist ein Boot überfüllt, dann droht es zu sinken. Das weiß jedes Kind. Wann aber ist ein Boot, ein Schiff so sehr besetzt, dass diese Gefahr droht? Wer entscheidet den Zeitpunkt, wann ein Boot voll ist? Der Kapitän? Irgendeiner der Schiffsoffiziere? Der Reisende, der am lautesten brüllt?

Hein Sager sagt (3): Synapsenkurzschluss

Hein Sager fragt: Kennt ihr das auch: Man wacht früh morgens auf, obwohl der Wecker nicht geklingelt hat, und weiß nicht so recht, wo man sich befindet. Im Bett: klar, aber sonst … Ort und Zeit lassen sich nicht genau bestimmen.

Meistens ist man durch einen Traum geweckt worden. Es muss nicht unbedingt ein Alptraum gewesen sein. Diese Orientierungslosigkeit löst sich meist schnell. Man hat verschlafen, sammelt seine sieben bis acht Sinne (oder sind’s doch nur vier?) und springt förmlich aus dem Bett. Und der Alltag hat einen wieder. Wenn es vielleicht Wochenende ist, wenn auch noch früh am Tag, dann atmet man erleichtert auf, legt sich auf die andere Seite und schläft weiter.

    Hein Sager sagt …

Bedenklich wird das, wenn einem so etwas am lichten Tage geschieht. Es ist weniger eine Orientierungslosigkeit, als eher so etwas Ähnliches wie eine Halluzination. Vielleicht hat man gerade etwas gelesen, sich dann mit etwas anderem beschäftigt – und wie durch Teufelswerk vermischt sich das alles. Die Synapsen schließen sich kurz.

Natürlich muss das nichts Schlimmes sein. Oft ist Übermüdung der Grund. Eine Art Sekundenschlaf, aus dem man nur halb geweckt wird. Und wie bei einem Traum, aus dem man erwacht und an den man sich erinnert, als wäre er real, wirkt diese ’Halluzination‘ einige Zeit nach.

Wer so etwas schon einmal erlebt hat, wird vielleicht verstehen können, wie Drogen in etwa wirken. Deren Wirkstoffe docken sich an die Rezeptoren auf der Oberfläche der Nervenzellen an und lösen so verschiedene Reaktionen im Gehirn aus, zum Beispiel die Ausschüttung von Glückshormonen. Auch eine Art von Kurzschluss.

Auf der anderen Seite kann der Kurzschluss in der Nervenzelle allerdings häufige Ursache für Schlaganfall, Epilepsie und andere Erkrankungen sein. Ich denke, wenn der Kurzschluss längere Zeit anhält. Soweit ist es natürlich noch nicht …

Mit einer genügend großen Mütze Schlaf und danach mit einem ausgiebigen Frühstück sieht die Welt dann schon viel besser aus. Alles braucht seine Ruhe!

Hein Sager sagt (2): Rosa, die Bettwurst und der Tee-Kaffee-Vergleich

Wie gesagt, will ich sagen, was mich stört, was ich einfach nicht gut finde. Da wird debattiert und das dann in allen Medien bis zum Verdruss ausgebreitet. Es geht ums Schwulsein und Lesbischsein und dem gleichen Recht auf Ehe wie Heterosexuelle. Und dann ‚die Flut‘ an Flüchtlingen, die Deutschland angeblich heimsucht und überschwemmt. Was kratzen wir uns eigentlich darum, dass andere vielleicht anders sind als wir? Denn darum geht es eigentlich. Können wir nicht einfach nur Mensch sein?

Hein Sager sagt …

Es ist lange her, da sah ich mit einem Freund, Jochen mit Namen, den ersten Film von Rosa von Praunheim: Die Bettwurst. Das war ein merkwürdiger Film, besonders die Sprechweise der Hauptdarsteller, Dietmar mit seinem Mannheimer Dialekt und die Dialoge, die sich wechselseitig wiederholten („Dietmar, ich liebe Dich, Luzi, ich liebe Dich, so wie die Luft, wo ich atme“). Und doch waren die Hauptdarsteller Luzi und Dietmar echt, echt in ihrer scheinbaren Unbeholfenheit, in ihren scheinbaren Schwächen, die doch in Wirklichkeit Stärken waren.

    Rosa von Praunheim: Die Bettwurst (1970)

Natürlich dachten wir erst, Rosa von Praunheim wäre eine Frau. Aber bald wussten wir es: Rosa ist ein Mann. Die Ikone der Schwulenbewegung! Das störte uns wenig. Der Film, das war uns damals schon klar, ist Kult!

Weder Jochen, noch ich sind schwul. Jochen sagte: Ich glaube, ich bin lesbisch: Ich steh auf Frauen! – Er meinte das ironisch und meinte es doch auch irgendwie kritisch. Schon damals sagte man Jungen gern nach, sie wären schwul, wenn sie sehr weich, sensibel waren. Wir beide hassten das. Wie konnte man nur so bescheuert sein und solche dummen Sprüche machen.

Später bin ich öfter Schwulen begegnet. Wir sind ins Gespräch gekommen. Natürlich konnte ich es nicht nachempfinden, wie man sich als Mann ganz allgemein Männern hingezogen fühlen kann. Aber das ist kein Grund, jemand zu diskriminieren, nur weil er etwas anders ist.

Warum ist der eine schwul, der andere nicht – die eine lesbisch, die andere nicht. Auch wenn der Vergleich hinkt wie ein lahmer Gaul: Viele trinken gern Kaffee. Andere mögen den nicht und trinken lieber Tee. Aber warum ist das so, könnte man auch hier fragen. Vielleicht hat einer, der lieber Kaffee trinkt, noch nie einen guten Tee getrunken. Denn hätte er, dann …

Homosexualität gilt vielen auch heute noch als ‚unnatürlich‘, dabei finden wir gerade in der Natur gleichgeschlechtliche Partnerschaften (nicht nur schwule Pinguine im Bremerhavener Zoo am Meer) zuhauf.

Tiere werden vorwiegend von ihren Instinkten geleitet. Beim Menschen herrscht ein Mischmasch aus Bewusstsein und Gefühlen. Liebe, das wissen wir, ist nicht ans Geschlecht gebunden. Der Vater liebt seine Söhne, die Tochter ihre Mutter. Warum also nicht auch Mann einen Mann, Frau eine Frau?

Ich bin vielleicht hetero, ich sage vielleicht, weil ich schon in frühen Jahren ein Erlebnis hatte, das ich als schön, geradezu aufregend fand und das mit einem Mädchen zu tun hatte. Ich war mir damals meiner Sexualität noch nicht völlig bewusst, und im Grunde spielte sich nichts anderes ab, als dass ich mich mit dem gleichaltrigen Mädchen auf einer abgelegenen Wiese befand, wir uns plötzlich auszogen und unsere Unterschiede begutachteten. Das war im Sommer, in den Ferien und ich war elf Jahre alt. Eine unbeschwerte Zeit.

    Kölner Zoo, August 1965 – Hein (Willi) mit U. und Großmutter

Und da ich gerade in der Vergangenheit krame: Ich erinnere mich auch daran, einmal einem Jungen begegnet zu sein, der so schön war, sodass ich mich in ihn ‚verliebte‘. Es war wie ein heißes Feuer. Ich muss ziemlich irritiert dieser Zuneigung wegen gewesen sein. Der Junge war aber auch über alle Maße schön, weiblich zart und schön. Es war die Schönheit selbst, die mich faszinierte. Sicherlich steckt in jedem diese Möglichkeit, auf Reize des gleichen Geschlechts empfindsam zu reagieren.

Und es sind dann meist diejenigen, die homophob reagieren, die Angst vor der eigenen, latent vorhandenen Homosexualität haben, Männer, die bezüglich dessen, was sie für typisch männliche Eigenschaften halten, dahingehend verunsichert werden, dass sie möglicherweise selbst nicht diesem Bild entsprechen.

Ich sage, es gibt keinen Grund, sich vor dem Anderssein zu fürchten. Eigentlich sind wir doch alle etwas anders als die ‚anderen‘, oder? Es ist eher eine Chance, aus dem Anderssein ‚Kapital‘ zu schlagen zum Vorteil für uns alle. Nutzen wir die Möglichkeiten!

Hein Sager sagt (1): Also Hein Sager sagt …

    … wie kann ein Mensch trotz seiner Gedanken mit anderen Menschen zusammenleben, wie wird er mit dem Wildwuchs seiner Gedanken, die doch den Konventionen der Gesellschaft widersprechen, fertig …

    Martin Walser: Dichten und Trachten (Jahresschau des Suhrkamp Verlags), 1958, Folge 11, S. 91

Mein Name ist Sager. Der Vorname tut eigentlich nichts zur Sache, aber wer’s wissen will, er ist Hein. Jetzt aber keine blöden Witze von wegen ‚Hein vonne Werft‘, ihr wisst, ‚das nervt‘! Also Hein Sager heiß ich. Bitte, auch keine Scherze mit Nein-Sager. Ich bin kein Nein-Sager, obwohl ich schon manchmal sage: Schluss jetzt, es reicht!

    Hein Sager sagt …

Ich will hier nicht groß philosophieren. Ich bin kein Nietzsche oder ein Descartes, der dachte, wenn er denkt, dass er ist. Dass mit dem Sein verstehe ich schon: Man ist, man existiert also, wenn man denkt. Ein schöner Gedanke …

Ich will hier auch nicht auf die Kacke hauen – wie man so sagt. Ich will sagen, was mich stört, was ich einfach nicht gut finde. Dann kann ich sagen, was okay ist in der Welt, wenn das auch nicht viel ist.

So oder so ähnlich könnte Hein Sager beginnen, zu uns zu sprechen. Hein Sager: Wer ist das? Es könnte fast jede(r) sein. Okay, mit grauem Bart und Brille komme ich sicherlich in Frage. Und vielleicht zu 80 % (mal mehr, mal weniger) bin ich das dann wohl auch. Im Hintergrund (siehe unten) sieht man Franz Kafka, der hier nur stellvertretend sein Konterfei herhalten musste (zudem als Comic-Zeichnung), dem ich ein Bild von mir ‚über(ge)legt‘ habe. Ich fand die Kafka-Zeichnung interessant und fand zudem ein Bildchen von mir, das annähernd deckungsgleich ist.

Hein Sager sagt -  Von Kafka zu Willi …

    Er muß seine Launen mir gegenüber weniger beherrschen als ich meine Launen ihm gegenüber. Ich muß mich ununterbrochen zusammennehmen. Zum Beispiel politisch. Man möchte doch öfter einmal irgendwelchen politischen Quatsch daherreden dürfen. Der Chef tut das ungeniert und frei heraus.

    Martin Walser zur Abhängigkeit vom Chef: Wer oder was leistet Seelenarbeit? unveröffentlichtes Typoskript, o.D., Archivmaterial Martin Walser

Was will Hein Sager (oder ich mit ihm) sagen? Wer kennt nicht die Abhängigkeit von seinem Chef, wie Martin Walser es beschreibt. Und auch sonst wagt es kaum einer, dem ‚Wildwuchs seiner Gedanken‘ freien Lauf zu lassen. Die Konventionen halten diese in Schacht. Und selbst wenn man er wagt, sich einmal ‚so richtig auszukotzen‘ und dazu (wie hier) versucht, es einer Kunstfigur in den Mund zu schieben, gelingt das nur ungenügend. So glaube ich, es sei denn, man beginnt damit, darauf hinzuweisen, dass man sich ‚von dem Folgenden‘ (der Folgen wegen) von vornherein distanziert. Das wäre dann unaufrichtig.

Aber soweit will ich mit Hein Sager gar nicht gehen. Er ist eine Kunstfigur, die sagt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Das könnte mein Schnabel sein – es ist aber eher der Schnabel vieler. Eben derer, die sonst ihren Schnabel halten.

Noch eins: Hein Sager benutzt (wie ich) oft Anführungszeichen, auch ‚Gänsefüßchen‘ (sic!) genannt. Wir kennen das Zeichen: Zeige- und Mittelfinger beider Hände ausgestreckt und gegeneinander leicht versetzt in der Luft winkend. Es heißt, so meine ich es nicht wirklich, so meinen es andere. Wenn man schreibt, ist das klar. Da stehen die Häkchen unten und oben. Beim Sprechen hilft nur die genannte Geste. Das Gesagte oder Geschriebene ist ohne Anführungszeichen eine These, die dann durch die Anführungszeichen gewissermaßen zur Antithese wird. Was darauf folgt, sollte dann die Synthese sein. Man nennt das Dialektik.