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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Die Haut, in der ich wohne

Die Haut, in der ich wohne (Originaltitel: La piel que habito) ist ein Melodram mit Elementen des Thrillers von Regisseur Pedro Almodóvar aus dem Jahr 2011. Almodóvar schrieb auch das Drehbuch, das wenigstens zum Teil auf dem Roman „Mygale“ von Thierry Jonquet basiert.

    Pedro Almodóvar: Die Haut, in der ich wohne

Dr. Robert Legard (Antonio Banderas) kommt zu einer wissenschaftlichen Erkenntnis: Durch eine Kombination des menschlichen Genmaterials mit dem von Schweinen produziert er eine perfekte Nachbildung der Haut. Bei seinen Kollegen stößt das erfolgreiche und im Prinzip verbotene Experiment jedoch auf Missbilligung. In einem abgeschiedenen Haus lebt der Chirurg mit seiner geheimnisvollen Haushälterin, dort unterhält er auch eine Privatklinik, in der er obsessiv weiter forscht – er will eine Frau erschaffen, die seiner verflossenen Liebe gleicht. Nur Patienten scheint es hier nicht zu geben, abgesehen von einer mysteriösen Frau namens Vera (Elena Anaya) in einem hautfarbenen Ganzkörperanzug, die der Doktor Tag und Nacht durch mehrere Monitore beobachtet. Langsam verliert sich Lagarde in seiner Faszination für die rätselhafte Dame. Doch er ahnt nicht, dass die Kollegen ihm seine Erkenntnisse neiden und es auf seine Klinik abgesehen haben. Dann lernt Vera, wer sie wirklich ist – und bricht aus Legardes Gefängnis aus…

aus: filmstarts.de


Pedro Almodóvar: Die Haut in der ich wohne

Mit Die Haut, in der ich wohne arbeitete Pedro Almodóvar zum ersten Mal seit „Fessle mich!“ von 1990 wieder mit Antonio Banderas zusammen, der die Hautrolle des so erfinderischen wie verrückten Chirurgen spielt. An seiner Seite finden wir Elena Anaya, die ich bereits in den Filmen Lucia und der Sex (2001), Hierro – Insel der Angst (2009) und Eine Nacht in Rom (Room in Rome) (2010) vorgestellt hatte.

Es ist schon eine Zeit her, dass ich einen Film von Pedro Almodóvar gesehen habe: Volver – Zurückkehren aus dem Jahre 2006. Zerrissene Umarmungen aus 2009 habe ich immer noch ungesehen im Schrank liegen – die Zeit dieses Films kommt aber bald. So habe ich mir Almodóvars letztes Werk angeschaut. Wie in seinen Filmen zuvor mischt der große spanische Regisseur auch hier Melodram mit Thriller und etwas Film Noir und weiht uns in dunkle Geheimnisse ein, die von genetischer Manipulation oder gar einer Geschlechtsumwandlung handeln. Es geht um Schuld, Scham und Sühne. Almodóvar stellt immer auch gern Bezüge zu Klassikern der Filmgeschichte her. In diesem Fall bekundet er seine Faszination zu Verwandlungsgeschichten wie bei Fritz Lang oder Friedrich Wilhelm Murnau aus der Stummfilmära. Ähnlichkeiten sind auch im französisch-italienischer Schwarzweißfilm Augen ohne Gesicht von Georges Franju aus dem Jahr 1960 erkennbar. Für mich erscheint der Film wie eine moderne Version von Frankenstein, nur dass sich das Monster hier als eine bildhübsche Frau entpuppt.

Almodóvars Film ist ‚phantastisch’ im Sinne von grotesk, illusionär, aber auch besessen. Ich mag spanische Filme, auch wenn (oder gerade weil) sie ziemlich von der Wirklichkeit abgehoben sind. Die menschliche Leidenschaft bahnt sich oft seltsame Wege. Filme dieser Art stellen ein Abbild, eine Imagination dieser Leidenschaften dar.

50 Jahre deutsch-französische Freundschaft

Am 22. Januar 1963 wurde im Pariser Élysée-Palast der als Élysée-Vertrag bezeichnete deutsch-französische Freundschaftsvertrag von Bundeskanzler Konrad Adenauer und vom französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle unterzeichnet. Dieses Abkommen über die deutsch-französische Zusammenarbeit hat die beiden Nachbarn in Europa nach langer „Erbfeindschaft“ und verlustreichen Kriegen seitdem immer mehr zusammengeführt.

Unterzeichnung des Élysée-Vertrag durch Konrad Adenauer und Charles de Gaulle

Es sollte noch fast zehn weitere Jahre dauern, bis durch Willy Brandts weltweit beachteten Kniefall von Warschau am 7. Dezember 1970 am Mahnmal des Ghetto-Aufstandes von 1943 die Entspannungspolitik mit dem Osten eingeleitet wurde, die in die Ostverträge mit Polen und der Sowjetunion mündete. Hinzu kam der Grundlagenvertrag mit der DDR.

Ausgerechnet Sibirien

Ausgerechnet Sibirien ist eine deutsche Filmkomödie aus dem Jahre 2012 in der Regie von Ralf Huettner (Vincent will Meer) und in der Hauptrolle mit Joachim Król.

Ausgerechnet Sibirien – der Film

Matthias Bleuel (Joachim Król) ist ein pedantischer Logistiker aus Leverkusen. Seit der Scheidung von seiner Frau Ilka (Katja Riemann) lebt er tumb und taub vor sich hin. Der Direktor (Michael Degen) des Modeversandhandels Fengler verpasst ihm gerade die richtige Kur: Er schickt ihn in eine Verkaufsstelle in Südsibirien. Nach einer turbulenten Reise hat Bleuel jedoch keine Chance, seine Arbeit zu machen. Dolmetscher Artjoms (Vladimir Burkalov) erste Lektion ist, dass in Russland viele Sachen anders laufen. Bei einem Konzert verliebt sich Bleuel dann auch noch Hals über Kopf in die schorische Sängerin Sajana (Yulia Men). Mit wiedererweckten Empfindungen reisen er und Artjom ihr hinterher…

aus: filmstarts.de


Ausgerechnet Sibirien

Ausgerechnet Sibirien ist eine so genannte Culture-Clash-Komödie über einen mittleren Angestellten aus Deutschland, der sich während einer Dienstreise nach Sibirien in einen anderen Menschen verwandelt. Dazu trägt ohne Zweifel die uns exotisch anmutende weite Landschaft Sibiriens bei und die uns fast unbekannte Kultur der Schoren, einem kleinen indigenen Volk in Sibirien. Der Film spielt mit dem Gegensatz von schnöder Realität und magischer Imagination. Wer hätte da nicht auch Lust, aus seinem Alltag auszubrechen?

Sicherlich verbleibt der Film ziemlich an der Oberfläche, taucht nur wenig in die Kultur der Schoren ein, was ihn sicherlich noch interessanter gemacht hätte. Der Film entspricht unserer westlichen Sichtweise. Trotzdem hat er mir sehr gut gefallen. Ich kann den Film durchaus empfehlen.

Vorbild der schorischen Sängerin ist wohl Tschyltys (alias Olga Tannagaschewa), geboren 1978, die nicht nur jenen Matthias Bleuel im Film, sondern auch uns durch ihren Kehlkopfgesang (Obertongesang) verzaubert. Obertongesang ist eine Gesangstechnik, die aus dem Klangspektrum der Stimme einzelne Obertöne so herausfiltert, dass sie als getrennte Töne wahrgenommen werden und der Höreindruck einer Mehrstimmigkeit entsteht.

Ich habe natürlich nach jener Tschyltys im Internet geforscht und dabei zwei interessante Videos gefunden – zum einen ein Lied mit diesem Kehlkopfgesang – dann ein Stück mit Improvisationen auf dem Khomus, also der Maultrommel – das ähnliche Klangfarben erzeugt wie der Kehlkopfgesang:


Chyltys Tannagasheva: Aba Chonym (Aba People)


„Tschyltys“ Olga Tannagaschewa: Improvisation on Khomus

Weitere Videos bei zemleeb

Salcia Landmann: Jüdische Witze

    „Warum hat Kain Abel erschlagen?“
    „Weil Abel ihm alte jüdische Witze erzählt hat.“

Eigentlich mag ich es nicht, wenn in Gesellschaft Leute meinen, die Stimmung durch das Erzählen von Witzen heben zu müssen. Meist sind es schlüpfrige, also ‚unanständige’ Witze, bei denen dann mindestens die Hälfte der Anwesenden pikiert daherschaut. Oder es sind Witze mit langem Bart, also Witze, die man schon zum tausendsten Mal gehört hat. Und bei manchem Kalauer stöhnt dann bereits die ganze Mannschaft. Geistreiche, vielleicht auf Wortspiele beruhende Witze sind doch eher selten.

Wenn ich Witze mag, dann sind es oft Witze, die man dem ‚trockenen’ bzw. dem schwarzen Humor zurechnet, z.B. also den britischen Humor mit seinen oft absurden Elementen wie bei Monty Python oder in Deutschland bei Loriot. Die Grenzen des guten Geschmacks sollten nicht unbedingt überschritten werden.

Eine besondere Art ist der jüdische Witz:

„Der jüdische Witz nimmt in der Weltliteratur eine Sonderstellung ein. Er ist tiefer, bitterer, schärfer, vollendeter, dichter, und man kann sagen, dichterischer als der Witz anderer Völker. Ein jüdischer Witz ist niemals Witz um des Witzes willen, immer enthält er eine religiöse, politische, soziale oder philosophische Kritik; und was ihn so faszinierend macht: er ist zugleich Volks- und Bildungswitz zugleich, jedem verständlich und doch voll tiefer Weisheit.

Durch Jahrhunderte war der Witz die einzige und unentbehrliche Waffe des sonst waffen- und wehrlosen Volkes. Es gab – besonders in der Neuzeit – Situationen, die von den Juden seelisch und geistig überhaupt nur mit Hilfe ihres Witzes bewältigt werden konnten. So lässt sich behaupten: Der Witz der Juden ist identisch mit ihrem Mut, trotz allem weiterzuleben. – Salcia Landmann hat es unternommen, die verstreuten und oft nur mündlich überlieferten jüdischen Witze zu sammeln und zu ordnen. Ihre Auswahl, die alle thematischen bereiche umfaßt, geht eine soziologische Interpretation voraus, in der zugleich über Herkunft, Geschichte und Niedergang des jüdischen Witzes berichtet wird.“
(aus dem Klappentext)

„Zweierlei wollte ich mit meinem Buche: den tragischen Hintergrund des jüdischen Witzes aufzeigen, und diesen Witz selber heute, nach dem Untergang des europäischen Judentums, für den deutschsprachigen Leser sammeln und vor dem Vergessenwerden bewahren.

[…]

Wohin man blicken mag – die Bedingungen, welche den jüdischen Witz erzeugt haben, findet man nirgends wieder. Ein Teil des jüdischen Volkes hat den Naziterror zu überleben vermocht – nicht aber sein Witz. Er gehört heute der jüdischen Vergangenheit an, genau wie das deutsche Volksmärchen der deutschen Vergangenheit angehört.

Wir können ihn nur noch sammeln, und, solange er uns in seinen Voraussetzungen noch nicht fremd geworden ist, verstehen.“
Salcia Landmann in: Der jüdische Witz und seine Soziologie

Salcia Landmann: Jüdische Witze

Wenn manches nicht so traurig wäre, würde man lachen – sagt man. Der Jude lacht. Und ich habe bei dem Buch Jüdische Witze – ausgewählt und eingeleitet von Salcia Landmann: Der jüdische Witz und seine Soziologie, mit einem Geleitwort von Carlo Schmid – dtv 21017 – Deutscher Taschenbuch Verlag – 5. Auflage 2011 (zuerst erschienen 1960 im Walter Verlag, Olten) mitgelacht.

Die Ostjuden pflegten zu behaupten:
Wenn man einem Bauern einen Witz erzählt, lacht er dreimal. Das erstemal, wenn er den Witz hört, das zweitemal, wenn man ihm den Witz erklärt, das drittemal, wenn er den Witz versteht.
Der Gutsherr lacht zweimal: das erstemal, wenn er den Witz hört, das zweitemal, wenn man ihn erklärt. Verstehen wird er ihn nie.
Der Offizier lacht nur einmal, nämlich wenn man ihm den Witz erzählt. Denn erklären läßt er sich prinzipiell nichts, und verstehen wird er ohnehin nicht …
Erzählt man aber einem Juden einen Witz, so sagt er: „Den kenn ich schon!“ und erzählt einen noch besseren.

Im Laufe seines Lebens hört man viele Witze, ob freiwillig oder nicht. Fast alle vergisst man schnell wieder. So kenne ich nur wenige Witze und diese auch nur, weil sie kurz, also prägnant, etwas absurd und nach meinem Verständnis eben ‚witzig’ sind. Und zwei dieser Witze, die sich mir eingeprägt haben, finden sich in diesem Buch mit jüdischen Witzen, wenn auch in Abwandlung (im zweiten Witz ist es bei mir kein Rebbe, also Rabbi, sondern ein Pastor), seltsamerweise (oder auch nicht) wieder. Es beweist zumindest, dass meine Vorliebe für den jüdischen Witz, wenn auch unbeahnt, schon früh bestand:

Berel, Nichtschwimmer, plätschert im seichten Fluß – plötzlich gerät er in eine tiefe Stelle und brüllt um Hilfe. Schmerel: „Berel, was schreist du?“
„Ich habe keinen Grund!“
„Wenn du keinen Grund hast – was schreist du dann?“
(S. 89)

Ankunft in Krotoschin: „Sagen Sie, wo wohnt der Rebbe?“
„Dort hinüber.“
„Aber da kann doch der Rebbe nicht wohnen, da ist doch der Puff?“
„Nein, der Puff ist hier links.“
„Danke.“ Und geht links.
(S. 249)

Auf über 360 Seiten finden sich in dem Buch unzählige Witze – thematisch gegliedert. Es gibt wirklich viel zu lachen – oder zumindest zum Schmunzeln. Hier nur eine kleine Auswahl von Witzen, die mir besonders gefallen haben:

Schmul ist von der Straßenbahn abgesprungen und unsanft auf dem Toches (Gesäß) gelandet.
„Sind Sie niedergefallen?“ fragt ein mitleidiger Passant.
Schmul: „No na, so steig ich immer aus!“
(S. 94)

Gespräch auf dem Bahnsteig.
„Wohin fährst du?“
„Nach Warschau, Holz einkaufen.“
„Wozu die Lüge? Ich weiß doch: wenn du sagst, du fährst nach Warschau, Holz einkaufen, dann fährst du in Wirklichkeit nach Lemberg, Getreide verkaufen. Zufällig weiß ich aber, daß du tatsächlich fährst, um Holz zu kaufen. Warum lügst du also?“
(S. 107)

Joine Nelken sitzt im Theater bei ‚Maria Stuart’. Es wird immer tragischer, und er weint bitter. Plötzlich sagt er zu sich selbst: „Mein Gott, was treib ich daß Ich kenn sie nicht, sie kennt mich nicht – was reg ich mich so auf?“ (S. 274)

Schmul vor dem Goethe-Denkmal: „No – wer ist er schon? Kein Feldherr, kein Kaiser … bloß die ‚Räuber’ hat er geschrieben!“
„Was für Stuß (Unsinn)! Die sind doch von Schiller!“
„No also: Nicht einmal die ‚Räuber’ hat er geschrieben.“
(S. 274)

Ein Jude sitzt neben einem fremden Herrn im Varieté.
Ein Vortragskünstler tritt auf. Der Jude dreht sich seinem Nachbarn zu und flüstert: „Einer von unsere Leut!“
Eine Sängerin tritt auf. „Auch von unsere Leut“, sagt der Jude. Ein Tänzer kommt auf die Bühne. „Auch von unsere Leut“, erklärt der Jude.
„O Jesus!“, stöhnt der Nachbar angewidert.
„Auch von unsere Leut“, bestätigt der Jude.
(S. 292)

1933. In einem deutschen Amtsgebäude meldet sich ein Jude mit der Bitte, seinen Namen ändern zu dürfen. Der Beamte: „Im allgemeinen lassen wir uns auf Namensänderungen nicht ein. Aber Sie werden wohl starke Gründe haben. Wie heißen Sie denn?“
„Adolf Stinkfuß.“
„Ja – da muß man schon Verständnis haben. Wie möchten Sie heißen?“
„Moritz Stinkfuß.“
(S. 324)

Weiteres Material zu diesem Buch und natürlich auch Witze findet man unter: Was ist Jüdischer Witz?

Polnisch-jüdisches Sprichwort:
Wenn man arbeitet, hat man keine Zeit, Geld zu verdienen. (S. 201)

Schön ist auch dieser Witz, der den Talmud, eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums, zu erklären versucht:

„Joine, du warst doch auf der Jeschiwe (Talmudhochschule). Kannst du mir erklären, was das ist: Talmud?“
„Ich will es dir an einem Beispiel erklären, Schmul. Ich will dir stellen eine talmudische Kasche (Frage, Problem): Zweie fallen durch den Schlot. Einer verschmiert sich mit Ruß, der andere bleibt sauber … welcher wird sich waschen?“
„Der Schmutzige natürlich!“
„Falsch! Der Schmutzige sieht den reinen – also denkt er, er ist auch sauber. Der Reine aber sieht den beschmierten und denkt, es ist auch beschmiert; also wird er sich waschen. – Ich will dir stellen eine zweite Kasche. Die beiden fallen noch einmal durch den Schlot – wer wird sich waschen?“
„Na, ich weiß jetzt schon: der Saubere.“
„Falsch. Der Saubere hat beim waschen gemerkt, daß er sauber war; der Schmutzige dagegen hat begriffen, weshalb der Saubere sich gewaschen hat – und also wäscht sich jetzt der Richtige. – Ich stelle dir die dritte Kasche: Die beiden fallen ein drittes Mal durch den Schlot. Wer wird sich waschen?“
„Von jetzt an natürlich immer der Schmutzige.“
„Wieder falsch! Hast du je erlebt, daß zwei Männer durch den gleichen Schlot fallen – und einer ist sauber und der andere schmutzig?! Siehst du: das ist Talmud.“
(S.98f.)

Vor dem Holocaust gab es etwa 12 Millionen Menschen, die meisten davon in Osteuropa, die eine Sprache sprachen, die heutzutage neben älteren Menschen aller jüdischen Glaubensrichtungen vor allem chassidische Juden als Umgangssprache sprechen: Jiddisch, eine westgermanische Sprache, die aus dem Mittelhochdeutschen hervorging und dabei semitischen und slawischen Elemente benutzt. Über das Jiddische sind viele hebräische Wörter und Begriffe in die deutsche Sprache geflossen, die auch noch heute verwendet werden. Die jiddisch sprechenden Juden nennen diese Sprache Mame-Loschen (wörtlich Muttersprache, Laschón hebräisch = Sprache).

Einige ‚Neuinterpretationen’ jiddischer Begriffe finden sich ebenfalls in diesem Buch – Aus dem Jiddischen Lexikon:

Chuzpe (Impertinenz) = Lehrling
Dajes oder Daages (Sorgen) = Bilanz
Mischpoche (Familie, Klan) = beleidigt
Mizwe (religiöses Gebot, Wohltat) = eheliche Pflicht
Nadan (Mitgift) = die Hälfte
Stuß (Unsinn, Quatsch) = Liebe
Tinnef (Dreck) = Hochzeitsgeschenk
Toches (der Allerwerteste) = zweites Gesicht

Usw. (S. 255f.)

Es ist nun schon zwei Jahre her, da hatte ich an dieser Stelle eine 25-teilige Kolumne „Der Witzableiter“ von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, wiedergegeben und beendet. Wer möchte, findet hierzu den Anfang bzw. das Ende der Kolumne und kann sich – je nachdem – von vorn nach hinten oder von hinten nach vorn durchhangeln (das ist kein Witz):

Der Witzableiter (1): Totaler Blödsinn – ein Rückfall
Der Witzableiter (25): Abschied vom Witz, mit Humor

Knapper Sieg für Rot/Grün in Niedersachsen

Auch wenn es am Ende ganz knapp war, SPD und Grüne lösen mit einem Mandat mehr im niedersächsischen Landtag die bisherige schwarze-gelbe Regierung von David McAllister ab. Nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis hat Rot-Grün 12409 Wählerstimmen mehr als CDU/FDP erhalten.

Dabei war nach Bekanntwerden der ersten Hochrechnungen die Freude bei der FDP groß. Mit am Ende 9,9 % erzielte sie ihr bisher bestes Ergebnis in Niedersachsen. Dass dieses Ergebnis nicht Lohn guter Politik ist, sondern allein durch Leihstimmen aus Reihen der CDU zustande kam, scheint die FDP nicht zu stören. Genützt hat diese bedenkliche Leihstimmenkampagne trotzdem nichts (bedenklich, weil hier eindeutig die gesetzlich festgelegte 5 %-Klausel hintergangen wurde – ob diese Sperrklausel noch zeitgemäß ist, ist ein anderes Thema). Frau Merkel wird es sich überlegen müssen, ob sie im Herbst bei der Bundestagswahl ebenfalls den Liberalen Leihstimmen zukommen lässt. Das gute Ergebnis der FDP täuscht nur darüber hinweg, dass Rösler, Westerwelle, Brüderle und Co. bisher nur überleben, weil sie am Tropf der CDU hängen. Todgeweihte leben leider oft länger, als man glaubt; die FDP hat aber trotzdem ausgedient.

Nach den ersten Hochrechnungen, die zeigten, dass die FDP deutlich über 5 % liegt, ging ich davon aus, dass McAllister trotz der sich abzeichnenden Patt-Situation auch weiterhin die Regierung stellen wird, da mit zusätzlichen Überhangmandaten für die CDU zu rechnen war. Um so erstaunter war dann doch über den, wenn auch knappen Wahlsieg von SPD und Grüne. Interessant ist dabei, dass die CDU ihre 54 Sitze allein aus Direktmandaten (Erststimme) bezieht. Da Uwe Schünemann, noch amtierender Innenminister der CDU, seinen Wahlkreis Holzminden (Wahlkreis 20) an die SPD-Kandidatin Sabine Tippelt verlor, so wird er nicht im neuen Landtag vertreten sein.

Vorläufiges amtliches Ergebnis der Landtagswahl am 20.01.2013

Der Wahlkreis 52 Buchholz, zu dem auch Tostedt gehört, hat wie bereits 2008 natürlich wieder einmal rustikal schwarz gewählt: Herr Heiner Schönecke wird sich weiterhin bei Einweihungen, Grundsteinlegungen und Bürgermeistergeburtstagen in und um Buchholz und Tostedt satt essen und trinken dürfen. Hätten Grüne, Linke und Piraten auf Direktkandidaten verzichtet und stattdessen den SPD-Kandidaten wählen lassen, der ‚bewegende Heiner’ wäre erstmals in Bedrängnis gekommen.

Landtagswahl Niedersachsen 2013: Wahlkreis 52 Buchholz

Ergebnisse: Wahlkreis 52 Buchholz (Buchholz, Hollenstedt, Jesteburg, Tostedt)
ErststimmenZweitstimmen

Landtagswahlen in Niedersachsen 2013

Morgen ist es soweit: In Niedersachsen finden die Wahlen zum 17. Niedersächsischen Landtag statt. Kann man den neuesten Umfragen trauen, dann läuft alles auf ein Patt zwischen Rot-Grün und Schwarz-Gelb hinaus: Ein Wahlkrimi wird es allemal.

Für mich hat Herr Rösler und die FDP in Niedersachsen ausgedient. Ich denke, dass der FDP selbst Leihstimmen aus dem CDU-Lager nicht genügen werden, um in den Landtag einzuziehen. Auch die Linke und die Piratenpartei dürften es nicht schaffen. Dann wäre der Weg allerdings frei für die Ablösung der bisherigen Landesregierung unter David McAllister durch eine rot-grüne Koalition unter dem bisherigen hannoverschen Bürgermeister Stephan Weil. Alles hängt also am Ende von der FDP ab. Schlimm genug …

Ich selbst wähle im Wahlkreis 52 Buchholz. Hier ist wie bisher zu befürchten, dass Herr Heiner Schönecke, CDU, das Rennen um das Direktmandat macht. Für die SPD tritt bei uns Udo Heitmann an, der mir bisher unbekannt geblieben ist. Aus der Ferne bekannt ist mir nur Gerret Bachmann von den Piraten, mit dem ich mich gelegentlich über Twitter austausche.

... dann doch lieber die Piraten!

Für Spannung ist also gesorgt. Mit der Niedersachsenwahl dürften sicherlich auch die Weichen für die im Herbst stattfindende Bundestagswahl gestellt werden.

siehe auch: Niedersächsische Landeswahlleiterin

Requiem für vier Verstorbene

Letzte Woche Donnerstag besuchte ich die Gräber meiner Eltern in Bremen auf dem Waller Friedhof (Eine Kerze für Opa Hermann und Eine Kerze für Oma Maria). An diesem Sonntag nämlich jährt sich bereits der Todestag meiner Mutter zum 2. Mal. Es war ungemütlich an dem Tag, da feucht und kalt.

Nun erfuhr ich, dass genau an diesem Tag, den 10. Januar 2013, Claude Nobs, der Mitbegründer und Spiritus rector des Montreux Jazz Festivals, im Alter von 76 Jahren verstorben ist. Nobs war während einer Langlauf-Tour am Heiligabend gestürzt. Er musste im Universitätskrankenhaus in Lausanne operiert werden. Dabei fiel er ins Koma.

Claude Nobs holte all die Größen der Musik, ob aus Jazz, Rock, Pop oder Klassik in die kleine Stadt Montreux am Genfersee. So war auch Ian Anderson mit seiner Gruppe Jethro Tull öfter beim Montreux Jazz Festival vertreten, 1970 zum ersten Mal, dann 2003 und zuletzt im letzten Jahr:


Jethro Tull’s Ian Anderson & Claude Nobs, Montreux Jazz Festival 2012
(3D-Version des Videos)

Jethro Tull-Fans werden Claude Nobs außerdem durch seine Ansage am Anfang des Bursting Out-Livealbums kennen: «…herzlich willkommen in Festhalle Bern!»:


Claude Nobs‘ Introduction to Jethro Tull

Ian Anderson mit Claude Nobs & Keith Richard und Ron Wood von den Stones
Ian Anderson mit Claude Nobs & Keith Richard und Ron Wood von den Stones


Jethro Tull: Requiem (‘Minstrel in the Gallery’)

Einen Tag vor dem Unfall von Claude Nobs verstarb Margret Schall im Alter von 71 Jahren. Frau Schall war jahrelang Lehrerin an der Grundschule in Tostedt. Bereits meine Frau hatte sie als Lehrerin. Dann war sie Klassenlehrerin meines älteren Sohnes. Frau Schall war mit Herz und Seele Pädagogin. Die Kinder mochten sie, dann sie war eher zurückhaltend, hatte aber eine natürliche Autorität und konnte die Kinder für vieles begeistern. Eine Trauerfeier fand bereits am 3. Januar 2013 in der Friedhofskapelle Tostedt statt.

    Todesanzeige: Margret Schall, Tostedt

Ted

Ted ist eine US-amerikanische Filmkomödie aus dem Jahr 2012. Regisseur und Drehbuchautor des Films ist Seth MacFarlane. In den Hauptrollen spielen Mark Wahlberg und Mila Kunis.

    Ted – der Film

Als kleiner Junge wünscht sich John (Mark Wahlberg) nichts so sehr, wie, dass sein Teddy-Bär und bester Freund lebendig wird. Und auf magische Art und Weise passiert das dann auch. Doch im Laufe der Jahre stellt sich Ted (Stimme im Original: Seth MacFarlane) zwar als guter Freund heraus, aber auch als Stolperstein für John auf dem Weg erwachsen zu werden. Das wird besonders dann deutlich, als John seiner Freundin Lori (Mila Kunis) einen Heiratsantrag macht, diese aber nicht sicher ist, ob eine so feste Bindung mit Ted in der Wohnung möglich ist. Zumal dieser mit seinen Drogen-, Alkohol- und Sexeskapaden nicht unbedingt den besten Einfluss auf John zu haben scheint. Wird John seinen besten Freund für die Frau, die er liebt auf die Straße setzen? Und wird Ted vielleicht auch endlich mal erwachsen?

aus: filmstarts.de


Ted – der Film

Die Grundidee zu diesem Film ist ohne Zweifel originell. Und wer das Filmplakat betrachtet, ahnt, was auf ihn zukommt. Meine Frau als Teddybärenfan wollte den Film natürlich auch sehen. Wir warnten sie vor zu zotigen Sprüchen. Nun Ted, der lebendig gewordene Teddy, äußerst sich schon ziemlich ordinär und obszön – aber auf durchaus sympathische Weise, sodass selbst meine Frau am Ende eher ‚enttäuscht’ war. Oder anders gesagt: Das Thema ist irgendwie nicht voll ausgeschöpft worden. Und am Ende ist es wieder ein ziemlich typisch amerikanischer Film – mit Happy End und Tralala.

Joseph Caldwell: Das Schwein war’s

Bis gestern hatte ich noch Resturlaub aus dem alten Jahr und habe einige Bücher gelesen und abends Filme geguckt, die bisher ‚liegen’ geblieben waren. Dazu im Einzelnen später mehr. Zu Weihnachten bekam ich von meiner Frau u.a. einen Kriminalroman, der wohl ziemlich erfolgreich in Deutschland ist. Dieser spielt in Irland, obwohl er von einem US-amerikanischen Autoren ist: Joseph Caldwell: Das Schwein war’s (Aufbau taschenbuch 2627 – Aufbau Verlag, Berlin) – 2. Auflage 2010 – Originalausgabe: The Pig Did It (2008)). Es ist eigentlich mehr eine Liebesgeschichte, allerdings eine sehr verwickelte, und erinnert mich einwenig an Kriminalkomödien wie Kopf über Wasser oder den Hitchcock-Klassiker Immer Ärger mit Harry, denn es geht um einen Toten, der offensichtlich ermordet wurde. Die Frage ist nur: Von wem? Als Täter kommen drei Personen in Frage. Aber eines nach dem anderen … Übrigens: Das Schwein war es nicht; es hat lediglich den Toten ausgebuddelt.

„Eine stürmische Nacht an Irlands Steilküste: Eine Leiche, zwei Lieben und drei Tatverdächtige. Und mittendrin: Ein Schwein mit detektivischem Spürsinn.“
(aus dem Klappentext)

„Caldwell erzählt absurde Begebenheiten in einer leichten und humorvollen Sprache und überrascht mit einem Ende, das der Leser so nicht erwartet.“ (Publisher Weekly)

Joseph Caldwell: Das Schwein war’s

Aaron McCloud, ein Literaturprofessor aus New York leidet an Liebeskummer, denn eine Studentin, Phila Rambeaux, hat ihn abblitzen lassen. So reist er zu einer irischen Verwandten, seiner Tante Kitty McCloud, die in der Grafschaft Kerry in Irland beheimatet ist. Diese ist allerdings gerade einmal zwei Jahre älter als er.


Perry Street Greenwich Village/NY – Wohnanschrift von Aaron McCloud

Schon bei der Ankunft in Irland läuft Aaron McCloud ein Schwein über den Weg und erweist sich als äußerst anhänglich. Dieses gräbt, wie bereits erwähnt, im Garten der Tante die eine bereits zum Skelett verkommene Leiche des Dachdeckers Declan Tovey aus. Nun hatte dieser Declan Tovey offensichtlich früher einmal ein Verhältnis mit der Tante.

Da gibt es dann als weitere Hauptpersonen noch die Schweinezüchterin Lolly McKeever und Kieran Sweeney, der, obwohl die McClouds und die Sweeneys ein uralter Familienstreit trennt, in die Tante verliebt ist.

Am Ende haben sowohl die Tante als auch Schweinezüchterin und Kieran Sweeney Motive für die Ermordung. Und es kommt, wie es kommen muss: Alle drei bezichtigen sich selbst des Mordes. Aber es kann dann doch nur einer gewesen sein. Aber nur wer? Übrigens: Daran, die Polizei zu rufen, denkt keiner, außer Aaron McCloud, den man aber sehr schnell aufzuklären versteht:

„Gewiss würde sie die Herangehensweise der Iren begründen als von den Jesuiten ererbt und damit den unwiderlegbaren Beweis erbringen, dass bei Verbrechen der vorliegenden Art nicht die übliche Verfahrensweise in Betracht käme, dass die Beurteilung der Dinge nicht auf den Korridoren der Staatsgewalt, sondern mehr auf dem Gang im eigenen Haus erfolgen müsse. Es sei der heimische Herd und nicht der Gerichtssaal, wo man die Wahrheit zutage fördert, so wie auch Beweise nicht in dem grellen Schein von Neonleuchten im Labor erbracht werden, sondern eher im flackernden Licht des Kaminfeuers, wo die Schatten gleichermaßen über die Gesichter der Gerechten und der Schuldigen huschten. Wahrheit wäre höher zu bewerten als Rache, denn die Wahrheit als solche wäre die höchste Form von Strafe. Könne man sich eine größere Strafe vorstellen, als das die Wahrheit bekannt würde und alle Taten eines Menschen vor dem Auge des Klägers offengelegt werden? Ohne Gefängnismauern und folglich ungeschützt, ständig dem allwissenden Blick der bohrenden Wahrheit ausgesetzt, würde der Schuldige geistige und seelische Qualen erleiden, egal, wie er damit umgeht, ob er sich schaudernd verkriecht oder eine arrogante Gleichgültigkeit zur Schau trägt.“ (S. 93)

Nun der Roman beginnt etwas schleppend mit einer Schweinejagd von über zehn Buchseiten. Dann nimmt die Geschichte aber bald ihren Lauf und entwickelt sich zu einem sehr amüsanten, durchaus irisch geprägten Roman eben über Liebe, Leute und Landschaft – und reichlich Whiskey (den mit dem e) und Guinness fließen dann auch, sodass Aaron McCloud wohl schon Gespenster sieht, oder nicht?

„Aaron begriff, weshalb der Mann lächelte. Er lächelte, weil ihm seine Wiederkehr gelungen war. Er lächelte, weil er wusste, dass sein Schicksal und das Schicksal von Lolly McKeever für alle Ewigkeit miteinander verbunden waren. Keine Beziehung zueinander konnte inniger sein als ihre: die des Ermordeten zur Mörderin. Keine Leidenschaft konnte feuriger sein als die in den selbstvergessenen Momenten ihrer Verbindung: keine Liebe konnte sich messen mit der Intensität ihres Ineinanderverschmelzens.“ (S. 126 f.)

Natürlich ist diese Art von Kriminalroman Geschmackssache (siehe u.a. die eher kritische Rezension auf belletristiktipps.de). Stilistisch ist der Roman aber durchaus ausgefeilt, manchmal etwas langatmig, aber das liegt eher an dem irischen Element, denn die Iren schwelgen gern wortgewaltig in ihrem Redefluss – und wenn ein Tröpfchen guter alter Whiskey mit hineinspielt, dann wird’s oft ausschweifend. Übrigens hat dieser Roman noch zwei Fortsetzungen. Mir hat die Schweine-Geschichte auf jeden Fall ganz gut gefallen …


Joseph Caldwell Profile (englisch)

Neonazi-Laden in Tostedt schließt zum Monatsende

Man mag es kaum glauben, aber Stefan Silar wird mit Ende dieses Monats seinen Neonazi-Laden in Tostedt schließen. Er habe den Mietvertrag aus freien Stücken gekündigt, der Online-Handel gehe nur solange weiter, bis er seine Restbestände los geworden ist. Es brauche auch niemand Angst haben, dass er woanders ein neues Geschäft eröffne, so Silar.

Ist Silar auf dem Weg vom Saulus zum Paulus, wie es die Kreiszeitung – Nordheide Elbe&Geest Wochenblatt in seiner Ausgabe vom 12. Januar 2013 verkündet?

aus: Nordheide Elbe&Geest Wochenblatt vom 12. Januar 2013

Zunächst ist die Schließung nicht ganz so freiwillig, wie Silar meint. Der Vermieter, der zuvor vergeblich versucht hatte, die Immobilie, die Silars Ladengeschäft einschließt, zu verkaufen, wird künftig die Räume als Wohnungen nutzen.

Mit Schließung des Ladens dürfte fürs erste der Treffpunkt der rechtsextremen Szene in Tostedt entfallen. Ob damit ‚das Problem’ allerdings auf lange Sicht gelöst ist, muss bezweifelt werden.

Ob nun freiwillig oder nicht – Silar zieht sich als Galionsfigur der rechten Szene in Tostedt zurück. Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Sicherlich ist ein Grund die manchmal bitter erfahrene Ausgrenzung Silars und seiner Familie in Tostedt. Natürlich ist es nicht hinzunehmen, wenn ein Kind der Familie Silar auf Betreiben anderer Eltern im Kindergarten isoliert bzw. von anderen Kindern gemieden wird, was ohne Zweifel geschehen ist. Dass man um Herrn Silar selbst einen großen Bogen macht, ist nicht verwunderlich, so lange dieser für ein Gedankengut einsteht, das nicht akzeptabel ist.

Ob nun Herr Silar vielleicht ein in die rechtsextremistische Szene tätiger V-Mann ist, wie ich einmal an anderer Stelle spekuliert habe (Kleinkrieg in Tostedt?), und der jetzt ‚zurück gepfiffen’ wird, erscheint unwahrscheinlich, denn dann hätte er mehr Schaden in Tostedt angerichtet als Nutzen bewirkt. Aber wer weiß das schon. Heute ist vieles möglich, auch das schier Unmögliche.

Was sind also die Gründe? Dazu müsste sich Stefan Silar schon selbst äußern. Von Einsicht oder gar Reue sehe ich bis heute nichts.

Im Zusammenhang mit der Berichterstattung zur Schließung des Neonazi-Ladens wurde ich auf eine Stellungnahme von Herrn Erwin Hilbert aufmerksam gemacht, der „zu einem liebevollen Umgang mit sogenannten ‚schwarzen Schafen’ ermuntern“ möchte. In dem Web-Artikel „LIEBE gegen RECHTS!“ Der etwas andere Umgang mit politisch Andersdenkenden! führt das Erwin Hilbert näher aus.

Nun Erwin Hilbert scheint Herrn Silar sehr gut zu kennen. Ob Stefan Silar und seine Familie die „wunderbaren und wertvollen Menschen“ sind, wie Hilbert behauptet, vermag ich nicht zu beurteilen. Seine Taten sprechen da doch eindeutig gegen ihn. Natürlich gestehe ich ihm zu, sich zu wandeln. Und sicherlich sollte er darin die Unterstützung finden, die man allen ‚Gestrauchelten’ angedeihen lässt. Also nichts gegen christliche Nächstenliebe. Nur fürchte ich, dass Herr Hilbert da einiges zu blauäugig sieht, um es gelinge auszudrücken. Meine Frau hat Herrn Hilbert in seinem Atelier „Hinterm Diekhof!“ in Tostedt kennengelernt und war doch etwas verwundert über ihn. Vielleicht muss man ‚etwas abgedreht’ sein, um Verständnis für Menschen wie Silar entstehen zu lassen. Wahrscheinlich fehlt mir das als ‚Gutbürger’, wie Herr Hilbert etwas kritischer denkende Menschen zu nennen pflegt. Gutbürger = Gutmensch, ein Terminus, den übrigens die rechte Szene gern verhöhnend verwendet.

Stefan Silar, dass sollte doch betont werden, ist kein unbedarfter Mitläufer der Neonazis. Er hat sich aufgeschwungen zu einer regionalen Größe, hat sich als Obernazi feiern und bestaunen lassen – und hat im übrigen durch seinen Laden nicht schlecht daran verdient, ein Neonazi zu sein. Wer ein Gedankengut propagiert, das Menschenverachtung beinhaltet, es tut mir Leid, Herr Hilbert, kann für mich kein wunderbarer Mensch sein. Aber vielleicht steckt in Herrn Silar doch noch einiges Gutes, dass endlich seinen Weg nach Außen zu bahnen sucht. Herr Hilbert, helfen Sie Herrn Silar dabei. Vielleicht zeigt sich Herr Silar eines Tages auch mir und den Bürgern Tostedts als der wertvolle Mensch, den Sie bereits heute in ihm sehen.

Noch eines am Schluss: Ich möchte mich zu einem Kommentar eines M[ichael] Grau in diesem Zusammenhang äußern, den ich so nicht stehen lassen kann: „Auch ist es einfach gegen etwas zu demonstrieren was andere vorgeben.“ Gemeint sind die über 1000 Tostedter Bürger, die im Februar 2012 gegen rechte Gewalt demonstriert hatten. Ich glaube kaum, dass man vielen von denen ‚etwas vorgeben’ muss, um gegen den rechten Spuk auf die Straße zu gehen. Es ist eine Verunglimpfung, die Sie da betreiben, M. Grau, die leider den Gepflogenheiten rechter Kreise sehr ähneln. Eher sind es die Rechten selbst, den von Leute wie Silar und z.B. auch Sebastian Stöber ihre Vorgaben erhalten (haben) und sich als blinde Mitläufer zeigen. Mich mit solchen Leuten verglichen zu sehen, ist dann doch ein sehr starkes Stück.

Grün-weißer Maulwurf

Dieser Maulwurf, aus Ton gebrannt, steht lange schon in unserem Garten und ist ‚in die Jahre’ gekommen. Der Lack ist ab (im wahrsten Sinne des Wortes), die schwarze Farbe abgeblättert – er hat längst Moos angesetzt. Und heute ist er durch einwenig Schnee weiß gesprenkelt. Aber er hält immer noch die Arme hinter dem Kopf verschränkt (wie sollte er auch anders) und blickt in die Welt, als würde er sagen: Was soll’s – jeder wird einmal alt!

Grün-weißer Maulwurf in AlbinZ Garten (Januar 2013)

Nun, der Winter ist zurückgekehrt. Wenig Schnee nur, aber Dauertemperaturen unter null Grad. Dazu auch wieder die Sonne, die sich lang genug verborgen hielt. Da schaut man doch gleich anders in die Welt hinaus – ähnlich dem Maulwurf in unserem Garten: So lässt es sich leben …!