Die Kriminalromane von Friedrich Glauser (1896-1938) haben es mir angetan. Seine sämtlichen Krimis habe ich in 1.Auflage Januar 2009 aus dem Verlag Zweitausendeins, Frankfurt mit 1100 Seiten in letzter Zeit erneut gelesen. Im Mittelpunkt steht der Fahnderwachtmeister von der Berner Kantonspolizei Jakob Studer, genannt ‚Köbu‘, samt Ehefrau Hedwig. Studer hatte sich vor Jahren mit den Oberen der Schweiz angelegt und wurde daraufhin degradiert und nach Bern versetzt. Hier und im Umfeld erleben wir seine, wie es Studer nennt, ‚verkachelten‘ Geschichten.
Mir sind 5 Verfilmungen bekannt, die vom SRF (Schweizer Fernsehen) in Bärndütsch (Berndeutsch -> Hochalemannisch) mit hochdeutschen Untertiteln und von 3SAT in Hochdeutsch ausgestrahlt wurden: Wachtmeister Studer (Mord in Gerzenstein) 1939 / Matto regiert 2x 1946 und 1980 / Der Chinese 1978 / Krock & Co. 1976. Leider sind die Filme nicht verfügbar.
Friedrich Glauser: Wachtmeister Studer – Filme in aller Gemächlichkeit
(1) Vorspann: Krock & Co. (OMU 1976) – (2) Vorspann: Der Chinese (OMU 1978) – (3) Vorspann: Matto regiert (OMU 1980) – (4) Abspann: Matto regiert (OMU 1980)
Friedrich Glauser gilt als Begründer des modernen deutschsprachigen Kriminalromans. Seine Reihe um den behäbigen, aber intuitiven Wachtmeister Studer umfasst fünf vollendete Romane, die zwischen 1936 und 1941 veröffentlicht wurden.
Friedrich Glauser (1896–1938) führte ein rastloses Leben, das oft als „Biographie der Katastrophen“ bezeichnet wird. Seine persönlichen Erfahrungen mit Sucht, Psychiatrie und Flucht spiegeln sich tief in seinem Werk wider.

Friedrich Glauser
Eckdaten und Lebensstationen
• Herkunft: Geboren am 4. Februar 1896 in Wien als Sohn eines Schweizers.
• Unruhige Jugend: Früher Tod der Mutter, schwieriges Verhältnis zum Vater und häufige Schulwechsel. Er wurde bereits in jungen Jahren wegen „lasterhaften Lebenswandels“ entmündigt.
• Sucht und Psychiatrie: Glauser litt zeit seines Lebens unter einer schweren Morphium- und Opiumsucht. Dies führte zu zahlreichen Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken (u.a. in der Anstalt Waldau), was er später in seinem Roman ‚Matto regiert‘ verarbeitete.
• Fremdenlegion: Von 1921 bis 1923 diente er in der französischen Fremdenlegion in Nordafrika – eine prägende Zeit, die er in dem Roman ‚Gourrama‘ und den Legionserzählungen literarisch festhielt.
• Literarischer Durchbruch: Erst in seinen letzten Lebensjahren gelang ihm mit der Figur des Wachtmeister Studer (ab 1936) der Erfolg als Schriftsteller.
• Tod: Er starb am 8. Dezember 1938 mit nur 42 Jahren in Nervi bei Genua, am Vorabend seiner geplanten Hochzeit mit Berthe Bendel.
Heute wird Glauser als Wegbereiter des modernen Kriminalromans im deutschsprachigen Raum gefeiert. Zu seinem Gedenken wird jährlich der Friedrich-Glauser-Preis verliehen, eine der bedeutendsten Auszeichnungen für deutschsprachige Krimiautoren.
Die fünf abgeschlossenen Romane
1. Wachtmeister Studer (auch: Schlumpf Erwin Mord, 1936): Der Auftaktfall führt Studer in das Dorf Gerzenstein, wo er einen vermeintlichen Selbstmord als Mord entlarvt und sich gegen die lokale Justiz stellt.
2. Die Fieberkurve (1938): Dieser autobiografisch geprägte Fall führt den Ermittler bis nach Nordafrika zur Fremdenlegion, in der Glauser selbst gedient hatte.
3. Matto regiert (1936): Studer ermittelt in einer psychiatrischen Heilanstalt. Der Roman thematisiert Glausers eigene Erfahrungen mit Internierungen und kritisiert die damalige Psychiatrie.
4. Der Chinese (1939): In einer Armenanstalt und einer Gartenbauschule sucht Studer nach der Wahrheit hinter einem rätselhaften Todesfall. Glauser schrieb das Manuskript nach einem Diebstahl in Rekordzeit neu.
5. Krock & Co. (auch: Die Speiche, 1941): Während einer Hochzeitsreise gerät Studer in einen Kriminalfall im ländlichen Umfeld, der posthum veröffentlicht wurde.
Besonderheiten der Figur
Studer ist kein klassischer „Super-Detektiv“. Seine Stärken sind:
• Menschlichkeit: Er zeigt tiefes Mitgefühl für Randfiguren und die „kleinen Leute“.
• Intuition: Er verlässt sich eher auf sein Gefühl und seine Beobachtungsgabe als auf rein analytische Methoden.
• Atmosphäre: Die Krimis leben von ihrer dichten, oft düsteren Stimmung und präzisen Milieustudien.
Neben den Romanen gibt es noch mehrere Erzählungen und Romanfragmente wie ‚Knarrende Schuhe‘ oder ‚Der alte Zauberer‘.
Die Kriminalromane von Friedrich Glauser sind im Hochdeutschen geschrieben, enthalten aber starke Einflüsse und Passagen in Bärndütsch (Berndeutsch -> Hochalemannisch) in den Dialogen und der Atmosphäre. Hier nur zwei Beispiele: … nüd apartigs … (nichts Besonderes) – Vhabis = Kohl (Blödsinn). Es gibt hierzu eine Website mit einem Wörterbuch, das berndeutsche Begriffe ins Hochdeutsche übersetzt und mir bei Lesen sehr geholfen hat: berndeutsch.ch
Sprachliche Besonderheiten
• Hochdeutsche Erzählung: Der Haupttext und die erzählenden Passagen sind in standardisiertem Hochdeutsch gehalten, sodass die Romane im gesamten deutschsprachigen Raum lesbar sind.
• Berndeutsche Dialoge: Ein wesentliches Merkmal der Romane ist die Verwendung von Schweizerdeutsch in den direkten Reden der Charaktere. Wachtmeister Studer selbst spricht ebenfalls diesen Dialekt. Dies verleiht den Romanen Authentizität und Tiefe und hilft, das spezifische Schweizer Milieu einzufangen.
• Polyglotte Elemente: Die Romane spiegeln die sprachliche Vielfalt der Schweiz wider, indem sie neben Deutsch auch gelegentliche französische oder italienische Ausdrücke einbinden, was eine komödiantische Ebene hinzufügen kann.
Auswirkungen auf das Leseerlebnis
Für Leser ohne Schweizerdeutsch-Kenntnisse kann das Verständnis einiger Dialoge eine Herausforderung darstellen, da sie oft nicht direkt übersetzt werden. Jedoch trägt gerade diese sprachliche Eigenheit maßgeblich zur Atmosphäre und Glaubwürdigkeit der Geschichten bei. Die Sprache Studers hilft ihm auch, eine Verbindung zu den „einfachen Leuten“ und Verdächtigen aufzubauen, da er im gleichen Zungenschlag spricht wie sie.
