- „Diese Regeln, die Zeichensprache und Grammatik des Spieles, stellen eine Art von hochentwickelter Geheimsprache dar, an welcher mehrere Wissenschaften und Künste, namentlich aber die Mathematik und die Musik (beziehungsweise Musikwissenschaft) teilhaben und welche die Inhalte und Ergebnisse nahezu aller Wissenschaften auszudrücken und zueinander in Beziehung zu setzen imstande ist. Das Glasperlenspiel ist also ein Spiel mit sämtlichen Inhalten und Werten unsrer Kultur […] Was die Menschheit an Erkenntnissen, hohen Gedanken und Kunstwerken in ihren schöpferischen Zeitaltern hervorgebracht, was die nachfolgenden Perioden gelehrter Betrachtung auf Begriffe gebracht und zum intellektuellen Besitz gemacht haben, dieses ganze ungeheure Material von geistigen Werten wird vom Glasperlenspieler so gespielt wie eine Orgel vom Organisten …“
- Das Glasperlenspiel – Versuch einer Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht samt Knechts hinterlassenen Schriften herausgegeben von Hermann Hesse – Den Morgenlandfahrern
(suhrkamp taschenbuch 79 – Achte Auflage 141.-160. Tausend 1976 – Copyright 1943)
Hermann Hesse gehört zu den Schriftstellern, die mein Leben beeinflusst haben. Vor einigen Jahren schrieb ich das Folgende:
Hermann Hesse widmete sich in seinem Tun und literarischem Schaffen dem Individuum. Seine Romane, Erzählungen und Gedichte haben immer wieder die Selbstverwirklichung, die Selbstwerdung, die Autoreflexion des einzelnen zum Thema. Im Glasperlenspiel nun findet das individuelle Leben in einer überpersönlichen Gemeinschaft seine Einordnung. Obwohl es hier um eine streng hierarchisch geordnete Gesellschaft geht, so ist diese zutiefst human und lässt dem Einzelnen die Wahlmöglichkeit.
In diesen Tagen habe ich den Roman erneut gelesen und konnte nicht umhin, eine gewisse Enttäuschung zu erfahren. Der Roman beschreibt eine reine Männerwelt, in der Frauen nur am Rande vorkommen. Hier eine kleine Analyse, die am Ende zeigt, dass selbst Hesse die fiktive Gelehrtenprovinz namens Kastalien als steril und einseitig empfand.

Hermann Hesse
In Hermann Hesses 1943 erschienenem Zukunftsroman ‚Das Glasperlenspiel‘ ist die Abwesenheit des Weiblichen ein konstitutives Element der dargestellten Gesellschaftsordnung. Der Roman spielt in der fiktiven Provinz Kastalien, einem rein männlichen Gelehrtenorden des 23. Jahrhunderts, der sich der Pflege des Geistes und dem abstrakten „Glasperlenspiel“ widmet.
Ein fiktives Gespräch zwischen Franz Kafka (1883-1924), Hermann Hesse (1877-1962) und Martin Walser (1927-2023)
Audio: Hermann Hesse liest aus seinem Gedicht: Stufen (1949)
Hier sind die zentralen Aspekte der Inhaltsangabe unter dem Fokus dieser Männerwelt:
1. Kastalien als Refugium des patriarchalen Geistes
Die Handlung folgt der Vita von Josef Knecht, der innerhalb der kastalischen Hierarchie vom begabten Schüler zum Magister Ludi (Meister des Spiels) aufsteigt. Kastalien ist als pädagogische Provinz konzipiert, die bewusst klösterliche Züge trägt. Frauen haben in diesem System keinen Platz; die Gemeinschaft basiert auf Zölibat, Askese und der strikten Trennung von der „profanen“ Außenwelt.
2. Die Frau als Symbol der „niederen“ Welt
Frauen erscheinen im Roman fast ausschließlich jenseits der kastalischen Grenzen. Sie werden mit der „Welt“ assoziiert – einem Bereich, der für die Gelehrten als Ort der Triebhaftigkeit, der biologischen Fortpflanzung, des Krieges und der Vergänglichkeit gilt.
• Maria Feremonte: Als eine der wenigen namentlich genannten Frauen verkörpert die Ehefrau von Knechts Gegenpart Plinio Designori das häusliche, weltliche Leben. Sie bleibt jedoch eine Randfigur ohne intellektuelle Teilhabe am kastalischen Diskurs.
3. Homoerotische Subtexte und männliche Mentorenschaft
Die emotionalen Bindungen im Roman finden ausschließlich zwischen Männern statt. Die Entwicklung Josef Knechts wird durch die Beziehung zu verschiedenen Vaterfiguren und Mentoren geprägt:
• Der Musikmeister, der Knecht als Kind entdeckt und ihn spirituell leitet.
• Der Ältere Bruder im Bambushain, bei dem Knecht die chinesische Weisheit studiert.
• Pater Jacobus, der Knecht die Bedeutung der Geschichte lehrt.
Diese rein männliche Kette der Wissensweitergabe betont das Ideal einer geistigen Zeugung, die ohne Frauen auskommt.
4. Der Ausbruch: Rückkehr zur Natur und das tragische Ende
Knechts wachsendes Unbehagen an der Sterilität Kastaliens führt schließlich zu seinem Austritt aus dem Orden. Er erkennt, dass ein Geist ohne Bezug zur Realität (und damit zum „Weiblichen“, Mütterlichen und Naturgegebenen) leblos bleibt.
• Sein Versuch, als Hauslehrer für Designoris Sohn Tito in die Welt zurückzukehren, scheitert jedoch tragisch.
• In einer symbolträchtigen Szene ertrinkt Knecht in einem Bergsee. Dies kann als die letztlich missglückte Vereinigung des kastalischen Geistes mit der elementaren, oft weiblich konnotierten Natur gedeutet werden.
Fazit
In Das Glasperlenspiel ist die Männerwelt ein Synonym für die reine Abstraktion. Hesse zeichnet Kastalien als eine Utopie des Geistes, die jedoch an ihrer eigenen Einseitigkeit krankt. Das Fehlen von Frauen ist nicht bloßes Zeitkolorit, sondern markiert die Unvollständigkeit einer rein rationalen Existenz, die den Bezug zum Leben, zur Emotion und zur Erneuerung verliert.
