Typisch deutsch: Gemütlichkeit

Es gibt Wörter in der deutschen Sprache, in denen klingt ein Lebensgefühl an, das man als typisch deutsch bezeichnen muss. Diese lassen sich kaum angemessen in andere Sprachen übersetzen. Das Wort „Gemütlichkeit“ ist dabei das deutsche Wort schlechthin. Ein Wort, das ein ganz anderes Lebensgefühl ausdrückt als das Savoir vivre der Franzosen oder das italienische dolce vita. Im Englischen kann man den deutschen Begriff nur mit „atmosphere of comfort, peace and acceptance“ umschreiben („cozyness“ ist nur ein Teil). Schaut man im Duden nach, dann findet man Synonyme wie Behaglichkeit, Wohnlichkeit, Heimeligkeit, Traulichkeit, Trautheit, Lauschigkeit – und erkennt, wohin der Weg geht.

Wesentlicher Bestandteil des Wortes Gemütlichkeit ist das (deutsche) Gemüt. Lt. Wörterbuch der Gebrüder Grimm ist „das gemüt ursprünglich, wie der mut, unser inneres überhaupt im unterschied vom körper oder leib, daher leib und gemüt u. ä., wie leib und seele.“  Wiederum lt. Duden ist Gemüt ein Begriff, der im Unterschied zu den intellektuellen Funktionen die emotionalen Seiten des Menschen bezeichnet z. B. Stimmungen, Affekte, Gefühle, Leidenschaften. Ganz allgemein wird Gemüt mit Seele übersetzt. Sprichwörtlich kennt man welche, die ein sonniges Gemüt haben. Und wer sich etwas zu Gemüte führt, der isst – und sich einen zu Gemüte führen, heißt trinken.

Wenn es also in Deutschland gemütlich wird, so ist meist zu befürchten, dass auch reichlich Essen und Alkohol ins Spiel kommt (Sonst hört die Gemütlichkeit auf).

In Gemüt wiederum steckt das Wort Mut. Wahrscheinlich braucht man schon sehr viel Mut, wenn man sich als Nichtdeutscher in deutsche Geselligkeiten verirrt – z.B. an einen Stammtisch, neben dem urdeutschen Verein (eben ein Club mit viel Gemütlichkeit) eine „Einrichtung“, die kaum in anderen Sprachen ein Pendant finden dürfte.

Siehe hierzu swr.de: Urdeutsche Wörter

ergänzend meine Beiträge: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm GrimmYou need Zugzwang

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!

3 Gedanken zu „Typisch deutsch: Gemütlichkeit

  1. Lieber Wilfried,

    ich kann mich dem Alex nur anschließen – wirklich ein umfassender Beitrag zu allen Aspekten des deutschen Gemütslebens. Was mich allerdings verwundert hat war Deine Aussage: „wer sich etwas zu Gemüte führt, der isst“. In Zusammenhang mit Essen habe ich diesen Ausdruck noch nie gehört. Ich kenne ihn nur in der Bedeutung „sich intensiv mit Informationen oder Meinungen zu beschäfigen, insbesondere lesender Weise, um sie geistig aufzunehmen“. In diesem Sinne habe ich mir gerade Deinen Artikel zum Thema „Gemütlichkeit“ zu Gemüte geführt. Auch bei dem Ausdruck „sich Einen zu Gemüte führen“ geht es ja um die Aufnahme von geistigem Stoff, nämlich hochgeistigen Getränken… 😉

    Grüßle
    Kretakatze

  2. Hallo Alex, hallo Kretakatze,

    sicherlich hat Kretakatze Recht: ’sich etwas zu Gemüte führen‘ hat etwas mit der Aufnahme geistigen Stoffs zu tun. Das mit dem ‚essen‘ findet sich übrigens im Duden, ist dann also auch richtig.

    Gruß
    Willi

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