Frank Kafka: Der Prozess

Franz Kafka: Der Prozeß - Roman - Fischer Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.

Franz Kafka: Der Prozess

Franz Kafka hätte wohl nie gedacht, dass sein literarisches Werk eines Tages zum unbestrittenen Kanon der Weltliteratur zählen würde und bei Lesern wie Literaturwissenschaftler vielfältig und anhaltend wirken sollte. Dabei hatte er seinen Freund und Testamentvollstrecker, den Schriftsteller Max Brod, beauftragt, sein Werk im Falle seines Todes zu vernichten. Lediglich einige wenige, bereits zu Lebzeiten Kafkas erschienene kleinere Werke sollten erhalten blieben. Kafka zu Brod: „Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler“. Besonders die nachgelassenen Romane (Amerika, Der Prozess und Das Schloss) sollte Brod verbrennen. Er tat das nicht, sondern veröffentlichte diese postum – zum Leidwesen mancher Schüler, die sich immer wieder mit Kafka (ähnlich wie mit Kleist) ‚herumschlagen’ dürfen..

Zu Franz Kafka habe ich mich in diesem Blog öfter schon geäußert (Wie wäre es mit Kafka?Mythos Kafka-Mythos Camus125 Jahre Franz Kafka). Und zum Roman „Der Prozess“ (nachzulesen u.a. im Projekt Gutenberg Spiegel Online) habe ich hier erst vor einigen Tagen etwas unter einem besonderen Gesichtspunkt (Kafka, der Prozess und das Kino) verfasst. Hier möchte ich anschließen.

Wie bereits erwähnt, las ich Kafkas „Der Prozess“ (Franz Kafka – Gesammelte Werke Band 2 – herausgegeben von Max Brot – Taschenbuchausgabe in sieben Bänden – Fischer Taschenbuch Verlag – April 1976) in diesen Tagen zum 3. Mal. Die letzten beide Male liegen schon lange zurück (1977 und 1987).

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (S. 7)

So beginnt der Roman. Josef K. wird verhaftet und erlebt einen Prozess vor einem Gericht, das nicht wie andere Gerichte ist, kein Zivil- oder Strafgericht, wenn dann eher letzteres. Dann allerdings ein Strafgericht besonderer Art. Dieses Gericht steht Josef K. nämlich als eine unbekannte, anonyme Macht mit weit verzweigten, undurchdringbaren Hierarchien gegenüber und bleibt die ganze Zeit rätselhaft und nicht eindeutig erklärbar.

Der Roman endet dramatisch mit der Hinrichtung von K.:

Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. »Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. (S. 194)

Franz Kafka: Der Prozess - handschriftlicher Anfang
Quelle: franzkafka.de

So real die Bilder Kafkas in diesem Roman sind, so abstrakt ist der Hintergrund des Inhaltlichen, oder wie André Gide einmal sagte: „Der Realismus seiner Bilder übersteigt ständig die Vorstellungskraft“. Wer diesen Roman liest, findet sich in einer Alptraumwelt wieder und wird ständig vor Fragen gestellt, auf die es aus dem Buch heraus keine Antworten gibt. Was ist K.s Schuld? Was ist das für ein Gericht?

Wie die Fragen des Lesers vielfältig sind, so weitreichend sind die Interpretationen der Werke Kafkas. Die einen interpretieren den ‚Prozess’ aus religiöser Sicht als ein Werk, das von Schuld und Sühne handelt. Andere meinen, es zeige die Schwachheit des Menschen im Räderwerk anonymer Mächte auf. Politisch betrachtet wird das Werk als ein Protest gegen die Gesellschaft angesehen. Oder führt es in tiefe Gründe menschlichen Seelenlebens?

Wichtig bei der Betrachtung ist sicherlich der zeitliche Hintergrund. Während der Entstehung des Romans fand die Auflösung von Kafkas Verlobung mit Felice Bauer statt. Sowohl die Verlobung als auch die Entlobung waren für Kafka mit starken Schuldgefühlen verbunden. Außerdem brach der Erste Weltkrieg aus. Von hieraus gibt es sicherlich biografische Bezüge.

Im Grunde muss jeder seine eigene Interpretation erstellen, denn eigentlich kann man den Roman nur subjektiv betrachten, wirken lassen und entsprechend auslegen. Selbst für sich wird kaum einer zu einem eindeutigen Ergebnis kommen. Hier in Kürze meine Interpretationsansätze:

1. Das Gericht ist das Gewissen. In Alpträumen werden wir von nicht immer klar bestimmbaren Schuldgefühlen heimgesucht, die aus unserem Unterbewussten hervortreten.

2. Das Gericht verkörpert die das Leben einschneidenden, einengenden Verpflichtungen, gar Zwänge, die wir uns auferlegen, ein MUSS wie Arbeit. Auch Josef K. kommt nicht mehr seinem ‚eigentlichen’ Leben nach, weil er sich ständig nur noch um seinen Prozess kümmern muss. Kafka empfand seinen Brotberuf als Jurist im Unfall-Versicherungswesen als quälend.

3. Der Prozess im weiteren Sinne als ‚Tragikomödie des Lebens’. Dabei vermischen sich Gewissensfragen (1.) und Zwänge (2.) mit religiösen bzw. philosophischen Aspekten (Sinn des Lebens). Bis zu einem bestimmten Maße erscheint der einzelne Mensch als Opfer eines staatlichen Räderwerks. Die unterschiedlichen Gesichtspunkte werden gewissermaßen auf einer Linie zusammengefasst und anhand von Begrifflichkeiten wie Gericht und Anklage, die wie Sinnbilder dienen, dargestellt. Dabei gelingt es Kafka, der ‚Geschichte’ auch eine komische Seite abzugewinnen.

Gerade weil sich „Der Prozess“ nicht eindeutig interpretieren lässt, glaube ich, dass Kafka wie zu 3. beschrieben, ursprünglich unterschiedlichste Betrachtungsweisen auf einer Ebene kumuliert. So steht ein ‚Bild’ gleichzeitig für vieles, das Gericht für staatliche Stellen und zugleich für innere Instanzen, und bildet jeweils einen Mantel, der einerseits verhüllt, was unter ihm verborgen ist, andererseits aber auch zusammenführt, was sich eben unter einem Begriff zusammenfügen lässt.

Kafka war ein genauer Beobachter. Ihm entging keine Geste, keine Gebärde. Und er wusste Mimik und Gestik zu deuten und tat dies (daher der hohe Grad an Visualität in seinen Werken), leuchtete bis auf den Grund die menschliche Seele aus – und übersetzte das in einen ‚Code’, der nicht ohne weiteres zu knacken ist.

Das gesamte Werk von Franz Kafka

So nebenbei: Als großer Kafka-Bewunderer habe ich mir auf früheren Reisen ins Ausland, immer ein Buch Kafkas in der Übersetzung der jeweiligen Muttersprache des Landes besorgt. 1990, auf einer Rundreise in Island, fand ich eine Übersetzung des Romans „Der Prozess“ ins Isländische von Ástráður Eysteinsson und Eysteinn Þorvaldsson: Réttarhöldin – Skáldsaga (Bókaútgáfa Menningarsjóðs, 1983 – 293 Seiten). Der isländische Titel lässt sich eher mit dem deutschen Begriff ‚das Gerichtsverfahren’ bzw. ‚das Strafverfahren’ (der Artikel wird im Isländischen an das Substantiv angehängt: Réttarhöld-in) übersetzen. Und ‚ Skáldsaga’ ist der isländische Begriff für Roman (skáld = Dichter – saga zu segja, „sagen, erzählen“ – den Begriff Saga kennen wir ja auch im Deutschen). Hier Anfang und Ende des Romans spaßeshalber auf Isländisch:

Einhver hlaut að hafa rægt Jósef K. því að morgun einn var hann handtekinn án þess að hafa gert nokkuð af sér. (S. 7)

(Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (S. 7))

En hendur annars mannsins lukust um barka K. á meðan hinn rak hnífinn djúpt í hjartað og sneri honum þar tvisvar. Brestandi augum sá K. hvernig mennirnir, kinn við kinn, þétt upp við andlit hans, fylgdust með úrslitunum. „Eins og hundur!“ sagði hann, það var sem smánin ætti að lifa hann. (S. 277)

(Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. »Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. (S. 194))

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!

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