Kafkas Wortschatz und Kiezdeutsch

Der Wortschatz ist die Gesamtheit aller Wörter einer Sprache zu einem bestimmten Zeitpunkt oder die ein einzelner Sprecher kennt oder verwendet. Man unterscheidet beim Letzteren zwischen passivem (Wörter, die zwar verstanden, aber nicht benutzt werden) und aktivem Wortschatz.

Klaus Wagenbach bezeichnet Kafkas Prosa als kühl, wortarm und doch „kleistisch“. (Wagenbach: Kafkas Prag: Ein Reiselesebuch – Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1993 – S. 7) Ja, auch als wortarm. Ohne Zweifel ist, dass der Wortschatz in den Romanen und Erzählungen von Franz Kafka erstaunlich ‚beschränkt’ ist. Diese Beschränkung sagt natürlich nichts über die literarische Qualität aus. Ein Koch weiß, dass man auch aus wenigen Zutaten einen kulinarischen Leckerbissen zaubern kann. Wie kann es aber sein, dass ein Schriftsteller der Güte Kafkas eben so wortarm schreibt. Immerhin war Kafka Jurist, also ein Akademiker, und in der Belletristik viel belesen.

Ich habe in einem sehr aufschlussreichen Aufsatz zu „Franz Kafkas Deutsch“ von Marek Nekula folgende Einleitung gefunden (Verweise/Fußnoten habe ich entfernt):

„Die Eigenart von Kafkas Stil wird einerseits mit der ‚Spracharmut’, der ‚Sprachverarmung’ und dem ‚Sprachverfall’ der ‚sterilisierten Ghettosprache’ bzw. der Sprache ohne ein deutsches dialektales Umfeld und ‚soziale Unterschiede’ erklärt, andererseits dem ‚Einfluss der juristischen Fachsprache’ zugeschrieben. […] Manchen, die im Zusammenhang mit Kafka über Phänomene wie eine ‚deutsche Sprachinsel’ oder seinen angeblichen ‚jüdischen Tonfall’ sprechen, genügen dennoch ein oder zwei dürre Absätze, um Kafkas Sprache abzuhandeln.“ (Quelle: linguistik-online.de)

Franz Kafka war deutschsprechender Jude in Prag, damals Hauptstadt des Königreichs Böhmen und mit 230000 Einwohnern drittgrößte Stadt der österreichisch-ungarischen Monarchie unter Kaiser Franz Joseph und durch „starke tschechische Zuwanderung aus einer ehemals überwiegend deutschen inzwischen [zu] eine[r] nahezu rein tschechische[n] Stadt geworden, mit einer Minderheit von 32000 Deutschsprechenden, davon über die Hälfte Juden“ (Wagenbach, 1993, S. 11). Prag war also das, was man eine „deutsche Sprachinsel“ nennen kann. Das Deutsch in Prag war nicht durch Dialekt, höchstens durch Begriffe der tschechischen Sprache gefärbt, und im Falle Kafkas zusätzlich durch den Sprachgebrauch der Juden, was sich in Kafkas Werk widerspiegelt und so in Nuancen den Wortschatz Kafkas sogar bereicherte. Bei Marek Nekula steht hierzu:

„In Tonfall und Idiomatismus, ja selbst in der Wortwahl und im grammatischen Duktus macht sich jenes Prager Deutsch geltend, das von der slavischen, czechischen Nachbarschaft und auch vom Prager Judendeutsch reichlich getönt ist. Eben diese eigentümliche Färbung trägt entscheidend dazu bei, jenseits von allem Lokalkolorit die Ironie von Kafkas Erzählungen zu erhöhen (Politzer 1950: 280).“

Der Wortschatz eines Menschen ist geprägt von der Zeit, dem Raum sowie seiner Herkunft und seinem sozialen Umfeld. Auf Kafka bezogen heißt dies, dass eine Stadt wie Prag mit einem hervorstechenden Umfeld auch Niederschlag in seinem Werk erfahren musste. Eine Stadt wie Prag findet sich heute übrigens auch allerenden bei uns. Wie in Prag begegnen sich überall unterschiedlichste Nationalitäten und Religionen. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn hier eine eigene Sprache entsteht, die übergreifend wirkt: Kiezdeutsch.

    Kiezdeutsch

„Kiezdeutsch ist eine Jugendsprache, ein neuer Dialekt. Das ist kein Unvermögen, Deutsch zu sprechen“, so die Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese, Professorin für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Uni Potsdam (Kiezdeutsch: Ein neuer Dialekt entsteht). Kiezdeutsch ist eine Jugendsprache in einem engen Umfeld. Ähnlich wie in Kafkas Sprache kommt es zu ‚Vereinfachungen’ und auch zu eigenen grammatischen Regeln. Da man heute Kafkas ‚Spracharmut’ kaum als Verelendung unserer Sprache ansieht, sollte man auch gegenüber dem Kiezdeutschen nicht gleich in Hysterie ausbrechen. Heike Wiese hierzu: „In der Soziolinguistik ist es so, dass andere Sprechweisen abgewertet werden, wenn man sich höher einordnet. Vielleicht haben wir es da mit sehr starken Status-Verlustängsten zu tun, weil Kiezdeutsch nicht nur von sozial Schwachen gesprochen wird. Auf jeden Fall ist das Thema emotional besetzt.“

Ich weiß, es ist ein weiter Bogen, den ich hier spanne. Kafka muss für so vieles herhalten. Er wird es aushalten. Es ist die ‚eigentümliche Färbung’, die eine Sprache lebendig macht. Und das gilt sowohl für Kafka (auch heute noch) als auch für eine Jugendsprache wie das Kiezdeutsche.

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!

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