Schweiger, der Rächer

Mit einer Woche Verspätung habe ich ‚ihn’ mir nun doch angeschaut – den neuen Tatort aus Hamburg mit Til Schweiger. Ich wollte nun doch wissen, ob das zuviel Schweiger oder wenigstens noch etwas Tatort geworden ist.

„Der neue Tatort aus Hamburg hatte eine Rekord-Einschaltquote – und er ist gar nicht schlecht. Nur Til Schweiger nervt halt. Die Rolle des Nick Tschiller wurde ihm so bemüht auf den Leib geschrieben, dass noch der unaufmerksamste Zuschauer mitkriegt: Dieser Kommissar ist ein ganzer Kerl, ein echter Held. Das ist leider zu viel.“ So steht’s in der Süddeutschen geschrieben.

Dem kann ich mich nur anschließen. Mit diesem neuen Tatort geht es mir wie beizeiten mit dem neuen James Bond. Dieser war nicht mehr ‚mein’ James Bond (Gerührt oder geschüttet? Der neue Bond ist da). Und der actiongeladene Tatort aus Hamburg ist nicht ein Tatort, wie ich ihn mag: nah bei der Realität. In fast jeder Szene war dieser Krimi dermaßen überzogen, dass ihn dann wohl keiner mit der Wirklichkeit verwechseln konnte. Das war wohl auch nicht die Absicht des Drehbuchautoren.

Tatort Hamburg: Willkommen in Hamburg (2013)

Til Schweiger durfte dafür den Helden spielen, der er gern sein möchte (Schweigers Motto: It’s better to have a gun and don’t need it, than to need a gun and don’t have itTrue Romance): Unerschrocken, von schönen Frauen angehimmelt, draufgängerisch – und liebevoll zu geschundenen, minderjährigen Prostituierten. Das Thema hatten wir erst vor kurzem in einer Doppelfolge Tatort, nur eine Hausnummer weiter: Wegwerfmädchen und Das goldene Band – Ende 2012 aus Hannover. Auch darin ging es um Menschenhandel, wie junge Frauen aus dem ehemaligen Ostblock zu uns gelockt und zur Prostitution gezwungen werden. Wie in Hannover so wird auch in Hamburg eine Handvoll Männer der Upperclass mit jungen Mädchen ‚bedient’.

So erschreckend dieses Thema ist und Beachtung verdient, um so bedenklicher ist es, wie Till Schweiger alias Nick Tschiller als Rächer in dieser Tatort-Folge auftritt. Schweiger hat neben einem Sohn drei noch junge Töchter. Da kann man verstehen, dass ihn das Thema Zwangsprostitution junger Frauen betroffen macht. Schweiger wäre aber nicht Schweiger, wenn er sich hier nicht zum selbstgerechten Rächer der geschundenen Mädchen aufspielen würde. Was er in der Wirklichkeit nicht schafft, muss dann eben in einem Film geschehen.

Apropos Töchter: Schweigers reale Tochter Luna spielt hier seine Filmtochter und verheimlicht gekonnt möglicherweise bestehendes schauspielerisches Talent: „Der unaufgeregte Gesichtsausdruck der 16-Jährigen ändert sich kaum und den Mund kriegt sie beim Sprechen auch kaum auf. So nuscheln Vater und Tochter in ‚Willkommen in Hamburg‘ gemeinsam vor sich hin.“ (sueddeutsche.de)

Immerhin zeichnet sich dieser Krimi neben Action durchaus auch durch einige Spritzer Humor und die speziell Schweiger’sche Selbstironie aus. Der junge Kollege Yalcin Gümer (gespielt von Fahri Ogün Yardım) ist durchaus witzig und sorgt für viele auflockernde, allerdings für einen Hauptkommissar auch recht proletenhafte Sprüchlein. Unglaubwürdig ist es allerdings, wie Gümer immer dann, wenn’s der Film erfordert, über sein privates Laptop wie ein großer Hacker all die notwendigen Informationen wie aus dem Nichts hervorzaubert. Und neben Schweigers Hommage an Schimanski (statt Scheiße das heute geläufigere Fuck als erstes Wort) gesteht er ein zu nuscheln. Und notfalls ist er sogar bereit, sich als schwul darzustellen.


Schweiger – Willkommen in Hamburg (Tatort):
Fuck … Nuscheln … Schwul!

Fazit: Ein durchaus beachtlicher Actionfilm mit etwas zu viel ‚Held’ a la Schweiger. Zu viel auch der Ballerei. Und zu viele eingetretene Türen. Aber kein Tatort, wie ihn Tatort-Fans mögen. Und nachdem Schweiger sein Thema Zwangsprostitution junger Frauen abgehandelt hat, weiß ich nicht, welches Thema für eine zweite Folge noch interessant für Schweiger sein könnte. Rückfälliger Sexualstraftäter aus der Nachbarschaft – nein, das muss nicht sein.

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!

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