Tatort auf Tatort …

Über die Feiertage und den Jahreswechsel beglückte uns die ARD gleich mit mehr als einer Handvoll neuer Folgen der Tatort-Reihe. Das begann am Sonntag den 22. Dezember mit der Episode „Allmächtig“ aus München. Setzte sich mit „Die Fette Hoppe“, dem ersten Fall des neuen Teams aus Weimar, am 2. Weihnachtstag fort. Am Sonntag, den 29. Dezember traf der Kieler Ermittler „Borowski“ auf einen „Engel“. Am Neujahrstag gab es „Türkischen Honig“ aus Leipzig. Und am letzten Sonntag, den 5. Januar, gab es gar zwei neue Folgen: „Der Eskimo“ aus Frankfurt und um 22 Uhr dann noch „Franziska“ aus Köln, der ersten Tatort-Episode, die aus Jugendschutzgründen so spät ausgestrahlt wurde.

    Tatort-Reihe der ARD (seit 1970)

Möge die Macht mit Euch sein …

Nach Macht und Ohnmacht hatten es Batic und Leitmayr in Allmächtig mit den Auswüchsen einer skrupellosen Unterhaltungsindustrie und mit zwei religiösen Eiferern, Lehrer und Schüler, zu tun. Der Fall war durchaus spannend, wenn auch mein Sohn im Einklang mit meiner Frau schon ziemlich bald den Mörder ausfindig gemacht hatte. Ich durfte mich ihrer Meinung unmittelbar anschließen. Und wir hatten Recht. Mann darf gespannt sein, welche Macht die Münchener im nächsten Fall heimsucht.

Lessing in Weimar

Die ARD pflegt eigene Traditionen. Dazu gehört seit einigen Jahren eine neue Tatort-Folge am 2. Weihnachtstag. Und in Die fette Hoppe durften Lessing (Christian Ulmen) und Dorn (Nora Tschirner) zum ersten Mal in Weimar ermitteln. Ulmen kündigte vorab diesen Tatort als den bisher „weltbesten“ an. Immerhin versucht man, den Münsteranern Ermittlern in Sachen Komik Konkurrenz zu machen, was aber nur teilweise gelang. Dass es am Ende nur um ein Bratwurst-Rezept (die fette Hoppe) ging, ist zusätzlich eher ernüchternd als witzig. Aber gute Ansätze waren vorhanden, wenn Nora Tschirner auch, die ich eigentlich nur aus Schweiger-Filmen kenne, wie in diesen manchmal dümmlich-süffisant lächelte. Rasant war z.B. die Verfolgungsjagd via Pferdekutsche. Darüber hinaus fand ich Klara Deutschmann sehenswert, eine junge Nachwuchsschauspielerin, die als Lotte die Goethe-Bezüge der Stadt (siehe Lotte in Weimar) ergänzte. Das neue Tatort-Team hat auf jeden Fall noch genügend Luft nach oben, denn es soll weitere Fälle aus Weimar geben.

Borowski und die Frauen

Ich gestehe, dass mir der Kieler Ermittler immer besser gefällt. Er entpuppt sich als großer Frauenversteher, der sich aber selbst nicht klar darüber wird, ob der die Frauen wirklich versteht. Wie in Columbo-Fällen wusste der Zuschauer im Fall, der am 29.12. ausgestrahlt wurde, mehr als die Kriminalbeamten. Am Schluss wurde der Engel, eigentlich ein Todesengel, für einen Mord verurteilt, der ein Selbstmord war. Bei genauerem Hinsehen gab es drei Tote, aber keinen wirklichen Mord. Ich fand den Fall seiner Skurrilität und seines schwarzen Humors wegen ganz sehenswert. Und wegen Borowski sowieso.

Zu Neujahr, nächste Tradition des ARD-Programms, gab es mit Türkischer Honig und den Ermittlern Saalfeld und Keppler einen weiteren Tatort aus Leipzig. In diesem Fall ging es ziemlich familiär zu, denn Hauptkommissarin Eva Saalfeld wurde von ihrer Hauptschwester kontaktiert, die aber vor ihren Augen entführt wurde. Als Halbschwester war Josefine Preuß zu sehen, die ebenfalls in diesen Tagen beim ZDF als Pilgerin unterwegs und schon in Rubbeldiekatz in einer Nebenrolle zu sehen war.

Am letzten Sonntag wurde es dann eiskalt (eigentlich eher ‚warm’): Der Eskimo mit Hauptkommissar Frank Steier in Frankfurt. Dieser war ziemlich fertig. Als er sich nach einer mal wieder durchzechten Nacht im Stadtpark auf einer Bank wiedergefunden hatte, wurde er Zeuge eines Mordes an einem Jogger. Seine Verfolgung der Täterin endete kläglich. Dann gab’s da noch den Liebhaber seiner Ex-Frau, die Kriminalkommissarsanwärterin Linda Dräger an seiner Seite, die es verstand, dem Zyniker Steier Kontra zu bieten – und noch einen äußerst mysteriösen Toten.

Ab 22 Uhr lief dann Franziska mit dem Team Ballauf/Schenk. Die Folge ist bereits 2012 abgedreht worden. Bisher traute man sich aber bei der ARD nicht, diese zu senden. Jetzt dann also doch – aber eben zu später Stunde. Nun: Franziska wurde als Geisel genommen: Diese Nachricht traf Ballauf und Schenk mitten ins Mark. Sie mussten nicht nur den Mord an einem Häftling in der JVA Köln aufklären, sondern auch dringend ihrer Kollegin helfen. Neben ihrem Job bei der Mordkommission engagierte sich Franziska als ehrenamtliche Bewährungshelferin. Und ausgerechnet der ihr zugeordnete Häftling Daniel Kehl bedrohte sie jetzt im Besucherraum des Gefängnisses mit einem Messer. Der Fall endete schlimm. Und so blieb an diesem Tag die Wurstbude, meist krönender Abschluss eines Köln-Tatorts, geschlossen.

Natürlich sind die Tatort-Folgen meist arg konstruiert. Sie entstammen nun weniger der Wirklichkeit als der Feder von Autoren. Es werden falsche Fährten gelegt, um den Zuschauer vom eigentlichen Täter abzulenken. Oft überrascht das Ende. Wenn dieses aber noch den gängigen Mustern der Logik entspricht, dann ist das akzeptabel. Interessant am Tatort ist aber die ‚Psychologie’. Wie wird man zum Verbrecher, gar zum Mörder? Borowski doziert in seinem Fall vor zukünftigen Kriminalbeamten über dieses Thema – und wundert sich eigentlich, warum er selbst nicht schon zum Mörder geworden ist. Und wie Borowski so sind viele seiner Tatort-Kollegen ziemlich angeknackste Charaktere (siehe Steier aus Frankfurt), die sich ähnlich dem potenziellen Brandstifter, der Feuerwehrmann wird, auf die ‚gute Seite’ geschlagen haben.

Übrigens: Zum Frankfurter Eskimo-Tatort noch ein Hinweis auf eine Kolumne im RollingStone. Im Tatort selbst ging es u.a. um das Lied „The Mighty Quinn (Quinn The Eskimo)“ (ob nun von Bob Dylan oder Manfred Mann soll egal sein) – hierzu etwas mehr: Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Quinn, der Außerirdische.

Und: Nett am Frankfurter Tatort-Krimi war natürlich auch, dass eines der ‚Opfer‘ unter dem Namen Gregor Samsa gekannt war. KHK Steier fragte dann ja auch gleich, ob Josef K. der Mörder sei?! Ja, der Kommissar kennt seinen Kafka und zitierte dann auch gleich den Anfang aus Kafkas Die Verwandlung: Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!

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