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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Deutschlandhalle Berlin – Emerson, Lake & Palmer 1972

Im Juni 1972, also vor fast 40 Jahren, war ich mit meinem Ausbildungslehrgang für fünf Tage in Berlin. Berlin war in den 70er und 80er Jahren sehr beliebt für solche Lehrgangs- und Klassenfahrten, da es durch die besondere Lage West-Berlins ziemlich hohe Zuschüsse für solche Fahrten gab. Dafür musste man sich aber mindestens einen längeren Vortrag über die Stadt im Umfeld der DDR anhören.

Emerson, Lake & Palmer: Deutschlandhalle 06.06.1972

In dieser Woche nun, gab es gleich zwei Konzerte von Emerson. Lake & Palmer (ELP) in der Stadt, eines in der Deutschlandhalle und eines draußen unter freiem Himmel in der Waldbühne. ELP war eine Supergroup des Progressive Rocks und besonders durch die Keyboards von Keith Emerson geprägt. Dieser neigte gewissermaßen zum Größenwahn, was sich nicht nur in einer übergroßen PA-Anlage und unzähligen Tasteninstrumenten auf der Bühne zeigte, sondern auch in seinem Vortrag. Trotzdem war es natürlich beeindruckend, die drei live mitzuerleben. Aus dem umfangreichen Gesamtwerk der Gruppe ragt das Livealbum Pictures At An Exhibition heraus, auf dem ELP die Bilder einer Ausstellung des russischen Komponisten Modest Mussorgski neu interpretierten.


EMERSON LAKE & PALMER (ELP) – Knife Edge


Emerson, Lake & Palmer Pictures at an Exhibition (Part 2 of 4) 12-9-70 Lyceum

Sowohl die Waldbühne wie auch die Deutschlandhalle, 1935 „größte Mehrzweckhalle der Welt“, stammen aus der Zeit des Nationalsozialismus und wurden zu den Olympischen Spielen 1936 gebaut. Die Deutschlandhalle wurde 1943 nach einem Luftangriff zerstört, nach dem zweiten Weltkrieg aber wieder aufgebaut. Obwohl die Halle unter Denkmalschutz steht, soll sie nun endgültig abgerissen werden. Mit der Sprengung der Hallendecke am 3. Dezember 2011 begann die letzte Phase der Abrissarbeiten.

Die 117 Meter lange und 83 Meter breite Stahlkonstruktion bot Platz für bis zu 10.000 Zuschauer; unter Ausnutzung des Innenraums passten bis zu 16.000 Menschen hinein. Zuvor war ich in keiner größeren Halle gewesen; empfand die Halle zwar als zweckmäßig, aber auch als reichlich steril. Die Akustik war für eine solche Halle nicht allzu schlecht. Nun ich war nur einmal in der Halle, an diesem besagten 6. Juni 1972, aber wenn man vom Abriss eines solchen Gebäudes hört, dann erinnert man sich doch an die alten Tage. Immerhin fanden neben dem ELP-Konzert hier auch viele andere Rock-Konzerte statt, so auch dreimal mit Jethro Tull: am 24. Januar 1971 zuerst, dann am 18. Januar 1972 und nochmals am 5. April 1982.


Sprengung des Dachs der Deutschlandhalle

Hier noch eine Audio-Aufnahme von einem Konzert mit Jim Hendrix vom 4. September 1970 – eben in dieser Deutschlandhalle:


Audio Recorded Love JIMI Live @ The ‚Super Concert 70‘, Deutschlandhalle, Berlin (West), Germany on September 4th 1970

Heute Ruhetag (7): Giovanni Boccaccio – Decamerone

Heute Ruhetag!

Nach einem Kirchgang beschließen sieben kluge junge Damen aus gutem Hause, sich für einige Tage aufs Land zurückzuziehen, und sie laden drei junge Männer ein, mitzukommen. Sie bleiben zwei Wochen lang und erzählen sich außer freitags und samstags jeden Tag zehn Geschichten.

Einmal begab es sich, daß eine von den anderen Nonnen aus dem Fenster ihrer Zelle den Handel gewahr ward und noch zwei anderen zeigte, was vorging. Sie dachten zuerst daran, der Äbtissin alles zu verraten. Doch besannen sie sich eines Bessern und beackerten mit ihren beiden Gespielinnen gemeinsam Masettos Acker. Durch Zufall wurden auch die drei übrigen Nonnen Teilnehmerinnen an dem Geheimnis, so daß nur noch die Äbtissin die einzige war, die nichts davon wußte. Indem nun diese einmal, wie es schwül war, allein im Garten wandelte, fand sie Masetto, den die Reitübungen der Nacht mehr als die Arbeiten des Tages ermüdet hatten, unter einem Mandelbaume liegen. Der Wind hatte ihm die leichten Kleider vorne ganz zurückgeweht, so daß er bloß dalag und die Äbtissin, die sich allein befand, einiges sehen ließ, das in ihr die gleichen Begierden weckte, die ihre Nonnen überfallen hatten. Sie weckte den Schläfer, nahm ihn mit in ihre Zelle und ließ ihn in einigen Tagen nicht von sich; zum nicht geringen Verdruß der Nonnen, die sich sehr beklagten, daß der Gärtner nicht kam und ihren Garten begoß. […]

Giovanni Boccaccio: Decamerone (aus: 5. Novelle – Masetto von Lamporecchio stellt sich stumm, wird Gärtner in einem Nonnenkloster, wo die Nönnchen eine nach der andern bei ihm liegen)

Leben

Lyrik ist nicht so mein Ding, was nicht heißen soll, dass ich keine Gedichte lese. Gedichte haben nämlich oft etwas, das manchmal im dicksten Roman nicht herüberkommen will: Prägnanz. Hier werden Gedanken in aller nötigen Kürze auf den Punkt gebracht.

Natürlich habe ich mich auch schon ‚in Gedichten’ versucht. Eigentlich ist das lange her. Da ich gerade meine alten Aufzeichnungen aus dem Jahre 1982 am Wickel hatte, um die Prag-Tour mit einem Freund aufzuarbeiten, kam ich nicht umhin, auch noch etwas weiter darin zu blättern. So fand ich das folgende, wahrlich prägnante Gedicht aus meiner Feder, das ich vor nun fast 30 Jahren schrieb:

Leben

Ich bin ein Kaugummi –
kau mich
und ich gebe Dir Geschmack.

Ich bin ein Strohhalm –
lutsch mich
und ich gebe Dir Halt.

Ich bin ein Grab –
begrab Dich
und ich gebe Dir Frieden.
© Wilfried Albin 30.11.1982 (21:55)

    Wilfried Albin: Leben (1982)

Okay, einen literarischen Wert messe ich dem Gedicht nicht zu. Aber aufschlussreich finde ich es allemal. Es hat einem sarkastischen Unterton von einer Art, den ich heute so nicht mehr hinbekommen werde. Der Duktus ist nach 30 Jahren ein anderer. Heute neige ich zu einem gewissen Ausschweifen. Vielleicht schreibe ich ja aus diesem Grund keine Gedichte mehr.

Kleinkrieg in Tostedt?

Es ist schon etwas her, was in Tostedt, Ortsteil Todtglüsingen geschah: Am Samstag, den 11.2., wurde lt. Polizeipresseartikel „gegen 23.45 Uhr […] die Polizei in die Rosenstraße gerufen. Dort war es vor einem Mehrfamilienhaus, in dem auch ein amtsbekannter Rechtsextremist wohnt, zu mehreren Schussabgaben gekommen.
[…] Bei der Sachverhaltsaufnahme wurde bekannt, dass sich bereits am Nachmittag, gegen 16.30 Uhr ein solcher Vorfall ereignet hatte.

Am Sonntagabend [12.02.2012], gegen 23.35 Uhr wurde die Polizei erneut alarmiert. Wieder wurden mehrere Schüsse in der Straße abgefeuert. […]
Die Polizei hat Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz eingeleitet. Bislang gibt es keine Spur zu den Tätern. Die Beamten des Staatsschutzes sind mit den Ermittlungen befasst.“ (Quelle: presseportal.de/polizeipresse)

Am Tatort wurden übrigens Hülsen einer Schreckschussmunition sicherstellen.

Obwohl die Täter unbekannt sind, warnt die Polizei „vor einer drohenden Gewalt-Eskalation zwischen Links- und Rechtsextremen in Tostedt. ‚Die jüngsten Entwicklungen beunruhigen uns sehr’, sagte Uwe Lehne, Leiter der Polizeiinspektion Harburg […]. Nachdem das Oberlandesgericht Celle das Urteil gegen den Rechtsextremen Stefan Silar aufgehoben hat […], haben offenbar gezielte Provokationen aus der linken Szene zugenommen. Zuletzt griff die Polizei in der Nacht zu vergangenem Samstag [18.02.2012] eine Gruppe von 13 Mitgliedern der Antifa-Szene aus der gesamten Region auf. Bei der Überprüfung der Personalien kam es zu einem Handgemenge, in dessen Folge ein Polizist stürzte und sich den Arm brach. Ein anderer Beamter verletzte sich an der Hand […] :“ (Quelle: Kreiszeitung Nordheide Wochenblatt vom 22.2.2012 – Nr. 8 – 41. Jg – S. 1)

Der Polizeichef, Herr Lehne, ist bekanntlich auf dem rechten Auge stark kurzsichtig, zumindest suggeriert die Aussage von Herrn Lehne, dass die Schüsse von Mitgliedern der Antifa abgegeben wurden, obwohl dies nicht einmal ansatzweise belegt ist. Schreckschusswaffen werden im Übrigen gern in der rechten Szene benutzt (Der Neo-Nazi Silar hantierte verbotenerweise mit einer solchen Waffe).

Wer hat also jetzt in Tostedt (im Ortsteil Todtglüsingen) mehrmals vor dem Haus, in dem der Rechtsextreme Silar wohnt, geschossen? Einiges spricht durchaus für Mitglieder der linksgerichteten AntiFa. Nachdem die im Gemeinderat vertretenen Partei zu einer Demonstration gegen Rechts aufgerufen hatten und über 1000 Bürger diesem Aufruf gefolgt waren (Tostedt wehrt sich gegen Neonazis), sah sich die AntiFa wohl aufgefordert, selbst wieder „das Heft in die Hand“ zu nehmen, sprich: eigene Aktionen gegen Silar und Co. durchzuführen.

Schaut man sich im Internet die einschlägigen Websites der rechtsextremen Szene rund um Tostedt an, dann verwundert es schon, dass die Schussabgaben vor dem Silar-Haus mit keinem Wort erwähnt werden. In tostedtgegenlinks findet sich als Letztes ein Bericht über einen „wiederholte[n] Farbanschlag auf das Geschäft Streetwear-Tostedt“, also dem Laden von Herrn Silar. Mehr nicht. Und im infoportal-nordheide wird zuletzt von der Razzia bei Mitgliedern der rechtsextremen Szene (u.a. auch in Tostedt – siehe unten) berichtet. Nichts von Schüssen gegen Silar.

Auf de.indymedia.org, eine unabhängige Medienplattform, das von der linken Szene genutzt wird, findet sich ein interessanter Hinweis: Ist Herr Silar vielleicht ein V-Mann und kommen die Schüsse gegen ihn wegen Rache aus der rechten Szene (die eben gern mit Schreckschusswaffen hantieren)? Einiges scheint tatsächlich für die Annahme zu sprechen, dass Silar ein V-Mann ist. Vielleicht erklärt sich so auch die erwähnte Urteilsaufhebung. Wenn dem so ist, dann frage ich mich allerdings, ob man hier nicht „den Bock zum Gärtner“ gemacht hat. Welche umstrittenen Rollen V-Männer rund um die Ermittlungen zu den Taten der Zwickauer Terrorzelle gespielt haben, brauche ich nicht weiter zu erwähnen.

So gesehen spricht doch einiges dafür, dass die Schüsse von Rechtsradikalen abgegeben wurden. Vielleicht auch deshalb, um die linke Szene zu denunzieren. Denunziation ist ein „beliebtes“ Mittel der Rechten.

Und da waren dann ja noch die Razzien gegen Mitglieder der rechtsextremen Szene. Wer nun glaubt, dass endlich mit Neo-Nazis und ihren Handlangern aufgeräumt wird, muss sich allerdings mehr als getäuscht sehen. Worum ging es bei den Razzien?

„Am 17. Dezember war eine Gruppe schwarz gekleideter Personen durch Hamburg-Harburg gezogen.
Die Demonstranten trugen weiße Totenmasken und Fackeln. Sie skandierten rechte Parolen und bewegten sich in Marschordnung in Dreierreihen auf der Straße. Außerdem hatten sie Megaphone und ein Transparent dabei. Polizisten stoppten den Aufzug, mehrere Teilnehmer flüchteten. In 17 Fällen konnten aber die Personalien festgestellt werden.“ (Quelle: ndr.de/regional)

Und genau bei diesen 17 Personen ermittelte nun die Staatsanwaltschaft Anfang März „wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz und das Uniformierungsverbot gegen die drei Frauen und 14 Männer. Die Razzia fand in den Hamburger Stadtteilen Eißendorf und Wandsbek statt. In Niedersachsen wurden Wohnungen in Neu-Wulmsdorf, Hannover, Tostedt, Buchholz, Tarmstedt, Wistedt und Lilienthal durchsucht.
Laut Hamburger Staatsanwalt fanden die Ermittler die Totenmasken und beschlagnahmten zudem Datenträger, Computer und schriftliche Unterlagen. Festgenommen wurde niemand.
Die Versammlung im Dezember steht nach Polizeiangaben im Zusammenhang mit einer rechtsextremistischen Gruppe, die […] auf ihrer Webseite anti-demokratische und rassistische Parolen verbreitet und deren Aktionen durch weiße Masken wiedererkennbar werden sollen.
Laut Polizei werben Unterstützer dieser Gruppe dafür, an einer rechtsextremistischen Versammlung in der Hamburger Innenstadt Anfang Juni teilzunehmen.“

Ich hatte gehofft, dass die Razzien in Hamburg und Niedersachsen im Zusammenhang mit den Razzien in Bayern und Rheinland-Pfalz stünden, bei denen 61 Wohnungen von Rechtsextremisten durchsuchten wurden. Aber es ging ‚nur’ um diesen rechten Flash-Mob kurz vor Weihnachten.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie es mit Razzien in Herrn Silars Laden steht, der „unter dem Ladentisch“ sicherlich auch Artikel verkauft, die aufgrund ihres neonazistischen Inhalts verboten sind. Denn solange Verdachtsmomente dieser Art bestehen, wäre es mehr als angebracht, Herrn Silar entsprechend auf dem Zahn zu fühlen. Wenn meine Informationen stimmen, dann wurden solche Razzien von Zeit zu Zeit durchgeführt, wenn auch ohne Erfolg, da Silar zuvor ‚gewarnt’ worden sein soll. Ob das nun im Zusammenhang mit einer angeblichen V-Mann-Tätigkeit Silars in Verbindung steht oder ob im schlimmsten Fall in Polizeikreisen Sympathisanten rechter Kreise arbeiten, vermag ich natürlich nicht zu sagen.

In diesem Zusammenhang möchte ich zuletzt noch auf einen weiteren Aspekt hinweisen: Neonazis geben sich immer wieder den Schein sozialen Engagements (z.B. Kinderschutzkampagne, „Aktiv gegen sexuelle Gewalt“). Besonders Frauen sind mehr und mehr in die ‚Aufbauarbeit’ der Rechtsextremen einbezogen; siehe folgenden Bericht aus der Kreiszeitung Nordheide Wochenblatt vom 25.2.2012:

Sozialer Schein bei Neonazis

(Quelle: Kreiszeitung Nordheide Wochenblatt vom 25.2.2012 – Nr. 8a – 41. Jg – S. 3)

Letzte Worte

In dem Buch Das Leben, das mich stört von Rotraut Hackermüller, in dem wir von der Erkrankung und dem Sterben Franz Kafkas erfahren, von seinen letzten Lebensjahren, lesen wir auch von Kafkas letzten Worten, die von seinem Freund und Förderer Max Brod belegt wurden:

Am 3, Juni 1924 zur Mittagszeit starb Franz Kafka: Als sich Klopstock [ein Freund] vom Bett entfernt, um die Spritze zu reinigen, bittet er: „Gehen Sie nicht fort.“ Der Freund beruhigt ihn. „Ich gehe ja nicht fort.“ „Aber ich gehe fort“, erwidert Kafka und schließt die Augen.

Letzte Worte, wenn dem Sterbenden sein letztes Stündlein schläft, haben sicherlich nur einen bedingten Stellenwert in der Literatur. Ein letzter Satz wird selten die Quintessenz dessen sein, was das Lebenswerk eines Menschen ausmachte. Ein Lästerer wie Mark Twain kommt so zu folgendem Entschluss: „Ein Mann, der etwas auf sich hält, sollte seine letzten Worte beizeiten auf einen Zettel schreiben und dazu die Meinung seiner Freunde einholen. Er sollte sich damit keinesfalls erst in seiner letzten Stunde befassen und darauf vertrauen, dass eine geistvolle Eingebung ihn just dann in die Lage versetzt, etwas Brillantes von sich zu geben und mit Größe in die Ewigkeit einzugehen.“Mark Twain, The Last Words Of Great Men, in: The Curious Republic of Gondour and Other Whimsical Sketches, 1869

Mit Größe in die Ewigkeit eingehen, das bezieht sich natürlich nicht nur auf letzte Worte, sondern auf das ganze Verhalten im Sterbemoment. Aufrecht soll es sein (wenn vielleicht auch liegend), ohne Klagen und ebenso ohne Anklagen. Vielleicht wäre Schweigen das Beste.

Natürlich werden nicht alle letzten Worte festgehalten, manch eine(r) stirbt unverhofft. Manchmal liegen zwischen einem letzten Wort, das alles sein sollte, nur kein letztes Wort, und der Sterbesekunde Stunden. Und manches letzte Wort bleibt ungehört oder unverstanden.

    Jesu letzte Worte

von Babsi & Scholem Alejchem

Wenn es um letzte Worte geht, wird immer gern Johann Wolfgang von Goethe zitiert, der am 22. März 1832 starb: „Mehr Licht!“ soll er gesagt haben, was real, aber auch metaphorisch gedeutet werden kann. Gerade dieses „Mehr Licht!“ ist umstritten, denn Goethe stammte aus Frankfurt/Main, „war nämlich, wie er in ‚Dichtung und Wahrheit‘ schreibt, ‚in dem oberdeutschen Dialekt geboren und erzogen’, er sprach Frankfurterisch.“ (Quelle: noth.net) So erzählt man sich in seiner Heimatstadt Frankfurt, dass Goethe eigentlich „Mer lischt [hier so schlescht].“ sagen wollte, also auf Hochdeutsch: „Man liegt [hier so schlecht].“

Nun nicht nur große Frauen und große Männer äußern am Schluss letzte Worte. Jeder Mensch, der einmal gesprochen hat (oder geschrieben), wird ein letztes Gesprochenes (oder Geschriebenes) von sich gaben. Für manchen Hinterbliebenen werden sich diese letzte Worte sicherlich einbrennen. In den meisten Fällen wird man sie schnell vergessen, selbst wenn es sich nicht nur um Belanglosigkeiten (wie schlechtes Liegen) handeln sollte, da nicht nur den letzten Worten, sondern auch den Urhebern jegliche literarische Relevanz abzusprechen ist.

Ich will es nicht unbedingt Mark Twain gleichtun, um beizeiten meine letzten Worte zu bedenken. Aber es hätte schon etwas, sein ganzes Leben gewissermaßen auf den Punkt zu bringen. „Wie gut, es war nicht alles Kacke!“, klingt vielleicht unangemessen angesichts des Todes, aber sicherlich treffend (Vielleicht sollte ich mir das weltweite Copyright © an diesem Spruch sichern). Eine treffliche Auswahl letzter Worte finden wir bei de.wikiquote.org – siehe auch letzte-worte.de (für jeden ist bestimmt etwas dabei).

Zlatá Praha (3): Prag 1982 – Bier und Kafka

Die Reise nach Prag im April 1982 könnte man als eine Tour auf den Spuren trinkbarer Erzeugnisse Pilsener Brauart bezeichnen. Auch wandelten wir in Prag auf Kafkas Spuren. Auf der Anreise machten wir Halt in Nürnberg und in Pilsen (siehe Zlatá Praha (2): Hinfahrt nach Prag 1982). Am Dienstag, den 6. April 1982 kamen dann mein Freund und ich mit unseren Rucksäcken auf den Rücken gegen 14 Uhr am Prager Hauptbahnhof (Praha hlavní nádraží) an.

Wie schon in Pilsen so war es vor 30 Jahren auch in Prag ein Problem, eine preiswerte Unterkunft zu finden. Zunächst versuchten wir es bei Čedok, einem verstaatlichten (1990 wieder privatisierten) Reiseunternehmen, das damals auch Hotels in Prag anbot. Das mit 380 Kronen (Kcs.) angeblich billigste Zimmer (fast 100 DM) war uns leider schon zu teuer. Wir versuchten es dann selbst und grasten einige Hotels in der Hybernska nahe dem Hauptbahnhof ab. Über Umwege kamen wir dann zu Pragotur, die ab 17 Uhr auch Privatunterkünfte vermittelten, was uns nicht nur preislich entgegenkam. So machten wir uns also auf, fuhren mit der Metro bis zur Station Hradčanská und von dort acht Stationen mit der Straßenbahn der Linie 20 auf der anderen Seite westlich der Moldau in Richtung Petřin(y). Ich habe versucht die Straße Dostálova ausfindig zu machen, aber wahrscheinlich wurde diese inzwischen umbenannt. Auf jeden Fall muss sich unser Quartier in der Nähe der Haltestelle Anděl am Ende der Štefánikova befunden haben. Gegen 18 Uhr trafen wir bei Magda und Václav M. ein, die uns herzlich begrüßten und uns gewissermaßen ihre gute Stube als Unterkunft überließen. Nachdem wir uns frisch gemacht hatten, kehrten wir in die Innenstadt zurück und aßen im Hotel Palace (heute ein 5-Sterne-Hotel) beim Wenzelsplatz (Václavské náměstí) zu Abend.

Privatunterkunft in Prag 6

Križovnická (Kreuzherrengasse)

Privatunterkunft in Prag 6

Křižovnická (Kreuzherrengasse)

U Fleku - Kremencova 11

U Fleků – Křemencova 11

Am Mittwoch, den 7. April 1982 ging es zunächst auf den Hradschin mit der Prager Burg und dem Veitsdom. Leider stellte sich das alles als Baustelle dar, sodass wir schon bald in Richtung Altstadt liefen. Heute dürfte das alles ‚besucherfreundlicher’ sein. Die Route in die Altstadt habe ich grob zusammengestellt:


Größere Kartenansicht
(A) Nerudova – (B) Křižovnická (Kreuzherrengasse) – (C) Kaprova – (D) Wenzelsplatz/ Národní – (E) Křemencova (U Fleků)

In der Nerudova westlich der Moldau tranken wir in einer Kneipe erst einmal zwei Prager Bierchen und kamen mit jungen englischen Touristen ins Gespräch, die ebenfalls über Pragotur eine preiswerte Unterkunft gefunden hatten. Sie beneideten uns wegen der oft guten Deutschkenntnisse der Prager. Mit Englisch kamen sie damals nicht allzu weit.

Anschließend gingen wir über die Karlsbrücke in die Altstadt – u.a. die Křižovnická (Kreuzherrengasse) längst -, dort noch einmal über den Wenzelsplatz und abends dann kehrten wir ins U Fleků in der Křemencova 11 ein. Heute ist das ein beliebtes Ziel von Touristen, die hier teilweise sogar busweise angekarrt werden. Schon vor dreißig Jahren war das Restaurant sehr voll gewesen. Zu dunklem Flekbier aßen wir zuerst einen böhmischen Schweinebraten mit Knödeln und Kraut; später gönnten wir uns noch eine Schlachtplatte u.a. mit Prager Schinken – alles zu annehmbaren Preisen; das Flekbier kostete damals 5 Kronen (also etwas weniger als 1,20 DM). Gegen 22 Uhr brachen wir wieder auf zurück in unsere Unterkunft.

Am Donnerstag, den 8. April 1982, besuchten wir im Hradschin das Museum für tschechische Literatur (Památník národního písemnictví – die Bibliothek war leider geschlossen) in der Strahovské nádvoří 1, da es draußen regnete und stürmte. Es gab einiges zu Jan Hus zu sehen, außerdem eine Ausstellung mit Buchillustrationen (Thomas Mann, Franz Kafka und u.a. zu den „Brémski muzikanti“). Als das Wetter sich etwas besserte, gingen wir wieder über die Karlsbrücke in die Altstadt.

Nun Ostern stand ja vor der Tür und so boten einige Tage vor Ostern Frauen am Ausgang der Karlsbrücke handbemalte Eier an, das Stück für 5 Kronen (knapp 1,20 DM). In Tschechien hat das Bemalen der Ostereier („kraslice“) eine lange Tradition. In christlicher Symbolik steht das Ei u.a. für Fruchtbarkeit und Auferstehung. Und diese Eier waren wirklich mit viel Liebe und handwerklichem Können gefertigt. Ich habe mir damals gleich ein halbes Dutzend dieser Eier für meine Familie gekauft. Leider sind diese im Laufe der Jahre alle zu Bruch gegangen. Das folgende Bild zeigt aber, wie diese Eier aus Prag (sie waren allerdings alle nur in roter Farbe) in etwa aussahen:

    Ostereier aus Prag

Außerdem sahen wir viele Jungen oder Eltern mit Weidenruten durch die Straßen gehen: „Nicht ganz so verbreitet wie das Eierbemalen ist der Brauch junger Männer, am Ostermontag mit selbstgeflochtenen Weidenruten Mädchen zu versohlen. Dies ist nicht unbedingt als Strafaktion zu verstehen, soll doch symbolisch die Lebenskraft des Baumes auf den Menschen übergehen. Dennoch setzen sich die Mädchen verständlicherweise zur Wehr, entweder mit Wasserkübeln oder indem sie den Jungs verzierte Eier schenken.“ (Quelle: prag-cityguide.de)

Von der Karlsbrücke gingen wir diesmal die Karlova entlang zum Altstädter Ring, sahen hier am Altstädter Rathaus die Astronomische Uhr – es war gerade 13 Uhr und wir konnten sie schlagen hören. Neben dem Jan Hus-Denkmal und dem Geburtstaghaus Kafkas warfen wir dann noch einen Blick auf den alten Jüdischen Friedhof, der leider nicht zugänglich war. In der Straße Na Příkopě beim Platz der Republik (náměstí Republiky) schauten wir dann noch in das damals größte Kaufhaus der ČSSR hinein.

Abends dann kehrten wir in der Maislova im „U Golema“ (Beim Golem) ein. Hier aßen wir nach jüdischer Art und gönnten uns statt Bier einmal einen halbwegs trinkbaren Rotwein. Alles allerdings nicht gerade preiswert. Das Restaurant heißt nach der Figur aus der jüdischen Legende, die aus Ton bestand und zum Leben erweckt wurde (siehe auch: Gustav Meyrink: Der Golem).

Abends guckten wir dann beim Bahnhof noch einmal vorbei, um zu schauen, wann unser Zug zurück nach Deutschland fuhr. Dabei lernten wir in der Bahnhofsgaststätte noch einen Typen kennen, Alois R. aus Zdounky, mit dem wir uns noch längere Zeit unterhielten, wenn auch mehr mit Händen und Gesten anstatt mit Worten. Dann ging es zurück in unsere Unterkunft.

Am Freitag (Karfreitag), den 9. April 1982 verabschiedeten wir uns bei unseren Gastgebern, die uns noch mit Kuchen, Kaffee u.a. für die Rückreise versorgten. Es war ein Händeschütteln ohne Ende. Die Tochter, die in der Schule Deutsch lernte und uns so für ihre Eltern dolmetschte, spielte noch etwas auf der Heimorgel zum Abschied, so als gingen alte Bekannte. Der Zug fuhr pünktlich um 11 Uhr 25 über Marienbad und Pilsen los, und obwohl er brechendvoll war, bekamen wir noch zwei Fensterplätze. In Cheb an der Grenze gegen 15 Uhr 30 wurde der Zug dann aber auch schlagartig leer. Von hier fuhren wir über Schirnding nach Marktredwitz. Unterwegs schneite es einwenig. In Marktredwitz übernachteten wir in einer Jugendherberge, die es heute nicht mehr gibt. Kein Wunder, denn vor dreißig Jahren waren wir zur Osterzeit die einzigsten Gäste. Am folgenden Tag ging es dann durch eine Winterlandschaft und bei Schneegestöber mit dem Zug Richtung Schnabelwald, anschließend nach Nürnberg, wo wir noch eine Nacht blieben, diesmal in der Nähe des Hauptbahnhofes in der Luitpoldstraße im Hotel Probst. In einem Braukeller gönnten wir uns zum Bier Spannferkel. Abends besuchten wir dann noch das Nürnberger Volksfest, um uns doch wenigstens einmal eine Maß Bier zu erlauben – und gerieten in ein wildes, abenteuerliches Durcheinander. Zum Einen waren nach einem Fußballspiel Fans der gegnerischen Mannschaften (DFB-Halbfinale HSV und 1. FC Nürnberg) im Festzelt eingetroffen und meinten, den Wettkampf ihrer Mannschaften hier handfest fortsetzen zu müssen. Zum Anderen waren jede Menge angetrunkener Amerikaner zugegen, die in ihrem Zustand zusätzlich für eine wilde Stimmung sorgten. Ein besonders Schlauer meinte, einer Serviererin von hinten an ihre Oberweite greifen zu müssen, was ihm schlecht bekam. Als dann die gläsernen Maßkrüge durch die Lüfte flogen, machten wir uns aus dem Staub, schließlich wollten wir am folgenden noch heil nach Hause kommen. Das Zelt wurde dann von der Polizei geräumt. Am Sonntag, den 11. April 1982 ging es dann mit dem Intercity zurück nach Hause.

In wenigen Tagen liegt diese Reise nun schon 30 Jahre zurück. So wie damals würde ich heute nicht mehr reisen wollen. Aber gerade dadurch, dass wir den Kontakt mit den ‚Einheimischen’ nicht scheuten, bekam die Reise ihren besonderen Reiz. – Fotos habe ich damals natürlich auch gemacht. Allerdings hat das entsprechende Fotoalbum ganz hinten in der Abseite im Dachzimmer seinen Platz gefunden und es bräuchte lange Zeit, es dort auszugraben. Ich denke, es gibt im Internet reichlich viele, sicherlich auch gelungenere Schnappschüsse aus Prag. – Was mich eigentlich heute noch erstaunt, war die außergewöhnliche Gastfreundschaft der Tschechen. Eigentlich hatten sie keinen Grund, uns Deutsche zu mögen. Auf Radtouren über die niederländische Grenze hinweg viele Jahre zuvor habe ich erleben müssen, wie wir als jugendliche Deutsche mit Verachtung und dummen Sprüchen gestraft wurden. Die Tschechen waren da ganz anders. Sie verstanden, dass wir als junge Menschen nichts mit den Verbrechen einer früheren Generation zu tun hatten. Vielleicht lag es auch an uns, die sich immer aufgeschlossen und gleichsam freundlich zeigten. Prag steht bei mir auf jeden Fall nach so vielen Jahren wieder ganz oben auf dem Zettel. Vielleicht werde ich spätestens im nächsten Jahr mit meinen Lieben Prag besuchen. Vielleicht auch wieder zur Osterzeit. Zlatá Praha, goldenes Prag!

siehe auch: Zlatá Praha (1)

Aimee Mann (4): Magnolia & Big Lebowski

Mit dem Film Magnolia aus dem Jahre 1999 gelang Aimee Mann der große Durchbruch als Songwriterin. So wurde sie auch in Deutschland bekannt. Hollywood-Regisseur Paul Thomas Anderson, Aimee Mann „und ihr Ehemann Michael Penn sind alle in der lebendigen Kreativ-Szene des alten jüdischen Viertels von West-Hollywood zu Hause und seit Jahren befreundet; Penn […] schrieb bereits die Soundtracks zu Andersons ersten Filmen ‚Hard Eight’ und ‚Boogie Nights’. Eines Tages bat Anderson Aimee, ihm doch eine Kassette mit ihrer Musik fürs Auto aufzunehmen. Das war die Geburtsstunde von ‚Magnolia’, denn wie Anderson in seinem Kommentar zum Album klarstellt, entstand der Film auf der Basis der Songs. Das geht so weit, daß er seine Figuren Sätze aus Aimees Texten nachsprechen läßt, die ihn besonders beeindruckten. Etwa diesen: ‚Jetzt, wo wir uns getroffen haben, wärst du einverstanden, daß wir uns nie wiedersehen?’“ (Quelle: michaelsailer.de)

Der Film als DVD Magnolia oder als Blu-ray Magnolia – dazu der Soundtrack als CD Magnolia

Der Film beginnt im Vorspann mit Aimee Manns Version eines Liedes von Harry Nilsson: One (is the Loneliest Number):


Aimee Mann – One (is the Loneliest Number)

Außerdem bietet der Film weitere sieben Lieder von Aimee Mann. Sicherlich ein Höhepunkt ist „Wise Up“, das Lied, das plötzlich im Film zeitgleich alle vor sich her singen:


Magnolia – Aimee Mann – Wise Up

Der eigentliche Titelsong ist aber „Save me“: „Errette mich aus den Reihen der Freaks, die denken, sie könnten niemals jemanden lieben …“ ( But can you save me, come on and save me; if you could save me from the ranks of the freaks who suspect they could never love anyone). Das Lied ist Ausgangspunkt eines geradezu klassischen Dramas, und wurde u.a. für den Oscar nominiert:


Magnolia – Aimee Mann – Save me

Zum Film selbst: „’Magnolia’ bietet keine Handlung im üblichen Sinn. Anderson verknüpft die Lebensgeschichten seiner Figuren in einer Art zirkulären Erzählung, die keinen sichtbaren Anfang und kein sichtbares Ende hat, aber winzige Chancen, dem Kreislauf von Geburt und Tod und dem, was dazwischen geschieht, eine andere Bedeutung zu geben. Reinigung und Erlösung sind die unmittelbaren Ziele, das Eingeständnis der eigenen Schuld die unbedingte Voraussetzung, um diese Ziele zu erreichen. Wir treffen auf den todkranken, an Krebs leidenden TV-Produzenten Earl Partridge (Jason Robards), der von Phil Pharma (Philip Seymour Hoffman) gepflegt wird und ihm seine Sünden beichtet. Er liebte seine Frau, aber er betrog sie. Seine Frau heißt Linda (Julianne Moore) und ist angesichts des bevorstehenden Todes von Earl völlig verzweifelt und selbstmordgefährdet; sie steht unter Drogen. Erst jetzt, als Earl dem Tode nahe ist, wird ihr bewusst, dass sie ihn geliebt hat, sie, die ihn jahrelang mit anderen Männern betrogen und ihn nur wegen seines Geldes geheiratet hatte. Earl bittet Phil, seinen Sohn zu suchen, den er vor seinem Tod noch einmal sehen will. Wir treffen auf Earls Sohn Frank Mackey (Tom Cruise, in einer seiner besten Rollen), der eine Macho-TV-Show unter dem Motto ‚Alle Macht den Schwänzen’ mit großem Erfolg (unter Männern) leitet. Frank will von Earl nichts wissen, er hasst Earl, weil der Franks Mutter verlassen und auch in der Zeit, als sie todkrank war, nicht einmal angerufen hatte. Als die Fernsehreporterin Gwenovier (April Grace) ihn interviewt, kommen allerlei Lügen über sein Leben ans Tageslicht, die Frank sich zurechtgelegt hatte, um seinem Leben eine Art positive (fast über-männliche) Logik zu geben.

Wir treffen weiter auf den Showmaster Jimmy Gator (Philip Baker Hall), ebenfalls krebskrank, der nur noch zwei Monate zu leben hat. Er leitet Earls beste Show ‚What did kids know?’, in der drei Kinder gegen drei Erwachsene in einem Quiz antreten. Gator versucht angesichts seines bevorstehenden Todes, sich mit seiner Tochter Claudia (Melora Walters, mit einer phantastischen Leistung) auszusprechen. Er gesteht seiner Frau Rose (Melinda Dillon), dass er sie betrogen habe. Anderes kann er dagegen nicht aussprechen. Claudia, die ständig Drogen nimmt, flüchtige Männerbekanntschaften hat und völlig am Ende scheint, schmeißt ihren Vater wütend hinaus. Claudia ist ein missbrauchtes Kind, missbraucht durch ihren eigenen Vater. Eines Tages klopft Officer Jim Kurring (John C. Reilly) wegen einer Beschwerde an ihre Tür. Kurring ist von Claudia begeistert, sucht sie ein zweites Mal, ein drittes Mal auf, bis sich beide nach Jims Dienstschluss verabreden.

An Gators Show nimmt Stanley Spector (Jeremy Blackman) teil, ein Superkind, das alles zu wissen scheint, angetrieben von einem ehrgeizigen Vater (Michael Bowen). Doch in einer Quizsendung weigert sich Stanley plötzlich, die Fragen Gators zu beantworten. Er will nicht mehr. Und dann ist da noch Donnie Smith (William H. Macy), früher ‚Quiz Kid Donnie Smith’, wie Stanley war er als Kind gefeierter Showstar. Jetzt ist Donnie am Ende, entlassen von seinem Chef Solomon Solomon (Alfred Molina), unglücklich verliebt in einen Barkeeper, verzweifelt …“

aus: filmstarts.de

Ein Jahr vor „Magnolia“ kam „The Big Lebowski“ von den Coen-Brüdern in die Kinos mit Jeff Bridges als Jeffrey Lebowski, dem ‚Dude’. In einer Minirolle sehen wir hier Aimee Mann als deutsche Nihilistin sogar auf der Leinwand; in einer Szene bestellt sie Pfannkuchen. Ihr kleiner rechte Zeh spielt in dem Film dagegen eine etwas größere Rolle. In den Credits im Abspann des Films wird ihr Name immerhin vor Saddam aufgeführt, ja genau dem.

Aimee Man als deutsche Nihilistin in ‚The Big Lebowski’

Der Film als DVD The Big Lebowski oder als Blu-ray The Big Lebowski

Musik von Aimee Mann

Der Derby-Effekt

In der letzten Saison gewann am 21. Spieltag der FC St. Pauli ‚auswärts’ in der Fußballbundesliga im Hamburg-Derby gegen den HSV mit 1:0. Die Freude bei den Fans war unermesslich groß. Mehr als der Klassenerhalt zählte der Sieg gegen den ungeliebten Lokalrivalen. Aber dieser Derby-Sieg sollte sich als Fluch erweisen. Zwar gewann man am nächsten Spieltag noch das Heimspiel gegen die Gladbacher. Aber aus den letzten 12 Spielen holte St. Pauli gerade noch einen einzigen Punkt, rutschte vom 11. Platz auf den 18., wurde so mit Abstand Letzter und stieg ab.

Ganz so feindselig ist die Rivalität zwischen dem SV Werder Bremen und dem HSV nicht. Aber ein Sieg wird gern gefeiert, zumal wenn er auswärts zustande kommt. Entgegen meinen Erwartungen siegten tatsächlich die Bremer am 22. Spieltag in Hamburg mit 3:1, zeigten ein gutes Spiel, zumal der HSV durchaus auf Augenhöhe agierte. Als Fan durfte man erwartungsfroh den nächsten Spieltagen entgegensehen.

Aber Pustekuchen! Es muss eine Art von Derby-Effekt sein, ein Fluch, wenn nach einem Derby-Erfolg plötzlich nicht mehr viel zusammenläuft. Der SV Werder verliert plötzlich Spiele, deren Punkte man eigentlich fest einkalkuliert hatte, zunächst zu Hause gegen den ‚Club’ aus Nürnberg, dann bei der verunsicherten Hertha in Berlin – jeweils 0:1.

Nicht das man unbedingt schlecht gespielt hätte, das nicht; Geschäftsführer Klaus Allofs bringt es auf den Punkt: „Wir sind nicht in der Lage, zwingend zu spielen und uns in den entscheidenden Situationen durchzusetzen. Wenn der letzte Pass ansteht, die Chance kommt, dann sind wir nicht konsequent genug.“ Unvermögen nennt man das auch. Hätte Werder die beiden Spielen gewonnen, dann wären sie fast an Schalke und damit an dem 4. Platz, der zumindest für die Qualifikation zur Champions League berechtet, dran gewesen. Nicht nur Schalke, sondern auch die Bayern und die Gladbacher Borussia musste plötzlich Haare lassen. Aber die Bremer haben die Gunst der Stunde nicht zu nutzen gewusst.

Am Sonntag geht es gegen Hannover 96, die plötzlich nur noch einen Punkt hinter Werder stehen. Wenn das Spiel verloren geht, dann kann Werder wahrscheinlich auch die Europa League-Teilnahme knicken und dürfte den Rest der Saison im Mittelfeld dahindümpeln.

Es ist sicherlich nur ein schwacher Trost zu sehen, wie in ähnlicher Manier die Bayern oder jetzt auch Mönchengladbach ihre Spiele verlieren. Borussia Dortmund, mit sieben Siegen in sieben Spielen in der Rückrunde, ist auf Meisterkurs.

Der Sonntag ist der Schicksalstag. Wenn nicht mit Spielkunst, dann muss eben mit Kampf ins Spiel gegangen werden (mit Kampf, nicht Krampf), um die nötigen Zweikämpfe für sich zu entscheiden. Auch die Standards wie Eckbälle müssen endlich konsequenter genutzt werden. Ich denke, dass ist bei den Bremern angekommen. Ich bin gespannt, ob das auch auf dem Feld umgesetzt wird. Lassen wir uns überraschen …?!

Heute Ruhetag (6): Aristophanes – Die Frösche

Heute Ruhetag!

Xanthias: Herr, fang‘ ich wohl mit Spaßen, von der Sorte
Der ordinären, stetsbelachten, an?

Dionysos: Meinthalb, soviel du willst, nur kein: »Das drückt!«
Das laß mir weg; ich hab’s zum Ekel satt.

Xanthias: Doch sonst was Schnurriges?

Dionysos:                  Nur nicht: »Mein Rücken!«

Xanthias: ’nen Kapitalspaß also?

Dionysos:                  Ja, zum Henker,
Nur herzhaft los! – Doch hör, kein Wort –

Xanthias:                  Wovon?

Dionysos: Dich kackre und du woll’st dir’s leichter machen!

Xanthias: Doch das: »Wenn ich mich länger mit dem Pack
Noch schleppen muß – so knarrt die Hintertür?«

Dionysos: Ums Himmels willen, nein, mir würde übel!

[…]

Aristophanes: Die Frösche (aus 1. Szene) – Komödie (405 v. Chr., erster Preis bei den Lenäen)

Aristophanes

Aimee Mann (3): Aimee & Family

Mit dem Album ‚Whatever’ begann Aimee Mann 1993 ihre Solo-Karriere, nachdem sie zunächst jeweils als Gründungsmitglied bei der Punk-Band Young Snakes und anschließend bei der New Wave-Gruppe ’Til Tuesday (bis 1990) Bass spielte und sang. Mit den Jahren ist ihre Stimme deutlich gereift, das Timbre und ein leichtes Vibrato der Stimme macht sie unverwechselbar. Auch hat Aimee Mann ihren Stil geändert.

Musik von Aimee Mann

Aimee Mann gibt uns ein gutes (oder eher schlechtes) Beispiel dafür, was man von der Musikindustrie halten kann. Da sie von ihrem Plattenlabel die Nase voll hatte, sich von diesem ungenügend unterstützt, ja durch der Einmischung in ihre Arbeit enttäuscht sah (dokumentiert in Liedern wie „Calling it Quits“ und „Nothing is Good Enough“), gründete sie 1999 ihr eigenes Label SuperEgo Records (siehe den Youtube-Kanal) und veröffentlichte ihr Album „Bachelor No. 2“ in Eigenregie. So ist es kein Wunder, dass Aimee Mann Gründungsmitglied von United Musicians wurde, einem Zusammenschluss von Musikern, die sich dafür einsetzen, dass jeder Künstler im Besitz der Urheberrechte an seinen Werken bleiben soll (im Unterschied z.B. zum deutschen Urheberrecht werden die Entscheidungs- und Verwertungsrechte über ein Werk in den USA oft nicht dem Urheber, also Künstler, zugestanden, sondern den wirtschaftlichen Rechteverwertern, z.B. der Plattenfirma).

Wie gesagt: Ihr Stil wandelte sich mit den Jahren und wurde jetzt gern auch unter Berücksichtigung ihres Kampfes um mehr Unabhängigkeit für Musiker als ‚more Indie than Indie’ bezeichnet. Mit Aimee Mann, ihrem Ehemann Michael Penn, dem Bruder des Schauspielers Sean Penn (1997 haben beide geheiratet), und weiteren Musikern entwickelte sich eine eigene Musikszene rund um den Largo Nightclub in L.A., deren Stil man auch ‚Acoustic Vaudeville’ nannte. Spätestens mit dem Album „Bachelor No. 2“ (2000) wurde Aimee Mann auch in Deutschland – auf die Singer/Songwriter-Schiene gesetzt – bekannt und erfolgreich. Für mich ist sie, ähnlich wie Ry Cooder, eine markante Vertreterin US-amerikanischer Musik, einer Musik, die neben europäischen auch anderen Einflüssen als unsere Musik unterliegt.

    Aimee Mann: Discographie

Hier zunächst ihre Solo-Alben im Überblick:

Whatever (1993)
I’m With Stupid (1995)
Magnolia (Album) (Original-Soundtrack zum Film Magnolia) (1999)
Bachelor No. 2 or the Last Remains of the Dodo (2000)
Lost in Space (Album) (2002)
Lost in Space Special Edition (2004)
Live at St. Ann’s Warehouse (Livealbum/DVD) (2004)
The Forgotten Arm (2005)
One More Drifter in the Snow (2006)
@#%&*! Smilers (2008)

Natürlich ist es nicht nur die Musik, die für Aimee Mann spricht. Fast mehr noch sind es ihre Texte. So ist das Album „The Forgotten Arm“ ein Konzept-Album, in dem die Geschichte zweier Charaktere erzählt wird, die miteinander davonlaufen, um ihren Probleme zu entkommen, aber die mit mehr Problemen enden, als sich das jeder von ihnen hätte vorstellen können.

„Die fundamentale Einsamkeit und Beziehungsunfähigkeit, die aus solchen Zeilen spricht, ist ein Leitmotiv in Aimee Manns Songs. Dahinter steht eine tiefe Skepsis gegenüber der modernen Ideologie von Bindungslosigkeit und Selbstverwirklichung, aber auch der verletzliche, ehrliche Stolz der Außenseiterin, die beschlossen hat, ihren ganz eigenen Weg zu gehen: ‚Als ich sehr jung war, war ich ein großer Elton-John-Fan. Ich versuchte damals schon Songs zu schreiben, aber sie waren richtig schlecht, weil ich es nicht schaffte, meine eigenen Gedanken in den Songs unterzubringen. Viele junge Leute verbergen das, was sie denken, weil sie nicht wirklich daran glauben, und dann verbirgst du es irgendwann vor dir selbst und fängst an, Rollen zu spielen. Ich habe mich entschieden, es anders zu versuchen. Der beste Weg, mit einer schwierigen Situation umzugehen, ist manchmal, nicht daran teilzunehmen. Das gilt auch fürs Musikgeschäft. Du entscheidest dich, was du wirklich willst, und dann solltest du es einfach tun.’“ (Quelle: michaelsailer.de)

Aber genug erzählt. Lassen wir Aimee Mann sehen und hören. Hier als kleiner Querschnitt einige Videos mit ihrer Musik aus den Solo-Alben:


Aimee Mann: Mr. Harris (Whatever)


Aimee Mann: Long Shot (I’m With Stupid)


Aimee Mann: Save Me (Magnolia-Soundtrack und Bachelor No. 2)


Aimee Mann: How Am I Different (Bachelor No. 2 …)


Aimee Mann: Pavlov’s Bell (Lost in Space)


Aimee Mann: 4th of July (live at St. Ann’s Warehouse)


Aimee Mann: Video (The Forgotten Arm)


Aimee Mann: Freeway (@#%&*! Smilers)


Aimee Mann: 31 Today (@#%&*! Smilers) mit Morgan Murphy

Seit 1997 ist Aimee Mann – wie erwähnt – mit Michael Penn verheiratet, der ebenfalls als Singer/Songwriter in den USA erfolgreich ist (hier das Video zu This & That, in dem Michael Penn von seinem Bruder Sean vorgestellt wird). Zudem hat Aimee Mann eine fünf Jahre jüngere Schwester (Halbschwester, um genau zu sein), die in Minnesota lebt, namens Gretchen Seichrist (what a name!). Diese ist wohl in erster Linie Malerin, hat aber auch schon zwei Musikalben unter dem Namen Patches & Gretchen herausgebracht (hier zwei Hörproben und der Youtube-Kanal). Übrigens: Das Lied „Medicine Wheel“ (auf Aimee Manns Album „@#%&*! Smilers“) ist eine Komposition von Aimee Mann zu einem Gedicht von Gretchen Seichrist, das ihr diese einmal per eMail zugesandt hatte (normalerweise schreibt Aimee Mann erst die Musik und dann den Test dazu – Quelle: www.aimeemann.com/messageboard).

Gretchen Seichrists Stimme ist weniger ausgebildet als die von Aimee Mann. Manchmal klingt sie wie ein weiblicher Lou Reed, so wie in der folgenden Aufnahme:


Sugar Head Pie – Patches and Gretchen

Sie hat sich auch an Coverversionen von Bob Dylan gewagt, recht eigenwillig, skurril und rau vorgetragen, ohne Zweifel aber sehr aufschlussreich und jenseits des Mainstreams. Als hauptsächlichen Einfluss nennt Gretchen Seichrist übrigens neben Dylan Patti Smith und „sister Golden Hair” Aimee Mann. Eine schwesterliche Liebe.


Dirge – Patches & Gretchen w/Scarlet Rivera Live at the Dakota, 9-14-2010

Zlatá Praha (2): Hinfahrt nach Prag 1982

In der Vorosterzeit 1982, also vor genau 30 Jahren, fuhr ich mit einem Freund über Würzburg, Nürnberg, Karlsbad (Karlovy Vary) und Pilsen (Plzeň) nach Prag. Auf der Rückreise machten wir in Marktredwitz Halt. Das war eine ganz schön ‚harte’ Tour, aber auch sehr interessant und heute so nicht mehr möglich.

Die Reise könnte man als eine Tour auf den Spuren trinkbarer Erzeugnisse Pilsener Brauart bezeichnen. Auch wandelten wir in Prag auf Kafkas Spuren. Von Bremen kommend, am Freitag, den 2. April 1982 ging es mit dem Zug um 16 Uhr 08 los, machten wir zunächst Halt in Würzburg, um in der dortigen Bahnhofsgaststätte im Hauptbahnhof (es muss sich wohl um das Restaurant „Bürgerstuben“ gehandelt haben, das es heute nicht mehr gibt) ein „Würzburger Hofbräu“ zu genießen. Da wir in Würzburg erst kurz vor 21 Uhr ankamen, entschlossen wir uns, in der Stadt eine Unterkunft zu suchen.

Am nächsten Tag (Samstag, den 3. April 1982) ging er dann kurz vor Mittag weiter nach Nürnberg, wo wir etwas außerhalb der Stadtmitte ein Zimmer suchten und in der Pillenreuther Straße (Gasthof Cramer-Klett) preiswert findig wurden. Heute gibt es den Gasthof auch schon nicht mehr, dafür hat sich ein Cafe mit Billard in der Gaststube breit gemacht. Den späten Nachmittag verbrachten wir im Biergarten des Restaurant Burgwächter gleich bei der Nürnberger Burg. Dort kamen wir auch gleich ins Gespräch mit ‚Einheimischen’ (u.a. an Tina und Hubert kann ich mich erinnern), die uns dann zum Essen und später sogar zu sich nach Hause in die Meuschelstraße einluden. Das Ganze wurde dann doch etwas sehr feucht-fröhlich, sodass wir uns am nächsten Tag entschieden, noch eine Nacht in Nürnberg zu bleiben.

Leider hatte man in dem Gasthof wegen einer großen Familienfeier kein Zimmer für die kommende Nacht frei. So suchten wir in der Nähe eine andere Unterkunft in der gleichen Straße in der Pension Gerhard (heute Gasthof und Hotel). Den Tag über (Sonntag, den 4. April 1982) ernährten wir uns von Jägerbraten, Zwiebelsuppen, Nürnberger Bratwürsten und Bajuvator, dem dunklen Doppelbockbier der Nürnberger Tucher Brauerei. Ja, es war ja Starkbierzeit (nur zur Info: Die Starkbierzeit 2012 ist, wenn ich das richtig sehe, vom 25.02. bis 31.03. 2012 – geht also immer bis eine Woche vor Ostern – und ich so gönne mir in diesen Tagen ab und wann ein besonders kräftig-malziges Paulaner Salvator). Trotz der Nase im Bierglas ging das Weltgeschehen nicht ganz an uns vorbei: Inzwischen wurde vermeldet, dass argentinische Truppen auf den Falkland-Inseln gelandet wären. Damit begann der Falkland-Krieg.

Endlich am Montag, den 5. April 1982 ging es über die deutsch-tschechoslowakische Grenze. In Nürnberg fuhren wir um 11 Uhr 12 los. In Cheb (deutsch: Eger) kamen wir zum ersten Mal auf den Boden der ČSSR; bis zum Ende 1992 waren Tschechien und die Slowakei ja noch ein Staat (und bis 1990 auch sozialistische Republik). An der Grenze mussten wir pro 30 DM in Kronen tauschen; da wir sechs Tage bleiben wollten, bekamen wir für 180 DM pro Person 778 tschechoslowakische Kronen (Kcs.). Zwangsumtausch nannte man das damals.


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Nürnberg (A) – Prag (E) über Marktredwitz (B), Karlsbad (C) und Pilsen (D)

Bevor wir nach Prag fuhren, wollten wir auf jeden Fall einen Halt in Pilsen, der Mutter aller Pilsner Biere resp. Biere Pilsener Brauart, machen. Die Stadt ist zunächst eine Industriestadt. Denn hier wird nicht nur das berühmte Pilsner Urquell gebraut, sondern es befinden sich hier auch u.a. die Škoda-Werke. In der Ferne sah man schon sich die Schornsteine gen Himmel recken. Gegen 16 Uhr 30 kamen wir an. Die Innenstadt entpuppte sich als nicht allzu attraktiv.

Irgendwie erinnere ich mich an Lautsprecher an Straßen und Plätzen, die sozialistische Propaganda unters Volk brachten. Wir fühlten uns leicht befremdlich – wie in einem falschen Film. Die Suche nach einer preiswerten Unterkunft gestaltete sich schwierig. Aber um es gleich zu sagen: Nirgendwo sonst habe ich so viele hilfsbereite Menschen erlebt, die uns förmlich an Pilsen binden wollten und sich um eine Unterkunft für uns bemühten. Wir sprachen Polizisten an, zu denen sich schnell eine Verkäuferin gesellte, Angestellte der Bahn kamen hinzu; man ging zum nahegelegenen Postamt und telefonierte. Aber für die zwei jungen Typen mit Rucksäcken wollte sich keine günstige Schlafgelegenheit auftun. Dann wurden wir mit einem Auto zu einer Unterkunft der Bahn gebracht; im Foyer hätten wir auf Sesseln die Nacht kostenlos verbringen können, aber das wollten wir weder den Leuten hier, noch uns antun. Am Ende empfahl man uns das Hotel Škoda, ein Zimmer war für uns vorgemerkt – wir mussten nur noch mit der Straßenbahn der Linie 1 ein kurzes Stück fahren, um es am náměstí Českých bratří („Platz der tschechischen Brüder“ oder so – ist zumindest der heutige Name des Platzes) zu finden. Ein Hochhaus, nicht ganz billig, aber okay. So machten wir uns zunächst frisch und dann auf den Weg nach einem trinkbaren Pilsner. Wir fanden bald eine halbwegs gemütliche Kneipe, in der der halbe Liter umgerechnet 50 Pfennige kostete (was auch vor 30 Jahren schon spottbillig war), trinkbares Bier, wenn’s auch kein Pilsner Urquell war. Und der Hammer: Der Wirt wollte uns mit zwei Mädels verkuppeln. Das war uns fürs erste dann doch zu viel der ‚Gastfreundschaft’. Wir waren ja hier nicht als Sextouristen angereist, sondern wegen des Bieres (und auch, um auf Kafkas Spuren zu wandeln). Im Hotel spielte dann noch eine Tanzkapelle, nur tanzte keiner, dafür wir … nämlich bald ab ins Bett, nachdem wir aber noch unser Pilsner Urquell bekommen hatten (das Bier für nicht mehr ganz so preiswerte 5 Kcs.).

Am Dienstag, den 6. April 1982 war es dann endlich soweit. Nach einem guten Frühstück liefen wir zu Fuß zum Hauptbahnhof von Pilsen (Plzeň hlavní nádraží) zurück. Mit unseren Rucksäcken auf den Buckeln waren wir gewissermaßen die große Sensation in Pilsen an diesem Tag. Dann ging es mit einem Bummelzug endlich Richtung Prag, wo wir gegen 14 Uhr am Prager Hauptbahnhof ankamen. Die Gegend unterwegs gefiel uns schon einmal ganz gut, besonders Karlštejn mit seiner Burg.

Fortsetzung folgt: Zlatá Praha (3): Prag 1982 – Bier und Kafka