Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch

Max Frisch, dessen 100. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern dürfen, hat neben seinen Stücken und dem erzählenden Werk eine besondere Prosaform entwickelt: das Tagebuch. Es ist nicht zu verwechseln mit den üblichen Tagebüchern von Schriftstellern. In Frischs literarisch ausgestalteten Tagebuch, das Autobiografisches mit fiktionalen Elementen verbindet, findet er eine literarische Form, die ihm in besonderem Maße entspricht und in der er auch seine ausgedehnten Reisen reflektiert. Es enthält neben der Schilderung realer Fakten also auch viel Dichtung und nimmt dabei teilweise spätere Prosa- oder Theaterstücke vorweg. Begonnen hat Frisch mit dieser Form schon früh mit Blätter aus dem Brotsack, die er während seines Aktivdienstes im Herbst 1939 als Kanonier während seiner ersten Militärdienstperiode im Zweiten Weltkrieg verfasste.

Als eigenständige Werke wurden dann seine Tagebucher 1946-1949 und 1966-1971 bekannt. Inhaltlich findet sich im Tagebuch 1946-1949 (das Buch ist in gleicher Schriftart gehalten) in etwa Folgendes:

Erzählungen wie Marion und die Marionetten (Andorra) / Tagebuchnotizen (z.B. Basel, März 1946) / Essays (Du sollst dir kein Bildnis machen) / Reiseberichte / Skizzen (z.B. zum Stück Der Graf von Öderland) / usw.

Das Tagebuch 1966 – 1971 (in unterschiedlichen Schriftarten gehalten) geht über diesen Rahmen schon hinaus und besticht besonders durch die Fragebogen (gewissermaßen nach amerikanischen Vorbild) und seiner satirischen Prosadichtung zur Gründung einer Vereinigung Freitod. Inhaltlich finden wir folgende Prosa-Formen:

FRAGEBOGEN (z.B. Sind Sie sicher, daß Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?) / Artikel (z.B. BERZONA) / Erzählungen (z.B. DER GOLDSCHMIED) / Erinnerungen (Erinnerungen an Brecht) / Tagebuchnotizen (z.B. BERZONA, Juni 1966) / Reiseberichte (Warschau) / Skizzen / Verhöre / Vereinigung Freitod (Entwurf/Notiz zum Handbuch/ Handbuch für Mitglieder: „Wer alt wird, ist selber schuld.“ – damit endet auch dieses Tagebuch)

„Im August 2009 meldeten die Feuilletons eine Sensation: In einem der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Teil des Max-Frisch-Archivs in Zürich war das Typoskript eines bisher unbekannten Werks des Schweizer Autors gefunden worden: 184 Seiten, von Frisch auf Tonband diktiert, von seiner Sekretärin in die Maschine getippt. Der Autor selbst hatte auf der Titelseite notiert: ‚Tagebuch 3. Ab Frühjahr 1982.’

Tagebuch 3
Ab Frühjahr 1982
Widmung: Für Alice
New York, November 1982

„Max Frisch lebte zu dieser Zeit in New York, zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin Alice Locke-Carey, bekannt als ‚Lynn’ aus der Erzählung ‚Montauk’. Ihr ist dieses ‚Tagebuch 3’ gewidmet, und vermutlich fällt das abrupte Ende der Aufzeichnungen mit der Trennung von der Amerikanerin im Frühjahr 1983 zusammen. Die USA und die Schweiz, die Reagan-Administration und das belastete Verhältnis zu der um vieles jüngeren Frau, der Kalte Krieg und der Krebstod eines engen Freundes: Wie die beiden legendären, 1950 und 1972 erschienenen Tagebücher verzeichnen auch die ‚Entwürfe zu einem dritten Tagebuch’ Augenblicksnotizen neben längeren reflexiven Passagen – und heben das scheinbar flüchtig hingeworfene Notat in den Rang des Literarischen: ‚Es gibt in Amerika alles – nur eins nicht: ein Verhältnis zum Tragischen.’“
(Kladdentext – Entwürfe … – Herausgegeben und mit einem Nachwort von Peter von Matt – 3. Auflage 2010, Suhrkamp Verlag Berlin)

„Das Typoskript für ein drittes, 1982 begonnenes Tagebuch wurde 2009 in den Unterlagen von Frischs Sekretärin entdeckt. Bis dahin war man davon ausgegangen, dass Frisch dieses Werk als 70-Jähriger vernichtet hatte, weil er sich dessen kreativer Gestaltung aufgrund eines zunehmenden Verlusts seines Kurzzeitgedächtnisses nicht mehr gewachsen fühlte. Als das Typoskript 2010 veröffentlicht wurde, erhielt es aufgrund seines fragmentarischen Charakters den Titel Entwürfe zu einem dritten Tagebuch.“

Diese ‚Entwürfe … ’ äußern sich vorherrschend zum Altern, zu einem sterbenden Freund, zum Tod, zu den USA (siehe hierzu meinen Beitrag: Max Frisch und the American Way of Life!), zum Nuklearkrieg, zu Israel, zur Arbeit, zur Liebe, zur Transzendenz und zuletzt zu Frischs Traum von einem Haus für die letzten Jahre („das weiße ‚Lebensabendhaus’ in der Landschaft von New England.“)

Herausgegeben wurde dieses 3. Tagebuch von Peter von Matt, der in einem Nachwort schreibt: „Für sich allein betrachtet, stellt jeder der hier versammelten Texte eine Meditationsvorlage dar.“ (S. 189) Ich habe das beim Lesen ähnlich empfunden. Obwohl es eine chronologische Abfolge des Verfassten gibt, so steht jeder einzelne Text für sich wie ein Bild in einer Galerie, vor dem man verweilen sollte. Jeder Abschnitt (manchmal füllt er keine ganze Seite) verdient der Betrachtung, der Meditation – wie Peter von Matt schreibt.

Dieses 3. Tagebuch ist inhaltlich sicherlich nicht die große Sensation. Aber wir erfahren doch Einiges aus dem Lebensabend eines großen Schriftstellers. Ansonsten ist dieses kleine Buch eher etwas für eingefleischte Max Frisch-Leser.

Literatur von Max Frisch

Max Frisch lebte lange Zeit (von 1965 bis 1984) in einem aufwändig renovierten Haus in dem kleinen Ort Berzona im Tessin (siehe hierzu Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän – Eine Erzählung). Laut dieses 3. Tagebuchs grenzte das Grundstück an den kleinen Friedhof des Ortes.


Größere Kartenansicht
New York – 123 Prince Street (SoHo)

Daneben unterhielt Max Frisch auch weitere Wohnungen, so ein Loft in New York – 123 Prince Street (in SoHo – gekauft 30.04.1981 – verkauft 26.09.1984); Wohnungen in Berlin, Sarrazinstraße 8 (ab 1973 – ging nach der Scheidung an Frau Marianne Frisch-Oellers) und in Zürich, Stockerstraße 39 (von 1979 – 1983). Von 1983 bis zu seinem Tode lebte Max Frisch in Zürich, Stadelhoferstraße 28 (in der Nähe des Café Odéon, das im Tagebuch 1946-1949 erwähnt wird)


Größere Kartenansicht
Zürich, Stadelhoferstraße 28 – Wohnsitz von Max Frisch (1983 – 1991)

Siehe auch meine weiteren Beiträge zu Max Frsich:

Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän – Eine Erzählung
Vergessene Stücke (9): Max Frisch – Biografie: Ein Spiel
Max Frisch: Homo faber – Ein Bericht
Max Frisch und the American Way of Life!
Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein
Max Frisch: Stiller

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.