Rechtes Schattenland

Am Anfang der Woche erhielt ich folgende Mail aus Buchholz/Nordheide:

Hallo,

in der vorletzten Ausgabe des Nordheide Wochenblattes vom 07.09.2011 wird auf Seite 1 ein redaktioneller Beitrag über EUCH und Ulrich Graß gebracht. Die Aktion gegen rechte Bürger u. Unternehmer ist ziemlich krass und verschärft m.E. nur die politische Auseinandersetzung zwischen rechts und links. Die Auseinandersetzung muss demokratisch und politisch geführt werden ohne den politischen Gegner in das wirtschaftliche AUS zu treiben und ihn abhängig von staatlichen Transferleistungen zu machen. Die Rechten haben genauso wie die Linke das demokratische Recht, Ihre Meinungen zu sagen. Demokratie muss das aushalten. Demokratie lebt von Mehrheiten, die sich bilden und sicher wird sich keine rechte Mehrheit in Deutschland bilden. Oder ist Euer Vertrauen in unsere Demokratie so schlecht?

Gruss …

Es geht hierbei um diesen kleinen Artikel. Ausführlicher wurde übrigens im Hamburger Abendblatt am 20.09.2011 berichtet: Mietklausel soll rechte Läden in Tostedt verhindern – Das Forum für Zivilcourage appelliert an Vermieter. Ein Zusatzparagraf im Mietvertrag soll eine Kündigung in Zukunft erleichtern.

Kreiszeitung Nordheide Wochenblatt Nr. 36 vom 07.09.2011/40. Jg.
Kreiszeitung Nordheide Wochenblatt Nr. 36 vom 07.09.2011/40. Jg.

Ich habe auf die Mail wie folgt geantwortet:

Hallo Herr …,

den Artikel habe ich erst jetzt gelesen und halte die Aktion zwar für legitim, aber auch für ziemlich überzogen. Natürlich muss die Auseinandersetzung mit den Rechten mit rechtstaatliche Mitteln geführt werden. Auch Rechte haben ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Nur sind diffamierende Nazi-Parolen keine Meinungsäußerung mehr. Und der Aufruf zur Gewalt noch weniger. Das gilt übrigens für links wie rechts. Bedenken Sie allerdings auch den Hintergrund: Es geht um Silar und seinen Laden. Hier wird nicht nur verkauft, sondern hier werden Jugendliche rekrutiert und zur Gewalt gegen Andersdenkende angestiftet. Leider hat es die halbherzige Politik nicht geschafft, für eine Schließung des Ladens zu sorgen. Jetzt schafft es die Justiz, wobei ich diesen Kuhhandel mit Herrn Silar alles andere als gut heiße [ein Urteil gegen den Neo-Nazi Silar wg. Landfriedensbruches wurde unter der Auflage, dass er seinen ‚Szeneladen’ schließt, in eine Bewährungsstrafe umgewandelt]. Ich denke, es geht nicht darum, „den politischen Gegner in das wirtschaftliche AUS zu treiben“. Es geht darum, der Gewalt vorzubeugen – notfalls auch mit etwas ‚ungewöhnlichen’ Mitteln.

Gruß
Willi

Warum schreibe ich das? Obwohl ich über die rechte Szene in Tostedt in diesem Block schon öfter berichtete, wunderte es mich schon, dass mir diese Mail zugesandt wurde. So ganz komme ich nicht hinter den Beweggrund des Schreibers. Will hier nur einer ‚auskundschaften’, wie ich zu dieser Aktion des Forums für Zivilcourage in Tostedt stehe (anfangs heißt es dort: „… wird … ein … Beitrag über EUCH … gebracht.“)? Dem widerspricht die Einsicht: „Demokratie lebt von Mehrheiten, die sich bilden und sicher wird sich keine rechte Mehrheit in Deutschland bilden.“

Rechtes Schattenland

Vom Letzteren gehe ich aus. Trotzdem beschäftigt mich die rechte Szene und die Frage, welchen Reiz deren Gedankengut eigentlich auf Menschen hat. In meinem Beitrag über den Massenmord in Norwegen zitierte ich den Terrorismus-Experten des ZDF, Elmar Theveßen, und wiederhole seine Aussage hier noch einmal, in der er von einer Szene spricht, „die in den Krisen und Kriegen dieser Welt den großen Endkampf der Religionen – die Schlacht von Armageddon – wiederzuerkennen glaubt; die den Islam als das Böse und jeden Muslim als Feind ansieht. Und die jeden Europäer, der für Toleranz und Offenheit zwischen den Religionen, den ethnischen Gruppen und gegenüber Zuwanderern eintritt, zum Verräter stempelt, der in der großen Schlacht sterben muss. Die Anhänger dieser Theorien lesen Bücher, in denen der Generalsekretär der Vereinten Nationen der Antichrist ist, spielen christliche Ballerspiele, trainieren ihre Kinder für den Kampf und vernetzen sich quer durch Europa und die USA.“

Ganz so weit ausholen muss man wohl nicht, wenn man die Nazi-Szene in Tostedt betrachtet. Diese geben sich weniger ‚religiös’, dafür nationalistisch-sozialistisch (Ziel ist eine Volksgemeinschaft der Deutschen). Im Wesentlichen begnügt man sich mit Gespött und Denunzierungen des ‚politischen Gegners’, wobei man auch demokratisch Gesinnte bei den Linksextremen einreiht. Und es geht natürlich um Einschüchterungsversuche. Die einschlägigen rechten Blogs (z.B. logr.org/tostedtgegenlinks) werden fernab in den USA gehostet, um dem Zugriff deutscher Behörden zu entgehen. Außer Herrn Silar bleiben die Herrschaften natürlich im Anonymen. Das Ganze wirkt eher spielerisch, wären da nicht die diversen kriminellen Handlungen (Landfriedensbruch, Körperverletzung, Sachbeschädigung). Ich denke, die Herren betrachten sich als eine Art elitärer Geheimbund. Nur will man nicht die ganze Welt, sondern nur ein „Deutschland der Deutschen“ retten. Solch spätpubertäres Verhalten findet sich übrigens viel in rechten Kreisen.

Nun ich habe weiter im Internet recherchiert, das die rechte Szene natürlich zur Genüge für sich ausnutzt. Da gibt es jede Menge selbst ernannte Kreuzzügler und Tempelritter, die uns vor dem Bösen, dem Islam und den ‚Liberalen’ retten wollen. Es ist ein rechtes Schattenland, in dem viele unselige Geister spuken. Man könnte das beängstigend nennen. Ich persönlich finde das nur ‚krank’. Für heute aber genug.

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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