Vergessene Stücke (12): Botho Strauß – Kalldewey, Farce

Botho Strauß (* 2. Dezember 1944 in Naumburg) ist ein deutscher Schriftsteller und Dramatiker. Er gehört zu den erfolgreichsten und meistgespielten zeitgenössischen Dramatikern auf deutschen Bühnen. Sein Stück Kalldewey, eine Farce, wurde am 31.01.1982 in der Regie von Niels-Peter Rudolph am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt.

Das Stück von Botho Strauß selbst kenne ich aus einem Band mit verschiedenen Theaterstücken (suhrkamp taschenbuch 1190 – 1. Auflage 1985) Theater heute, dessen andere Stücke ich hier bereits alle vorgestellt habe.

Personen:
Der Mann (Hans)
Die Frau (Lynn)
K (Kattrin)
M (Meret)
Zweiter Mann (Kalldewey)
Kellner/Chef

M: … nur Lieb und Graus …

„Lynn und Hans wollen Abschied nehmen und kommen doch nicht voneinander los. Dann explodiert die Elegie, anfangs verbal und kurz darauf in einer Orgie der Gewalt, die Küsse auf Bisse reimt: Lynn hat zwei Lesben angeheuert, mit deren Hilfe sie ihren Mann zerfetzt und in die Waschmaschine stopft. Erneut abrupter Szenenwechsel: Alle sind wieder wohlbehalten auf der Bühne, bilden inzwischen eine Art Therapiegemeinschaft und feiern Lynns Geburtstag. Neben Hans erscheint ein zweiter Mann, den keiner kennt und keiner eingeladen hat. Er heiße Kalldewey, sagt er, gibt ein paar Obszönitäten von sich und bleibt ansonsten stumm. Zuerst ist er den anderen lästig, doch als er so plötzlich, wie er kam, verschwindet, fehlt er ihnen sehr. Ein zweites Mal sind Lynn und Hans mit sich allein, bis der letzte Akt sie auf den Korridor eines Bürogebäudes katapultiert. Der Chef, von dem man nur die Stimme hört, ist hier zugleich der Therapeut und lässt alle ohne allzu großes Zutun in turbulenten Rollenspielen ihre Konflikte mit sich, Gott und der Welt durchexerzieren …“ (Quelle: rowohlt-theaterverlag.de)

Der Mann: Da gab es einmal einen Rattenfänger, dem sind wir hinterher. Mit seiner Flöte zog er uns das Ungeziefer von der Seele und ertränkte es im Vergessensfluß.

Strauß‘ Persiflage auf das Heilsbegehren westlicher Wohlstandsmenschen wurde 1982 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet: „Kalldewey, Farce beschreibt die Zerstörtheit ehelicher und nicht-ehelicher Zweierbeziehungen, die Scharlatanerie der zur Routine gewordenen Seelen- und Gruppentherapie, das Versatzstückhafte einer sich anti-bürgerlich gebenden Sprache. Kalldewey, Farce ist gleichzeitig ein Beitrag zu einer zeitgenössischen Dramaturgie. Das Stück bekennt sich in jedem Augenblick dazu … nichts als Theater zu sein.“ (Aus der Begründung der Jury – Quelle: rowohlt-theaterverlag.de)

Der Mann: Es war dies nur ein Spiel mit tieferen Spielen
Nicht wirkliche Magie: nach Katalog bestellte Therapie
Ein Wühlen in der Krabbelkiste namens Seele
Restposten, alte Wünsche grün und blau
Spottbillig der Krempel, man wühlt sich
Durch Gelegenheiten, halb gierig, halb interesselos
Und bringt bestimmt was Überflüssiges nach Haus.
Dennoch hab ich viel dazugewonnen.
Die Kur war schlimm, die Regeln wirr
Doch hätt ich niemals bessere Partner finden können
Als ihr es wart, ihr drei, ihr wart fantastisch
Ich dank euch vielmals, große Könner!

K: Nun lassen wir noch etwas liegen hier,
nur zur Erinnerung – für Kalldewey.

Stücke, Prosa und mehr von Botho Strauß

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Ein Gedanke zu „Vergessene Stücke (12): Botho Strauß – Kalldewey, Farce

  1. Das Stück haben wir in der Schaubühne gesehen. Es hat uns sehr berührt. Die Darsteller haben zum Schkuss Kleidungsstücke vorne über eine Art Brüstung/Reling gelegt – für Kalldewey. Gibt es die Aufzeichnung irgendwo als Video? Preis ziemlich egal. Dass es eine Aufzeichnung gibt, weiß ich. Vielen Dank, JK, Berlin

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