Martin Walser: Das Schwanenhaus (1980)

Ende der 70-er Jahre des letzten Jahrhunderts: Der Diskontsatz steigt gerade auf 7 %. Damit werden auch die Hypothekenzinsen steigen. Eine schlechte Ausgangslage für den Immobilienmarkt und damit für Makler, die ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Grundstücken, Häusern oder Wohnungen bestreiten. Wir befinden uns am Bodensee, genauer in Überlingen am Bodensee. Und noch etwas genauer in Nußdorf, heute ein Stadtteil von Überlingen. Hier wohnt kein Geringerer als Martin Walser. Und hier wohnt auch Dr. Gottlieb Zürn, Romanheld von Martin Walser.

    Das Leben kam ihr als etwas vor, was sie nie schaffen werde. Das war ihm vertraut.
    Martin Walser: Das Schwanenhaus (S. 209 – suhrkamp taschenbuch 800 – 7. Aufl. 2011)

Sie, das ist Magda, die zweitälteste Tochter von Gottlieb Zürn, dem Er (oder ihm). Ja, Dr. Gottlieb Zürn, zwei Semester hat er Kirchenarchitektur studiert, bevor er sein Jura-Studium aufnahm und nach Studium und Promotion als Makler tätig wurde. In Nußdorf. Erst als Kompagnon, dann selbständig zusammen mit seiner Frau Anna.

    Martin Walser: Das Schwanenhaus (1980)

Mit Gottlieb Zürn schuf Martin Walser, eine Romanfigur, die ihn so schnell nicht wieder loslassen sollte. Nach diesem ersten Zürn-Roman, Schwanenhaus, 1980 veröffentlicht, kam noch Jagd 1988 und 2004 „Der Lebenslauf der Liebe“ als weitere Gottlieb Zürn-Romane auf dem Markt.

„Erzählt wird der Kampf um etwas Wunderschönes, und wie die Kämpfer ausgerüstet sind. Das Schöne ist ein Haus, ein inniges Gehäuse am See, von Wänden und Fenstern leuchten Sehnsuchtsmotive. Die Kämpfer sind Händler. Das Haus steht leer. Die Besitzerin hat es verspielt. Der schöne Gegenstand wird Objekt des Konkurrenzkampfes. Wer wird es kriegen? Am meisten Aussicht hat Dr. Gottlieb Zürn. Glaubt er.

Das Buch macht Gottlieb Zürn zum Helden der Helden. Er ist in der weltlichen Zählung nicht der Heldenhafteste, nicht der Erfolgreichste, der Männlichste. Dem Roman aber ist er der Rühmenswerteste. Was die Gesellschaft als Nachteil bewertet und mit dem Makel der Erfolglosigkeit ahndet, rühmt der Roman: die Liebesfähigkeit des Liebenden, die Feinheit des Empfindlichen, den Charme des Kindlichen. Inmitten dieses Konkurrenz-Kampfes leistet sich dieser Held Poesie. Der Roman ist erzählt gegen das, was üblich ist. Er wirbt nicht, wie die Religion, für das Gute, er vertritt nicht, wie die Politik, das Richtige, sondern er erzählt den Sinn des Vorgangs: solange das Gute, das Richtige nicht Wirklichkeit wird, wird es Literatur.“
(aus dem Kladdentext)

Martin Walsers Helden haben es immer schwer mit ihrem Leben, das ihnen als etwas vorkommt, „was sie nie schaffen“ werden. So auch Gottlieb Zürn, Immobilienmakler und Vater von vier Töchtern. Schon lange hat er „keinen Vertragsabschluss mehr zustande gebracht. Schuld ist nicht nur die Konjunkturflaute, sondern vor allem sein innerer Widerstand, seine Kollegen als Konkurrenten anzusehen, sich durchzusetzen und draußen im feindlichen Leben zu kämpfen. Sein Ideal ist sein früh verstorbener und geschäftlich erfolgloser Vater, der stets etwas Leises und Duftendes an sich gehabt haben soll. Außerdem hegt er den Wunsch, sich als Dichter zu sehen – allerdings nicht als Dichter ‚auch für andere’ und schon gar nicht mit der Absicht, seine Werke zu Geld zu machen. Auch geht es ihm nicht darum, durch seine Gedichte Dinge auszudrücken, sondern sie im Gegenteil zu verschweigen – bzw. durch das Verschweigen anzudeuten, dass er etwas auszudrücken hätte, dies aber nicht tut. Zu sensibel und zugleich zu kindlich – er selbst sieht sich in seiner subjektiven Alterseinteilung, nach der er alle Menschen beurteilt, als etwa Zwölfjährigen – um als harter Geschäftsmann zu agieren, verliert er den Kampf um das Schwanenhaus“, eine Villa im Jugendstil. Dieses wird am Ende gesprengt und macht damit Platz für einen Block von 50 bis 100 Luxusapartments. (Quelle: de.wikipedia.org)

Personenliste zum Roman:

Dr. Gottlieb Zürn, Makler, bald 50 Jahre alt
Anna, seine Frau

Rosa, die älteste Tochter <-> Max Stöckl, Kameramann
Magda(lena), Tochter
Julia, Tochter
Regina, die jüngste Tochter

Frau Ortwein, Sekretärin
Leonhard, Vetter

Dr. Enderle, Immobilienhändler, Zürn ist sein Kompagnon und nach dessen Tod übernimmt dieser die Firma

Beatrice Bansin, Eigentümerin des Schwanenhauses, das sie verspielt hat
Eberhärdle, Sohn und bei den ‚Zeugen Jehovas’, Schulkamerad von Gottlieb Zürn
Dionys Dummler, Hausmeister im Schwanenhaus

Lissi Leistle, jüngere Schwester von Frau Bansin, Ehemann Inhaber eines Chemiewerkes

Rudi W. Eitel, Kollege und Freund von Gottlieb Zürn
Helmut ‚Schaden’-Meier, früher Architekt, jetzt Schätzer, Freund von Gottlieb Zürn

Paul Schatz, Immobilienhändler und Konkurrent
Jarl F. Kaltammer, Immobilienhändler und Konkurrent

außerdem:

Lissi Reinhold und Tochter Judith
Giselher ‚Kugelbart“
Dr. Terbohm und Frau Barbi
Baptist Rauh, Kunde
Ehepaar Fichte, Kunde
Familie Schneider aus Stuttgart, Feriengäste bei Zürns
Familie Constabler aus Solingen, Feriengäste bei Zürns
Ludwig …, ehemaliger Freund von Gottlieb Zürn

Armin, der Hund der Familie Zürn
Else, die Katze der Familie Zürn
u.a.

Walser bestreitet es zwar, aber seine Romanhelden haben immer viel mit ihm selbst zu tun. Besonders in Gottlieb Zürn hat sich Walser selbst ‚erfunden’. So hat Zürn vier Töchter wie Walser, Zürns Bruder fiel wie der Bruder Walsers im 2. Weltkrieg, Zürns früh verstorbener Vater ähnelt Walsers Vater stark – und beide wohnen ja in Nußdorf. Kenntnisse im Immobiliengeschäft hat sich Walser in der Zeit erworben, als er noch in Friedrichshafen wohnte und nach einer neuen, größeren Bleibe Ausschau hielt, sich also entsprechend schlau machen musste. Auch im Lebensalter sind sich beide fast gleich.

Auch wenn Zürn nicht Walser wirklich ist, so führt uns Walser doch sehr ‚tief’ in das Familien- und Berufsleben des Gottlieb Zürn ein. Das schafft man nur mit entsprechend eigenen Erfahrungen. Als Leser tauchen wir in die Welt zur Zeit des Bundesrepublik so kurz vor 1980 ein. Dabei versteht es Walser, Fiktives so anschaulich wie nur möglich zu gestalten.

Die Helden Walsers sind Antihelden. Ihnen gelingt wenig und sie brauchen Hilfe, um ihr Dasein zu bestehen. Aber sie sind mir sympathischer als all die hemdsärmeligen Macher, die alles an sich reißen. Auch wenn eben ein solcher Macher am Ende dieses Romans siegt, so findet ein Antiheld wie Zürn doch seinen Frieden – in den Armen seiner Frau.

„Walser auf der Höhe seines Könnens. Er war nie berückender, amüsanter und überzeugender.“ Abendzeitung, München

Dem kann ich mich nur anschließen. Der Roman brodelt über von Einfällen und beweist trotz aller Nackenschläge, die der Romanheld einzustecken hat, immer viel Witz.

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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