In rumänischer ‚Gefangenschaft‘

So langsam wird es winterlich (den ersten Frost hatten wir ja bereits, und hier bei uns wenige Flocken Schnee), da kam mir eine kleine Geschichte in den Sinn, ein Erlebnis nicht nur winterlicher Art, das ich mit meiner heutigen Frau vor über 20 Jahren erlebte. Wir waren vom 16.01. bis zum 06.02.1986 bereits zum 2. Mal in Winterurlaub nach Rumänien gereist. Für unseren damals besonders schmalen Geldbeutel war das gerade noch erschwinglich. Damals regierte noch Nicolae Ceausescu das Land mit eiserner sozialistischer Hand. Für die wohl eher wenigen westlichen Touristen war man dankbar. Den Menschen in Rumänien ging es damals nicht sehr gut. Obwohl das Land über Öl- und Erdgasquellen verfügt, waren Benzin, Heizöl usw. rationiert.

Im Winter zuvor (Weihnachten 1984 bis Neujahr 1985) waren wir zwei Wochen in dem sehr schönen Sinaia, einem Ferienort mit vielen alten Villen. Anfang 1986 weilten wir dann drei Wochen in Predeal im Kreis Brasov und dort im Hotel Orizont. Unterkunft und Verpflegung waren entgegen unseren Erwartungen bestens. Und ordentlich Schnee, vorallem Frost, hatten wir genügend. Aber hier nun die kleine Geschichte:

In Predeal hatten wir Langlauf betrieben und eines Tages machten wir uns einmal ohne Skier auf den Weg. Wir gingen in Richtung Timisu de Sus, einen kleinen Ort in der Nähe von Predeal. Dort schlugen wir uns in den Wald. Als Marschverpflegung hatten wir u.a. Schmalzgebackenes mit, das uns eine deutschstämmige Rumänin geschenkt hatte. Nach zwei Stunden machten wir eine längere Pause, suchten uns einen Baumstamm zum Sitzen aus. Da entdeckten wir an einem Baum Tierhaare, die nach unserer Meinung nur von einem Bären stammen konnten, der sich hier ähnlich wie Balu, der Bär aus dem Dschungelbuch, gerubbelt haben musste. In den rumänischen Wäldern gibt es tatsächlich noch viele Bären. Uns wurde ziemlich mulmig und wir dachten uns Strategien aus, mit deren Hilfe wir im Falle einer persönlichen Begegnung mit einem Bären die Flucht ergreifen könnten: u.a. sollte uns das Schmalzgebackene aus Ablenkungsmittel dienen.

Christa im rumänischen Wald Willi macht ein Päuschen
… unterwegs in rumänischen Wäldern

Aber uns sollte noch etwas mulmiger werden. Der Wald wurde durch eine Bahnstrecke geteilt. Und an jeder Kurve sahen wir Militär postiert, so als rechnete man damit, dass auf die Bahnstrecke ein Anschlag verübt werden könnte. So schlugen wir uns in den Wald zurück. Aber plötzlich kamen wir auf eine Lichtung, und dort vor uns befand sich quasi das Basislager der Militärposten. Schon wollten wir in den Wald zurück, aber wir erkannten, dass man uns bereits wahrgenommen hatte und mehrere Soldaten durch eine Absperrung auf uns zukamen. Flucht war unmöglich, also gingen wir den Soldaten entgegen. Wir fürchteten, erschossen zu werden (was wussten wir, wie man auf uns reagiert), dachten daran, die Arme zu erheben (vielleicht mit einem Taschentuch als Zeichen der Aufgabe zu wedeln?).

Nun, da ich dies hier schreibe, meine Frau nicht an Nachwirkungen von irgendwelchen Schussverletzungen leidet, wissen wir, dass nicht geschossen wurde. Rumänisch ist, wie der Name es schon sagt, eine romanische Sprache. Und so versuchte ich klarzumachen, dass wir zurück auf den Weg nach Predeal wollten. „Strada via Predeal …“ sagte ich und zeigte mit der Hand in die Gegend. Die Soldaten unterhielten sich, hatten wohl auch verstanden und riefen einen weiteren Soldaten zu sich, der sich anscheinendl mit den Örtlichkeiten hier besser auskannte als sie. Er kam, ging voran und wies uns an, ihm zu folgen. Noch waren wir uns nicht sicher, ob er uns vielleicht nur in den Wald führen wolle, um uns dort standrechtlich zu erschießen, denn ein Gewehr hatte er wie die anderen bei sich. Er ging mit schnellen Schritten vor uns her, wir kamen in unserem Schrecken kaum hinterher, es ging in den Wald zurück, dort eine Anhöhe hinauf und immer weiter … Dann hielt er an und fragte uns nach einer Zigarette. Ich hatte mich in Deutschland mit Zigarettenschachteln eingedeckt und gottlob auch zwei Packungen bei mir. Ich reichte ihm beide, eine öffnete er sogleich, nahm sich eine Zigarette heraus und bot mir eine an.

So rauchten wir in Ruhe. Dann zeigte er in eine bestimmte Richtung, grüßte und bedankte sich und ging zurück. Nach kurzem Weg fanden wir die Straße, die nach Predeal zurückführte. Uns war trotz des Frostes sehr warm geworden. Wir mussten lachen, als wir zurück auf unserem Hotelzimmer waren. Haben wir doch tatsächlich geglaubt, in Gefangenschaft zu geraten oder gar erschossen zu werden?! Dabei war man freundlich zu uns und half uns zurück auf den Weg.

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide – und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) … Ach, und gern verreise ich auch!

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