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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Heute Ruhetag (13): Jean-Jacques Rousseau – Les Confessions (Die Bekenntnisse)

„Ich beginne ein Unternehmen, welches beispiellos dasteht und bei dem ich keinen Nachahmer finden werde.“ So beginnt Jean-Jacques Rousseau seine ‚Confessions’. Nun spätestens in Hermann Hesse mit dessen Steppenwolf hat er einen Nachahmer gefunden, denn dieser Roman ist nichts anderes als ein Bekenntnisbuch, in dem der Autor seine Seele bis in den Grund ausgeleuchtet hat.

„Die Bekenntnisse von Jean-Jacques Rousseau sind die erste Autobiographie von Rang, die nicht – wie zum Beispiel die Confessiones des Augustinus, auf die sich der Titel bezieht, – die religiösen Erfahrungen, sondern das gesamte Leben, nicht zuletzt das psychologische Selbstverständnis zum Gegenstand haben.“

Heute Ruhetag!

Ich beginne ein Unternehmen, welches beispiellos dasteht und bei dem ich keinen Nachahmer finden werde. Ich will der Welt einen Menschen in seiner ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich selber sein.

Ich allein. Ich verstehe in meinem Herzen zu lesen und kenne die Menschen. Meine Natur ist von der aller, die ich gesehen habe, verschieden; ich wage sogar zu glauben, nicht wie ein einziges von allen menschlichen Wesen geschaffen zu sein. Bin ich auch nicht besser, so bin ich doch anders. Ob die Natur recht oder unrecht gethan hat, die Form, in der sie mich gegossen, zu zerbrechen, darüber wird man sich erst ein Urtheil bilden können, wenn man mich gelesen hat.

Möge die Posaune des jüngsten Gerichtes ertönen, wann sie will, ich werde mit diesem Buche in der Hand vor dem Richterstuhle des Allmächtigen erscheinen. Ich werde laut sagen: Hier ist, was ich gethan, was ich gedacht, was ich gewesen. Mit demselben Freimuthe habe ich das Gute und das Schlechte erzählt. Ich habe nichts Unrechtes verschwiegen, nichts Gutes übertrieben, und wenn ich mir etwa irgend eine unschuldige Ausschmückung habe zu Schulden kommen lassen, so muß man das meiner Gedächtnisschwäche zu Gute halten, um deren willen ich gezwungen war, hier und da eine Lücke auszufüllen. […]

Jean-Jacques Rousseau: Les Confessions (Die Bekenntnisse), 1782

Grainau 2012 (16): Wank

„Den beliebten 1.780 Meter hohen Wank erreichen Sie nach 20-minütiger Fahrt in bequemen, viersitzigen Kabinen. Auch Familien mit Kindern und Senioren kommen dank der Wankbahn ohne mühsame Aufstiege in den Genuss des einzigartigen Winterpanoramas, dass Sie vom Wank erleben dürfen. Entfliehen Sie der grauen Nebelstimmung im Tal und durchstoßen Sie mit der Wankbahn die Wolkendecke bis hinauf auf den sonnigen Gipfel des Panoramaberges.“ So heißt es auf zugspitze.de. Leider hatten wir am Karfreitag während unseres diesjährigen Urlaubs in Grainau weniger Glück. Dicke Nebelschwaden hatten sich um den Gipfel des Wank gelegt. Kein Genuss eines einzigartigen Winterpanoramas. Dafür lag hier oben aber noch reichlich Schnee, der sich auch zum Bau von Schneemännern noch trefflich eignete. Es war übrigens der erste Tag nach längerer Revisionspause, dass die Wankbahn wieder fuhr.


Fotos © Jan Einar Albin

Auf dem Wank bei Garmisch-Partenkirchen 2012

Vergessene Stücke (13): Peter Weiss: Marat/Sade

Jean Paul Marat war Arzt und Naturwissenschaftler und neben Robespierre und Danton einer der geistigen Führer der Französischen Revolution. So war er auf Seiten der Bergpartei Abgeordneter im Nationalkonvent sowie für eine Periode Präsident des Klubs der Jakobiner. Wegen einer Hauterkrankung war er in den letzten drei Jahren seines Lebens auf kühle Bäder zur Linderung der Symptome angewiesen. Am 13. Juli wurde Marat, in seinem Bade liegend, von Charlotte Corday, eine Anhängerin der Girondisten, Vertreter des gehobenen Bürgertums, die ihren Einfluss immer mehr an die radikalen Jakobiner verloren hatten, ermordet. Vielen dürfte das Gemälde von Jacques-Louis David gekannt sein: Der Tod des Marat. Es ist eines der berühmtesten Darstellungen von Ereignissen der französischen Revolution.

Jacques-Louis David: Der Tod des Marat (Ausschnitt)

Der Marquis de Sade, Namensgeber des Sadismus, war u.a. der Verfasser pornographischer, kirchenfeindlicher und philosophischer Romane, die er während verschiedener Gefängnisaufenthalte schrieb. Von 1803 bis zu seinem Tod 1814 war Sade in der Irrenanstalt Charenton interniert, wo er einige Jahre lang Gelegenheit hatte, im Kreis der Patienten Schauspiele zu inszenieren. Charenton war eine Anstalt, in die man diejenigen brachte, die sich durch ihr Verhalten in der Gesellschaft unmöglich gemacht hatten, ohne dass sie geisteskrank waren.

Das ist die Ausgangslage für ein Drama in zwei Akten von Peter Weiss mit der etwas sperrigen Überschrift: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade, auch kurz Marat/Sade betitelt. Die Musik zu diesem Stück schrieb Hans-Martin Majewski. Die deutsche Uraufführung fand am 29. April 1964 unter der Regie von Konrad Swinarski am Schillertheater in Berlin statt. Die Hauptrollen spielten Peter Mosbacher (Marat) und Ernst Schröder (Sade).

Entgegen meiner Titelüberschrift ist das Stück nicht ‚vergessen’, sondern findet auch heute noch immer wieder Aufführungen auf namhaften Bühnen – z.B. in einer Inszenierung von Friederike Heller (Regie) und Julia Weinreich (Dramaturgie) im Staatsschauspiel Dresden 2011. Ich habe das Drama als Buch in einer vom Autor revidierte Fassung 1965 vorliegen (edition suhrkamp 68 – Reihe: im Dialog. Neues Deutsches Theater – Suhrkamp Verlag 26. Auflage 1988):


Staatsschauspiel Dresden: „Marat/Sade“ von Peter Weiss

SADE: Ich ersinne die ungeheuerlichsten Torturen
Und wenn ich sie mir beschreibe
So erleide ich sie selbst
(S. 45)

MARAT: Wir sind die Erfinder der Revolution
Doch wir können noch nicht damit umgehn
(S. 48)

In dem Theaterstück, das sich eng an historische Fakten hält, sich auf authentisches Material gründet und doch von einem historischen Stück so weit wie nur irgend möglich entfernt ist, werden Leben und Tod Jean Paul Marats als Spiel im Spiel, als Theater im Theater, dreizehn Jahre nach seinem Tode im Irrenhaus von Charenton dargestellt. Regie des Stücks im Stück führt der Marquis de Sade.

„Im Mittelpunkt des Dramas um die Französische Revolution stehen die beiden zentralen Charaktere Marat und de Sade und ihre konträren Weltanschauungen mit den damit einhergehenden Staatsentwürfen. Während Marat der Gesellschaft zum Wohle aller, wie er glaubt, Moral und Tugend aufzwingen will, das Volk vertritt und die Revolution – blutig, wie sie längst geworden ist – rechtfertigt, resigniert de Sade angesichts der vorgeblichen Natur des Menschen, verlacht Marats sozialistische Ideen und sieht das Heil in der Loslösung des Einzelnen aus der Gesellschaft.

Die Handlung ist verfremdet und von grotesken und absurden Elementen geprägt. Dabei ist, wie der Titel schon andeutet, die Ermordung Marats nur ein Stück im Stück, das von der Schauspielgruppe eines Irrenhauses unter zahlreichen Störungen geprobt und unter der Leitung des dort untergebrachten Herrn de Sade zur Aufführung gebracht wird. Das Stück umfasst zwei, eigentlich sogar drei Zeit- und Handlungsebenen: zum einen die Zeit der Französischen Revolution, in der am 13. Juli 1793 Marat die letzten Stunden seines Lebens zur Linderung einer Hautkrankheit in der Badewanne verbringt, arbeitend, bis er seine Mörderin Charlotte Corday empfängt. Den letzten Stunden Marats steht zum anderen die Handlungsebene der napoleonischen Zeit entgegen, in der de Sade das Bühnenstück mit seinen ‚irren‘ Schauspielern vor einem gutbürgerlichen Publikum – zu diesem Anlass gönnerhaft zu Gast im Irrenhaus – inszeniert. Die dritte Zeitebene schließlich, die Gegenwart der realen Zuschauer des Stückes, wird ebenfalls bewusst gemacht und durch Einschübe in die Dramenhandlung verdeutlicht. So wechselt die Handlung ständig zwischen diesen Ebenen hin und her. Auf diese Weise werden das Schauspiel sowie das Schauspiel im Schauspiel ‚entlarvt’ und sollen die Zuschauer von ‚Mitleidenden‘ zu ‚Mitdenkenden‘ gemacht werden.“ (Quelle: de.wikipedia.de)


Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats als Hörspiel (Aufführung des Volkstheater Rostock – DDR 1965)
Schallplattenbearbeitung: Hanns Anselm Perten
Musik: Hans-Martin Majewski
Inszenierung: Hanns Anselm Perten
Wissenschaftliche Mitarbeit: Dr. Manfred Haiduk
Musikalische Leitung: Günther Wolf

Hermann Hesse: Der Steppenwolf

Mit Jahrestagen ist das immer so etwas. Man feiert sie wohl, um den einen oder anderen in der Versenkung entschwundenen Künstler, Wissenschaftler oder was auch immer, wieder ins Licht allgemeinen Interesses zu rücken, wenn auch nur für kurze Zeit. Ich denke, Hermann Hesse hat das nicht ungedingt nötig. Er findet immer wieder Leser – von Generation zu Generation. Nun dieses Jahr hat gleich zwei Jahrestage im Zusammenhang mit Hermann Hesse zu begehen, seinen 50. Todestag und gleichzeitig den 135. Jahrestag seiner Geburt.

Ich bin verhältnismäßig spät zur Literatur gekommen. Mit Anfang 20 Jahren begann ich zunächst mit eben jenem Hermann Hesse. Und ich wählte mir (oder wurde ich gewählt?) zunächst sein wohl bekanntestes Werk, den Roman Der Steppenwolf, den ich jetzt zum mindestens fünften Mal (Ausgabe: suhrkamp taschenbuch st 175 – Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 4. Auflage, 151. – 190. Tausend 1975) gelesen habe.

Hermann Hesse: der Steppenwolf - S. Fischer Verlag,  Erstausgabe Deckblatt 1927

Hermann Hesse: der Steppenwolf - Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 4. Auflage, 151. - 190. Tausend 1975

Hermann Hesse: der Steppenwolf – S. Fischer Verlag,  Erstausgabe Deckblatt 1927 Hermann Hesse: der Steppenwolf – Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 4. Auflage, 151. – 190. Tausend 1975

Hesse findet auch heute noch große Resonanz bei Lesern auf der ganzen Welt. Dafür sorgen Übersetzungen in mindestens 40 Sprachen und 12 indische Dialekte. Besonders in den USA und in Japan war Hermann Hesse lange Zeit der meistgelesene europäische Autor. Der erstmals 1927 erschienene Roman „Der Steppenwolf“ löste in den sechziger Jahren eine internationale Renaissance von Hesse aus. So brach unter den Jugendlichen in den USA, der Hippie-Bewegung, ein „Hesse-Boom“ ohnegleichen aus, der dann auch wieder nach Deutschland übergriff. Im ‚Steppenwolf’ und in seiner Stilisierung des einsamen und verkannten Künstler-Ichs entdeckte man Identifikationsmuster für den Protest gegen das Establishment. Gekannt ist aus dieser Zeit auch die Rockband Steppenwolf.

Die Hesse-Rezeption ähnelt einer Pendelbewegung: Immer wieder wurden Hesses Werke als kitschige Literatur abgetan, obwohl er 1946 den Nobelpreis für Literatur als Vertreter eines anderen Deutschland erhielt. Ohne Zweifel ist Hesse von der Romantik stark beeinflusst und wird heute in seinem Stil eher als altmodisch empfunden. Inzwischen erfährt Hesse die ihm ohne Zweifel zustehende Anerkennung.

Der Roman ist die Geschichte von Harry Haller, dem Alter Ego Hermann Hesses. Es ist die Geschichte eines Mannes, der an der Zerrissenheit seiner Persönlichkeit leidet. Seine bürgerlich geprägte Seite kämpft mit dem Steppenwolf in sich, dem alles Angepasste, alles Gesellschaftliche, jede Art von Kultur zuwider ist:

„Ein zu uns, in die Städte und ins Herdenleben verirrter Steppenwolf – schlagender konnte kein andres Bild ihn zeigen, seine scheue Vereinsamung, seine Wildheit, seine Unruhe, sein Heimweh und seine Heimatlosigkeit.“ (S. 22)

„… wenn die Welt recht hat, […] dann bin ich wirklich der Steppenwolf, den ich mich oft nannte, das in eine ihm fremde und unverständliche Welt verirrte Tier, das seine Heimat, Luft und Nahrung nicht mehr findet.“ (S.35)

Mit 47 Jahren fasst Harry Haller den Entschluss, am Tag seines 50. Geburtstag Schluss mit diesem Leben zu machen und sich selbst zu töten. Aber es kommt anders. Er lernt die junge und schöne Hermine kennen, eine Seelenverwandte, die ihn nach und nach auf einen Weg der ‚Heilung’ führt. Im Mittelpunkt steht dabei das Magische Theater – Eintritt nicht für jedermann – Nur — für — Ver — rückte! (S. 37) Hier lernt Harry Haller sich und die unzähligen Seiten seiner Seele kennen. „Der Weg der Heilung ist die Versöhnung beider Seiten im Humor, im Lachen über sich selbst und das Ungenügen in Kultur und Gesellschaft. Erst mit der Betrachtung der Wirklichkeit vom Standpunkt des Humors werden Hallers weitere, im Roman nicht mehr beschriebene Schritte auf dem Weg seiner künstlerischen Vollendung möglich.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Ja das „Magische Theater: Eintritt kostet den Verstand“ (S. 179). Für Harry Haller stehen hier viele Türen als Zugang zu den geheimnisvollen Welten seiner Seele offen. Als Leser treten wir nur in einige ein. „… Und überall, an allen unzähligen Türen, lockten die Inschriften:“

„Alle Mädchen sind dein! Einwurf eine Mark“ (S. 195)
„Auf zum fröhlichen Jagen! Hochjagd auf Automobile“ (S. 196)

Mutabor – Verwandlung in beliebige Tiere und Pflanzen“
Kamasutram – Unterricht in der indischen Liebeskunst – Kurs für Anfänger: 42 verschiedene Methoden der Liebesübung“
„Genußreicher Selbstmord! Du lachst dich kaputt“
„Wollen Sie sich vergeistigen? Weisheit des Ostens“
„O daß ich tausend Zungen hätte! Nur für Herren“
Untergang des Abendlandes – Ermäßtigte Preise. Noch immer unübertroffen“

(S. 207)

„Inbegriff der Kunst – Die Verwandlung von Zeit in Raum durch die Musik“
„Die lachende Träne – Kabinett für Humor“
„Einsiedlerspiele – Vollwertiger Ersatz für jede Geselligkeit“
„Anleitung zum Aufbau der Persönlichkeit – Erfolg garantiert“

(S. 208)

Obwohl im Roman nirgends genannt, so dürfte der Roman eigentlich in Basel spielen. Viele Hinweise deuten daraufhin. Hesse war 1877 in Calw geboren. Als Sohn eines deutsch-baltischen Missionars war Hesse durch Geburt russischer Staatsangehöriger. Von 1883 bis 1890 und erneut ab 1923 war er Schweizer Staatsbürger, dazwischen besaß er das Württembergische Staatsbürgerrecht. Von 1899 bis 1904 lebte Hesse in Basel. Die Zeit hier diente der künstlerischen Selbstfindung. Hier erprobte er ein ums andere Mal seine Fähigkeit, sinnliches Erleben schriftlich niederzulegen.


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Martinsvorstadt -> Basel -> Hesse wohnte Lothringerstraße 7

Nun Hesses Steppenwolf ist auch heute noch aktuell. Woher kommt es aber, dass Leser sich von Hesse seelisch immer wieder tief beeindruckt zeigen und in Versuchung kommen, sich zu überlegen, ob sie ihr Leben ändern wollen?

Es sind vor allem Leser, die sich in ein bürgerlich geordnetes Leben eingerichtet haben, solche mit Familie und geregelter Arbeit, mit Haus und Garten. Keiner von diesen muss darben und führt eigentlich ein zufriedenes Leben. Und doch kommen solche Menschen, zu denen ich mich durchaus auch zähle, immer wieder auf den Gedanken, ob das denn wirklich alles sein soll im Leben, ob es vielleicht einiges gibt, das man verpassen könnte?! Und man sieht jeden Tag, dass diese Welt, in der man lebt, leider nicht so ist, wie sie sein könnte. Der Wolf rührt sich in einem. Und viele erkennen sich in Harry Haller, dem Steppenwolf, wieder.

„Ist es nötig zu sagen, daß der ‚Steppenwolf’ ein Romanwerk ist, das an experimenteller Gewagtheit dem ‚Ulysses’, den ‚Faux Monnayeurs’ nicht nachsteht? Der ‚Steppenwolf’ hat mich seit langem zum erstenmal wieder gelehrt, was Lesen heißt.“ (Thomas Mann)

„Ich lese den ‚Steppenwolf’, dies unbarmherzigste und seelenzerwühlendste aller Bekenntnisbücher, düsterer und wilder als Rousseaus ‚Confessions’, die grausamste Geburtstagsfeier, die je ein Dichter zelebrierte … Ein echt deutsches Buch, großartig und tiefsinnig, seelenkundig und aufrichtig; analytischer Entwicklungsroman mit romantischer Technik, romantischen Wirrnissen wie die meisten großen Romane und wie die meisten Bücher Hermann Hesses.“ (Kurt Pinthus, 1927)

Hörbuch Hesses Steppenwolf

Im Zuge der Hermann-Hesse-Renaissance in den 70er Jahren gibt es eine Verfilmung des Steppenwolfs mit Max von Sydow in der Hauptrolle. Der Film besticht durch seine Worttreue. Ich kenne den Film, der Ende Juni noch einmal als DVD Steppenwolf
auf den Markt kommt. Leider nicht gelungen sind die mittels elektronischer Farbmanipulationen erreichten Traumbilder des Magischen Theaters. Die hierfür verwendete Technik war schon damals eher entnervend. Max von Sydow reißt dieses Manko aber dank seiner schauspielerischen Leistung mehr als heraus.


Tractat vom Steppenwolf – Tractate on the Steppenwolf
(auf Englisch mit engl. Untertitel)

Haste mal ’n Wüstenbild?

Es ist nicht das erste Mal (und wird nicht das letzte Mal gewesen sein), dass ich eine Anfrage um Genehmigung für die Nutzung eines Bildes (Fotos) bekommen habe. Meist sind es Examensarbeiten, für die man ein Foto verwenden möchte, oder wie hier für ein Buch. Mit Fax vom 08.11.2008 schrieb ein Bernd R. Wagner:

„Auf Eurer Website befindet sich ein Foto ‚Erg-Wüste kurz vor Sonnenuntergang’. Dieses Bild wäre hervorragend als Bildhintergrund auf dem Cover meines Buches ‚Haste mal ’ne Zigarette, Herr Oberst?’ geeignet. Ich bitte um eure Genehmigung, dieses Bild benutzen zu dürfen.“

Es wurde angefragt, welche Bedingungen erfüllt werden müssten – und dass das Buch in kleiner Auflage erscheine und wohl kaum zu einem Bestseller tendiere.

Nun was sollten wir gegen eine Benutzung haben. Wir baten uns nur ein Belegexemplar aus. Und so erschien schon zum Jahresende 2008 das Buch und wir bekamen ein Examplar kostenlos sogar mit Dank: „Mit bestem Dank für die Überlassung des Titelfotos.“:

Bernd R. Wagner: Haste mal ’ne Zigarette, Herr Oberst?: Vier Jahre mit der Noratlas.

Original: Wilfried Albin - Tunesien 2000: Grand Erg Oriental

überarbeitetes Foto

Original: Wilfried Albin – Tunesien 2000: Grand Erg Orientaldie große Erg-Wüste kurz vor dem Sonnenuntergang

überarbeitetes Foto

Ich habe das Buch dann auch gelesen, aber schon der Titel verrät den minderen literarischen Wert:

„Vier Jahre Bundeswehr in der Zeit des kalten Krieges – kann man da genug erleben, um ein ganzes Buch mit den Geschichten zu füllen? Ja, jedenfalls dann, wenn man die Dienstzeit in einem Lufttransportgeschwader verbringt!

Da gibt es neben Episoden mit Kameraden, Beinaheabstürzen, dem Krieg in Biafra, Erdbeben in der Türkei und Überflutungen in Norditalien noch eine ganze Menge mehr Erlebnisse!“

Soviel im Klappentext. Einziger Höhepunkt des Buches sind „einige regionale Rezepte aus so mancher Gegend“, die zwischen den Geschichten eingefügt wurden. Aber die bedienen sich mitunter der Konserve oder eines Brühwürfels.

Der gute Herrn Wagner ist dann auch noch der Verfasser anderer Machwerke. Nun jedem Tierchen sein Pläsierchen. Wenn er denn Leser für solche Sachen findet …

This was … Jethro Tull (1)

Heute endet „Jethro Tull’s Ian Andersons“ „Thick as a Brick“-Deutschland-Tour mit dem Konzert im Dresdener Kulturpalast. Am 20. und 21. Juli gibt es dann noch zwei Open-Air-Konzerte in Burg Herzberg und Calw.

Lange habe ich überlegt, ob ich eines der Konzerte besuchen werde. Thick as a Brick ist auch für mich ein Meilenstein der Rockmusik und gern hätte ich es einmal in voller Länge aufgeführt gesehen und gehört. Jetzt wäre die Chance da und ich habe sie verpasst. Sicherlich hätte ich mich am letzten Freitag auf nach Aurich machen können. Die Entfernung dorthin war eine ‚schöne’ Ausrede. Aber wenn, dann hätte ich das Konzert gern mit meinen Söhnen besucht. Und denen wollte ich das nicht antun. Die Gründe sind bekannt. Zum einen sind es die Gesangsleistungen von Ian Anderson. Zum anderen fehlt mir die Begeisterung für TAAB2. Fremdschämen liegt mir nicht.

St: Cleve Cronicle: Thick as a Brick goes live!!!
Quelle: Leon Alvarado Plays Genesis

Natürlich habe ich jetzt die Rezensionen zu einigen Konzerten hier in Deutschland gelesen. Und die haben mich in meiner ablehnenden Haltung bestärkt. Hier einige Auszüge:

Die Berliner Morgenpost schreibt neben einer ausführlichen Würdigung von TAAB u.a. „Ian Andersons Stimme ist über die Jahre gereift. Man könnte auch sagen, sie hat rein altersbedingt etwas gelitten.“ Der Rezensent der Stuttgarter Zeitung geht mit Ian Anderson dagegen richtig hart ins Gericht: „Hier passt nicht mehr viel zusammen“ lautet die Überschrift und „die Stimme des bald 65-jährigen Anderson [ist] mittlerweile derart angeschlagen, dass er zwar gewohnt engagiert am Mikrofon kämpft, aber kaum noch je den richtigen Ton trifft.“ „‚Thick as a Brick’ Teil eins ist über jeden Zweifel erhaben. Von Beginn an entfaltet das bitterböse Stück über den achtjährigen Gerald Bostock […] seinen Charme.“ Zu TAAB2 steht dort aber: „Aus siebzehn oft blassen Mosaiksteinen bastelt Anderson die Fortsetzung. Er zitiert mal hier den Vorgänger, greift dort auf tausendfach gehörte Jethro-Tull-Muster zurück und kämpft sich so durch eine Stunde Belanglosigkeiten.“

Die Main-Spitze (Rhein Main Presse) ist etwas gnädiger: „Ian Anderson mit der akustischen Gitarre, Ian Anderson mit Querflöte – das klingt zunächst wie 1972. Da ist der etwas fülliger gewordene Tausendsassa mit dem Kopftuch, das das gelichtete Haupthaar verbirgt, voller Spielfreude, voller Improvisationslust und Temperament. Aber Ian Anderson als Sänger – zumindest in Teil eins, bei der Ur-Komposition, trifft er vielfach die Töne nicht, hält die Melodie nicht, hat Schwierigkeiten mit der Höhe.“ Immerhin werden die Mitstreiter gewürdigt: „Die Band hingegen spielt vor der Pause wie danach glänzend, findet problemlos in den Jethro-Tull-Sound mit seinen abrupten Wechseln von Laut zu Leise und wieder zurück. Glänzende Gitarre, ein exquisiter Schlagzeuger: alles gut.“

Auch unter wa.de – das Konzert in Hamm betreffend – wird zunächst ausführlich TAAB als „beispielloses Konzeptalbum“ hervorgehoben. Gelobt wird dann die Sängerrolle von Ryan O’Donnell: „Die Klangfärbung seiner Stimme ähnelte der des ‚jungen’ Frontmannes, der augenscheinlich kein Problem damit hatte, dass sein neuer Partner über vokale Qualitäten verfügt, die er selbst zu besten Zeiten nicht erreichte.“ Was ich allerdings bestreite. Anderson in jungen Jahren hatte deutlich mehr Power. Schön ist hier auf jeden Fall die Fotostrecke zum Konzert.

Okay, ich habe hier einiges aus dem Zusammenhang gerissen. Lediglich die Rezension aus Stuttgart ist auf Konzert und TAAB2 bezogen wirklich negativ. Alles in allem werden aber meine Vermutungen und meine Eindrücke auch aufgrund der Videoschnipsel von Konzertmitschnitten in England bei YouTube nur bestätigt. Ich will Ian Anderson und seine Jungs hier nicht verreißen. Es gibt wohl genügend deutsche Fans, die begeistert von den Konzerten waren (TAAB sei dank).

Es gibt aber noch etwas, dass mich sogar mehr als geärgert hat. Das ist das „offizielles“ Video vom Tullmanagement bei YouTube: Ian Anderson – Banker Bets, Banker Wins live show in the UK 2012. Leider ist das in Deutschland nur auf einem Umweg (mit dem Add-on „Stealthy“ für den Firefox) zu sehen und zu ‚hören’ (hier kooperiert YouTube gnadenlos mit der GEMA). Live ist hier akustisch nur der Applaus am Ende, die Musik kommt aus der Konserve. Das grenzt schon an Betrug.

Nun dieser Artikel lautet: This was … Jethro Tull in Anspielung an das erste Album der Gruppe. Was einmal am Anfang stand, steht jetzt am Ende. Frei übersetzt: Das war’s! Ian Anderson und Martin Barre, letzterer zwar nicht Gründungsmitglied, aber doch eine Art Ur-Mitglied von Jethro Tull, gehen getrennte Wege. Damit hat sich die Gruppe in meinen Augen aufgelöst. Alles andere steht in den Sternen. Natürlich ist oder war Jethro Tull in erster Linie Ian Anderson – und umgekehrt. Wenn Ian Anderson jetzt sich und seiner Band das Namensungetüm „Jethro Tull’s Ian Anderson“ gibt und das damit begründet, dass er immer, wenn er Songs als Jethro Tull präsentiere, das Problem habe, dass Betrunkene vor der Bühne nur die lauten Teile hören wollten („Für mich ist es außerordentlich schwer, die leisen Abschnitte zu spielen, wenn Leute dabei pfeifen und herumbrüllen.“), dann ist das nur die halbe Wahrheit. Anderson trägt der Trennung von Martin Barre gleichfalls damit Rechnung. Ich will gar nicht darauf herumreiten, dass Jethro Tull immer nur mit Anderson UND Barre denkbar ist. Zuviele Musiker haben sich in den Jahren die Klinke in die Hand gegeben. Da ist am Ende auch ein Martin Barre austauschbar. Nein, wenn ich Das war’s sage, dann meine ich damit, dass es insgesamt mit Jethro Tull zu Ende ist. Wenigstens für mich …!

(Die EINS hinter der Überschrift verdeutlicht es: So ganz bin ich noch nicht FERTIG …)

Jans Kreationen: Pinguinman

Wieder hat der ältere meiner Söhne zu Stoff, Füllwatte, Schere und Nähmaschine gegriffen und ein neues Stofftier in seiner Nähstube erschaffen: Pinguinman.

    Pinguinman © Jan Einar Albin

Nach dem fiesen Fuchs für eine Freundin, Zombiebär für seine Mutter und Willi, dem Maulwurf, für mich ist es nun die vierte Kreation, die er meiner Schwiegermutter, seiner Großmutter zum Geburtstag schenkte. Wir dürfen gespannt sein, was als Nächstes kommt.

Pfingsten erneut

Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes, wird unter den Christen genau fünfzig Tage nach Ostern gefeiert. Genau genommen gedenkt man an Pfingsten der Ausgießung des Heiligen Geistes über die zwölf Apostel. Zugleich mit Pfingsten geht auch die Osterzeit zu Ende. Die Apostelgeschichte des Neuen Testaments erzählt, dass der Heilige Geist am fünfzigsten Tag nach Ostern auf die Jünger Jesu herabkam, als sie sich in Jerusalem versammelten. Das Wunder, das dabei geschah, war, dass sie plötzlich in allen Sprachen der Welt kommunizieren konnten.

    Pfingstochsen

Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen: Es grünten und blühten
Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken
Übten ein fröhliches Lied die neu ermunterten Vögel;
Jede Wiese sprosste von Blumen in duftenden Gründen,
Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.

Johann Wolfgang von Goethe
aus: Reineke Fuchs1. Gesang

Romananfänge (4): Harry und Hermine

Nein, es geht nicht um Harry Potter und Hermine Granger (englisch Hermione). Schon vor den beiden gab es einen Roman, in dem allerdings ein Harry Haller und eine Hermine die Hauptfiguren spielten: Hermann Hesses Der Steppenwolf. Harry Haller ist der Steppenwolf.

Willi und die Romananfänge

Bei der Betrachtung von ‚Romananfängen’ ragt dieser Roman gewissermaßen dadurch hervor, dass er nicht nur einen Romananfang, sondern am Ende derer ganze drei beinhaltet. Es geht los mit einem ‚Vorwort des Herausgebers’. Dieses gehört entgegen sonstigen Vorworten mit zum Roman, denn der fiktive Herausgeber ist kein anderer als Hesse selbst, der Verfasser des gesamten Romans. Entnommen sind folgende Texte der mir vorliegenden Ausgabe: suhrkamp taschenbuch st 175 – Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 4. Auflage, 151. – 190. Tausend 1975:

Vorwort des Herausgebers

Dieses Buch enthält die uns gebliebenen Aufzeichnungen jenes Mannes, welchen wir mit einen Ausdruck, den er selbst mehrmals gebrauchte, den „Steppenwolf“ nannten. Ob sein Manuskript eines einführenden Vorwortes bedürfe, sei dahingestellt; mir jedenfalls ist es ein Bedürfnis, den Blättern des Steppenwolfes einige beizufügen, auf denen ich versuche, meine Erinnerung an ihn aufzuzeichnen. […] (S. 7)

    Hermann Hesse: Der Steppenwolf

Den Großteil des Romans bilden, wie aus dem Vorwort bereits ersichtlich ist, die Aufzeichnungen jenes Harry Hallers. Haller ist Untermieter in einer kleinen Mansarde in dem Haus, das der Tante des Vorwortverfassers gehört. Daher auch die Bekanntschaft mit dem Steppenwolf. Dieser ist in etwa 50 Jahre alt und geht keiner geregelten Arbeit nach, wie man heute wohl sagen würde. Er lebt außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft und verschwindet dann auch nach knapp einem Jahr spurlos, hinterlässt aber jenes Manuskript, seine Aufzeichnungen mit dem Hinweis, der Vorwortverfasser könne damit tun, was ihm beliebt.

Harry Hallers Aufzeichnungen
Nur für Verrückte

Der Tag war vergangen, wie eben die Tage so vergehen; ich hatte ihn herumgebracht, hatte ihn sanft umgebracht, mit meiner primitiven und schüchternen Art von Lebenskunst; ich hatte einige Stunden gearbeitet, alte Bücher gewälzt, ich hatte zwei Stunden lang Schmerzen gehabt, wie ältere Leute sie eben haben, hatte ein Pulver genommen und mich gefreut, daß die Schmerzen sich überlisten ließen, hatte in einem heißen Bad gelegen und die liebe Wärme eingesogen, hatte dreimal die Post empfangen und all die entbehrlichen Briefe und Drucksachen durchgesehen, hatte meine Atemübungen gemacht, die Gedankenübungen aber heut aus Bequemlichkeit weggelassen, war eine Stunde spazieren gewesen und hatte schöne, zarte, kostbare Federwölkchenmuster in den Himmel gezeichnet gefunden. […] (S. 29).

Auf einem abendlichen Spaziergang erfährt Harry Haller, der Steppenwolf eine Einladung:

Magisches Theater
Eintritt nicht für jedermann
Nur – für – Ver – rückte!
(S. 37)

Wenig später wird ihm auf der Straße ein kleines Büchlein überreicht, das mit ihn aus der Sicht scheinbar Außenstehender analysiert. Es ist also ein Buch im Buch. Daher hier nun auch ein weiterer ‚Romananfang’:

Tractat vom Steppenwolf
Nur für Verrückte

Es war einmal einer namens Harry, genannt der Steppenwolf. Er ging auf zwei Beinen, trug Kleider und war ein Mensch, aber eigentlich war es doch eben ein Steppenwolf. Er hatte vieles von dem gelernt, was Menschen mit gutem Verstande lernen können, und war ein ziemlich kluger Mann. Was er aber nicht gelernt hatte, was dies: mit sich und seinem Leben zufrieden zu sein. […] (S. 46)

Soviel zu den ‚Romananfängen’ in Hermann Hesses ‚Der Steppenwolf’. Zum Buch selbst, das übrigens 1927, also zu Hesses 50. Geburtstag, erschien und das ich zum ersten Mal 1976 in Händen hielt und zz. zum vierten oder fünften Mal lese, komme ich später noch einmal ausführlicher zurück. Dieses Jahr begehen wir wie bereits erwähnt Hesses 50. Todestag und gleichzeitig den 135. Jahrestag seiner Geburt. Auch zu Hesse dann etwas mehr.

Grainau 2012 (15): Eibsee

Es war ein nebliger Tag. Der Eibsee, der ansonsten eher durch ein südliche Flair besticht, hüllte sich in dunstige Schwaden. Nach mehreren Ausflügen in die Berge umwanderten wir am 6. Tag unseres Aufenthaltes (5. April) in Grainau den auf rund eintausend Meter hochgelegenen See (samt dem kleinen Frillensee). Die im Eibsee gelegenen Inseln wirkten wie Gespenster. Und am westlichen Rand lag noch Eis aufgetürmt.

Wir ließen uns Zeit, denn die hatten wir reichlich an diesem Tag. ‚Angereist’ waren wir von Grainau mit der Zugspitzbahn. Zurück ging es dann mit dem Eibseebus (Fahrplan).

Es dauerte etwa zwei ein halb Stunden, bis wir einmal um den See gegangen waren. Während ich filmte, machte der ältere meiner Söhne jede Menge Fotos. Und es war angenehm ruhig, denn es war so gut wie nichts los an diesem Tag vor Karfreitag. Die Saison soll ja erst noch beginnen.


Fotos © Jan Einar Albin

Inseln im Eibsee

Halldór Laxness: Sieben Zauberer

Welches Buch soll ich empfehlen, um einem Leser den isländischen Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness schmackhaft zu machen? Meist kommt da ein Band mit Erzählungen ganz recht. Für die Romane von Laxness (z.B. IslandglockeSein eigener HerrWeltlicht) braucht es ein gewisses Durchhaltevermögen, sie sind ziemlich lang, nur der Roman Am Gletscher ist mit rund 180 Seiten dagegen geradezu kurz.

Im Steidl Verlag in Göttingen, der das Werk von Laxness betreut, gibt es ein Taschenbuch (Steidl taschenbuch 230) mit acht sehr unterschiedlichen Erzählungen: Sieben Zauberer (Originalausgabe: „Sjö töframenn“, 1942), die wiederum aus dem Isländischen von Hubert Seelow übertragen wurden.

    Halldór Laxness: Sieben Zauberer (Original: Sjö töframenn, 1942)

„Die stilistische Meisterschaft von Halldór Laxness zeigt sich nicht nur in seinen Romanen, sondern auch und ganz besonders in seinen Erzählungen. ‚Sieben Zauberer’ enthält realistische und mystische, bodenständige und exotische Geschichten über den hinkenden alten Thordur und die Entdeckung Indiens, über einen Napoleon Bonaparte und die italienische Luftflotte, die in Island, einem Land ganz ohne Militär, eine herbe Niederlage einstecken muß.
Große und kleine Welt, Alltag und Abenteuer begegnen sich in Situationen voller Witz und Ironie. Laxness erzählt in einer Mischung aus Weltaufgeschlossenheit und Fabulierfreude, sozialem Engagement und menschlichem Verständnis.“

(Aus dem Klappentext)

Wie gesagt: Die Erzählungen sind sehr unterschiedlich. Aber als Einstieg in die große Welt des isländischen Schriftstellers eignen sie sich allemal. Hier die Erzählungen mit einer sehr kurzen Inhaltsangabe. Das Buch selbst kommt über 140 Seiten nicht hinaus und lässt sich für den nächsten Urlaub noch zwischen Hemden und Hosen problemlos im Koffer unterbringen.

Wie Indien gefunden wurde (Fundin Indíalönd) 1936
Eine chinesische Sage, in der einer auszog, um das Land des Goldes zu finden.

Napoleon Bonaparte (Napóleon Bónaparti) 1935
Ein junger Mann will wie Napoleon die Welt erobert, wird aber als blinder Passagier im nächsten isländischen Hafen ausgesetzt.

Der hinkende alte Thordur (Þórđur gamli halti) 1935
Der gemäßigte Thordur nimmt an einem Arbeitskampf teil.

Die Niederlage der italienischen Luftflotte 1933 in Reykjavik (Ósigur ítalska loftflotans í Reykjavík 1933) 1934-35
Uniformierter italienischer Faschistenführer, der mit seinen Leuten auf Island gelandet ist, wird von einem ebenfalls uniformierten Pikkolo ‚besiegt’.

Die Völuspa auf hebräisch (Völuspá á hebresku) 1939
Autor macht Geschäfte mit zwielichtiger Gestalt.

Ein Spiegelbild im Wasser (Fyrirburđur í djúpinu) 1925
Begegnung eines Schriftstellers mit einer jungen Frau in Sizilien.

Der Pfeifer (Pípuleikarinn) 1939
Mystisches Erlebnis eines achtjährigen Jungen durch die Begegnung mit einem Pfeifer und seinem Pferd.

Temudschin kehrt um (Temúdjín snýr heim) 1941
Dschingis Khan (Temudschin) auf der Suche nach dem Trank der Unsterblichkeit und wie er zur Umkehr in seine Heimat bewegt wird.