Kategorie-Archiv: Wiedergelesen

Wiedergelesen – wiederentdeckte Literatur

Der Mann von fünfzig Jahren – Hermann Hesse

Bei der Suche nach passenden Gedichten für die goldene Hochzeit meiner Schwiegereltern stöberte ich auch die Gedichte von Hermann Hesse durch. Irgendeine schlaue Lebensweisheit zu fast jeder Lebeslage findet man immer bei ihm. Im Sinne meiner Suche bin ich zwar nicht fündig geworden, dafür fand ich dann dieses Gedicht aus dem Jahre 1927:

Der Mann von fünfzig Jahren

Von der Wiege bis zur Bahre
Sind es fünfzig Jahre,
dann beginnt der Tod.
Man vertrottelt, man versauert,
Man verwahrlost, man verbauert
Und zum Teufel gehn die Haare.
Auch die Zähne gehen flöten,
Und statt daß wir mit Entzücken
Junge Mädchen an uns drücken,
Lesen wir ein Buch von Goethen.

Aber einmal noch vor ‚m Ende
Will ich so ein Kind mir fangen,
Augen hell und Locken kraus,
Nehm ’s behutsam in die Hände,
Küsse Mund und Brust und Wangen,
Zieh ihm Rock und Höschen aus.
Nachher dann in Gottes Namen
Soll der Tod mich holen. Amen.

aus: Die Gedichte

    Will ich so ein Kind mir fangen ...

Räusper?! Da kratze ich meinen Kopf, meinen Bart: Na ja, so manchmal überkommen einem schon so Sehnsüchte …

Hermann Hesse: Siddhartha

Hermann Hesse hatte sich als einer der ersten wenigen deutschsprachigen Schriftsteller mit fernöstlichen Denkweisen beschäftigt, so auch mit dem Buddhismus. In seiner kleinen indischen Dichtung Siddhârtha beschreibt er das Leben eines Brahmanensohnes, der sein Elternhaus verlässt, um nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Er wird Asket, er wird Lebemann und Händler, um am Ende als armer Fährmann eine höhere Weisheit zu erlangen. Parallel erfahren wir u.a. von Gautama aus dem Geschlecht der Sâkya, dem Buddha, der eigentlich auch Siddhârtha hiess.

    Hermann Hesse

Der Buddhismus, insbesondere der Zen-Buddhismus, hat mich schon immer interessiert, wenn er auch für uns westliche Menschen sehr schwer zu fassen ist. Wir sind einfach zu sehr von der Logik und dem Dualismus geprägt. Die alten Griechen, besonders Aristoteles, haben uns da zu sehr auf diese Schiene gebracht. Wir denken einfach zu sehr (eigentlich: ausschließlich) in Gegensatzpaaren. Die Gegensätzlichkeit bzw. Verschiedenartigkeit der Dinge ist Ausgang unseres Denkens. Dabei geht der Gesamtzusammenhang für uns völlig verloren. Gut und böse, Tag und Nacht, hell und dunkel – wer versteht das nicht. Und wenn wir mit unserem „gesunden Menschenverstand“ an die Dinge gehen, so bildet sich sehr schnell ein Urteil: Das ist gerade und das ist schief! Aber es geht noch weiter: Wir benennen alles und einmal benannt, wird es auch gleich noch klassifiziert. Ob nun der Mensch ein Säugetier ist, die Philosophie eine Geisteswissenschaft oder ein bestimmter Tumor bösartig, ein Ding „kann“ nicht allein im Raume stehen, wir finden einen Namen und eine Klasse (und dazu genügend Eigenschaften). Der Zen-Buddhismus sucht die Gesamtsicht. Und ein Baum kann dann ein Baum sein, aber er kann auch kein Baum sein. Aus dieser Bejahung eines Dinges und dann der Verneinung entspringt dann die Bejahung im höherem Sinne (man könnte es absolute Bejahung nennen).

Unsere Sinne nehmen von Sekunde zu Sekunde eine Unzahl an Eindrücken auf. Aber nur ein geringer Teil davon dringt in unser Bewusstsein. Das andere geht im Unterbewusstsein unter. Das, was uns als „lebenswichtig gefiltert“ bewusst wird, ist unsere „Sicht“ der Dinge. Was uns fehlt, ist das Bewusstsein vom Bewusstsein, die Sicht in die Natur unseres Selbst. Was mag das heißen? Ich esse ein Stück Brot, das mich am Leben erhält. Aber es ist nicht allein dieses Stück Brot, das mich am Leben erhält, sondern es sind alle die Brote, die ich in meinem Leben gegessen habe und noch essen werde (und vieles mehr), was ich am Leben erhält. Und auch das allein ist es nicht, was mich am Leben erhält. Es ist alles und nichts, was ich esse und was mich am Leben erhält. Das Brot, das ich gerade esse, „sehe“ ich. Dabei sehe ich aber nicht, die anderen Brote, die ich bisher gegessen habe (und noch essen werde). Die anderen Brote sind in mein Unterbewusste entschwunden. Ohne diese Brote, die ich jetzt nicht sehe, wäre ich aber nicht mehr am Leben. Hier und jetzt erscheinen sie mir – aus meiner Sicht – aber unwichtig. Es erscheint mir nur das jetzt zu essende Brot wichtig. Dieser Schein ist unsere Sicht! Eigentlich aber gehören all die anderen Brote auch „zu meinem Leben“, nur werde ich mich dessen in der Regel nicht bewusst. Aber es gehört noch mehr dazu: Es sind ja nicht nur das eine Brot, das ich augenblicklich esse, und all die anderen Brote, die ich gegessen habe (und essen werde), zu meinem Leben, es sind alle Brote mein Leben (um es erklärbar zu machen, was nicht dem Zen entspricht: alle Brote daher, da ich sie hätte ja essen können). Wenn mir das bewusst wird, komme ich einer Bewusstwerdung meines Bewusstseins einen großen Schritt näher.

Wenn man, wie ich, nach vielen Jahren ein Buch, wie das von Hesse, erneut liest, wenn man mit den Jahren selbst etwas weiser (vielleicht auch nur etwas schlauer) geworden ist, dann versteht man ein solches Buch ganz anders, viel besser.

Hier noch einige Links zu Hesse:

    Die Buchhandlung Fuchs in Calw (Hesses Geburtstagsort)
    Hermann Hesse Portal der Stadt Calw
    Hermann Hesse Portal der Morgenlandfahrer

Weiteres zum Buddhismus in WilliZ Kolomnen

Die Kunst des Liebens – zum 25. Todestag von Erich Fromm

Diese Jahr ist (wie eigentlich jedes Jahr) ein Jahr der besonderen Jahrestage oder besser: der besonderen Todestage. So jährt sich der Todestag von Albert Einstein zum 50. Mal und der von Friedrich Schiller zum 200. Male. Da vergisst man einen 25. Todestag, z. B. den von Erich Fromm (gestorben 18. März 1980), ziemlich schnell.

Dabei ist Erich Fromm als Psychoanalytiker und Sozialpsychologe ebenso bekannt wie als Autor und bedeutender Humanist des 20. Jahrhunderts. Wie kaum ein anderer in Deutschland geborener Humanwissenschaftler hat Erich Fromm weltweit gewirkt. Seine Schriften und Erkenntnisse werden weltweit gelesen und rezipiert.

    Erich Fromm

Allein die Veröffentlichung „Die Kunst des Liebens“ (1956) sorgte nicht nur in der Fachwelt für Aufsehen, sondern erreichte bis heute weltweit eine Auflage von über 25 Mio. und war z.B. in Deutschland (in den 80-er Jahren) Monate lang auf der Bestsellerliste.

Also Anlass genug, das kleine Büchlein von gerade einmal 150 Seiten (und auch schon fast 50 Jahre alt ist es) einmal wieder zur Hand zu nehmen.

Fromm fragt in dem Buch danach, was Liebe ist, was die Eigenschaften echter Liebe sind und diese von anderen Formen ‚der Liebe‘ unterscheidet. Muß man Liebe lernen? Worin besteht die Kunst des Liebens?

Liebe ist für Erich Fromm nicht in erster Linie eine Bindung an eine bestimmte Person. Sie ist eine Haltung, eine Charakterorientierung, welche die Bezogenheit eines Menschen zur Welt als Ganzer und nicht nur zu einem einzigen „Objekt“ der Liebe bestimmt.

Wenn also jemand nur eine einzige andere Person liebt und ihm alle übrigen Mitmenschen gleichgültig sind, dann handelt es sich bei seiner Liebe nicht um Liebe, sondern um eine ’symbiotische Bindung‘, im Grunde um einen erweiterten Egoismus. Trotzdem glauben die meisten Menschen, Liebe komme erst durch ein Objekt zustande und nicht aufgrund einer Fähigkeit. Weil man nicht erkennt, dass die Liebe ein Tätigsein, eine Kraft der Seele ist, meint man, man brauche nur das richtige Objekt dafür zu finden und alles andere gehe dann von selbst.

Man könnte diese Einstellung mit der eines Menschen vergleichen, der gern malen möchte und der, anstatt diese Kunst zu erlernen, behauptet, er brauche nur auf das richtige Objekt zu warten, und wenn er es gefunden habe, werde er wunderbar malen können. Und so ist auch Lieben eine Kunst!

Wenn ich einen Menschen wahrhaft liebe, so liebe ich alle Menschen, so liebe ich die Welt, so liebe ich das Leben. Wenn ich zu einem anderen sagen kann: „Ich liebe dich“, muss ich auch sagen können. „Ich liebe in dir auch alle anderen, ich liebe durch dich die ganze Welt, ich liebe in dir auch mich selbst.“

So alt das Buch ist, so aktuell ist es auch heute noch. Vielleicht sollte man es zur Pflichtlektüre machen für alle diejenigen, die an der Gestaltung der Welt (Stichwort: Zukunft Deutschland) beteiligt sind.

Wie wäre es mit Kafka?

Na, schon wieder an der Daddelkiste? Wie wäre es einmal wieder mit einem guten Buch? Zum Beispiel Kafka?

    Franz Kafka

„Der Prozess“, „Das Urteil“, „Das Schloss“. Seine Originalität ist in der Weltliteratur ohne Beispiel, seine sprachliche Perfektion unerreicht.

Manuskript Kafkas zu 'Der Process'

>>K. bekam den Auftrag, einem italienischen Geschäftsfreund der Bank, der für sie sehr wichtig war und sich zum ersten Mal in dieser Stadt aufhielt, einige Kunstdenkmäler zu zeigen.< < "Es gibt bei Kafka buchstäblich kein überflüssiges Wort, niemals unterläuft ihm ein schwacher Satz, ... nicht einmal auf Ansichtskarten, die er aus dem Urlaub schreibt. Seine Sprache scheint auf den ersten Blick sogar einfach. Schaut man dann genauer hin, blickt man allerdings in Abgründe." (Peter Zurek, ORF) Dennoch wäre dieser Dichter der Welt beinahe verborgen geblieben, wenn sich nicht sein Freund und Nachlassverwalter Max Brod nach Kafkas Tod über dessen Verfügung hinweggesetzt und die Werke veröffentlicht hätte. Wenn du schon an der Daddelkiste hängst, dann kannst du hier einmal nachschlagen:

  • Kafka-Website der Uni Bonn

  • Kafka Project (engl.)
  • Kafkaesk
  • Alterssex in der Literatur

    So langsam komme ja auch ich in die Jahre. Da interessiert man sich für Literatur, die sich um das Thema Alterssex rankt. Zunächst habe ich von Mario Vargas Llosa ‚Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto‚ (wieder-)gelesen. Don Rigoberto ist ja fast noch in meinem Alter. Und er treibt es eigentlich nur mit seiner Frau, wenn ihn die Fantasie (aber eben nur diese) auch ‚mal in andere Gefilde entführen lässt. Da tut es denn höchstens der Sohn es mit der Stiefmutter. Aber Don Rigoberto erweist sich trotz seiner gutbürgerlichen Existenz, dass er eigentlich ein Nonkonformist ist. Menschenansammlung (z.B. in Vereinen) ekeln ihn. Dafür versinkt er in seiner erotischen Kunstsammlung und träumt und treibt es – eben nur mit seiner Ehefrau, dafür aber mit vollem Genuss.

    Die ‚Erinnerung an meine traurigen Huren‚ von Gabriel García Márquez ist dagegen eher enttäuschend. Nur dank der Großbuchstaben schafft es das Buch, als Roman ausgegeben, auf gerade einmal 150 Seiten. Und die Geschichte eines 90-jährigen, der sich in ein 15-jähriges Mädchen verliebt, ist nicht sehr überzeugend. Einen solch rüstigen Großvater (bzw. Vater) wünscht man sich. Wäre der Held (ähnlich wie García Márquez) an die 80 Jahre alt, schon würde man dem Ganzen mehr Glauben schenken. Aber so wird man versucht sein, die Liebesgeschichte als reines Wunschdenken eines, wenn auch in Ehren, ergrauten Literaten zu sehen. Aber das Buch hat auch seine kleinen Höhepunkte (sic!), in denen es dem Autor gelingt, die Liebe über alle Körperlichkeit hinaus hochleben zu lassen.

    Dem gleichen Jahrgang wie García Márquez gehört auch Martin Walser an (1927). Sein Buch ‚Der Augenblick der Liebe‚ handelt von einem Mittsechziger, der sich unversehens in eine mittzwanziger Studenten verliebt. Beide finden sich über die Auseinandersetzung mit einem französischen Philosophen und lassen in dem Romanhelden ein vergessenes Lebensgefühl wieder auferstehen. Allein der Sprachwitz Walsers (und die genaue Recherche zum philosophischen Ausgangsthema) entschädigen für die dann doch manchmal gestelzten Figuren (aber das ist wohl Absicht, so ironisiert Walser seine beschriebenen Gestalten eben).

    Alter Mann trifft auf junge Frau (oder gar Mädchen), da lässt Lolita grüßen! Am Ende irgendwie nichts Neues. Viel Wunschdenken vielleicht, aber wenig wirkliche Auseinandersetzung mit der Liebe und dem Sex im Alter. Und alles dann eben auch nur aus Sicht der Herrenwelt. Ein Buch, das das Thema aus der Sicht einer gealterten Frau darstellt, gibt es (noch) nicht. Wer könnte das auch schreiben? Doris Lessing fällt mir da (aus welchen Gründen auch immer) ein, aber lebt die eigentlich noch? Oder ein Buch, in dem die Liebe und der Sex zwischen zwei gleichaltrigen Alten beschrieben wird. Aber wer interessiert sich schon dafür …