Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Christian Hanke: Hamburgs Straßennamen erzählen Geschichte

Über 12 ½ Jahre habe ich in Hamburg gewohnt (Wo Willi wohnte) und seit über 30 Jahre arbeitet ich in Hamburg. Die Hansestadt steht also schon lange im Mittelpunkt meines Lebens. Trotzdem, die Hamburger mögen mir verzeihen, kann ich die kritiklose Bewunderung der Bewohner für ihre Stadt nicht ganz teilen. Da gibt es Städte (auch in Deutschland), die mir einen Tick mehr gefallen. Vielleicht waren die rund 25 Jahre in Bremen so prägend, sodass ich immer noch einen heißen Draht zu dieser anderen Hansestadt (die mit dem Schlüssel zum Hamburger Tor der Welt) habe. Aber das ist ein Thema für sich. Im Beitrag Hanseatische Rivalität habe ich das schon einmal kurz angerissen.

Natürlich ist Hamburg eine schöne und interessante Stadt. Nur für ganz so weltstädtisch, wie sie sich gern ausgibt, halte ich sie nicht. Da fehlt dann doch noch ‚een lütt beden’ (ein klein bisschen). Das heißt natürlich nicht, dass mich Hamburg en détail nicht interessiert. Zu Weihnachten 2011 hat mir meine Frau das Buch Hamburgs Straßennamen erzählen Geschichte: Mit Stadtteilrundgängen, Karten, Fotos und den neuesten Straßen – Medien-Verlag Schubert, Hamburg – 4. überarbeitete und ergänzte Auflage 2006 – von Christian Hanke geschenkt, dass ich im Laufe des letzten Jahres nicht nur durchgeblättert, sondern vollständig gelesen habe.

„Nach welchen ‚Jungfern’ ist der Jungfernstieg benannt? Wer waren Mönckeberg und Ballin? Was verbirgt sich hinter der Bezeichnung Schoppenstehl? Dieses Buch gibt Antworten auf viele Fragen, die Hamburger Straßennamen aufwerfen, und erzählt damit etwas von Hamburgs Geschichte. Es handelt aber auch von der Geschichte der Straßen selbst. Wußten Sie zum Beispiel schon, daß auf dem Gänsemarkt und auf dem Rödingsmarkt nie etwas verkauft wurde, oder das die Brandstwiete im Gegensatz zur Straße Brandsende nichts mit einem Brand zu tun hat? Rundgänge regen außerdem dazu an, sich näher mit einigen besonders vielseitigen Stadtteilen zu beschäftigen.“
(aus dem Klappentext)

Lt. diesem Buch gibt es in Hamburg 8476 amtlich benannte Straßen, Wege, Plätze und Brücken. Nicht jede ist aufgeführt, für die meisten bietet es meist kurze Erklärungen und will anregen, sich weiter mit den Namensgebern zu beschäftigen. Durch die Eingemeindung früherer Dörfer nach Hamburg gab es das Problem von doppelten Straßennamen. „Nachdem 1894 eine ganze Reihe von Vororten Hamburger Stadtteile geworden waren, tauchten manche Bezeichnungen nun sogar drei- und viermal auf. 1899 wurden daher 130 Straßen umbenannt und zum Teil zusammengezogen. Altona erlebte 1928 eine ähnliche Umbenennungsaktion …“. „Nach dem Ersten Weltkrieg wichen einige Namen aus dem Bereich der Hohenzollern-Monarchie verdienten Demokraten, die 1933 wiederum NS-Größen und braunen Märtyrern Platz machen mussten. 1938 wurden auch alle verdienten Juden von Hamburgs Straßennamen verbannt. 1945 kehrten die meisten der von den Nazis geschassten Demokraten und Juden zurück. In den Jahren 1947 bis 1952 erfolgte dann die größte Umbenennungsaktion […] 1613 Straßennamen bekamen […] neue Namen.“

Nun Hamburg liegt in Norddeutschland, also im niederdeutschen Sprachraum. So gibt es hier oft verwendete Begriffe bei Flurnamen, die aus dem Niederdeutschen stammen. Diese Begriffe werden in diesem Buch aufgeführt, hier nur einige Beispiele:

Barg – Berg
Bek – Bach
Brook – Bruch, feuchtes gebiet, Niederung
Büttel – Haus mit Grund und Boden
Deel – Teil oder Niederung
Diek – Teich oder Dickicht
Dörp – Dorf
Glind, Glinde – Umzäunung aus Latten, Brettern oder Pfählen, abgegrenztes Flurstück
Högen – Anhöhe, Hügel
Höpen – feste Stelle inmitten eines Moores
Hoff – Hof
Kark – Kirche
Liet(h) – sanft abfallend
Lo(h) – Waldlichtung oder Waldgebiet
Nien – neu
Ohe – Gehölz
Reye, Rei, Riggen, Ree – kleiner Wasserlauf
Sieth – seichte Stelle
Wisch – Wiese
Wort, woort – erhöhter Wohnhügel

Twiete ist ein gebräuchlicher Name für einen Verbindungsweg zwischen zwei Straßen oder einen schmalen Pfad zwischen den Häusern, und kommt in Hamburg ca. 110 Mal vor.

Während der 12 ½ Jahre, die ich in Hamburg lebte, bin ich einige Male umgezogen. So wohnte ich u.a. in der Grindelallee und in Hamburg-Niendorf im Vielohweg. Übrigens hat Hamburg ebenfalls eine Euckenstraße wie Bremen (wo ich in jungen Jahren bei meinen Eltern wohnte). Eine der bekanntesten Straßen (neben der Reeperbahn) ist in Hamburg natürlich der Jungfernstieg. Hier die jeweiligen Erläuterungen aus dem Buch:

Jungfernstieg (um 1680), Hamburgs schöner Boulevard an der Binnenalster wurde als Damm zur zweiten Aufstauung der Alster um 1235 errichtet. Er hieß zunächst „Der Damm“ oder „Reesendamm“ (s. auch Reesendamm/Altstadt) und wurde 1665 durch das Anpflanzen von Baumreihen in eine attraktive Flaniermeile umgestaltet, der vor allem die Hamburgerinnen zum Spaziergehen einlud. So wurde er mit der Zeit zum Jungfernstieg.

Hamburgs Jungfernstieg um 1900

Euckenstraße (1951), Rudolf Eucken (1846-1926), Philosoph, erhielt 1908 den Nobelpreis für Literatur. Vor 1951: Gneisenaustraße.

Grindelallee (1858), Grindelberg (1858), Grindelweg (1882), der Straßenzug Grindelallee-Grindelberg ist der alte Weg vom Dammtor nach Hohehluft. Lokstedt und Niendorf sowie nach Eppendorf (über den Lehmweg). Alle drei Straßen haben ihren Namen von dem Grindelwald, der mindestens bis zum Ende des 14. Jahrhunderts das Gebiet zwischen ihnen und den heutigen Straßen Grindelhof und Parkallee bedeckte. Grindel soll auf Alt-Plattdeutsch Riegel bedeutet haben. Der Wald wurde so benannt, weil hier durch den Eisbach (Isebek) ungebetene Gäste gestoppt werden konnten. Der Name könnte aber auch mit dem Wort Grind für Moor oder Sumpf zusammenhängen. Am Grindelberg wurden 1946-1956 Deutschlands erste Hochhäuser, die Grindelhochhäuser erbaut. Grindelweg vor 1882: Grindelterrrasse.

Vielohweg (vor 1925), Vielohwisch (1950), Vielohkamp (vor 1933), „Vie“ bedeutet Bruch, „loh“ Wald und „wisch“ Wiese.

Wer sich für die Herkunft von Straßennamen interessiert (und das tut man spätestens dann, wenn man in einer Straße wohnt, deren Namen nicht gerade selbsterklärend ist), dem kann ich dieses Buch nur empfehlen. Und das nicht nur Hamburgern. Allein das Blättern macht Spaß.

Ein gutes neues Jahr 2013

Auch zum Jahresanfang 2013 sind wir hier im Norden Deutschlands weit davon entfernt, so etwas Ähnliches wie Winter zu haben. Von Schnee keine Spur, dafür eher frühlingshafte Temperaturen. Robert Walsers kleine Schneelandschaft ließ erahnen wie es sein könnte, wenn … Mit dem Schweizer Robert Walser, einem besonderen Sonderling und eigenartigen Poeten, will ich das neue Jahr auch beginnen – und wenigstens noch einmal mit fiktivem Schnee. Aber es wird sicherlich auch bei uns hier noch einmal Winter geben. Der kann sich bekanntlich bis in den Anfang des Mais erstrecken.

Raureif

Warum Robert Walser? Für mich ist er einer der liebsten Schriftsteller. Warum, das vermag ich kaum zu beantworten. Man sollte ihn lesen – dann wird man ihn mögen für alle Tage, oder einfach für verschroben und altmodisch abtun. Peter von Matt, ebenfalls ein Schweizer Schriftsteller, hält für Robert Walser besonders «die Unvorhersehbarkeit des nächsten Satzes» für charakteristisch. Das heute vorgestellte Prosastück wird das sicherlich verdeutlichen. Meine Ex-Schwägerin würde sagen, dass er von Kuchen backen auf Pobacken käme. Ich sehe darin eher einen bunten Blumenstrauß mit vielen einzelnen Farbtupfern.

Zuvor will ich Euch allen aber ein friedvolles und geruhsames neues Jahr 2013 wünschen mit viel Gesundheit und Zufriedenheit. Vom Glück will ich gar nicht schreiben. Das ist oft so flüchtig … Macht es also gut. Mögen wenigstens einige Eurer Wünsche in Erfüllung gehen. Wer keine Wünsche mehr hat, wem alles erfüllt wurde, der hat auch nichts mehr zu erwarten …

Schnee liegt auf Straßen und Plätzen, auf Denkmälern, Dächern, das paßt zur Neujahrszeit. Weihnachtsbäume, Süßigkeiten gönne ich andern. Dichter sind darin großartig, daß sie ihrer Mitmenschen Freude mit ansehen können, ohne gleich zu meinen, daß sie mitgenossen haben müßten. Eine warme Stube ist im Winter schon viel. Les’ ich nicht außerdem in einem Büchlein, betitelt: „Treu wie Gold“? – „Guten Tag, Frau Direktor von Stempel“, sprach ich neulich eine Dame an, die anders heißt, und die laut ausrief: „Was ist Ihnen?“ – „Gut aufgelegt bin ich“, gab ich zur Antwort. Den ersten Theaterabend meines Lebens erlebte ich in einer Neujahrsnacht, trug den hohen Eindruck heiß ins Elternhaus. An einem himmelblauen Frühlingstag erwartete eine Mutter ihren geliebten Sohn, den Leutnant von Schöllermark. Da klopfte es energisch an die Türe; der Ersehnte war’s, sie lagen sich in den Armen. Er kam dann nach Berlin, wo er die wundersamste Motzsträßlerin oder Millionärin kennenlernte; sie war jung und unerhört schön. Im Tiergarten gaben sie sich Rendezvous; flogen zusammen auf Schlittschuhen um die Rousseauinsel, die im kleidsamen Dezemberlichkeitsgewand lieblich aussah. Die Schöne sagte ihm, indem sie Kuß um Kuß von ihm empfing, ihr Papa habe Pläne mit ihr; er taumelte zurück, erlebte seine große Enttäuschung, was ich alles aus einem Vergissmeinnichtbüchlein habe. Nun meld’ ich etwas von mir und beichte, daß ich als Knabe auf einen Neujahrswunschzettel unachtsamerweise „ich wüsche“ schrieb, statt „ich wünsche“. Wie einem so etwas im Kopf bleibt! Der junge Napoleon siegte schon als Schüler im Schulhof zu Brienne in Schneeballschlachten. Schneemänner haben einen breiten Mund, nicht sehr eindrucksvolle Augen, in der Hand einen Besen und stehn unglaublich ruhig da. „Zwischen zwei Herzen“ nennt sich eine rührende Geschichte, die ich meinem Bibliothekchen einverleibte: Einer, der Geld hat, tritt einem, der keins hat, die, die er liebt, ab, da er nicht mehr jung ist, während dem andern die Jugend zum Antlitz herausstrahlt. Das Mädchen hieß Roberta und der Glückliche Max. Anderntags saßen alle friedlich beisammen. Möglich ist, daß sie bei Tisch saßen und aßen. Ich war neulich dabei, wie sich einer Wirtin ein netter, junger Mensch als Officebursche stramm vorstellte. Achtung erweckt man meist hinter seinem Rücken; daher weiß man nichts davon. Die, denen wir sympathisch sind, bleiben still, und das ist richtig, man nähme sich sonst zu wichtig. Ein Kurzwarenhändler sagte mir, man käme mit der Höflichkeit am besten weg; ich pflichtete ihm bei. Zu Neujahr wird geschenkt, Schenkende erhalten wieder ihrerseits Geschenke. Beides, Nehmen wie Geben, darf und will geübt sein. Ich erinnere mich an eine Zeichnung mit leichter Anfärbung: ein weißgefiederter Engel schaut zu einem Fensterchen in die Stube hinein, wo das Christkind liegt; nur ein kleines Blatt, und doch vergaß ich’s nicht. Man kann viel vergessen, sich wieder auf vieles besinnen, und herrlich ist im Erinnerungsbereiche dann ein wiedergefundenes Schäfchen; der Verlust wird lieb, da er sich ausglich.

Schnee liegt auf Straßen und Plätzen
Aus: Robert Walser – Dichtungen in Prosa …

Vorweihnachtszeit 2012 (18): (Fast) klassische Weihnachtsgedichte

Als Kind habe ich es nicht so gemocht, Gedichte vorzutragen. Das galt natürlich auch zu Weihnachten für Weihnachtsgedichte. So etwas sollte man sowieso den Profis überlassen … – Das heißt nicht, dass ich keine Gedichte mag. Es gibt viele schöne Weihnachtsgedichte, die uns nicht unmäßig rührig, aber besinnlich stimmen können: „Für viele Menschen gehört ‚Von drauß vom Walde komm‘ ich her’ und viele andere klassische Weihnachtsgedichte genauso zur Vorweihnachtszeit, wie der Duft von frisch gebackenen Keksen oder das Weihnachtsshopping. Ob Theodor Storm, Johann Wolfgang von Goethe oder Wilhelm Busch, für jeden Geschmack gibt es das passende Weihnachtsgedicht.“ Hier nur eine kleine Auswahl:

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

    Ich sehn‘ mich so nach einem Land
    der Ruhe und Geborgenheit
    Ich glaub‘, ich hab’s einmal gekannt,
    als ich den Sternenhimmel weit
    und klar vor meinen Augen sah,
    unendlich großes Weltenall.
    Und etwas dann mit mir geschah:
    Ich ahnte, spürte auf einmal,
    daß alles: Sterne, Berg und Tal,
    ob ferne Länder, fremdes Volk,
    sei es der Mond, sei’s Sonnnenstrahl,
    daß Regen, Schnee und jede Wolk,
    daß all das in mir drin ich find,
    verkleinert, einmalig und schön
    Ich muß gar nicht zu jedem hin,
    ich spür das Schwingen, spür die Tön‘
    ein’s jeden Dinges, nah und fern,
    wenn ich mich öffne und werd‘ still
    in Ehrfurcht vor dem großen Herrn,
    der all dies schuf und halten will.
    Ich glaube, daß war der Moment,
    den sicher jeder von euch kennt,
    in dem der Mensch zur Lieb‘ bereit:
    Ich glaub, da ist Weihnachten nicht weit!

Hermann Hesse: Weihnachten

    Vom Himmel bis in die tiefsten Klüfte
    ein milder Stern herniederlacht;
    vom Tannenwalde steigen Düfte
    und kerzenhelle wird die Nacht.
    Mir ist das Herz so froh erschrocken,
    das ist die liebe Weihnachtszeit!
    Ich höre fernher Kirchenglocken,
    in märchenstiller Herrlichkeit.
    Ein frommer Zauber hält mich nieder,
    anbetend, staunend muß ich stehn,
    es sinkt auf meine Augenlider,
    ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.

Theodor Storm: Das Weihnachtsfest

Vorweihnachtszeit 2012 (17): Joachim Ringelnatz – Vorfreude auf Weihnachten

Jetzt geht es wirklich ‚hart’ auf Weihnachten zu. Statt die letzten Geschenke zu kaufen stürze ich mich auf die Fabrikation von Geschenkgutscheinen (es geht um Klamotten, die soll sich der ‚Beschenkte’ selbst kaufen, ich würde nur das Falsche kaufen). Ansonsten ist alles besorgt – einen Festtagsbraten gibt es bei uns schon deshalb nicht, weil der ältere meiner Söhne Veganer ist (was uns Restliche nicht davon abhalten wird, die eine oder andere ‚leichte’ fleischliche Leckerei zu genießen). Am Heiligabend werde ich morgens nur noch Brötchen einkaufen gehen …

Joachim Ringelnatz hatte ich hier bereits mit seiner Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu präsentiert. Heute, so kurz vor Weihnachten, noch ein kleines weiteres Gedicht von ihm: Vorfreude auf Weihnachten. Lassen wir in diesen Tagen wie Ringelnatz die Flämmchen am Christbaum blühen.

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

Ein Kind – von einem Schiefertafel-Schwämmchen
Umhüpft – rennt froh durch mein Gemüt.

Bald ist Weihnacht! – Wenn der Christbaum blüht,
Dann blüht er Flämmchen.
Und Flämmchen heizen. Und die Wärme stimmt
Uns mild. – Es werden Lieder, Düfte fächeln. –

Wer nicht mehr Flämmchen hat, wem nur noch Fünkchen glimmt,
Wird dann doch gütig lächeln.

Wenn wir im Traum eines ewigen Traumes
Alle unfeindlich sind – einmal im Jahr! –
Uns alle Kinder fühlen eines Baumes.

Wie es sein soll, wie’s allen einmal war.

Joachim Ringelnatz: Vorfreude auf Weihnachten

Vorweihnachtszeit 2012 (15): Karl May – Weihnachten

Ich komme noch einmal auf Karl May zu sprechen, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 170. Mal jährt. Außerdem wird seines 100. Todestages gedacht (siehe meine Beiträge Karl May: Durch die Wüste und Karl May-Filme (1): Die Sklavenkarawane (1958) – Der Löwe von Babylon (1959)). Karl May hat nämlich eine längere Erzählung verfasst, in der er uns u.a. als bekannter Held, Old Shatterhand, über den Weg läuft. Der Wilde Westen also im weihnachtlichem Gewand. Hier zum Abschluss des Karl May-Jahres die Erzählung:

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

Welch ein liebes, liebes, inhaltsreiches Wort! Ich behaupte, daß es im Sprachschatze aller Völker und aller Zeiten ein zweites Wort von der ebenso tiefen wie beseligenden Bedeutung dieses einen weder je gegeben hat noch heute giebt. Dem gläubigen Christen ist es der Inbegriff der heißersehnten Erfüllung langen Hoffens auf die Erlösung aller Kreatur, und auch für den Zweifler bedeutet es eine alljährlich wiederkehrende Zeit allgemeiner Festlichkeit, der Familienfreude und der strahlenden Kinderaugen. Jenem leuchtet in der tiefsten Tiefe seines Herzens der Wahrspruch »Jesus Christus gestern und heut und derselbe in alle Ewigkeit!« und dieser stimmt wohl unwillkürlich auch mit ein oder läßt wenigstens seine Kinder einstimmen in den Frohgesang

»Welt ging verloren,
Christus ward geboren;
Freue dich, o Christenheit!«

Unter Palmen ging der längst erwartete Zweig Isais, des Bethlehemiten, auf, und über Bethlehem strahlte der Stern, welcher die Weisen aus dem Morgenlande zu der Weihnachtskrippe leitete. »Ehre sei Gott in der Höhe!« sangen die himmlischen Heerscharen über diese Stadt, von welcher ein Strahl des Lichtes ausgangen ist, der alle Welt erleuchten und beglücken soll. »Friede auf Erden!« erklang es nach dem himmlischen Gloria, und der Friede, dessen Sinnbild noch heut die Palmen sind, hat sich von dorther ausgebreitet über alle Länder und in alle Herzen, welche seinem Einzuge offen standen. Und wo im Norden keine Palmen wehen, da haben ihre Wedel sich in Tannenzweige verwandelt, welche Sterne und Lichter tragen in der schönen seligen Zeit, welcher die Worte des Propheten gelten: »Mache dich auf, und werde Licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht über dir auf!« Da glänzt der Weihnachtsbaum im Palaste und in der Hütte; da schallen Glockenklänge, um die Geburt des Erlösers zu verkünden, durch die stille Nacht, und von allen Kanzeln und Altären, von Mund zu Mund erklingt der Engelsruf: »Siehe, ich verkündige Euch große Freude, die allen Nationen widerfahren wird, denn Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Davidsstadt!«

[…]

Karl May: Weihnachten

Vorweihnachtszeit 2012 (14): Robert Walser – Die kleine Schneelandschaft

„25. Dezember 1956. Eine trockene Kälte durchflutet den Abend. Eine Lautlosigkeit fällt wortkarg zu Boden. In grau-müdem Weiß liegt Stille über der Natur. Die Tannen des Waldes haben schwer zu tragen. Bedeckt von Schnee und Eis halten sie ihre hängenden Glieder in den flüchtenden Tag. Ehrfürchtig, schüchtern, gleichwohl verwegen und still. Ein Pfad zeichnet sich mühsam ordnend durch die Willkürlichkeit des Waldes. Abseits des Weges liegt eine Gestalt im Schnee. Es ist Robert Walser. Er liegt friedlich am Boden. Allein. Erfroren. Keinerlei Fußspuren, die seinen Werdegang bezeugen könnten. Walsers letzter Spaziergang wird Teil des eigenen literarischen Schaffens, Walser selbst wird an seinem letzten Tag zu seiner eigenen Romanfigur.

Robert Walser beschreibt diese Art des Todes bereits in dem 1907 erschienenen Roman ‚Geschwister Tanner’. Dort ist es der Dichter Sebastian, der von einem Spaziergang nicht mehr heimkehrt, sondern schneebedeckt im Wald aufgefunden wird. Allein mit sich und der Natur. ‚Die beste Musik für einen’ schreibt Walser, ‚der kein Gehör und kein Gefühl mehr hat’.“ (Quelle: cicero.de)

Wir müssen uns hier im Norden Deutschlands wohl wieder auf ein Weihnachtsfest ohne Schnee einstellen. Der Regen des Wochenendes hat den Schnee der letzten Woche erst schrumpfen lassen. Jetzt ist er fast völlig dahin …

So greife ich auf eine Prosadichtung des Schweizers Robert Walser zurück, dem Sonderling und eigenartigen Poeten, dessen Erzählungen „durch die zeitlose Anmut ihres Vortrags, durch die zart und absichtslos spielende Magie“ bezaubern, wie Hermann Hesse schrieb (siehe meinen Beitrag Heute Ruhetag (17): Robert Walser – Der Gehülfe). Er beschreibt in wundersamen Worten eine Schneelandschaft. So nehmen wir die Phantasie zu Hilfe und erträumen uns mit Walsers Unterstützung eine winterlich-weihnachtliche Landschaft, in der die Sonne sich im Schnee reflektiert, Eisblumen an den Fenster ‚blühen’ und Kinder eine Schneeballschlacht veranstalten.

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

Gestern haben wir Schnee bekommen, und heute in der Morgenfrühe ging ich hinaus zur sorgsamen und ruhigen Besichtigung der Schneelandschaft. Niedlich, wie ein artiges Kätzchen, das sich geputzt hat, liegt jetzt das reiche, liebliche Land da. Jedes Kind, sollte ich meinen, kann die Schönheit einer Schneelandschaft im Herzen verstehen, das feine saubere Weiß ist so leicht verständlich, ist so kindlich. Etwas Engelhaftes liegt jetzt über der Erde, und eine süße, reizvolle Unschuld liegt weißlich und grünlich ausgebreitet da. Ich freute mich über meine Aufgabe, über das Amt, über die angenehme Pflicht, die mir vorschrieb, sorgfältig und aufmerksam Notiz vom Schnee und seinen Reizen zu nehmen. Wunderbare Feinheit und Schönheit lag darin, daß das Gras so artig und mit so zarten Spitzen aus der Schneefläche herausschaute. Ich ging wieder zu meinem alten unverwüstlichen, gütigen Zauberer, zum Wald, und zum Wald wie im Traum wieder hinaus, und da lag es da, das Kinderland in seiner Kinderfarbe. Die Bäumchen und Bäume schienen einen graziösen Tanz auf dem weißen Felde aufzuführen, und die Häuser hatten weiße Mützen, Kappen, Kopfbedeckungen oder Dächer. Es sah so appetitlich, so lockig, so lustig und so lieb aus, ganz wie das zarte, süße Kunstwerk eines geschickten Zuckerbäckers. Noch ein Morgenlicht leuchtete in einem Fenster, und ein anmutig Haus stand in einiger Entfernung, das hatte Fenster wie Augen, welche fröhlich und listig blinzelten. Das Haus war wie ein Gesicht, und die fünf grünen Fenster waren wie seine Augen. Geh doch hin, lieber Leser, noch steht das zauberische Landbild da, mit Schnee auf seinem lieblichen Antlitz. Man darf nur nie zu träge sein und sich vor ein paar hundert Schritten nicht fürchten, zeitig aus dem Faulenzerbett aufstehen, sich auf die Glieder stellen und nur ein wenig hinauswandern, so sieht sich das Auge satt, und das freiheitsbedürftige Herz kann aufatmen. Geh hin zu der artigen Schneelandschaft, welche dich wie mit einem schönen freundschaftlichen Munde anlächelt. Lächle auch du sie an und grüße sie von mir.

Robert WalserDie kleine Schneelandschaft

Vorweihnachtszeit 2012 (13): Erich Kästner – Weihnachtslied, chemisch gereinigt

Emil Erich Kästner (1899 – 1974) war ein deutscher Schriftsteller, Drehbuchautor und Verfasser von Texten für das Kabarett, der vor allem wegen seiner humorvollen, scharfsinnigen Kinderbücher und seiner humoristischen bis zeitkritischen Gedichte bekannt geworden ist. Wie Kurt Tucholsky war er freier Mitarbeiter der Zeitschrift Die Weltbühne. Sein „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“ lässt sich auf der Melodie von „Morgen, Kinder, wird’s was geben!“ auch gesanglich anstimmen. Ja, Morgen (in einer Woche) wird’s was geben …

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Einmal kommt auch eure Zeit.
Morgen ist’s noch nicht so weit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bißchen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen –
Lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stille Nacht und heil’ge Nacht –
Weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der Kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit …
Ach, du liebe Weihnachtszeit!

Erich KästnerWeihnachtslied, chemisch gereinigt
(Nach der Melodie: „Morgen, Kinder, wird’s was geben!“)

Vorweihnachtszeit 2012 (11): Kurt Tucholsky – Groß-Stadt-Weihnachten

Kurt Tucholsky zählt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift Die Weltbühne erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat, Sozialist, Pazifist und Antimilitarist und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten – vor allem in Politik, Militär und Justiz – und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. (Quelle: wikipedia.org)

Sein Gedicht „Groß-Stadt-Weihnachten“ führt uns ins Berlin der Zeit vor dem ersten Weltkrieg (1913), ist also genau 99 Jahre alt, und hat etwas von ‚Berliner Schnauze’. Das Ende des Gedichtes verheißt nichts Gutes:

Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …
»Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.«

1913 sollte das letzte Weihnachten in Frieden sein.

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Fluren
die Weihenacht! die Weihenacht!
Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?
Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.
Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,
den Aschenbecher aus Emalch glasé.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen
auf einen stillen heiligen Grammophon.
Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
den Schlips, die Puppe und das Lexikohn,

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,
dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:
»Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!«

Und frohgelaunt spricht er vom ›Weihnachtswetter‹,
mag es nun regnen oder mag es schnein,
Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,
die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Glück hienieden
in dieser Residenz Christkindleins Flug?
Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …
»Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.«

Kurt TucholskyGroß-Stadt-Weihnachten
(Erstveröffentlichung unter dem Pseudonym Theobald Tiger in „Die Schaubühne“, 25.12.1913, Nr. 52, S. 1293) – auch als Podcast zu hören: Groß-Stadt-Weihnachten

Vorweihnachtszeit 2012 (10): Die schönsten Weihnachtsmärchen der Welt

Schnee haben wir ja bereits, auch wenn zu befürchten ist, dass dieser spätestens am Wochenende durch Regen dahinschmelzen wird. Die Wetteraussichten für Weihnachten sind noch nicht eindeutig, vieles deutet für uns hier im Norden daraufhin, die Festtage eher im Grünen zu verbringen.

Nun wer sich nicht allzu sehr vom vorweihnachtlichen Stress gefangen nehmen lässt, wer sich trotz Arbeit und der Widrigkeiten, die Schnee und besonders Glatteis auf den Straßen und Gleisen verursachen, nicht ‚beeindrucken’ lässt, wer spätestens am Abend etwas Muße findet, um zu entspannen, wird vielleicht im Bücherschrank die Lektüre finden, die ihn und sie zur ‚Besinnung’ kommen lässt.

Immer wieder gehören zu einer vorweihnachtlichen Lektüre auch Märchen der Advents-, Weihnachts- und Winterszeit. Dazu müssen nicht unbedingt kleine Kinder im Hause sein. Aber natürlich ist das noch schöner, den Kleinen solche Märchen vorzulesen. Online im Netz gibt es dazu das Projekt Gutenberg-DE! bei Spiegel Online oder das angelsächsische Pentant Project Gutenberg (natürlich auch mit deutschen Texten). Allein das Kramen und Suchen hier macht schon viel Spaß.

Beim deutschen Gutenberg-Projekt gibt es eine Sammlung solcher Märchen, die sich mit der Winter- und Weihnachtszeit befassen. Es sind gesammelte Märchen u.a. von den Brüder Grimm (in diesen Tagen vor 200 Jahren erschien ja der erste Band ihrer gesammelten „Kinder- und Hausmärchen“) und Ludwig Bechstein – oder Kunstmärchen von Hans Christian Andersen, Wilhelm Hauff und Theodor Storm. Und es gibt hier Volksmärchen aus aller Herren Länder von Irland über Island bis Sibirien – und auch auf Niederdeutsch (Plattdeutsch) …: Die schönsten Weihnachtsmärchen der Welt

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

Eines der kürzesten Märchen, die ich kenne, findet sich hier auch. Vielleicht hat es nur wenig mit Winter und noch weniger mit Weihnachten zu tun. Was mit der Mutter wurde, ist nicht klar – aber in der Kürze liegt hier die Würze und es endet strahlend …

Eine junge Königstochter hieß Schneeblume, weil sie weiß wie der Schnee war und im Winter geboren. Eines Tages war ihre Mutter krank geworden, und sie ging in den Wald und wollte heilsame Kräuter brechen. Wie sie nun an einem großen Baum vorüberging, flog ein Schwarm Bienen heraus und bedeckten ihren ganzen Leib von Kopf bis zu den Füßen. Aber sie stachen sie nicht und taten ihr nicht weh, sondern trugen Honig auf ihre Lippen, und ihr ganzer Leib strahlte ordentlich von Schönheit.

Brüder Grimm: Schneeblume

Vorweihnachtszeit 2012 (9): William Butler Yeats – Die Anbetung der heiligen drei Könige

William Butler Yeats (1865 – 1939) war ein irischer Dichter. Er gilt als einer der bedeutendsten englischsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. 1923 erhielt er den Literaturnobelpreis. In romantischen Stimmungsbildern schilderte er die alten Kelten und ihre Mythen, wie er sie sah. Seine Werke sind gekennzeichnet von verträumter Atmosphäre und irischer Folklore. Kein Wunder also, wenn seine Erzählung von der Anbetung der heiligen drei Könige geprägt ist von wundersamen Dingen, die das christliche Motiv in ein gälisches Märchen verwandeln.

Besonders beeindruckend finde ich den Schluss der Erzählung mit dem Gebet in gälischer Sprache – und den Gedanken, mit den drei alten Männern auch wieder den Unsterblichen begegnet zu sein. Das ist fernab des weihnachtlichen Einkaufstrubels. Dafür gönne ich mir (ähnlich den drei alten Männer: „Nacht für Nacht im Winter trugen ihnen gälische Märchenerzähler über einem Krug Whiskey alte Dichtungen vor“) abends einen wee dram of whisky … wenn’s auch kein irischer, sondern ‚nur’ ein schottischer ist (single malt versteht sich): Slàinte mhath!

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

Nicht lange nach meiner letzten Begegnung mit Aherne war es, als ich spät nachts, in meine Bücher vertieft, ein leises Klopfen an meiner Haustür vernahm. An der Schwelle fand ich drei sehr alte Männer mit dicken Stöcken in den Händen, die sagten, es sei ihnen mitgeteilt worden, daß ich auf sei und daß ich bereit sei, und sie hätten mir wichtige Dinge zu sagen.

[…]

Das ist alles, was mir die Alten erzählt haben, und wenn ich mich ihrer Rede und ihres Schweigens entsinne, ihres Kommens und Gehens, dann bin ich fast überzeugt, ich hätte, wenn ich nach ihnen das Haus verlassen, keine Fußspuren im Schnee gefunden. Nach allem, was ich oder irgend jemand hierüber sagen kann, mögen sie selber Unsterbliche gewesen sein, unsterbliche Dämonen, gekommen, um meinem Geiste eine unwahre Geschichte einzugeben, zu einem Zweck, den ich nicht kenne. Wer immer sie gewesen sein mögen, sicherlich habe ich einen Weg eingeschlagen, der mich von ihnen und der Chymischen Rose entfernen wird. Nicht länger mehr lebe ich ein sorgfältiges und hochmütiges Leben, sondern bin bestrebt, mich unter den Gebeten und den Sorgen der Menge zu verlieren. Am liebsten bete ich in den Kirchen der Armen, wo grobe Kittel mich streifen, wenn ich niederknie; und wenn ich ein Stoßgebet gegen die bösen Geister verrichte, dann wiederhole ich ein Gebet, das, ich weiß nicht vor wieviel Jahrhunderten, gelispelt worden, um irgendeinem gälischen Mann oder einer Frau beizustehen, die an einem Leiden gleich dem meinen gelitten.

Seacht b-páidreacha fó seacht
Chuir Muire faoi n-a Mac,
Chuir Brighid faoi n-a brat,
Chuir Dia faoi n-a neart
Eidir sinn ’san Sluagh Sidhe
Eidir sinn ’san Sluagh Gaoith.

Sieben Patres siebenmal
Senden Marien durch ihren Sohn,
Senden Brigitt durch den Mantel,
Senden Gott durch seine Kraft
Zwischen uns und die Zauberschar,
Zwischen uns und die luftgen Geister.

William Butler Yeats: Die Anbetung der heiligen drei Könige (aus: Erzählungen und Essays)

Vorweihnachtszeit 2012 (8): Joachim Ringelnatz – Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu

Bevor Joachim Ringelnatz (eigentlich Hans Gustav Bötticher) eine Laufbahn als Kabarettist und Schriftsteller begann, war er als Seemann unterwegs. Meist mit weniger guten Erfahrungen. Aber daraus resultiert eine Kunstfigur, die des Seebären Kuttel Daddeldu, die Hauptfigur in diversen schwarzhumorigen Balladen und Moritaten von Ringelnatz. Weihnachten kommt bei Kuttel Daddeldu auch vor, wenn auch ‚nordisch herb’, aber herzlich, wie eben bei Seeleuten üblich:

Schöne Vorweihnachtzeit 2012

Die Springburn hatte festgemacht
Am Petersenkai.
Kuttel Daddeldu jumpte an Land,
Durch den Freihafen und die stille heilige Nacht
Und an dem Zollwächter vorbei.
Er schwenkte einen Bananensack in der Hand.
Damit wollte er dem Zollmann den Schädel spalten,
Wenn er es wagte, ihn anzuhalten.
Da flohen die zwei voreinander mit drohenden Reden.
Aber auf einmal trafen sich wieder beide im König von Schweden.

Daddeldus Braut liebte die Männer vom Meere,
Denn sie stammte aus Bayern.
Und jetzt war sie bei einer Abortfrau in der Lehre,
Und bei ihr wollte Kuttel Daddeldu Weihnachten feiern.

Im König von Schweden war Kuttel bekannt als Krakehler.
Deswegen begrüßte der Wirt ihn freundlich: »Hallo old sailer!«
Daddeldu liebte solch freie, herzhafte Reden,
Deswegen beschenkte er gleich den König von Schweden.
Er schenkte ihm Feigen und sechs Stück Kolibri
Und sagte: »Da nimm, du Affe!«
Daddeldu sagte nie »Sie«.
Er hatte auch Wanzen und eine Masse
Chinesischer Tassen für seine Braut mitgebracht.

Aber nun sangen die Gäste »Stille Nacht, Heilige Nacht«,
Und da schenkte er jedem Gast eine Tasse
Und behielt für die Braut nur noch drei.
Aber als er sich später mal darauf setzte,
Gingen auch diese versehentlich noch entzwei,
Ohne daß sich Daddeldu selber verletzte.

Und ein Mädchen nannte ihn Trunkenbold
Und schrie: er habe sie an die Beine geneckt.
Aber Daddeldu zahlte alles in englischen Pfund in Gold.
Und das Mädchen steckte ihm Christbaumkonfekt
Still in die Taschen und lächelte hold
Und goß noch Genever zu dem Gilka mit Rum in den Sekt.
Daddeldu dacht an die wartende Braut.
Aber es hatte nicht sein gesollt,
Denn nun sangen sie wieder so schön und so laut.
Und Daddeldu hatte die Wanzen noch nicht verzollt,
Deshalb zahlte er alles in englischen Pfund in Gold.

Und das war alles wie Traum.
Plötzlich brannte der Weihnachtsbaum.
Plötzlich brannte das Sofa und die Tapete,
Kam eine Marmorplatte geschwirrt,
Rannte der große Spiegel gegen den kleinen Wirt.
Und die See ging hoch und der Wind wehte.

Daddeldu wankte mit einer blutigen Nase
(Nicht mit seiner eigenen) hinaus auf die Straße.
Und eine höhnische Stimme hinter ihm schrie:
»Sie Daddel Sie!«
Und links und rechts schwirrten die Kolibri.


Blick in die Mattentwiete/Hamburg

Die Weihnachtskerzen im Pavillon an der Mattentwiete erloschen.
Die alte Abortfrau begab sich zur Ruh.
Draußen stand Daddeldu
Und suchte für alle Fälle nach einem Groschen.
Da trat aus der Tür seine Braut
Und weinte laut:
Warum er so spät aus Honolulu käme?
Ob er sich gar nicht mehr schäme?
Und klappte die Tür wieder zu.
An der Tür stand: »Für Damen«.

Es dämmerte langsam. Die ersten Kunden kamen,
Und stolperten über den schlafenden Daddeldu.

Joachim RingelnatzDie Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu