Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Heute Ruhetag (14): William Shakespeare: Cymbeline

Heute habe ich ein Theaterstück ausgewählt, dass in diesen Tag kaum noch den Weg auf die Bühne findet und so auch gut in die Rubrik ‚vergessener Stücke’ passen würde. Es ist die Romanze „Cymbeline“ von William Shakespeare. Ich habe dieses Stück aus einen ganz bestimmten Grund ausgewählt – besonders auch die hier aufgeführten Zitate, die nämlich in einem Roman jeweils als Motto für ein Kapital mit sinnverwandtem Inhalt dienen. Dazu aber später mehr. Es handelt sich, soviel sei verraten, um einen Roman von André Gide, den ich zz. wiederholt lese. Es ist eines der ganz großen Romane des 20. Jahrhunderts.

Heute Ruhetag!

Plenty and peace breeds cowards: hardness ever
Of hardiness is mother.

Zu Deutsch:

Imogen:
… Überfluß und Friede zeugen Memmen. Drangsal ist
Der Keckheit Mutter.

William Shakespaeare: Cymbeline
3. Akt – 6. Szene

We are all bastards;
And that most venerable man which I
Did call my father, was I know not where
When I was stamp’d;

Zu Deutsch:

Posthumus:
Kann denn kein Mensch entstehn, wenn nicht das Weib
Zur Hälfte wirkt? Bastarde sind wir alle,
Und der höchst würdge Mann, den ich stets Vater
Genannt, war, weiß der Himmel wo, als ich
Geformt ward
, und Falschmünzerwerkzeug prägte
Als falsches Goldstück mich.

William Shakespaeare: Cymbeline (Romanze in 5 Akten – 1610)
2. Akt – 5. Szene

Heute Ruhetag (13): Jean-Jacques Rousseau – Les Confessions (Die Bekenntnisse)

„Ich beginne ein Unternehmen, welches beispiellos dasteht und bei dem ich keinen Nachahmer finden werde.“ So beginnt Jean-Jacques Rousseau seine ‚Confessions’. Nun spätestens in Hermann Hesse mit dessen Steppenwolf hat er einen Nachahmer gefunden, denn dieser Roman ist nichts anderes als ein Bekenntnisbuch, in dem der Autor seine Seele bis in den Grund ausgeleuchtet hat.

„Die Bekenntnisse von Jean-Jacques Rousseau sind die erste Autobiographie von Rang, die nicht – wie zum Beispiel die Confessiones des Augustinus, auf die sich der Titel bezieht, – die religiösen Erfahrungen, sondern das gesamte Leben, nicht zuletzt das psychologische Selbstverständnis zum Gegenstand haben.“

Heute Ruhetag!

Ich beginne ein Unternehmen, welches beispiellos dasteht und bei dem ich keinen Nachahmer finden werde. Ich will der Welt einen Menschen in seiner ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich selber sein.

Ich allein. Ich verstehe in meinem Herzen zu lesen und kenne die Menschen. Meine Natur ist von der aller, die ich gesehen habe, verschieden; ich wage sogar zu glauben, nicht wie ein einziges von allen menschlichen Wesen geschaffen zu sein. Bin ich auch nicht besser, so bin ich doch anders. Ob die Natur recht oder unrecht gethan hat, die Form, in der sie mich gegossen, zu zerbrechen, darüber wird man sich erst ein Urtheil bilden können, wenn man mich gelesen hat.

Möge die Posaune des jüngsten Gerichtes ertönen, wann sie will, ich werde mit diesem Buche in der Hand vor dem Richterstuhle des Allmächtigen erscheinen. Ich werde laut sagen: Hier ist, was ich gethan, was ich gedacht, was ich gewesen. Mit demselben Freimuthe habe ich das Gute und das Schlechte erzählt. Ich habe nichts Unrechtes verschwiegen, nichts Gutes übertrieben, und wenn ich mir etwa irgend eine unschuldige Ausschmückung habe zu Schulden kommen lassen, so muß man das meiner Gedächtnisschwäche zu Gute halten, um deren willen ich gezwungen war, hier und da eine Lücke auszufüllen. […]

Jean-Jacques Rousseau: Les Confessions (Die Bekenntnisse), 1782

Vergessene Stücke (13): Peter Weiss: Marat/Sade

Jean Paul Marat war Arzt und Naturwissenschaftler und neben Robespierre und Danton einer der geistigen Führer der Französischen Revolution. So war er auf Seiten der Bergpartei Abgeordneter im Nationalkonvent sowie für eine Periode Präsident des Klubs der Jakobiner. Wegen einer Hauterkrankung war er in den letzten drei Jahren seines Lebens auf kühle Bäder zur Linderung der Symptome angewiesen. Am 13. Juli wurde Marat, in seinem Bade liegend, von Charlotte Corday, eine Anhängerin der Girondisten, Vertreter des gehobenen Bürgertums, die ihren Einfluss immer mehr an die radikalen Jakobiner verloren hatten, ermordet. Vielen dürfte das Gemälde von Jacques-Louis David gekannt sein: Der Tod des Marat. Es ist eines der berühmtesten Darstellungen von Ereignissen der französischen Revolution.

Jacques-Louis David: Der Tod des Marat (Ausschnitt)

Der Marquis de Sade, Namensgeber des Sadismus, war u.a. der Verfasser pornographischer, kirchenfeindlicher und philosophischer Romane, die er während verschiedener Gefängnisaufenthalte schrieb. Von 1803 bis zu seinem Tod 1814 war Sade in der Irrenanstalt Charenton interniert, wo er einige Jahre lang Gelegenheit hatte, im Kreis der Patienten Schauspiele zu inszenieren. Charenton war eine Anstalt, in die man diejenigen brachte, die sich durch ihr Verhalten in der Gesellschaft unmöglich gemacht hatten, ohne dass sie geisteskrank waren.

Das ist die Ausgangslage für ein Drama in zwei Akten von Peter Weiss mit der etwas sperrigen Überschrift: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade, auch kurz Marat/Sade betitelt. Die Musik zu diesem Stück schrieb Hans-Martin Majewski. Die deutsche Uraufführung fand am 29. April 1964 unter der Regie von Konrad Swinarski am Schillertheater in Berlin statt. Die Hauptrollen spielten Peter Mosbacher (Marat) und Ernst Schröder (Sade).

Entgegen meiner Titelüberschrift ist das Stück nicht ‚vergessen’, sondern findet auch heute noch immer wieder Aufführungen auf namhaften Bühnen – z.B. in einer Inszenierung von Friederike Heller (Regie) und Julia Weinreich (Dramaturgie) im Staatsschauspiel Dresden 2011. Ich habe das Drama als Buch in einer vom Autor revidierte Fassung 1965 vorliegen (edition suhrkamp 68 – Reihe: im Dialog. Neues Deutsches Theater – Suhrkamp Verlag 26. Auflage 1988):


Staatsschauspiel Dresden: „Marat/Sade“ von Peter Weiss

SADE: Ich ersinne die ungeheuerlichsten Torturen
Und wenn ich sie mir beschreibe
So erleide ich sie selbst
(S. 45)

MARAT: Wir sind die Erfinder der Revolution
Doch wir können noch nicht damit umgehn
(S. 48)

In dem Theaterstück, das sich eng an historische Fakten hält, sich auf authentisches Material gründet und doch von einem historischen Stück so weit wie nur irgend möglich entfernt ist, werden Leben und Tod Jean Paul Marats als Spiel im Spiel, als Theater im Theater, dreizehn Jahre nach seinem Tode im Irrenhaus von Charenton dargestellt. Regie des Stücks im Stück führt der Marquis de Sade.

„Im Mittelpunkt des Dramas um die Französische Revolution stehen die beiden zentralen Charaktere Marat und de Sade und ihre konträren Weltanschauungen mit den damit einhergehenden Staatsentwürfen. Während Marat der Gesellschaft zum Wohle aller, wie er glaubt, Moral und Tugend aufzwingen will, das Volk vertritt und die Revolution – blutig, wie sie längst geworden ist – rechtfertigt, resigniert de Sade angesichts der vorgeblichen Natur des Menschen, verlacht Marats sozialistische Ideen und sieht das Heil in der Loslösung des Einzelnen aus der Gesellschaft.

Die Handlung ist verfremdet und von grotesken und absurden Elementen geprägt. Dabei ist, wie der Titel schon andeutet, die Ermordung Marats nur ein Stück im Stück, das von der Schauspielgruppe eines Irrenhauses unter zahlreichen Störungen geprobt und unter der Leitung des dort untergebrachten Herrn de Sade zur Aufführung gebracht wird. Das Stück umfasst zwei, eigentlich sogar drei Zeit- und Handlungsebenen: zum einen die Zeit der Französischen Revolution, in der am 13. Juli 1793 Marat die letzten Stunden seines Lebens zur Linderung einer Hautkrankheit in der Badewanne verbringt, arbeitend, bis er seine Mörderin Charlotte Corday empfängt. Den letzten Stunden Marats steht zum anderen die Handlungsebene der napoleonischen Zeit entgegen, in der de Sade das Bühnenstück mit seinen ‚irren‘ Schauspielern vor einem gutbürgerlichen Publikum – zu diesem Anlass gönnerhaft zu Gast im Irrenhaus – inszeniert. Die dritte Zeitebene schließlich, die Gegenwart der realen Zuschauer des Stückes, wird ebenfalls bewusst gemacht und durch Einschübe in die Dramenhandlung verdeutlicht. So wechselt die Handlung ständig zwischen diesen Ebenen hin und her. Auf diese Weise werden das Schauspiel sowie das Schauspiel im Schauspiel ‚entlarvt’ und sollen die Zuschauer von ‚Mitleidenden‘ zu ‚Mitdenkenden‘ gemacht werden.“ (Quelle: de.wikipedia.de)


Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats als Hörspiel (Aufführung des Volkstheater Rostock – DDR 1965)
Schallplattenbearbeitung: Hanns Anselm Perten
Musik: Hans-Martin Majewski
Inszenierung: Hanns Anselm Perten
Wissenschaftliche Mitarbeit: Dr. Manfred Haiduk
Musikalische Leitung: Günther Wolf

Hermann Hesse: Der Steppenwolf

Mit Jahrestagen ist das immer so etwas. Man feiert sie wohl, um den einen oder anderen in der Versenkung entschwundenen Künstler, Wissenschaftler oder was auch immer, wieder ins Licht allgemeinen Interesses zu rücken, wenn auch nur für kurze Zeit. Ich denke, Hermann Hesse hat das nicht ungedingt nötig. Er findet immer wieder Leser – von Generation zu Generation. Nun dieses Jahr hat gleich zwei Jahrestage im Zusammenhang mit Hermann Hesse zu begehen, seinen 50. Todestag und gleichzeitig den 135. Jahrestag seiner Geburt.

Ich bin verhältnismäßig spät zur Literatur gekommen. Mit Anfang 20 Jahren begann ich zunächst mit eben jenem Hermann Hesse. Und ich wählte mir (oder wurde ich gewählt?) zunächst sein wohl bekanntestes Werk, den Roman Der Steppenwolf, den ich jetzt zum mindestens fünften Mal (Ausgabe: suhrkamp taschenbuch st 175 – Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 4. Auflage, 151. – 190. Tausend 1975) gelesen habe.

Hermann Hesse: der Steppenwolf - S. Fischer Verlag,  Erstausgabe Deckblatt 1927

Hermann Hesse: der Steppenwolf - Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 4. Auflage, 151. - 190. Tausend 1975

Hermann Hesse: der Steppenwolf – S. Fischer Verlag,  Erstausgabe Deckblatt 1927 Hermann Hesse: der Steppenwolf – Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 4. Auflage, 151. – 190. Tausend 1975

Hesse findet auch heute noch große Resonanz bei Lesern auf der ganzen Welt. Dafür sorgen Übersetzungen in mindestens 40 Sprachen und 12 indische Dialekte. Besonders in den USA und in Japan war Hermann Hesse lange Zeit der meistgelesene europäische Autor. Der erstmals 1927 erschienene Roman „Der Steppenwolf“ löste in den sechziger Jahren eine internationale Renaissance von Hesse aus. So brach unter den Jugendlichen in den USA, der Hippie-Bewegung, ein „Hesse-Boom“ ohnegleichen aus, der dann auch wieder nach Deutschland übergriff. Im ‚Steppenwolf’ und in seiner Stilisierung des einsamen und verkannten Künstler-Ichs entdeckte man Identifikationsmuster für den Protest gegen das Establishment. Gekannt ist aus dieser Zeit auch die Rockband Steppenwolf.

Die Hesse-Rezeption ähnelt einer Pendelbewegung: Immer wieder wurden Hesses Werke als kitschige Literatur abgetan, obwohl er 1946 den Nobelpreis für Literatur als Vertreter eines anderen Deutschland erhielt. Ohne Zweifel ist Hesse von der Romantik stark beeinflusst und wird heute in seinem Stil eher als altmodisch empfunden. Inzwischen erfährt Hesse die ihm ohne Zweifel zustehende Anerkennung.

Der Roman ist die Geschichte von Harry Haller, dem Alter Ego Hermann Hesses. Es ist die Geschichte eines Mannes, der an der Zerrissenheit seiner Persönlichkeit leidet. Seine bürgerlich geprägte Seite kämpft mit dem Steppenwolf in sich, dem alles Angepasste, alles Gesellschaftliche, jede Art von Kultur zuwider ist:

„Ein zu uns, in die Städte und ins Herdenleben verirrter Steppenwolf – schlagender konnte kein andres Bild ihn zeigen, seine scheue Vereinsamung, seine Wildheit, seine Unruhe, sein Heimweh und seine Heimatlosigkeit.“ (S. 22)

„… wenn die Welt recht hat, […] dann bin ich wirklich der Steppenwolf, den ich mich oft nannte, das in eine ihm fremde und unverständliche Welt verirrte Tier, das seine Heimat, Luft und Nahrung nicht mehr findet.“ (S.35)

Mit 47 Jahren fasst Harry Haller den Entschluss, am Tag seines 50. Geburtstag Schluss mit diesem Leben zu machen und sich selbst zu töten. Aber es kommt anders. Er lernt die junge und schöne Hermine kennen, eine Seelenverwandte, die ihn nach und nach auf einen Weg der ‚Heilung’ führt. Im Mittelpunkt steht dabei das Magische Theater – Eintritt nicht für jedermann – Nur — für — Ver — rückte! (S. 37) Hier lernt Harry Haller sich und die unzähligen Seiten seiner Seele kennen. „Der Weg der Heilung ist die Versöhnung beider Seiten im Humor, im Lachen über sich selbst und das Ungenügen in Kultur und Gesellschaft. Erst mit der Betrachtung der Wirklichkeit vom Standpunkt des Humors werden Hallers weitere, im Roman nicht mehr beschriebene Schritte auf dem Weg seiner künstlerischen Vollendung möglich.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Ja das „Magische Theater: Eintritt kostet den Verstand“ (S. 179). Für Harry Haller stehen hier viele Türen als Zugang zu den geheimnisvollen Welten seiner Seele offen. Als Leser treten wir nur in einige ein. „… Und überall, an allen unzähligen Türen, lockten die Inschriften:“

„Alle Mädchen sind dein! Einwurf eine Mark“ (S. 195)
„Auf zum fröhlichen Jagen! Hochjagd auf Automobile“ (S. 196)

Mutabor – Verwandlung in beliebige Tiere und Pflanzen“
Kamasutram – Unterricht in der indischen Liebeskunst – Kurs für Anfänger: 42 verschiedene Methoden der Liebesübung“
„Genußreicher Selbstmord! Du lachst dich kaputt“
„Wollen Sie sich vergeistigen? Weisheit des Ostens“
„O daß ich tausend Zungen hätte! Nur für Herren“
Untergang des Abendlandes – Ermäßtigte Preise. Noch immer unübertroffen“

(S. 207)

„Inbegriff der Kunst – Die Verwandlung von Zeit in Raum durch die Musik“
„Die lachende Träne – Kabinett für Humor“
„Einsiedlerspiele – Vollwertiger Ersatz für jede Geselligkeit“
„Anleitung zum Aufbau der Persönlichkeit – Erfolg garantiert“

(S. 208)

Obwohl im Roman nirgends genannt, so dürfte der Roman eigentlich in Basel spielen. Viele Hinweise deuten daraufhin. Hesse war 1877 in Calw geboren. Als Sohn eines deutsch-baltischen Missionars war Hesse durch Geburt russischer Staatsangehöriger. Von 1883 bis 1890 und erneut ab 1923 war er Schweizer Staatsbürger, dazwischen besaß er das Württembergische Staatsbürgerrecht. Von 1899 bis 1904 lebte Hesse in Basel. Die Zeit hier diente der künstlerischen Selbstfindung. Hier erprobte er ein ums andere Mal seine Fähigkeit, sinnliches Erleben schriftlich niederzulegen.


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Martinsvorstadt -> Basel -> Hesse wohnte Lothringerstraße 7

Nun Hesses Steppenwolf ist auch heute noch aktuell. Woher kommt es aber, dass Leser sich von Hesse seelisch immer wieder tief beeindruckt zeigen und in Versuchung kommen, sich zu überlegen, ob sie ihr Leben ändern wollen?

Es sind vor allem Leser, die sich in ein bürgerlich geordnetes Leben eingerichtet haben, solche mit Familie und geregelter Arbeit, mit Haus und Garten. Keiner von diesen muss darben und führt eigentlich ein zufriedenes Leben. Und doch kommen solche Menschen, zu denen ich mich durchaus auch zähle, immer wieder auf den Gedanken, ob das denn wirklich alles sein soll im Leben, ob es vielleicht einiges gibt, das man verpassen könnte?! Und man sieht jeden Tag, dass diese Welt, in der man lebt, leider nicht so ist, wie sie sein könnte. Der Wolf rührt sich in einem. Und viele erkennen sich in Harry Haller, dem Steppenwolf, wieder.

„Ist es nötig zu sagen, daß der ‚Steppenwolf’ ein Romanwerk ist, das an experimenteller Gewagtheit dem ‚Ulysses’, den ‚Faux Monnayeurs’ nicht nachsteht? Der ‚Steppenwolf’ hat mich seit langem zum erstenmal wieder gelehrt, was Lesen heißt.“ (Thomas Mann)

„Ich lese den ‚Steppenwolf’, dies unbarmherzigste und seelenzerwühlendste aller Bekenntnisbücher, düsterer und wilder als Rousseaus ‚Confessions’, die grausamste Geburtstagsfeier, die je ein Dichter zelebrierte … Ein echt deutsches Buch, großartig und tiefsinnig, seelenkundig und aufrichtig; analytischer Entwicklungsroman mit romantischer Technik, romantischen Wirrnissen wie die meisten großen Romane und wie die meisten Bücher Hermann Hesses.“ (Kurt Pinthus, 1927)

Hörbuch Hesses Steppenwolf

Im Zuge der Hermann-Hesse-Renaissance in den 70er Jahren gibt es eine Verfilmung des Steppenwolfs mit Max von Sydow in der Hauptrolle. Der Film besticht durch seine Worttreue. Ich kenne den Film, der Ende Juni noch einmal als DVD Steppenwolf
auf den Markt kommt. Leider nicht gelungen sind die mittels elektronischer Farbmanipulationen erreichten Traumbilder des Magischen Theaters. Die hierfür verwendete Technik war schon damals eher entnervend. Max von Sydow reißt dieses Manko aber dank seiner schauspielerischen Leistung mehr als heraus.


Tractat vom Steppenwolf – Tractate on the Steppenwolf
(auf Englisch mit engl. Untertitel)

Romananfänge (4): Harry und Hermine

Nein, es geht nicht um Harry Potter und Hermine Granger (englisch Hermione). Schon vor den beiden gab es einen Roman, in dem allerdings ein Harry Haller und eine Hermine die Hauptfiguren spielten: Hermann Hesses Der Steppenwolf. Harry Haller ist der Steppenwolf.

Willi und die Romananfänge

Bei der Betrachtung von ‚Romananfängen’ ragt dieser Roman gewissermaßen dadurch hervor, dass er nicht nur einen Romananfang, sondern am Ende derer ganze drei beinhaltet. Es geht los mit einem ‚Vorwort des Herausgebers’. Dieses gehört entgegen sonstigen Vorworten mit zum Roman, denn der fiktive Herausgeber ist kein anderer als Hesse selbst, der Verfasser des gesamten Romans. Entnommen sind folgende Texte der mir vorliegenden Ausgabe: suhrkamp taschenbuch st 175 – Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 4. Auflage, 151. – 190. Tausend 1975:

Vorwort des Herausgebers

Dieses Buch enthält die uns gebliebenen Aufzeichnungen jenes Mannes, welchen wir mit einen Ausdruck, den er selbst mehrmals gebrauchte, den „Steppenwolf“ nannten. Ob sein Manuskript eines einführenden Vorwortes bedürfe, sei dahingestellt; mir jedenfalls ist es ein Bedürfnis, den Blättern des Steppenwolfes einige beizufügen, auf denen ich versuche, meine Erinnerung an ihn aufzuzeichnen. […] (S. 7)

    Hermann Hesse: Der Steppenwolf

Den Großteil des Romans bilden, wie aus dem Vorwort bereits ersichtlich ist, die Aufzeichnungen jenes Harry Hallers. Haller ist Untermieter in einer kleinen Mansarde in dem Haus, das der Tante des Vorwortverfassers gehört. Daher auch die Bekanntschaft mit dem Steppenwolf. Dieser ist in etwa 50 Jahre alt und geht keiner geregelten Arbeit nach, wie man heute wohl sagen würde. Er lebt außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft und verschwindet dann auch nach knapp einem Jahr spurlos, hinterlässt aber jenes Manuskript, seine Aufzeichnungen mit dem Hinweis, der Vorwortverfasser könne damit tun, was ihm beliebt.

Harry Hallers Aufzeichnungen
Nur für Verrückte

Der Tag war vergangen, wie eben die Tage so vergehen; ich hatte ihn herumgebracht, hatte ihn sanft umgebracht, mit meiner primitiven und schüchternen Art von Lebenskunst; ich hatte einige Stunden gearbeitet, alte Bücher gewälzt, ich hatte zwei Stunden lang Schmerzen gehabt, wie ältere Leute sie eben haben, hatte ein Pulver genommen und mich gefreut, daß die Schmerzen sich überlisten ließen, hatte in einem heißen Bad gelegen und die liebe Wärme eingesogen, hatte dreimal die Post empfangen und all die entbehrlichen Briefe und Drucksachen durchgesehen, hatte meine Atemübungen gemacht, die Gedankenübungen aber heut aus Bequemlichkeit weggelassen, war eine Stunde spazieren gewesen und hatte schöne, zarte, kostbare Federwölkchenmuster in den Himmel gezeichnet gefunden. […] (S. 29).

Auf einem abendlichen Spaziergang erfährt Harry Haller, der Steppenwolf eine Einladung:

Magisches Theater
Eintritt nicht für jedermann
Nur – für – Ver – rückte!
(S. 37)

Wenig später wird ihm auf der Straße ein kleines Büchlein überreicht, das mit ihn aus der Sicht scheinbar Außenstehender analysiert. Es ist also ein Buch im Buch. Daher hier nun auch ein weiterer ‚Romananfang’:

Tractat vom Steppenwolf
Nur für Verrückte

Es war einmal einer namens Harry, genannt der Steppenwolf. Er ging auf zwei Beinen, trug Kleider und war ein Mensch, aber eigentlich war es doch eben ein Steppenwolf. Er hatte vieles von dem gelernt, was Menschen mit gutem Verstande lernen können, und war ein ziemlich kluger Mann. Was er aber nicht gelernt hatte, was dies: mit sich und seinem Leben zufrieden zu sein. […] (S. 46)

Soviel zu den ‚Romananfängen’ in Hermann Hesses ‚Der Steppenwolf’. Zum Buch selbst, das übrigens 1927, also zu Hesses 50. Geburtstag, erschien und das ich zum ersten Mal 1976 in Händen hielt und zz. zum vierten oder fünften Mal lese, komme ich später noch einmal ausführlicher zurück. Dieses Jahr begehen wir wie bereits erwähnt Hesses 50. Todestag und gleichzeitig den 135. Jahrestag seiner Geburt. Auch zu Hesse dann etwas mehr.

Halldór Laxness: Sieben Zauberer

Welches Buch soll ich empfehlen, um einem Leser den isländischen Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness schmackhaft zu machen? Meist kommt da ein Band mit Erzählungen ganz recht. Für die Romane von Laxness (z.B. IslandglockeSein eigener HerrWeltlicht) braucht es ein gewisses Durchhaltevermögen, sie sind ziemlich lang, nur der Roman Am Gletscher ist mit rund 180 Seiten dagegen geradezu kurz.

Im Steidl Verlag in Göttingen, der das Werk von Laxness betreut, gibt es ein Taschenbuch (Steidl taschenbuch 230) mit acht sehr unterschiedlichen Erzählungen: Sieben Zauberer (Originalausgabe: „Sjö töframenn“, 1942), die wiederum aus dem Isländischen von Hubert Seelow übertragen wurden.

    Halldór Laxness: Sieben Zauberer (Original: Sjö töframenn, 1942)

„Die stilistische Meisterschaft von Halldór Laxness zeigt sich nicht nur in seinen Romanen, sondern auch und ganz besonders in seinen Erzählungen. ‚Sieben Zauberer’ enthält realistische und mystische, bodenständige und exotische Geschichten über den hinkenden alten Thordur und die Entdeckung Indiens, über einen Napoleon Bonaparte und die italienische Luftflotte, die in Island, einem Land ganz ohne Militär, eine herbe Niederlage einstecken muß.
Große und kleine Welt, Alltag und Abenteuer begegnen sich in Situationen voller Witz und Ironie. Laxness erzählt in einer Mischung aus Weltaufgeschlossenheit und Fabulierfreude, sozialem Engagement und menschlichem Verständnis.“

(Aus dem Klappentext)

Wie gesagt: Die Erzählungen sind sehr unterschiedlich. Aber als Einstieg in die große Welt des isländischen Schriftstellers eignen sie sich allemal. Hier die Erzählungen mit einer sehr kurzen Inhaltsangabe. Das Buch selbst kommt über 140 Seiten nicht hinaus und lässt sich für den nächsten Urlaub noch zwischen Hemden und Hosen problemlos im Koffer unterbringen.

Wie Indien gefunden wurde (Fundin Indíalönd) 1936
Eine chinesische Sage, in der einer auszog, um das Land des Goldes zu finden.

Napoleon Bonaparte (Napóleon Bónaparti) 1935
Ein junger Mann will wie Napoleon die Welt erobert, wird aber als blinder Passagier im nächsten isländischen Hafen ausgesetzt.

Der hinkende alte Thordur (Þórđur gamli halti) 1935
Der gemäßigte Thordur nimmt an einem Arbeitskampf teil.

Die Niederlage der italienischen Luftflotte 1933 in Reykjavik (Ósigur ítalska loftflotans í Reykjavík 1933) 1934-35
Uniformierter italienischer Faschistenführer, der mit seinen Leuten auf Island gelandet ist, wird von einem ebenfalls uniformierten Pikkolo ‚besiegt’.

Die Völuspa auf hebräisch (Völuspá á hebresku) 1939
Autor macht Geschäfte mit zwielichtiger Gestalt.

Ein Spiegelbild im Wasser (Fyrirburđur í djúpinu) 1925
Begegnung eines Schriftstellers mit einer jungen Frau in Sizilien.

Der Pfeifer (Pípuleikarinn) 1939
Mystisches Erlebnis eines achtjährigen Jungen durch die Begegnung mit einem Pfeifer und seinem Pferd.

Temudschin kehrt um (Temúdjín snýr heim) 1941
Dschingis Khan (Temudschin) auf der Suche nach dem Trank der Unsterblichkeit und wie er zur Umkehr in seine Heimat bewegt wird.

Martin Schüller: Tod in Garmisch (Oberbayern Krimi)

Urlaubszeit ist oft auch Lesezeit. Aber während unseres kurzen Urlaubs in Grainau in den Tagen vor Ostern bin ich gar nicht zum Lesen gekommen, obwohl ich Lektüre mit auf die Reise genommen hatte. Dafür habe ich aber am vorletzten Tag, als wir beim Warten auf den Eibseebus, der uns von Garmisch-Partenkirchen nach Grainau zurückbringen sollte, kurzen Halt in einem Buchladen gemacht. Und da fiel mir ein Kriminalroman in die Hand: Tod in Garmisch von Martin Schüller. So kommt man unverhofft zu einem etwas anderem Souvenir.

Der Klappentext versprach Spannung mit Lokalkolorit:
„Schneeschmelze. Scheinwerfer in der nächtlichen Klamm. Die Bergwacht versucht, einen zerschmetterten menschlichen Körper zu bergen, den die tobende Partnach in einem Strudel gefangen hält.
Wer ist der Mann? Wurde er Opfer einer uralten Familienfehde?
Kommissar Schwemmer kann sich nicht sicher sein, denn es gibt zu viele offene Fragen: Wer hat Geld unterschlagen? Wer manipuliert Autos? Wer vergiftet Hunde? Und vor allem: Wer lügt?
Schwemmer und seine Kollegen ermitteln quer durch das Werdenfelser Land. Sie treffen auf Knechte und Bauern, Bankiers und Betrüger, alte Feinde und jung Verliebte und einen versnobten Privatdetektiv, der ihnen gerade noch gefehlt hat.“

    Martin Schüller: Tod in Garmisch

Nicht nur gekauft – sondern inzwischen zu Hause auch gelesen. Ich bin zwar kein ausgesprochener Vielleser von Kriminalromanen, so habe ich in den letzten Jahren eher ‚alte’ Krimis gelesen, wie die wohl ältesten Detektivgeschichten der Weltliteratur von Edgar Allan Poe oder die Sherlock Holmes-Romane von Sir Arthur Conan Doyle. Zuletzt las ich von Léo Malet die Nestor Burma-Krimis (Paris des Verbrechens) und habe früher auch den einen und anderen Krimi von Patricia Highsmith, von Raymond Chandler oder Dashiell Hammett kennen gelernt. Dafür stehe ich aber durchaus auf gute Kriminalfilme und bin ein Fan des Tatorts (Horst Schimanski, Duisburg oder Tatort: Thiel und Boerne).

Martin Schüller, Jahrgang 1960, (eigene Website) kam über die Musik zum Schreiben. Im Emons Verlag erschienen von ihm bisher acht Kriminalromane, u.a. „Tod in Garmisch“, mit dem der gebürtige Rheinländer erstmals eine Geschichte in Oberbayern ansiedelte. Neben seinen Romanen verfasste Schüller auch sechs Bücher der emons-TATORT-Reihe, Novellisierungen von eben den bereits genannten Tatort-Fernseh-Krimis.

Nun die Partnachklamm kennen meine Familie und ich von eigener Anschauung her. Und natürlich Garmisch-Partenkirchen und weite Teile der Umgebung. Hier spielt der Krimi mit EKHK (erster Kriminalhauptkommissar) Balthasar Schwemmer (genannt Hausl), seiner Frau Burgl – und den Kollegen, den immer kranken Oberkommissar Schafmann (mal plagt ihn der Magen, dann eine Migräne oder er verletzt sich die Hand), Frau Silvia Fuchs, der Sekretärin im Vorzimmer, und Frau Isenwald, der Staatsanwältin, die den beiden Kriminalbeamten das Leben schwer macht.

Hias stieg von der Leiter. Er stellte sich vor Maiche Meixner auf und nahm langsam das Gewehr von der Schulter. „’s is aus, Maiche“, sagte er, „’s is lang vorbei.“

Im Mittelpunkt steht wie im Klappentext erwähnt eine uralte Familienfehde zwischen den Meixners und den Schedlbauers. Dabei treffen Welten aufeinander, die moderne in Form von Magdalena Meixner (genannt Lenerl), der Besitzerin eines Hotels in Garmisch, ihren Angestellten Andi Weidlinger und dem Privatdetektiven Jo Kant aus Düsseldorf, der bei Martin Schüller eine eigene Reihe hat. Die alte Welt wird besonders verkörpert durch Magdalenas Mutter Reserl, den Großvater und Bauern Melchior (genannt Maiche) und dessen Knecht Hias. Natürlich bedient sich Schüller dabei einiger Klischees, den grantelnden Alten und seinem wortkargen Knecht. Aber das Ganze macht dann eher Spaß und gibt dem Buch neben der gehörigen Spannung auch viel Witz (wie eben auch den Running Gag mit dem kranken Oberkommissar). Schüller hat einen Blick fürs Detail und schreibt mit viel Gespür für den Rhythmus und die Akzente der Geschichte. Natürlich gibt es reichlich viele Verwicklungen, aber als Leser verliert man dabei nicht die Übersicht, weil alles schlüssig bleibt.

Wenn es einen kleinen Wermutstropfen gibt, dann ist es die Sprache der Alten: Natürlich sprechen sie bairisch. Nordlichtern dürfte das vielleicht Probleme machen. Ich habe aber alles bestens verstanden. Und es wäre eher umgekehrt, also ein Wermutstropfen, wenn alle hochdeutsch sprächen. So lernt man nebenbei etwas von der bayerischen Mundart.

„Fesselnde, gut ausgefeilte Charaktere und ein Plot, der Spannung bis zu letzten Seite bietet.“ Garmisch-Partenkirchener Tagblatt

„Kommissar Schwemmer ist eine ganz großartige Figur auf dem Krimimarkt. Ein super-sympathischer Charakter, jemand, den man sofort in sein Herz schließt.“ Peter Hetzel, SAT1

Ich fand den Krimi wirklich gut. Die Mischung als Witz, viel Spannung und ebenso viel lokaler Farbtupfer ist wirklich gelungen. Mehr davon. Und es gibt mehr.

Inzwischen gibt es mit Die Seherin von Garmisch – Schwemmers zweiten Fall:

Kommissar Schwemmer traut seinen Ohren nicht, als Johanna Kindel sein Büro betritt und ihm von einem Mord berichtet, den sie im Traum gesehen hat. Ist im Bergwald wirklich ein junger Mann erschossen worden? Oder kann es gar sein, dass das Verbrechen erst in der Zukunft geschehen wird?
Schwemmer ist gewarnt: Schon sein Vorgänger stolperte über eine Aussage der ‚Seherin von Garmisch’. Doch die alte Dame scheint zu wissen, von was sie spricht. Schwemmer steht vor schwierigen Entscheidungen.
Eine Explosion, eine Rockband, eine Grabschändung und ein Hexenschuss halten Schwemmer und sein Team auf Trab. Dass sich dann noch das BKA einmischt, ist mehr, als seine gute Laune vertragen kann.

Und seit dem letzten Jahr auch ein drittes Buch: Der Teufel von Garmisch: Kommissar Schwemmers dritter Fall

Dass durchaus einmal ein Toter aus der Partnachklamm zu bergen ist, zeigt der Artikel auf tz-online.de: Toten Münchner in der Klamm gefunden

Kafka lächelt mir traurig zu – aber er lächelt

Seit knapp einem Jahr ist meine Frau Mitglied des Deutschen Roten Kreuzes – Ortsverein Tostedt e.V. Dieser Ortsverein veranstaltet öfter kleine Fahrten. So heute eine Fahrt nach Graal-Müritz an der Ostsee. Da fiel mir natürlich gleich Franz Kafka ein. Der war nämlich dort einmal zur Erholung. Nun, meine Frau nimmt mit ihrer Mutter an dieser Fahrt teil (ich bleibe zu Hause, warum eigentlich – meine Söhne können sich auch selbst versorgen?!). Und ich bat sie darum, auf eventuell noch vorhandene Spuren von Kafka zu achten, diese vielleicht fotografisch festzuhalten.

Franz Kafka (etwa 1923/24) - Dora Diamant (1928)

    Franz Kafka (etwa 1923/24) – Dora Diamant (1928)

Mit Spuren ist es wohl nicht viel. Kafka war vom Juni bis September 1923 (ein Jahr vor seinem Tod) mit seiner Schwester Elli in Müritz und lernte dort seine letzte Lebensgefährtin Dora Diamant kennen (siehe meinen Beitrag: Rotraut Hackermüller: Das Leben, das mich stört). Franz Kafka und Dora Diamant sind dann weiter nach Berlin. Was für Spuren gibt es jetzt eigentlich in Müritz noch: „Es gibt einen Kafkaweg, eine kleine Kafka-Vitrine im Heimatmuseum und eine Erinnerungstafel an Franz Kafka und Dora Diamant [eine nichtssagende Erinnerungstafel in der Strandstraße]. Doch die wichtigsten Erinnerungsstätten, das Haus, in dem Dora Diamant jüdische Kinder bekochte und betreute und das Haus in dem Franz Kafka eine Ferienwohnung gemietet hatte, gibt es nicht mehr. Ersteres wurde 2007, letzteres 2002 abgerissen. Dort stehen jetzt neue Gebäude.

[…] Was Nazis und Kommunisten (denen niemand Sympathien für Kafka nachsagen kann) nicht geschafft haben – die Marktwirtschaft hat es ermöglicht.“

So schreibt Roland Linowski (Franz Kafka kennenlernen) und schreibt noch einiges mehr. Ich habe das für meine Frau ausgedruckt, damit sie es vor der Reise liest.

Apropos Kafka und meine Frau: Meine Frau war erst vor zwei Wochen ein verlängertes Wochenende zu einem Frauenseminar im Kloster Drübeck im Harz. Das liegt nur wenige Kilometer entfernt von Stapelburg. Und wieder einige Kilometer weiter zwischen Stapelburg und Bad Harzburg gab es früher einmal die Kuranstalt Just’s Jungborn, die Kafka ab Juli 1912 für drei Wochen aufsuchte (siehe meinen Beitrag Kafka „kehrt zur Natur zurück!“).

Vielleicht sollte ich öfter mit meiner Frau am Wochenende verreisen.

Wolfgang und Kevin Thomas: Jethro Tull Over Germany

Es ist schon erstaunlich, wie viele Bezüge die Rockgruppe Jethro Tull zu Deutschland hat. Nach Großbritannien und den USA dürfte die Band wohl in Deutschland die meisten Konzerte gespielt haben. Das begann bereits Mitte der sechziger Jahre (wohl 1964) mit Mick Abrahams, dem ersten Gitarristen von Jethro Tull, der mit seiner damaligen Gruppe „The Toggery Five“ längere Zeit in einem Club namens Party Club in Hannover engagiert war. Auch Clive Bunker, der erste Tull-Schlagzeuger gehörte zu der Band.

Ian Anderson, der Kopf von Jethro Tull, trat neben den unzähligen Tull-Konzerten zudem mit Solo- und Tull-Lieder samt einigen klassischen Stücken mit diversen Philharmonie-Orchestern in Deutschland auf, u.a. dem Neue Philharmonie Frankfurt Orchester, von dem es auch eine Aufzeichnung vom Dezember 2004 in Mannheim als DVD Ian Anderson – Plays the Orchestral Jethro Tull gibt. Und als Pied Piper, als Rattenfänger der Rockmusik, hat Ian Anderson auch eine besondere Beziehung zur Rattenfängerstadt Hameln. Erwähnenswert ist natürlich auch die Zusammenarbeit in Deutschland mit Leslie Mandoki, Sänger, Schlagzeuger, Komponist und Musikproduzent in einer Person, der immer wieder namhafte Musiker um sich scharte, so auch Ian Anderson (die Videos sind mir allerdings bei YouTube ‚abhanden’ gekommen). Nicht zu vergessen sei auch das weihnachtliche Konzert 2006 von Ian Anderson im Kloster Maria Laach, zu dem der damalige Bundespräsident, Herr Horst Köhler, eingeladen hatte. Natürlich findet auch der wirklich empfehlenswerte Fotoband Didi Zill: Jethro Tull live und in Farbe. 250 seltene und meist unveröffentlichte Fotos Erwähnung (inzwischen Kult und nur noch zu horrenden Preisen zu erhalten – siehe hierzu auch meinen Beitrag: Altes „Neues“ von Jethro Tull).

Dieses und viel mehr ist jetzt nachzulesen in dem Buch Jethro Tull Over Germany: Fotos und Geschichten aus über vier Jahrzehnten von Wolfgang Thomas und Sohn Kevin, das ich mir in der letzten Woche zu Gemüte geführt habe.

    Wolfgang und Kevin Thomas: Jethro Tull Over Germany

Das großformatige Buch enthält auf über 250 Seiten eine Fülle von Informationen und Hintergrund-Stories über die Auftritte der Band in Deutschland. Im Mittelpunkt stehen dabei die Beziehungen von deutschen Fans zur Gruppe, manchmal witzig beschrieben, selten wirklich banal. Auch ich durfte meinen kleinen Beitrag zu diesem Buch leisten (siehe meinen Beitrag zur Vorgeschichte hierzu: Jethro Tull Over Germany) und beschreibt meine kurze Begegnung mit Herrn Anderson am 12.02.1981 in der Bahn auf dem Weg von Bremen zu dem Konzert am Abend in Bremerhaven. Das in diesem Zusammenhang genannte Konzert am 10. Juni 2005 hatte ich auch besucht, es war mein bisher letztes Konzert von Jethro Tull (Übrigens der Link in den Danksagungen am Ende des Buchs auf weitere Eintrittskarten von mir, Willy Albin – richtig wäre natürlich Wilfried oder Willi – stimmt leider nicht).

WilliZ Beitrag zum Buch: Jethro Tull Over Germany

Neben den Fan-Äußerungen gibt es viele Interviews mit den Musikern und allem voran natürlich eine Unzahl an Fotos, die meisten sind bisher noch nirgends veröffentlicht worden. Dabei gefallen mir die Konzertplakate und Eintrittskarten besonders gut.

Natürlich wendet sich das Buch in erster Linie an deutsche Fans von Jethro Tull. Selbst der Hardcore-Fan der Gruppe wird hier Informationen finden, die er bisher nicht kannte. Leider kommen nach meinem Geschmack die frühen Jahre etwas zu kurz. Und am Schluss wird es etwas zu sehr zu einer Werbeveranstaltung zu Ian Andersons morgen in Deutschland anlaufenden TAAB-Tour. Alles in allem ist es wirklich lesens- und betrachtenswert – und für Tull-Fans ein absolutes Muss. Der Preis ist natürlich stattlich, dafür bekommt man aber auch ein Hochglanz-Fotobuch, das vielleicht eines Tages – ähnlich wie das Fotobuch von Didi Zill – Kult und damit um einiges mehr wert sein könnte, was aber nicht das Kriterium für den Kauf sein sollte.

Klein und Wagner – zum 50. Todestag von Hermann Hesse

Ich bin erst ziemlich spät zur Literatur gekommen, zur Erwachsenenliteratur bzw. Belletristik, wie man so schön sagt. Natürlich habe ich in meiner Jugendzeit auch gelesen, Karl May, Jugendbücher eben und auch Comics. Mit Anfang 20 Jahren las ich zunächst Hermann Hesse, war sofort fasziniert, hatte die Hesse-Masern, wie man wohl diese frühzeitige Begeisterung für Hesse nennt (siehe die Diskussion bei „Literatur im Foyer“ des SWR: Hermann Hesse: Öko, Hippi, Gutmensch – was bleibt vom Steppenwolf?, und habe so ziemlich alles von ihm gelesen: Steppenwolf, Siddhartha, Narziß und Goldmund, das Glasperlenspiel, natürlich auch die Gedichte (siehe meine Beiträge: Der Mann von fünfzig JahrenKarfreitagVoll BlütenIm NebelWelkes BlattStufen) und vieles mehr. Nach Hesse kamen dann natürlich viele andere deutsche Autoren von Kafka über Robert und Martin Walser bis hin zu Günter Grass, dann natürlich auch ausländische Schriftsteller, speziell aus Südamerika.


Hermann Hesse: Öko, Hippi, Gutmensch – was bleibt vom Steppenwolf?

Begonnen hat es aber mit Hermann Hesse. In diesem Jahr 2012 haben wir nun gleich zwei Anlässe, ihn zu feiern und zu würdigen. Zum einen gibt es am 2. Juli seinen 135. Geburtstag und mit dem 9. August seinen 50. Todestag. Letzterer war bereits Anfang Mai Anlass zu einem „Filmmittwoch im Ersten“, u.a. mit einer entsprechenden Dokumentation: Hermann Hesse – Superstar:

„Er war Schriftsteller, Nobelpreisträger, Ersatzgott. Wer Hermann Hesse liest, ändert danach gerne sein Leben. Der Dichter hinterlässt einen tiefen Eindruck in der Seele seiner Leser. In der Doku ‚Hermann Hesse – Superstar’ sprechen Prominente über ihre Begegnungen mit dem Dichter und seinem Werk.“

    Hermann Hesse

Ich habe zu Hermann Hesse in diesen Tagen aus einem allerdings völlig anderen Grund gegriffen und wiederholt die Erzählung Klein und Wagner gelesen. In einem Beitrag zum zz. laufenden Prozess gegen den Attentäter Anders Behring Breivik, der im vergangenen Sommer in Norwegen 77 Menschen getötet hatte, schrieb ich, dass der forensische Psychiater Norbert Leygraf im Fall Breivik Parallelen zum Fall Ernst August Wagner sieht, der erste Fall in der württembergischen Rechtsgeschichte, bei dem ein Prozess wegen Unzurechnungsfähigkeit eingestellt wurde (zu diesem Vergleich in einem späteren Beitrag mehr):

Am Abend des 4. September 1913 tötete der Hauptlehrer Ernst August Wagner seine Frau und seine vier Kinder mit einem Knüppel. Später erschoss er dann zwölf weitere Menschen. Dieser Wagner spielt in der Erzählung von Hesse eine nicht unbedeutende Rolle.

    Hermann Hesse: Klein und Wagner

Die Erzählung Klein und Wagner schrieb Hesse im Frühling/Sommer 1919 und sie ist eine Art Vorreiter zum 1927 erschienenen Steppenwolf. Denn die Protagonisten beider Bücher – zum einen Friedrich Klein, zum anderen Harry Haller – leiden an der Zerrissenheit ihrer Persönlichkeit: Die bürgerlich-angepasste Seite kämpft mit der steppenwölfischen, einsamen bzw. ‚verbrecherischen’ Seite. Ich habe die Erzählung als Suhrkamp Taschenbuch – st 116 -, 3. Auflage 26.–35. Tausend 1975, vorliegen.

Zum Inhalt von „Klein und Wagner“: „Der Familienvater und Bankbeamte Friedrich Klein flieht, nachdem er eine Summe Geldes veruntreut, Urkunden gefälscht und sich einen Revolver besorgt hat, mit dem Zug Richtung Süden. Voller Verzweiflung versucht er seine Tat zu verstehen, denkt zwanghaft nach und landet schließlich wie zufällig in einer italienischen Stadt. Hier trifft der Flüchtige bald auf die Tänzerin Teresina, an der das Pendeln zwischen seinen tiefen Wünschen und seiner bürgerlichen-moralischen Prägung besonders deutlich wird. Immer wieder befällt Klein der Gedanke an einen Schullehrer, Ernst August Wagner, der in einem Amoklauf seine Familie umgebracht hatte, und mit dem er sich „irgendwie…verknüpft“ fühlt. Klein hat mit dem bürgerlichen Leben abgeschlossen; seine späten Bemühungen, seine Identität zu finden und nach dem eigenen innersten Selbst zu leben, sind aber vergebens. Immer wieder gerät er ins Zweifeln, gefolgt von Angst- und Schuldgefühlen. Schließlich gibt Klein seinem langgehegten Selbstmordwunsch nach und ertränkt sich eine Woche nach seiner Flucht im naheliegenden See. Die Erzählung endet mit Kleins letzten epiphanienhaften Augenblicken.“ (Quelle: de.wikipedia.de)

Viele, die sich in einer bürgerlichen Existenz eingerichtet haben, überkommt hin und wieder der Drang, aus all den vorhandenen Konventionen auszubrechen. Die auferlegten Normen, Werte und Ziele werden plötzlich als unerträgliches Korsett empfunden, in das man sich gezwängt und gedrängt fühlt. Nur wenigen gelingt es, aus diesem Korsett auszubrechen. Friedrich Klein hatte zwar alle Vorzüge eines gesicherten und bequemen gesellschaftlichen Lebens. Das führte „jedoch zu einer wachsenden Unzufriedenheit, die in der Veruntreuung und Flucht ihren […] extremen Ausbruch findet. Der Versuch Kleins, das bürgerliche Korsett abzuschnallen, führt ihn zwar hier und da zu großen Einsichten in sein innerstes Selbst. Es sorgt aber auch dafür, das Klein sich hilf- und haltlos fühlt und schließlich stirbt.“ (Quelle: de.wikipedia.de)

Friedrich Klein hat in der Erzählung einen Traum, der die ‚Verknüpfung’ zu Wagner, einerseits den Mörder, andererseits Richard Wagner, den Komponisten, auflöst und von einem Zugang zu einem Theater handelt:

„Das Theater mit der Aufschrift ‚Wagner’, war das nicht er selbst, war es nicht Aufforderung, in sich selbst einzutreten, in das fremde Land seines wahren Innern? Denn Wagner war er selber – Wagner war der Mörder und Gejagte in ihm, aber Wagner war auch der Komponist, der Künstler, das Genie, der Verführer, die Neigung zu Lebenslust, Sinnenlust, Luxus – Wagner war der Sammelname für alles Unterdrückte, Untergesunkene, zu kurz Gekommene in dem ehemaligen Beamten Friedrich Klein.“ (S. 70)

„Die Technik arbeitet stellenweise fast wissenschaftlich exakt: im Traum des Klein und Wagner z.B. – mit den jüngsten psychologischen Erkenntnissen, wie sie etwa C.G. Jung in seiner ‚Psychologie der unbewußten Prozesse’ vermittelt hat. Ich bewundere Hermann Hesse, daß er, ein Mann in den Vierzigern, es aus eigenster Kraft über sich gebracht hat, noch einmal von vorn anzufangen, noch einmal ein neuer, ein junger Mensch zu werden. Er hat mit einem entschiedenen Ruck sein altes Gewand von sich geworfen. Er hat den Mut, neu zu beginnen, eingedenk des alten Tao-Wortes, daß der Weg, nicht das Ziel den Sinn des Lebens mache. Auch die Zerspaltenheit, die doppelte oder gar dreifache Gestalt und Gestaltung des eigenen Ich gewinnt bei Hesse wie einst bei Goethe und später bei den Romantikern erneut Bedeutung und tiefsten Sinn. Selbst Gott ist gut und böse. Klein zugleich Wagner.“ Klabund

„Die Novelle ‚Klein und Wagner’ ist einer der Höhepunkte der Prosa Hermann Hesses. 1919, nach vierjähriger, durch freiwillige Gefangenenfürsorge selbst auferlegter, fast völliger schriftstellerische Abstinenz [….] und nach der Trennung von Familie und Wohnsitz erfolgte die vehemente Niederschrift …“ (aus dem Klappentext)

Noch eines am Rande: Auf Seite 15 hört Friedrich Klein in der Ferne ein Lied und den folgenden Vers daraus:

Mama non vuole, papa ne meno,
Come faremo a fare l’amor?

Auf Deutsch etwa (mein Italienisch ist mehr als dürftig):
Mama will nicht, Papa (noch) weniger
Wie wird es gelingen, Liebe zu machen?

Dieses Lied singt Tom Ripley (wenn auch erst Papa, dann Mama genannt wird) in dem Kriminalroman Der talentierte Mr. Ripley von Patricia Highsmith.

Jaroslav Hašek: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk

Manche Romanfigur ist allein von ihrem Typus her einmalig und daher unsterblich. Und manchen Schriftstellernamen kennt man nur noch dieser unsterblich gewordenen Romanfigur wegen. Das gilt insbesondere für Jarolav Hašek und seinen braven Soldaten Schwejk (Originaltitel: Osudy dobrého vojáka Švejka za svĕtové války, zu deutsch: Die Schicksale des braven Soldaten Schwejk während des Weltkrieges).

Schwejk (tschechisch Švejk) ist ein typischer Prager Charakter, der sich mit List und Witz durchs Leben schlägt und sich als Soldat der österreichisch-ungarischen Armee im Ersten Weltkrieg mit Chuzpe, also einer „Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit“, vor dem Kriegseinsatz zu drücken versucht. Zunächst lebt Schwejk zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Prag als Hundehändler. Er ist naiv und tölpelhaft, meistert sein Leben aber mit Witz und Bauernschläue. Schwejk steht im ständigen Kampf mit Bürokratie, staatlicher Willkür und Militarismus. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird er als Reservist in die österreichisch-ungarische Armee einberufen. Wie die meisten Bürger in den „Untertanenvölkern“ hat der Böhme/Tscheche Schwejk wenig Lust, für die Donaumonarchie in den Krieg zu ziehen.

Seine Laufbahn beim Militär, seine Spital- und Gefängnisaufenthalte, sein Fronteinsatz, seine Kriegsgefangenschaft und nicht zuletzt seine amourösen Abenteuer: Stets schafft es Schwejk, sich mit der Hilfe von guten Freunden und vor allem mit seinem unerschöpflichen Repertoire an Anekdoten aus der Affäre zu ziehen. Sein Mut gegenüber Autoritäten und seine stoische Gelassenheit im Angesicht des „alltäglichen Wahnsinns“ machen ihn zum sympathischen Lebenskünstler. Der brave Soldat Schwejk wurde zum Sinnbild des Widerstands gegen jegliche Obrigkeit über die Grenzen der Tschechoslowakei hinaus.

In vielem ist Schwejk ein Alter Ego seines Schöpfers Jarolav Hašek. Und in noch einer Figur, der des Einjährigenfreiwilliger Marek, erkennen wir Hašek wieder. Hašek selbst war ein Original und seine Lebensgeschichte einen Roman wert (siehe meinen Beitrag: Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze). Allerdings brachte der Suff den Schöpfer des Schwejks um. Sternhagelvoll traf ihn mit noch nicht einmal 40 Jahren der Schlag. So blieb der Roman unvollendet, das Manuskript endet mitten im Satz. Übrigens: Anders als im Film mit Heinz Rühmann (siehe den nächsten Absatz) erfreut sich der Oberleutnant Lukasch auf der letzten Seite des Romans bester Gesundheit.

Ich kenne Schwejk von dem Film mit Heinz Rühmann her. Dieser 1960 gedrehte Film ist nur wenig originalgetreu, besonders Hašeks radikale Kritik an staatlicher und kirchlicher Obrigkeit fehlt fast vollständig. Aber Rühmann spielt den Schwejk immerhin liebenswert, verschmitzt augenzwinkernd und vornehmlich mit leisen Mitteln. Erst vor kurzem lief dieser Film im Fernsehen; ich habe ihn aufgezeichnet und inzwischen mit viel Schmunzeln gesehen. Und es gibt eine 13-teilige Fernsehfassung (1972/76) mit einem kongenial spielenden Fritz Muliar in der Titelrolle, die werkgetreu nacherzählt ist (in diesen Tage habe ich mir die DVD-Box bestellt).


Film mit Heinz Rühmann (1960) in voller Länge

Aber nichts geht über den fast 800 Seiten starken Roman, den ich mir 1989 gekauft habe, der 1988 in der damals noch existierenden DDR erschienen ist (Aufbau-Verlag Berlin und Weimar – Bibliothek der Weltliteratur – 11. Auflage 1988). Gerade in der DDR war Schwejk sehr beliebt. Die erste und wichtigste Übersetzung in eine andere Sprache war die ins Deutsche von Grete Reiner-Straschnow (1926), die auch heute noch den ganzen Charme des Romans offenbart.

    Der brave Soldat Schwejk

Noch etwas zum Inhaltlichen: Bemerkenswert ist das Verhältnis von Schwejk zu Oberleutnant Lukasch, dessen Diener (Putzfleck) er ist. Wie Schwejk ihn immer wieder in den Schlamassel (‚Schlamistik’) zieht, zuletzt seine Versetzung an die Front bewirkt, hat etwas Tragikomisches. Trotzdem kann Lukasch nicht von Schwejk lassen. Beide eint ein unteilbares Schicksal:

   Oberleutnant Lukasch drehte sich auf dem Stuhl zur Türe und sah, wie sich die Türe langsam und leise öffnete; und ebenso leise trat in die Kanzlei der II. Marschkompanie der brave Soldat Schwejk, der bereits zwischen der Türe salutierte, was er augenscheinlich schon getan hatte, als er geklopft und die Aufschrift „Nicht klopfen“ betrachtet hatte.
   Oberleutnant Lukasch schloß für einen Augenblick die Augen vor dem Anblick des braven Soldaten Schwejk, der ihn mit seinem Blick umarmte und küsste.
   Ungefähr mit demselben Wohlgefallen hatte der verschwenderische verlorene und wiedergefundene Sohn seinen Vater betrachtet, als dieser ihm zu ehren ein Lamm am Spieße drehte.
   „Melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, daß ich wieder hier bin“, meldete sich Schwejk von der Türe her mit einer so aufrichtigen Ungezwungenheit, daß der Oberleutnant mit einem Schlag zu sich kam.
… (S. 430).

Hašek verspottet in erster Linie die Herren Offiziere der k.u.k. Armee. Nur Lukasch, der sich gegenüber Schwejk menschlich verhält, ist mehr oder weniger ausgenommen. Und mit diesen Offizieren und ihren obersten Kriegsherrn, dem Kaiser von Österreich, zieht Hašek über die ganze Obrigkeit her und den Krieg. Denn der Roman ist auch eine Abrechnung mit der Sinnlosigkeit des ersten Weltkrieges:

„Schwejk ist ein Geschöpf des alten Österreich. Er konnte nur in jener Atmosphäre von Borniertheit, Schlamperei, gutmütiger Perfidie, anachronistischem Absolutismus und nationaler Unterdrückung entstehen, die den alten Donaustaat charakterisierten. Er konnte nur in einer Zeit, da dieser morsche Staatskadaver in seinen letzten Zuckungen lag, nur im Krieg, zum lächerlichen, blöd-verschlagenen Helden werden, an dessen verschmitzter, fatalistischer Sabotage der Staat nicht zuletzt zugrunde ging.“ F.C. Weiskopf

„Es ist der kleine Mann, der in das riesige Getriebe des Weltkriegs kommt, wie man eben da so hineinrutscht, schuldlos, ahnungslos, unverhofft, ohne eigenes Zutun. Da steht er nun, und die andern schießen. Und nun tritt dieses Stückchen Malheur den großen Mächten der Erde gegenüber und sagt augenzwinkernd leise, schlecht rasiert die Wahrheit.“ Kurt Tucholsky: Herr Schwejk

Nun der Film mit Heinz Rühmann beginnt im Gasthaus „Zum Kelch“. Allerdings passt die im Film gezeigte Umgebung nicht zur Straße Na Bojišti in Prag. Egal. Und hier endet der Film denn auch, eben weil sich Schwejk mit seinem alten Kameraden Woditschka hier „bis der Krieg vorbei sein wird“ verabredet hatte.


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Prag, Na Bojišti („Auf dem Schlachtfeld“) 12-14 – Gasthaus “Zum Kelch”

   Als Schwejk und Woditschka Abschied nahmen, weil jeder von ihnen zu seinem Truppenteil abgehen sollte, sagte Schwejk: „Bis der Krieg vorbei sein wird, so komm mich besuchen. Du findest mich jeden Abend ab sechs Uhr beim ‚Kelch’, Na Bojischti.“
   „Freilich komm ich hin“, antwortete Wodtschka, „gibt’s dort Unterhaltung?“
   „Jeden Tag kommst dort zu was,“ versprach Schwejk, „und wenn’s zu ruhig wär, so wern wir schon aufmischen.“
   Sie trennten sich, und als sie bereits einige Schritte voneinander entfernt waren, rief der alte Sappeur Woditschka Schwejk nach: „Also schau aber bestimmt, daß du eine Unterhaltung zustand bringst, bis ich hinkomm!“
   Worauf Schwejk zurückrief: „Komm aber bestimmt, bis der Krieg zu Ende is!“
   Dann entfernten sie sich voneinander, und nach einer beträchtlichen Pause konnte man hinter der Ecke von der zweiten Reihe der Baracken hier abermals Woditschkas Stimme vernehmen: „Schwejk, Schwejk, was für Bier ham sie beim ‚Kelch’?“
   Und wie ein Echo ertönte Schwejks Antwort: „Großpopowitzer.“
   „Ich hab gedacht, Smíchover!“ rief Sappeur Woditschka von weitem.
   „Mädl gibt’s dort auch!“ schrie Schwejk.
   „Also nachm Krieg, um sechs Uhr abend!“ schrie Woditschka von unten.
   „Komm lieber um halb sieben, wenn ich mich irgendwo verspäten möchte“, antwortete Schwejk.
   Dann ließ sich noch aus weiter Ferne Woditschka vernehmen: „Um sechs Uhr kannst du nicht kommen?“
   „Also komm ich um sechs“, erreichte Woditschka die Antwort des sich entfernenden Kameraden.
   Und so trennte sich denn der brave Soldat Schwejk vom alten Sappeur Woditschka. „Wenn Menschen auseinandergehn, so sagen sie auf Wiedersehn!“
(S. 421 f.)

siehe auch: Bierpfützenpoesie als Weltliteratur: Jaroslav Hašek zum 125. Geburtstag