Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Heute Ruhetag (5): Ritter von der traurigen Gestalt

Heute Ruhetag!

An einem Orte der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Junker, einer von jenen, die einen Speer im Lanzengestell, eine alte Tartsche, einen hagern Gaul und einen Windhund zum Jagen haben. Eine Schüssel Suppe mit etwas mehr Kuh- als Hammelfleisch darin, die meisten Abende Fleischkuchen aus den Überbleibseln vom Mittag, jämmerliche Knochenreste am Samstag, Linsen am Freitag, ein Täubchen als Zugabe am Sonntag – das verzehrte volle Dreiviertel seines Einkommens; der Rest ging drauf für ein Wams von Plüsch, Hosen von Samt für die Feiertage mit zugehörigen Pantoffeln vom selben Stoff, und die Wochentage schätzte er sich’s zur Ehre, sein einheimisches Bauerntuch zu tragen – aber vom feinsten! Er hatte bei sich eine Haushälterin, die über die Vierzig hinaus war, und eine Nichte, die noch nicht an die Zwanzig reichte; auch einen Diener für Feld und Haus, der ebensowohl den Gaul sattelte als die Gartenschere zur Hand nahm. Es streifte das Alter unsres Junkers an die fünfzig Jahre; er war von kräftiger Körperbeschaffenheit, hager am Leibe, dürr im Gesichte, ein eifriger Frühaufsteher und Freund der Jagd. Man behauptete, er habe den Zunamen Quijada oder Quesada geführt – denn hierin waltet einige Verschiedenheit in den Autoren, die über diesen Kasus schreiben –, wiewohl aus wahrscheinlichen Vermutungen sich annehmen läßt, daß er Quijano hieß. Aber dies ist von geringer Bedeutung für unsre Geschichte; genug, daß in deren Erzählung nicht um einen Punkt von der Wahrheit abgewichen wird. […]

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha

siehe hierzu auch: Wilfredo A.: Gegen Windmühlen kämpfen

Rotraut Hackermüller: Das Leben, das mich stört

„… ich winde mich auf meinem Liegestuhl fast in Krämpfen, … in den Schläfen bohrt sich jedes Wort ein, die Folge dieser Nervenzerrüttung ist, daß ich auch in der Nacht nicht schlafe“, klagt er, „… fast scheint es mir manchmal, daß es das Leben ist, das mich stört; wie könnte mich denn sonst alles stören?“

(Franz Kafka, Brief an Max Brod vom 24.01.1921, Lungenheilsanatorium Matliary, Villa Tatra, siehe Briefe 1902-1924, S. 288)

Eigentlich bin ich kein Voyeur, der sich in das Privatleben eines Schriftstellers zu schleichen wünscht. Manchmal finde ich es schon erschreckend, wie sehr gerade das Privatleben Kafkas, wenn auch (fast) immer sehr dezent, in unzähligen Büchern über ihn vor dem Leser ausgebreitet wird. Aber Kafka ist ein Phänomen, sowohl als Schriftsteller als eben auch als Mensch. Und wer sich etwas mit dem Menschen Kafka beschäftigt hat, versteht vielleicht eher die Erzählungen und Romane des Prager Dichters, die heute eindeutig zum unbestrittenen Kanon der Weltliteratur gehören. Vielleicht ist daher Kafka gewissermaßen gemeinfrei.

Neben Jirí Gruša: Franz Kafka aus Prag habe ich jetzt Rotraut Hackermüller: Das Leben, das mich stört. Eine Dokumentation zu Kafkas letzten Jahren 1917 – 1924 – Medusa Verlag – Wien-Berlin, 1984 – ISBN 3-85446-094-5 durchgeblättert. In Grušas Fotoband lernen wir das Prag Kafkas kennen, jene Stadt, die Kafka nicht los ließ: „Dieses Mütterchen hat Krallen.“ In der Dokumentation zu Kafkas letzten Lebensjahren gelingt es ihm nun, den Krallen zu entkommen. Endlich, aber um welchen Preis:

„Sein Gehirn habe ‚die ihm auferlegten Sorgen und Schmerzen’ nicht mehr allein tragen können, schreibt Franz Kafka an Milena Jesenská; es habe sich daher an die Lunge gewandt, mit der Bitte, einen Teil der Last zu übernehmen … ‚und so wird es noch ein Weilchen gehen.’ Von den sieben Jahren, die die Lunge half, die Last zu tragen, berichtet dieses Buch.

Über dem, was Kafka an der Welt und am Leben zu leiden hatte, tritt das Physische in den Hintergrund; Kafka als ‚Patient’, als ‚klinische Fall’ ist eine Reduktion, die sinnvoll sein mag, wenn es gilt, die Biographie um einige Facetten zu bereichern. Der Dichter hat, wie er sagt, die Tuberkulose selbst ‚herbeigerufen’; zunächst schien sie ihm kaum Bedrohung, sondern im Gegenteil Befreiung von Verpflichtungen – gegenüber Beruf, Eltern, der Braut Felice Bauer (die Krankheit war Vorwand für die zweite Entlobung). So fühlt es sich denn auch nach dem ersten heftigeren Blutsturz im August 1917 ‚besser als sonst’ und lehnt ärztliche Überwachung und einen Kuraufenthalt ab. Die Krankheit aber begnügt sich nicht damit, alles Leiden in einem Punkt zu konzentrieren; sie schreitet fort und wird selbst zur Verpflichtung, vor der nicht mehr auszuweichen ist.

Die nächsten drei Jahre nimmt Kafka mehrere Krankenurlaube, verbringt sie auf dem Land, in Zürau, Schelesen, Turnau, im Frühjahr 1920 drei Monate in Meran. Ende 1920 sieht er sich gezwungen, für neun Monate das Sanatorium Matliary in der Hohen Tatra [Bild siehe unten] aufzusuchen; am Ende stehen Todesahnung und die Worte: ‚… es ist kein Platz mehr für einen neuen Versuch … kein Versuch mehr bedeutet Ende.’

1922 wird er frühpensioniert; von einem letzten Ausbruchsversuch nach Berlin kehrt er im März 1924 todkrank nach Prag zurück, geht von dort jeweils für kurze Zeit ins Sanatorium Wienerwald, an die Hals-Nasen-Ohrenklinik des Allgemeinen Krankenhauses in Wien (Klinik Hajek), schließlich in die Lungenheilstätte Kierling bei Klosterneuburg, wo er am 3. Juni 1924 an Kehlkopftuberkulose stirbt.

Die Orte, die er aufgesucht, die Menschen, die Kafka während der letzten Jahre seines Lebens umgeben haben, sind auf nahezu 300 Bildern zu betrachten. Zum Großteil noch nicht veröffentlicht und in mühsamer Recherchierarbeit zusammengetragen, illustrieren sie den äußeren Ablauf der Krankheit, vor allem das bisher noch wenig dokumentierte Ambiente der Sanatorien (Matliary, Wienerwald, Kierling) mit Mitpatienten und Ärzten. Der Autorin ist es nicht nur gelungen, ein Porträt Robert Klopstocks zu finden, des Freundes der letzten Zeit, der Kafkas Sterben sah, sie hat auch im Allgemeinen Krankenhaus in Wien die verloren geglaubte Krankengeschichte des Dichters entdeckt, die hier erstmals publiziert wird.

Rotraut Hackermüller, geb. 1943 in Wien, Lehrerin, Autorin von zwei Lyrikbänden und Erzählungen, Essays usw., die in zahlreichen in- und ausländischen Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht wurden. Verschiedene Auszeichnungen.“
(aus dem Klappentext zum Bilderband)

Rotraut Hackermüller: Das Leben, das mich stört – Kafkas letzte Jahre 1917-1924 – Umschlagfoto: Warteraum der Klinik Hajek, Wien

Matliary in der Hohen Tatra (rechts Villa Tatra) – Sanatorium – Aufenthalt von Franz Kafka von Dez. 1920 – Aug. 1921

Franz Kafka (etwa 1923/24) – Dora Diamant (1928)

Dieser Bildband ist natürlich etwas mehr als ein Krankenbericht, dürfte aber in erster Linie den Leser interessieren, der sich noch etwas mehr mit Kafka beschäftigt. Allerdings sind allein auch die Fotografien von einem besonderen Reiz. Leider ist dieses Buch nicht wieder neu aufgelegt worden und so nur im Antiquariat erhältlich. Zur Kranken- und Leidensgeschichte habe ich so die wichtigsten Stationen von Kafkas letzten Jahren in einer Übersicht zusammengefasst:


Wohnung von Franz Kafka mit Dora Diamant vom 15.11.1923 – 01.02.1924 in Berlin-Steglitz, Grunewaldstraße 13 (mit Gedanktafel)

Sept. 1917 – April 1918 Zürau bei der Schwester Ottla
Sept. 1918 Turnau (Nordböhmen) für einige Tage
Nov. 1918 – März 1919 Schelesen bei Liboch
Apr. – Juni 1920 Meran
Meran-Untermais (Pension Ottoburg)
Schloß Friedland in Böhmen
Ende Juni/Anfang Juli 1920 Wien – Treffen mit Milena
Cafe Central (Arkadenhof)
Cafe Herrenhof (Herrengasse 10)
Aug. 1920 Gemünd (Grenze Österreich/Tschechien) Treffen mit Milena
Dez. 1920 – Aug. 1921 Matliary/Hohe Tatra (in Lamnitz/Tatranske Komnica von der Bahn abgeholt)
Villa Tatra
Tschirmer See
dann wieder in Prag
Juni-Sept. 1922 Planá an der Luschnitz
Mai 1923 Dobřichovice für einige Tage
Juni-Sept. 1923 Ostseebad Müritz mit Schwester Elli
Kennenlernen von Dora Diamant (Dymant)
Zwischenhalt in Berlin
wieder in Prag
einige Tage in Schelesen
ab 24.09.1923 Berlin-Steglitz, Miquelstraße 8
15.11.1923 – 01.02.1924 Berlin-Steglitz, Grunewaldstraße 13
ab 01.02.1924 Berlin-Zehlendorf, Heidestraße 25-26
bei der Witwe von Dr. Carl Busse
17.03.1924 zurück nach Prag (mit Max Brod)
05.04. – 10.04.1924 über Bahnstation Pernitz (Niederösterreich) ins Sanatorium Wienerwald im Feichtenbachtal
(75 km südl. von Wien)
anschl. Klinik Hajek, Wien IX, Lazarettgasse 14
Laryngologische Klinik
ab 19.04.1924 Kierling (Hauptstraße 187) bei Klosterneuberg
(15 km von Wien)
Privatsanatorium Dr. Hoffmann
03.06.1924 Tod Franz Kafkas in der Mittagszeit


Sterbeort Kranz Kafkas (3. Juni 1924): Kierling (Hauptstraße 187) bei Klosterneuberg – Privatsanatorium Dr. Hoffmann

Während eines Aufenthaltes im Ostseebad Müritz (heute Graal-Müritz) mit seiner Schwester Elli lernte Franz Kafka im Sommer 1923 Dora Diamant kennen, die ihn dann bis zu seinem Ende zu Seite stand und pflegte. Dora Diamant (jiddisch: Dymant) wurde am 4. März 1898 in Pabianice nahe Lódz (Polen) geboren. Ihr Vater war Hersch Aron Dymant (geb. 1874), ein gelehrter Anhänger des Chassidismus; ihre Mutter Friedel (geb. 1873) starb bereits, als Dora etwa acht Jahre alt war. Es ist eine ganz besondere Liebesgeschichte, die in diesem Bilderband endlich die Erwähnung findet, die sie verdient:

„Nun scheint ihm Dora endlich das Gefühl zu geben, dem Anspruch an das Glück zu genügen, denn dort, wo er nun zwangsweise versagen muß, entschuldigt ihn die Krankheit, so daß er ohne Angst erleben kann, wonach er sich sehnt. Doras aufopfernde Pflege, ihre mütterliche Wärme, Selbstlosigkeit und ihre bedingungslose Bereitschaft, ihr Leben mit dem Schwerkranken zu teilen, sind Ausdruck einer Seelengröße, die alles Leid überstrahlt. Max [Brod] ist überzeugt davon, daß diese beiden Menschen ‚ganz wundervoll’ zusammenpassen. Gerührt beobachtet er ihr verspieltes ‚Familienbad’, das gleichsam zur symbolischen Handlung wird, wenn sie gemeinsam ihre Hände in dasselbe Waschbecken tauchen.“ (S. 142)

Noch kurz vor dem Tode Franz Kafkas veröffentlichte der Kurt Wolff Verlag im Prager Tagblatt vom 20.4.1924 folgende Anzeige:

„Drei Prager Dichter … Max Brod … Franz Werfel … Franz Kafka … „

„Das Prager Tagblatt schrieb über Kafka: Daß der Publikumerfolg ausblieb, ist ein Beweis gegen das Publikum. Denn diese Aufzeichnungen traumhafter Begebenheiten sind der selten geglückte Versuch deutscher Literatur, abstrakteste Geschehen konkretest zu sagen. – Stilproben, in denen kein Wort entfallen, keines hinzugesetzt werden dürfte, wenn nicht der Bau zusammenstürzen soll, von allen Ismen freigebliebene peinlich saubere deutsche Prosa: das äußere Gewand. Gebändigte Phantasie, dahinter tausendfache Bedeutung, die man nur ahnen darf.“

Am 3, Juni 1924 zur Mittagszeit starb Franz Kafka: Als sich Klopstock [ein Freund] vom Bett entfernt, um die Spritze zu reinigen, bittet er: „Gehen Sie nicht fort.“ Der Freund beruhigt ihn. „Ich gehe ja nicht fort.“ „Aber ich gehe fort“, erwidert Kafka und schließt die Augen. (lt. Max Brod)

Anton Kuh schrieb in einem Nachruf, den „Die Stunde“ sieben Tage nach Kafkas Tod veröffentlichte:

„… Später werden sie sein Leben … dem Pascals vergleichen; sie werden Zusammenhänge zwischen seinen Dichtung gewordenen Traumberichten und der Psychoanalyse aufdecken; der Name Kleist wird die Vergleiche krönen.
Heute wissen sie sich nicht einmal der Ehre würdig zu erweisen, die dieser aus Prag Stammende Wien antat, in dem er, einen Kilometer von unserer Stadt entfernt, seine letzten Tage verbrachte und starb.
Kierling bei Klosterneuburg ist durch ihn in die Literaturgeschichte gekommen.“ (in Kuh, Anton: Luftlinien, hrsg. Von Ruth Greuner, Wien, 1981 – S. 471)

Kafkas Grab, in dem auch seine Mutter Julie und sein Vater Hermann bestattet sind, befindet sich im Neuen jüdischen Friedhof im früheren Prag-Straschnitz. Das Begräbnis fand am 11. Juni 1924 statt, acht Tage nach Kafkas Tod in Kierling bei Wien. Die hebräische Grabinschrift lautet in deutscher Übersetzung:

Dienstag, Beginn des Monats Siwan 5684, starb [wörtlich: ging in seine Welt] der obengenannte, prachtvolle, unvermählte Mann, unser Lehrer und Meister Anschel, seligen Angedenkens, der Sohn des hochverehrten R. Henoch Kafka, sein Licht möge leuchten. Der Name seiner Mutter ist Jettl. Seine Seele möge eingebunden sein im Bund des ewigen Lebens.

Karl May: Durch die Wüste

2012 ist ein Karl May-Jahr, denn es jährt sich Karl Mays Geburtstag zum 170. Male und sein Todestag zum 100. Mal. Es ist schon erstaunlich, was sich so alles im Internet zu dem Erfinder von Winnetou, Old Shatterhand oder auch Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar findet.

Bevor ich mich auf die ‚große Literatur’ stürzte, also in jungen Jahren, da war Karl May das für mich, was heute Harry Potter für Kinder und Jugendliche ist. Dabei muss ich gestehen, dass mir die Orient-Abenteuer mehr gefallen haben als der Wilde Westen. Der Orient-Zyklus mit Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, übrigens Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah mit vollem Namen (»So bist Du also der Sohn Abul Abbas‘, des Sohnes Dawud al Gossarah?«), beginnt mit dem Buch „Durch die Wüste“.

Als ich also mit jungen Jahren dieses Buch zum ersten Mal las, hatte ich nicht geahnt, dass ich viel später einmal, zudem mit den eigenen Söhnen, auf den Spuren der beiden Orient-Helden wandeln werde. So verbrachte ich mit meiner Familie zum Jahrtausendwechsel von 1999 auf 2000 zwei sehr interessante Wochen im Süden Tunesiens und durchquerte zum einen den Schott el Djerid, einem Sedimentbecken mit Salzsee, sowie einen nördlichen Teil der Sahara, den Östlichen Großer Erg (Grand Erg Oriental), eine Sandwüste. Ausgangspunkt war für uns die Oasenstadt Tozeur, die bei Karl May Toser genannt wird.

Sonnenaufgang über dem Schott el Djerid

Die Karawane zieht weiter

Sonnenaufgang über dem Schott el Djerid

Die Karawane zieht weiter

Kinder im Boot auf dem Schott el Djerid

Schott el Djerid - Salzsee

Kinder im Boot auf dem Schott el Djerid

Schott el Djerid – Salzsee

Durch die Wüste reiten Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, sein treuer Gefährte. Der Fund einer Leiche bei den Salzseen Nordafrikas löst ein faszinierendes Abenteuer aus, dessen Folgen den Leser sechs Bände lang in Atem halten. Schon zu Beginn erschließt sich die ganze Buntheit der orientalischen Welt. Im ersten Band des Orient-Zyklus von Karl May beschreibt dieser sehr ausführlich den Schott el Djerid – wie folgt wiedergegeben:

„Zu unserer Linken glänzte die Fläche des Schott Dscherid zu uns herauf, ein Anblick, den ich vollständig auszukosten suchte. […]

Die Einsenkung des Schottgebietes ist heutzutage zum großen Theile mit Sandmassen angefüllt, und nur in der Mitte der einzelnen Bassins hat sich eine ziemlich beträchtliche Wassermasse erhalten, welche durch ihr Aussehen den arabischen Schriftstellern und Reisenden Veranlassung gab, sie bald mit einem Kampherteppich oder einer Kristalldecke, bald mit einer Silberplatte oder der Oberfläche geschmolzenen Metalls zu vergleichen. Dieses Aussehen erhalten die Schotts durch die Salzkruste, mit der sie bedeckt sind und deren Dicke sehr verschieden ist, so daß sie zwischen zehn und höchstens zwanzig Centimeter variirt. Nur an einzelnen Stellen ist es möglich, sich ohne die eminenteste Lebensgefahr auf sie zu wagen. Wehe dem, der auch nur eine Hand breit von dem schmalen Pfade abweicht! Die Kruste gibt nach, und der Abgrund verschlingt augenblicklich sein Opfer. Unmittelbar über dem Kopfe des Versinkenden schließt sich alsbald die Decke wieder. Die schmalen Furten, welche über die Salzdecke der Schotts führen, werden besonders in der Regenzeit höchst gefährlich, indem der Regen die vom Flugsande überdeckte Kruste bloßlegt und auswäscht.

Das Wasser dieser Schotts ist grün und dickflüssig und bei weitem salziger als das des Meeres. Ein Versuch, die Tiefe des Abgrundes unter sich zu messen, würde des Terrain halber zu keinem Resultate führen, doch darf wohl angenommen werden, daß keiner der Salzmoräste tiefer als fünfzig Meter ist. Die eigentliche Gefahr bei dem Einbrechen durch die Salzdecke ist bedingt durch die Massen eines flüssigen, beweglichen Sandes, welcher unter der fünfzig bis achtzig Centimeter tiefen, hellgrünen Wasserschicht schwimmt und ein Produkt der Jahrtausende langen Arbeit des Samums ist, der den Sand aus der Wüste in das Wasser trieb.

Schon die ältesten arabischen Geographen, wie Ebn Dschobeir, Ebn Batuta, Obeidah el Bekri, El Istakhri und Omar Ebn el Wardi, stimmen in der Gefährlichkeit dieser Schotts für die Reisenden überein. Der Dscherid verschlang schon Tausende von Kameelen und Menschen, welche in seiner Tiefe spurlos verschwanden. Im Jahre 1826 mußte eine Karawane, welche aus mehr als tausend Lastkameelen bestand, den Schott überschreiten. Ein unglücklicher Zufall brachte das Leitkameel, welches an der Spitze des Zuges schritt, vom schmalen Wege ab. Es verschwand im Abgrunde des Schott, und ihm folgten alle anderen Thiere, welche rettungslos in der zähen, seifigen Masse verschwanden. Kaum war die Karawane verschwunden, so nahm die Salzdecke wieder ihre frühere Gestalt an, und nicht die kleinste Veränderung, das mindeste Anzeichen verrieth den gräßlichen Unglücksfall. Ein solches Vorkommniß könnte unmöglich erscheinen, aber um es zu glauben, muß man sich nur vergegenwärtigen, daß jedes Kameel gewohnt ist, dem voranschreitenden, mit dem es ja meist auch durch Stricke verbunden ist, blind und unbedingt zu folgen, und daß der Pfad über die Schotts oft so schmal ist, daß es einem Thiere oder gar einer Karawane ganz unmöglich wird, wieder umzukehren.

Der Anblick dieser tückischen Flächen, unter denen der Tod lauert, erinnert an einzelnen Stellen an den bläulich schillernden Spiegel geschmolzenen Bleies. Die Kruste ist zuweilen hart und durchsichtig wie Flaschenglas und klingt bei jedem Schritte wie der Boden der Solfatara in Neapel; meist aber bildet sie eine weiche, breiige Masse, welche vollständig sicher zu sein scheint, aber doch nur so viel Festigkeit besitzt, um einen leichten Anflug von Sand zu tragen, bei jeder anderen Last aber unter derselben zu weichen, um sich über ihr wieder zu schließen.

Den Führern dienen kleine, auseinander liegende Steine als Wegzeichen. Früher gab es auf dem Schott El Kebir auch eingesteckte Palmenäste. Der Ast der Dattelbäume heißt Dscherid, und diesem Umstande hat der Schott seinen zweiten Namen zu verdanken. Diese Steinhäufchen heißen »Gmaïr«, und auch sie fehlen an solchen Punkten, wo auf mehrere Meter Länge der Boden von einer den Pferden bis an die Brust reichenden Wasserfläche bedeckt wird.

Die Kruste der Schotts bildet übrigens nicht etwa eine einheitliche, flache Ebene, sondern sie zeigt im Gegentheile Wellen, welche selbst dreißig Meter Höhe erreichen. Die Kämme dieser Bodenwellen bilden eben die Furten, welche von den Karawanen benützt werden, und zwischen ihnen, in den tiefer liegenden Stellen, lauert das Verderben. Doch geräth schon bei einem mäßigen Winde die Salzdecke in eine schwingende Bewegung und läßt das Wasser aus einzelnen Öffnungen und Löchern mit der Macht einer Quelle hervorbrechen.“

aus Karl May: Durch die Wüste

Während der französischen Kolonialzeit wurde eine dammartige Piste aufgeschüttet, die Tozeur mit Kebili verbindet. Diese war zwischenzeitlich unpassierbar geworden, 1979 wurde jedoch eine ganzjährig passierbare asphaltierte Dammstraße angelegt (siehe Foto oben: Sonnenaufgang über dem Schott el Djerid). Neben der Straße sieht man heute noch die ursprünglich in die Salzkruste gesteckten Palmwedel, an denen sich jahrhundertelang Wanderer, Kameltreiber und seit dem 20. Jahrhundert auch die Autofahrer orientierten.

Weitere Werke von Karl May finden sich unter zeno.org

Weitere Links:
Karl-May-Spiele Bad Segeberg
Karl May Wiki mit vielen Informationen zu Karl May und seinen Werken

Heute Ruhetag (4): Der Hungerkünstler

Heute Ruhetag!

»Immerfort wollte ich, daß ihr mein Hungern bewundert«, sagte der Hungerkünstler. »Wir bewundern es auch«, sagte der Aufseher entgegenkommend. »Ihr solltet es aber nicht bewundern«, sagte der Hungerkünstler. »Nun, dann bewundern wir es also nicht«, sagte der Aufseher, »warum sollen wir es denn nicht bewundern?« »Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders«, sagte der Hungerkünstler. »Da sieh mal einer«, sagte der Aufseher, »warum kannst du denn nicht anders?« »Weil ich«, sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verlorenginge, »weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.«

Franz Kafka: aus Der Hungerkünstler

Jirí Gruša: Franz Kafka aus Prag

Während das Werk von Franz Kafka übersichtlich ist, lässt sich die Sekundärliteratur zu Kafka kaum noch fassen. Viele namhafte Autoren haben sich mit Kafka beschäftigt, von Albert Camus über Elias Canetti bis hin zu Martin Walsers Dissertation, mit der dieser 1951 in Tübingen promovierte: Martin Walser: Beschreibung einer Form – Versuch über Franz Kafka

Ein Grund dürfte die Bandbreite der Interpretationsmöglichkeiten des Kafkaschen Werkes sein, wie ich ansatzweise in Frank Kafka: Der Prozess angedeutet habe. Und wer es noch nicht weiß: Es gibt ein auf Kafka bezogenes Adjektiv im deutschen Wortschatz, das selbst der Duden zugelassen hat, und das soviel wie „in der Art der Schilderungen Kafkas, auf rätselhafte Weise unheimlich, bedrohlich“ bedeutet: kafkaesk!

Mir ist jetzt wieder ein Buch in die Hand gefallen, das aus der Sekundärliteratur für mich herausragt. Es ist zwar vom Format groß, von der Seitenzahl aber eher klein. Es enthält überwiegend Fotos und kleine Anmerkungen des Autors, sowie Texte von Kafka – und ist leider nur noch im Antiquariat erhältlich: Jiří Gruša: Franz Kafka aus Prag.

„Vielerlei Faktoren bestimmen Leben und Werk eines Künstlers – solche, die sich in der Biographie aufzeigen und im gesamten Schaffen analysieren lassen, und solche, die im Bild dokumentiert oder nachgewiesen werden können. Entscheidend ist die Umwelt, in die er hineinwächst, die Stadt. Sie hat er anzunehmen oder abzulehnen, ihr Altes und ihr Neues, ihr Selbstverständliches und ihr Außergewöhnliches. Er hat sich zu stellen oder sich zurückzuziehen, die Herausforderung der Enge zu akzeptieren und alle Wege zu beschreiten oder zu resignieren.

Jirí Gruša: Franz Kafka aus Prag

Franz Kafka - Unterschrift

Der 'Graben', die Fortsetzung der Ferdinandstraße, Photographie, um 1890
Der ‚Graben‘, die Fortsetzung der Ferdinandstraße, Photographie, um 1890

Prag hat, als Franz Kafka dort zur Welt kommt, noch immer fünf Viertel, obwohl das Tor zum fünften, zum Ghetto, schon lange freigegeben ist, doch niemand, der dort aufgewachsen ist, kann leugnen, daß es ein Stück von ihm bleibt. Und der Wunsch, von dort herkommend, das ‚Schloß’ zu erobern, dem Anderen zustreben zu können, weitet sich bis ins Schmerzliche. Wer aber an der Schwelle geboren ist wie Franz Kafka, wer um beide Seiten weiß, muß zum Mittler werden zwischen allen Zeiten.

Jiří Gruša hat Fotos der Stadt, wie Franz Kafka sie gesehen hat, und Aufnahmen von heute [Anfang der 80er Jahre] einander gegenübergestellt, hat ihnen Zitate und Beschreibungen zugeordnet und so ein Spannungsfeld geschaffen zwischen damals und jetzt. Kafkas Sicht seiner Welt wird in der Gegenwart abbildbar – seine Erfahrung wird unsere Erfahrung.“
(aus dem Klappentext – 1983 S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main – ISBN 3-10-028603-0)

Jiří Gruša, 1938 in Pardubice geboren, studierte Philosophie, Literaturgeschichte und Geschichte an der Karls-Universität in Prag. Als Literat trat Gruša in den 1960er Jahren in Erscheinung. Er publizierte gemeinsam mit weiteren jungen Schriftstellern, darunter Václav Havel, in der 1963 mitbegründeten Zeitschrift Gesicht (Tvář), der ersten nichtkommunistischen Zeitschrift im Lande. Als er eine kritische Abrechnung mit der stalinistischen Poesie der 50er Jahre veröffentlichte, wurde das ‚Gesicht’ zwangsweise eingestellt. Gruša übertrug Rilke, Celan und Kafka ins Tschechische; er schrieb Lyrik und Prosa. 1968 beteiligte sich Gruša gemeinsam mit anderen Intellektuellen am Prager Frühling, er unterzeichnete die Charta 77. 1981 wurden ihm die tschechoslowakischen Bürgerrechte aberkannt, im Frühjahr 1982 wurde Jiří Gruša aus Prag ausgebürgert; zwei Jahre später erhielt er die deutsche Staatsangehörigkeit. Nach der samtenen Revolution wurde Gruša zum tschechischen Botschafter in Deutschland ernannt. Von Juni bis November 1997 war er tschechischer Bildungsminister, von 1998 bis 2004 Botschafter in Österreich. Von 2004 bis 2009 bekleidete er die Funktion des Präsidenten des internationalen P.E.N.-Clubs. Bis zu seinem Tod Ende 2011 lebte er mit seiner deutschen Frau bei Bonn. Nur kurze Zeit nach Gruša starb übrigens Václav Havel.


Geburtshaus von Franz Kafka in Prag mit Gedenktafel (heute: Námestí Franze Kafky)

„Jetzt, am Sonntagmorgen, waren die meisten Fenster besetzt, Männer in Hemdärmeln lehnten dort und rauchten oder hielten kleine Kinder vorsichtig und zärtlich an den Fensterrand. Andere Fenster waren hoch mit Bettzeug angefüllt, über dem flüchtig der zerraufte Kopf einer Frau erschien. Man rief einander über die Gasse zu, ein solcher Zuruf bewirkte gerade über K. ein großes Gelächter. Regelmäßig verteilt befanden sich in der langen Straße kleine, unter dem Straßenniveau liegende, durch ein paar Treppen erreichbare Läden mit verschiedenen Lebensmitteln. Dort gingen Frauen aus und ein oder standen auf den Stufen und plauderten. Ein Obsthändler, der seine Waren zu den Fenstern hinauf empfahl, hätte, ebenso unaufmerksam wie K., mit seinem Karren diesen fast niedergeworfen. Eben begann ein in besseren Stadtvierteln ausgedientes Grammophon mörderisch zu spielen.“
Kafka: Der Prozess

Hier beschreibt Kafka eine Szene in Prag, wie sie am Anfang der 20. Jahrhunderts in jeder Großstadt hätte geschehen können. Die Leute schauen am Sonntagmorgen aus den Fenstern, unterhalten sich, und von irgendwo dröhnt ein Grammophon. Wie typisch für Kafka, so ist auch diese kleine Szene so bildhaft. Und wenn man dann vielleicht noch ein Foto aus jener Zeit sieht, so taucht man förmlich in diese Szene ein.

Franz Kafka hatte ein ganz besonderes Verhältnis zu Prag, seinem Geburts- und Wohnort. Die Stadt bildet oft genug den Rahmen für seine Erzählungen und Romane. Aber die Stadt war noch mehr. Kafka fühlte sich von Prag gefangen. Die Stadt lässt ihn nicht los. Sie ist wir ein Tier, das sich ihn zum Spielball auserkoren hat. Erst als Kafka schwer erkrankt, „läßt die ‚verdammte Stadt’ K. los. Er ist auf freiem Fuß, der Prozeß jedoch hat schon begonnen. K. aber glaubt, Gott habe ihm die Krankheit geschickt, weil er ohne sie von Prag nie losgekommen wäre.“ (S. 100)

Siehe auch radiobremen.de: Franz Kafka – Auf Spurensuche in Prag

Heute Ruhetag (3): Die weiße Dohle

Heute Ruhetag!

Eine Dohle sah öfters zu, wie reichlich die Tauben auf einem Bauernhof gefuttert wurden. »Sie bekommen das Futter hingestreut«, dachte sie neidisch, »während ich es mühsam suchen muß. Ich will lieber eine Taube werden!«

Was tat sie nun? Sie bemalte sich weiß vom Kopf bis zum Fuß, glättete ihr Gefieder und mischte sich unter den Taubenschwarm. Vergnügt pickte sie die Körner auf. Die Tauben ließen sie ruhig gewähren, denn keine vermutete, daß dies ein fremder Vogel sei. So ging das einige Tage – bis die Dohle so unklug war, ihren Schnabel aufzutun und ihr Gekrächze hören zu lassen.

»Eine Dohle, eine verkleidete Dohle!« schrien die Tauben wütend, stürzten auf sie zu und hätten sie unbarmherzig totgebissen, wenn es ihr nicht gelungen wäre zu entfliehen.
Reumütig kehrte die Dohle zu ihrer Sippe zurück. Jedoch die andern Dohlen erkannten sie nicht mehr in ihrem weißen Kleide. Bösartig hackten sie auf den fremden Vogel los. Sie duldeten nicht, daß er unter ihnen lebte.

So wurde die weiße Dohle heimatlos und hatte es noch viel schwerer, sich ihre Nahrung zu suchen.

Äsop: Fabeln (Die weiße Dohle)

Heute Ruhetag (2): Brief eines Dichters …

Heute Ruhetag!

Auf Ihren Brief, hochverehrter Herr, den ich heute abend auf dem Tisch fand, und worin Sie mich ersuchen, Ihnen Zeit und Ort anzugeben, wo Sie mich kennen lernen könnten, muß ich Ihnen antworten, daß ich nicht recht weiß, was ich Ihnen sagen soll. Einiges und anderes Bedenken steigt in mir auf, denn ich bin ein Mensch, müssen Sie wissen, der nicht lohnt, kennen gelernt zu werden. Ich bin außerordentlich unhöflich, und an Manieren besitze ich so gut wie nichts. Ihnen Gelegenheit geben, mich zu sehen, hieße, Sie mit einem Menschen bekannt machen, der seinen Filzhüten den Rand mit der Schere halb abschneidet, um ihnen ein wüsteres Aussehen zu verleihen. Möchten Sie einen solchen Sonderling vor Augen haben? […]

Robert Walser: Kleine Dichtungen (Brief eines Dichters an einen Herrn)

Zlatá Praha (1)

Ende März fährt der jüngere meiner beiden Söhne auf Klassenfahrt nach Prag. Die Hauptstadt Tschechiens ist wohl sehr beliebt bei jungen Menschen. Ich muss gestehen, dass sie mir auch sehr gut gefällt. Das hat sicherlich aber auch andere Gründe.

Prag ist eine einzigartige Stadt. Besonders die Innenstadt zeigt heute ein geschlossenes, von Gotik und Barock geprägtes Stadtbild. Prag ist die „Goldene Stadt“ (Zlatá Praha = Goldenes Prag) und war besonders in der Zeit Kafkas (zur Jahrhundertwende um 1900) eine nach außen weltoffene Stadt und ein Treibhaus für Künstler und nachwachsende Literaten. Und Prag ist ein Eldorado für Bierfreunde.

Als ich mit einem Freund in der Vorosterzeit 1982, also vor fast genau dreißig Jahren, Prag besuchte, da mussten wir natürlich u.a. auch ins „U Fleků“ (deutsch: beim Fleck). Es handelt sich dabei um die bekannteste im Jahre 1499 gegründete Prager Brauereikneipe in der Prager Neustadt, Křemencova 11. Wahrzeichen ist die draußen hängende Uhr. Dort wird zu böhmischer Küche ein gepflegtes dunkles Bier ausgeschenkt. Damals war es dort abends schon recht voll, heute ist es eine touristische Attraktion, zu der die Gäste scharenweise in Bussen vorgekarrt werden. Bekannt dürfte auch der Gasthaus „Zum Kelch“ (tschechisch Hostinec „U Kalicha“) sein, in dem der brave Soldat Schwejk wegen Hochverrats verhaftet wurde.

    Zlatá Praha - Quelle: de.marys.cz

Fotoquelle: de.marys.cz

Prag ist eine geschichtsträchtige Stadt. Daneben ist sie aber vor allem eine Stadt der Literatur. Der brave Soldat Schwejk ist ein antimilitaristisch-satirischer Schelmenroman und wurde in Prag (zum Teil in Wirtshäusern) von Jaroslav Hašek (1883–1923) verfasst. Und natürlich lebte und schrieb Frank Kafka hier seine Erzählungen und Romane(siehe: Franz Kafka: Der Prozess). Sein Roman ‚Das Schloss’ wäre wahrscheinlich ohne die Prager Burg auf dem Hradschin gar nicht möglich.

Bekannt dürfte auch vielen die Legende um dem Golem sein, einer menschenähnlichen, aus Lehm gebildeten Gestalt, die durch Magie zum Leben erweckt wurde (siehe hierzu auch: Gustav Meyrink: Der Golem).

Zum ersten Mal rückte Prag 1968 in mein Interesse – ich war damals 14 Jahre alt -, als der so genannte Prager Frühling niedergeschlagen wurde. Sehr beeindruckt hatte ich mich damals der Tod des Studenten Jan Palach. Über die damaligen Ereignisse bin ich dann auch zu Kafka gekommen.

Man merkt es vielleicht bereits. Irgendwie lockt mich die Stadt. Ich kann mir gut denken, Prag in den nächsten Jahren mit meiner Familie einmal wieder einen Besuch abzustatten. Zunächst wünsche ich aber meinem Sohn viel Spaß dort.

siehe hierzu auch eine kleine Fotogalerie der Stadt
Google Street View (2): Prag
Umberto Eco: Der Friedhof in Prag

John Keats: Bright Star … On Top Down Under

Auf den Spuren von John Keats (* 31. Oktober 1795 in London; † 23. Februar 1821 in Rom), einem der wichtigsten Dichter der englischen Romantik (siehe meinen Beitrag: An die Hoffnung) – nicht zu verwechseln mit dem Literaturnobelpreisträger William Butler Yeats -, wurde ich auf einen Kurzfilm mit dem Titel „On Top Down Under” von Friðrik Þór Friðriksson, mit Nina Gunnarsdottir und Hilmir Snær Guðnason aufmerksam. Friðrik Þór Friðriksson ist einer der wichtigsten Regisseure Islands, den wir von der Verfilmung eines Romans von Einar Kárason her kennen: Die Teufelsinsel (1996) – Regisseur und Produzent als Fridrik Thór Fridriksson – Originaltitel: „Djöflaeyjan“

Der Film gehört zu einer zweiten Staffel einer Filmreihe namens EROTIC TALES, zu der verschiedene bekannte Regisseure ihren Beitrag geleistet haben. Der Film ist ohne Worte. Das Gedicht wird im Wortlaut am Anfang eingeblendet:

„Erotische Erinnerungen überwinden Kontinente, lassen aber mitunter auch den Trennungsschmerz ins Unerträgliche wachsen. Das ist das Thema von Fridrik Thór Fridrikssons Variation über die manchmal auch traurigste Sache der Welt. Der Protagonist des isländischen Kinos erzählt von Liebenden an denkbar entgegengesetzten Orten des Planeten. Für eine junge Leuchtturmwärterin muss ein Eiszapfen als Ersatz für ihren verlorenen australischen Lover herhalten. Aber sie kann nicht wissen, wie verzweifelt sie im gleichen Augenblick auf dem fünften Kontinent wirklich vermisst wird.“

aus: moviepilot.de

ON TOP – in Island – erinnert sich eine junge Frau an ihre Sommerliebe, einen jungen Mann, der sich DOWN UNDER – in Australien – in der heißen Mittagshitze ebenfalls an seine Liebe erinnert. Die Sehnsucht und das Verlangen der beiden wird reflektiert durch ein Gedicht von John Keats. Hierbei handelt es sich um einen Ausschnitt aus dem Gedicht „Bright Star“.

Pillow’d upon my fair love’s ripening breast,
To feel for ever its soft fall and swell,
Awake for ever in a sweet unrest,
Still, still to hear her tender-taken breath,
And so live ever-or else swoon to death.

aus: John KeatsBright Star

Gedichte, Verse zu übersetzen, dabei die rhythmische Gliederung, also das Metrum oder Versmaß, und den Reim beizubehalten, ist eine besondere Aufgabe und schließt fast immer eine wortwörtliche Wiedergabe aus. In einem 1950 bei Manesse erschienenen Büchlein werden den Gedichten von Keats Übersetzungen in nahezu wortwörtlicher Umsetzung als Prosa gegenübergestellt, die lediglich als Übersetzungshilfe für die Originallektüre dienen sollen:

Heller Stern

… gebettet auf meiner holden Liebsten reifender Brust,
ewig das sanfte Sich-Heben und -Senken zu spüren,
ewig wach in süßer Ruhelosigkeit,
ewig, ewig ihrem leisen Atemholen zu lauschen
und ewig so zu leben oder in den Tod zu sinken.

Mirko Bonné schafft den Spagat und dichtet ganz behutsam, gewissermaßen neu:

Glänzender Stern!

Gebettet auf der Liebsten junger Brust,
Dem sanften Auf und Ab für immer nah,
Für immer wach in ruheloser Lust,
Stets, stets im Ohr den zarten Atemzug,
Und wär so ewig – sonst nie tot genug.

Ich habe noch eine weitere Fassung des Gedichtes gefunden: Entbrannter Stern – Übertragen ins Deutsche von Sigrun Höllrigl:

Gebettet an der Liebsten reife strahlend Brust,
Nur um zu fühlen endelos, wie weich
Wach für immer, im süß rastlos sein, du musst
Hören den zart zart genommenen Atem gleich

So heißt´s ewig leben – oder in den Tod, mit Lust!

Sicherlich hat auch das Original einen erotischen Unterton. Die sinnliche, erfüllbare und erfühlbare Gegenwart der Geliebten wird anhand des Auf und Ab ihrer jungen Brust geschildert. Aber dort heißt es noch ‚sweet unrest’, also süße Unruhe bzw. Ruhelosigkeit, die in der ersten deutschen Übersetzung bereits zu ‚ruheloser Lust’ wird. Im zweiten Gedicht bekommt die Lust dann auch noch einen morbiden Unterton: ‚in den Tod, mit Lust!’ So eine Übersetzung ist wahrlich nicht leicht und von der Auslegung des Gedichtes durch den Übersetzer bestimmt.

Friðrik Þór Friðriksson versuchte nun, dieses Gedicht filmisch umzusetzen. Hier sind die Geliebten über den halben Erdball hinweg getrennt. Und die ‚süße Unruhe’ bzw. ‚ruhelose Lust’ wird zu einer im Augenblick unerfüllbaren Sehnsucht. Während die junge Frau diese auf ihre Weise zu stillen sucht, sieht der Mann in der Ferne nur den Ausweg im Tod.

Franz Kafka: Der Prozess

Franz Kafka: Der Prozeß - Roman - Fischer Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.

Franz Kafka: Der Prozess

Franz Kafka hätte wohl nie gedacht, dass sein literarisches Werk eines Tages zum unbestrittenen Kanon der Weltliteratur zählen würde und bei Lesern wie Literaturwissenschaftler vielfältig und anhaltend wirken sollte. Dabei hatte er seinen Freund und Testamentvollstrecker, den Schriftsteller Max Brod, beauftragt, sein Werk im Falle seines Todes zu vernichten. Lediglich einige wenige, bereits zu Lebzeiten Kafkas erschienene kleinere Werke sollten erhalten blieben. Kafka zu Brod: „Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler“. Besonders die nachgelassenen Romane (Amerika, Der Prozess und Das Schloss) sollte Brod verbrennen. Er tat das nicht, sondern veröffentlichte diese postum – zum Leidwesen mancher Schüler, die sich immer wieder mit Kafka (ähnlich wie mit Kleist) ‚herumschlagen’ dürfen..

Zu Franz Kafka habe ich mich in diesem Blog öfter schon geäußert (Wie wäre es mit Kafka?Mythos Kafka-Mythos Camus125 Jahre Franz Kafka). Und zum Roman „Der Prozess“ (nachzulesen u.a. im Projekt Gutenberg Spiegel Online) habe ich hier erst vor einigen Tagen etwas unter einem besonderen Gesichtspunkt (Kafka, der Prozess und das Kino) verfasst. Hier möchte ich anschließen.

Wie bereits erwähnt, las ich Kafkas „Der Prozess“ (Franz Kafka – Gesammelte Werke Band 2 – herausgegeben von Max Brot – Taschenbuchausgabe in sieben Bänden – Fischer Taschenbuch Verlag – April 1976) in diesen Tagen zum 3. Mal. Die letzten beide Male liegen schon lange zurück (1977 und 1987).

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (S. 7)

So beginnt der Roman. Josef K. wird verhaftet und erlebt einen Prozess vor einem Gericht, das nicht wie andere Gerichte ist, kein Zivil- oder Strafgericht, wenn dann eher letzteres. Dann allerdings ein Strafgericht besonderer Art. Dieses Gericht steht Josef K. nämlich als eine unbekannte, anonyme Macht mit weit verzweigten, undurchdringbaren Hierarchien gegenüber und bleibt die ganze Zeit rätselhaft und nicht eindeutig erklärbar.

Der Roman endet dramatisch mit der Hinrichtung von K.:

Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. »Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. (S. 194)

Franz Kafka: Der Prozess - handschriftlicher Anfang
Quelle: franzkafka.de

So real die Bilder Kafkas in diesem Roman sind, so abstrakt ist der Hintergrund des Inhaltlichen, oder wie André Gide einmal sagte: „Der Realismus seiner Bilder übersteigt ständig die Vorstellungskraft“. Wer diesen Roman liest, findet sich in einer Alptraumwelt wieder und wird ständig vor Fragen gestellt, auf die es aus dem Buch heraus keine Antworten gibt. Was ist K.s Schuld? Was ist das für ein Gericht?

Wie die Fragen des Lesers vielfältig sind, so weitreichend sind die Interpretationen der Werke Kafkas. Die einen interpretieren den ‚Prozess’ aus religiöser Sicht als ein Werk, das von Schuld und Sühne handelt. Andere meinen, es zeige die Schwachheit des Menschen im Räderwerk anonymer Mächte auf. Politisch betrachtet wird das Werk als ein Protest gegen die Gesellschaft angesehen. Oder führt es in tiefe Gründe menschlichen Seelenlebens?

Wichtig bei der Betrachtung ist sicherlich der zeitliche Hintergrund. Während der Entstehung des Romans fand die Auflösung von Kafkas Verlobung mit Felice Bauer statt. Sowohl die Verlobung als auch die Entlobung waren für Kafka mit starken Schuldgefühlen verbunden. Außerdem brach der Erste Weltkrieg aus. Von hieraus gibt es sicherlich biografische Bezüge.

Im Grunde muss jeder seine eigene Interpretation erstellen, denn eigentlich kann man den Roman nur subjektiv betrachten, wirken lassen und entsprechend auslegen. Selbst für sich wird kaum einer zu einem eindeutigen Ergebnis kommen. Hier in Kürze meine Interpretationsansätze:

1. Das Gericht ist das Gewissen. In Alpträumen werden wir von nicht immer klar bestimmbaren Schuldgefühlen heimgesucht, die aus unserem Unterbewussten hervortreten.

2. Das Gericht verkörpert die das Leben einschneidenden, einengenden Verpflichtungen, gar Zwänge, die wir uns auferlegen, ein MUSS wie Arbeit. Auch Josef K. kommt nicht mehr seinem ‚eigentlichen’ Leben nach, weil er sich ständig nur noch um seinen Prozess kümmern muss. Kafka empfand seinen Brotberuf als Jurist im Unfall-Versicherungswesen als quälend.

3. Der Prozess im weiteren Sinne als ‚Tragikomödie des Lebens’. Dabei vermischen sich Gewissensfragen (1.) und Zwänge (2.) mit religiösen bzw. philosophischen Aspekten (Sinn des Lebens). Bis zu einem bestimmten Maße erscheint der einzelne Mensch als Opfer eines staatlichen Räderwerks. Die unterschiedlichen Gesichtspunkte werden gewissermaßen auf einer Linie zusammengefasst und anhand von Begrifflichkeiten wie Gericht und Anklage, die wie Sinnbilder dienen, dargestellt. Dabei gelingt es Kafka, der ‚Geschichte’ auch eine komische Seite abzugewinnen.

Gerade weil sich „Der Prozess“ nicht eindeutig interpretieren lässt, glaube ich, dass Kafka wie zu 3. beschrieben, ursprünglich unterschiedlichste Betrachtungsweisen auf einer Ebene kumuliert. So steht ein ‚Bild’ gleichzeitig für vieles, das Gericht für staatliche Stellen und zugleich für innere Instanzen, und bildet jeweils einen Mantel, der einerseits verhüllt, was unter ihm verborgen ist, andererseits aber auch zusammenführt, was sich eben unter einem Begriff zusammenfügen lässt.

Kafka war ein genauer Beobachter. Ihm entging keine Geste, keine Gebärde. Und er wusste Mimik und Gestik zu deuten und tat dies (daher der hohe Grad an Visualität in seinen Werken), leuchtete bis auf den Grund die menschliche Seele aus – und übersetzte das in einen ‚Code’, der nicht ohne weiteres zu knacken ist.

Das gesamte Werk von Franz Kafka

So nebenbei: Als großer Kafka-Bewunderer habe ich mir auf früheren Reisen ins Ausland, immer ein Buch Kafkas in der Übersetzung der jeweiligen Muttersprache des Landes besorgt. 1990, auf einer Rundreise in Island, fand ich eine Übersetzung des Romans „Der Prozess“ ins Isländische von Ástráður Eysteinsson und Eysteinn Þorvaldsson: Réttarhöldin – Skáldsaga (Bókaútgáfa Menningarsjóðs, 1983 – 293 Seiten). Der isländische Titel lässt sich eher mit dem deutschen Begriff ‚das Gerichtsverfahren’ bzw. ‚das Strafverfahren’ (der Artikel wird im Isländischen an das Substantiv angehängt: Réttarhöld-in) übersetzen. Und ‚ Skáldsaga’ ist der isländische Begriff für Roman (skáld = Dichter – saga zu segja, „sagen, erzählen“ – den Begriff Saga kennen wir ja auch im Deutschen). Hier Anfang und Ende des Romans spaßeshalber auf Isländisch:

Einhver hlaut að hafa rægt Jósef K. því að morgun einn var hann handtekinn án þess að hafa gert nokkuð af sér. (S. 7)

(Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (S. 7))

En hendur annars mannsins lukust um barka K. á meðan hinn rak hnífinn djúpt í hjartað og sneri honum þar tvisvar. Brestandi augum sá K. hvernig mennirnir, kinn við kinn, þétt upp við andlit hans, fylgdust með úrslitunum. „Eins og hundur!“ sagði hann, það var sem smánin ætti að lifa hann. (S. 277)

(Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. »Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. (S. 194))