Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Karl May: Durch die Wüste

2012 ist ein Karl May-Jahr, denn es jährt sich Karl Mays Geburtstag zum 170. Male und sein Todestag zum 100. Mal. Es ist schon erstaunlich, was sich so alles im Internet zu dem Erfinder von Winnetou, Old Shatterhand oder auch Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar findet.

Bevor ich mich auf die ‚große Literatur’ stürzte, also in jungen Jahren, da war Karl May das für mich, was heute Harry Potter für Kinder und Jugendliche ist. Dabei muss ich gestehen, dass mir die Orient-Abenteuer mehr gefallen haben als der Wilde Westen. Der Orient-Zyklus mit Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, übrigens Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah mit vollem Namen (»So bist Du also der Sohn Abul Abbas‘, des Sohnes Dawud al Gossarah?«), beginnt mit dem Buch „Durch die Wüste“.

Als ich also mit jungen Jahren dieses Buch zum ersten Mal las, hatte ich nicht geahnt, dass ich viel später einmal, zudem mit den eigenen Söhnen, auf den Spuren der beiden Orient-Helden wandeln werde. So verbrachte ich mit meiner Familie zum Jahrtausendwechsel von 1999 auf 2000 zwei sehr interessante Wochen im Süden Tunesiens und durchquerte zum einen den Schott el Djerid, einem Sedimentbecken mit Salzsee, sowie einen nördlichen Teil der Sahara, den Östlichen Großer Erg (Grand Erg Oriental), eine Sandwüste. Ausgangspunkt war für uns die Oasenstadt Tozeur, die bei Karl May Toser genannt wird.

Sonnenaufgang über dem Schott el Djerid

Die Karawane zieht weiter

Sonnenaufgang über dem Schott el Djerid

Die Karawane zieht weiter

Kinder im Boot auf dem Schott el Djerid

Schott el Djerid - Salzsee

Kinder im Boot auf dem Schott el Djerid

Schott el Djerid – Salzsee

Durch die Wüste reiten Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, sein treuer Gefährte. Der Fund einer Leiche bei den Salzseen Nordafrikas löst ein faszinierendes Abenteuer aus, dessen Folgen den Leser sechs Bände lang in Atem halten. Schon zu Beginn erschließt sich die ganze Buntheit der orientalischen Welt. Im ersten Band des Orient-Zyklus von Karl May beschreibt dieser sehr ausführlich den Schott el Djerid – wie folgt wiedergegeben:

„Zu unserer Linken glänzte die Fläche des Schott Dscherid zu uns herauf, ein Anblick, den ich vollständig auszukosten suchte. […]

Die Einsenkung des Schottgebietes ist heutzutage zum großen Theile mit Sandmassen angefüllt, und nur in der Mitte der einzelnen Bassins hat sich eine ziemlich beträchtliche Wassermasse erhalten, welche durch ihr Aussehen den arabischen Schriftstellern und Reisenden Veranlassung gab, sie bald mit einem Kampherteppich oder einer Kristalldecke, bald mit einer Silberplatte oder der Oberfläche geschmolzenen Metalls zu vergleichen. Dieses Aussehen erhalten die Schotts durch die Salzkruste, mit der sie bedeckt sind und deren Dicke sehr verschieden ist, so daß sie zwischen zehn und höchstens zwanzig Centimeter variirt. Nur an einzelnen Stellen ist es möglich, sich ohne die eminenteste Lebensgefahr auf sie zu wagen. Wehe dem, der auch nur eine Hand breit von dem schmalen Pfade abweicht! Die Kruste gibt nach, und der Abgrund verschlingt augenblicklich sein Opfer. Unmittelbar über dem Kopfe des Versinkenden schließt sich alsbald die Decke wieder. Die schmalen Furten, welche über die Salzdecke der Schotts führen, werden besonders in der Regenzeit höchst gefährlich, indem der Regen die vom Flugsande überdeckte Kruste bloßlegt und auswäscht.

Das Wasser dieser Schotts ist grün und dickflüssig und bei weitem salziger als das des Meeres. Ein Versuch, die Tiefe des Abgrundes unter sich zu messen, würde des Terrain halber zu keinem Resultate führen, doch darf wohl angenommen werden, daß keiner der Salzmoräste tiefer als fünfzig Meter ist. Die eigentliche Gefahr bei dem Einbrechen durch die Salzdecke ist bedingt durch die Massen eines flüssigen, beweglichen Sandes, welcher unter der fünfzig bis achtzig Centimeter tiefen, hellgrünen Wasserschicht schwimmt und ein Produkt der Jahrtausende langen Arbeit des Samums ist, der den Sand aus der Wüste in das Wasser trieb.

Schon die ältesten arabischen Geographen, wie Ebn Dschobeir, Ebn Batuta, Obeidah el Bekri, El Istakhri und Omar Ebn el Wardi, stimmen in der Gefährlichkeit dieser Schotts für die Reisenden überein. Der Dscherid verschlang schon Tausende von Kameelen und Menschen, welche in seiner Tiefe spurlos verschwanden. Im Jahre 1826 mußte eine Karawane, welche aus mehr als tausend Lastkameelen bestand, den Schott überschreiten. Ein unglücklicher Zufall brachte das Leitkameel, welches an der Spitze des Zuges schritt, vom schmalen Wege ab. Es verschwand im Abgrunde des Schott, und ihm folgten alle anderen Thiere, welche rettungslos in der zähen, seifigen Masse verschwanden. Kaum war die Karawane verschwunden, so nahm die Salzdecke wieder ihre frühere Gestalt an, und nicht die kleinste Veränderung, das mindeste Anzeichen verrieth den gräßlichen Unglücksfall. Ein solches Vorkommniß könnte unmöglich erscheinen, aber um es zu glauben, muß man sich nur vergegenwärtigen, daß jedes Kameel gewohnt ist, dem voranschreitenden, mit dem es ja meist auch durch Stricke verbunden ist, blind und unbedingt zu folgen, und daß der Pfad über die Schotts oft so schmal ist, daß es einem Thiere oder gar einer Karawane ganz unmöglich wird, wieder umzukehren.

Der Anblick dieser tückischen Flächen, unter denen der Tod lauert, erinnert an einzelnen Stellen an den bläulich schillernden Spiegel geschmolzenen Bleies. Die Kruste ist zuweilen hart und durchsichtig wie Flaschenglas und klingt bei jedem Schritte wie der Boden der Solfatara in Neapel; meist aber bildet sie eine weiche, breiige Masse, welche vollständig sicher zu sein scheint, aber doch nur so viel Festigkeit besitzt, um einen leichten Anflug von Sand zu tragen, bei jeder anderen Last aber unter derselben zu weichen, um sich über ihr wieder zu schließen.

Den Führern dienen kleine, auseinander liegende Steine als Wegzeichen. Früher gab es auf dem Schott El Kebir auch eingesteckte Palmenäste. Der Ast der Dattelbäume heißt Dscherid, und diesem Umstande hat der Schott seinen zweiten Namen zu verdanken. Diese Steinhäufchen heißen »Gmaïr«, und auch sie fehlen an solchen Punkten, wo auf mehrere Meter Länge der Boden von einer den Pferden bis an die Brust reichenden Wasserfläche bedeckt wird.

Die Kruste der Schotts bildet übrigens nicht etwa eine einheitliche, flache Ebene, sondern sie zeigt im Gegentheile Wellen, welche selbst dreißig Meter Höhe erreichen. Die Kämme dieser Bodenwellen bilden eben die Furten, welche von den Karawanen benützt werden, und zwischen ihnen, in den tiefer liegenden Stellen, lauert das Verderben. Doch geräth schon bei einem mäßigen Winde die Salzdecke in eine schwingende Bewegung und läßt das Wasser aus einzelnen Öffnungen und Löchern mit der Macht einer Quelle hervorbrechen.“

aus Karl May: Durch die Wüste

Während der französischen Kolonialzeit wurde eine dammartige Piste aufgeschüttet, die Tozeur mit Kebili verbindet. Diese war zwischenzeitlich unpassierbar geworden, 1979 wurde jedoch eine ganzjährig passierbare asphaltierte Dammstraße angelegt (siehe Foto oben: Sonnenaufgang über dem Schott el Djerid). Neben der Straße sieht man heute noch die ursprünglich in die Salzkruste gesteckten Palmwedel, an denen sich jahrhundertelang Wanderer, Kameltreiber und seit dem 20. Jahrhundert auch die Autofahrer orientierten.

Weitere Werke von Karl May finden sich unter zeno.org

Weitere Links:
Karl-May-Spiele Bad Segeberg
Karl May Wiki mit vielen Informationen zu Karl May und seinen Werken

Heute Ruhetag (4): Der Hungerkünstler

Heute Ruhetag!

»Immerfort wollte ich, daß ihr mein Hungern bewundert«, sagte der Hungerkünstler. »Wir bewundern es auch«, sagte der Aufseher entgegenkommend. »Ihr solltet es aber nicht bewundern«, sagte der Hungerkünstler. »Nun, dann bewundern wir es also nicht«, sagte der Aufseher, »warum sollen wir es denn nicht bewundern?« »Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders«, sagte der Hungerkünstler. »Da sieh mal einer«, sagte der Aufseher, »warum kannst du denn nicht anders?« »Weil ich«, sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verlorenginge, »weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.«

Franz Kafka: aus Der Hungerkünstler

Jirí Gruša: Franz Kafka aus Prag

Während das Werk von Franz Kafka übersichtlich ist, lässt sich die Sekundärliteratur zu Kafka kaum noch fassen. Viele namhafte Autoren haben sich mit Kafka beschäftigt, von Albert Camus über Elias Canetti bis hin zu Martin Walsers Dissertation, mit der dieser 1951 in Tübingen promovierte: Martin Walser: Beschreibung einer Form – Versuch über Franz Kafka

Ein Grund dürfte die Bandbreite der Interpretationsmöglichkeiten des Kafkaschen Werkes sein, wie ich ansatzweise in Frank Kafka: Der Prozess angedeutet habe. Und wer es noch nicht weiß: Es gibt ein auf Kafka bezogenes Adjektiv im deutschen Wortschatz, das selbst der Duden zugelassen hat, und das soviel wie „in der Art der Schilderungen Kafkas, auf rätselhafte Weise unheimlich, bedrohlich“ bedeutet: kafkaesk!

Mir ist jetzt wieder ein Buch in die Hand gefallen, das aus der Sekundärliteratur für mich herausragt. Es ist zwar vom Format groß, von der Seitenzahl aber eher klein. Es enthält überwiegend Fotos und kleine Anmerkungen des Autors, sowie Texte von Kafka – und ist leider nur noch im Antiquariat erhältlich: Jiří Gruša: Franz Kafka aus Prag.

„Vielerlei Faktoren bestimmen Leben und Werk eines Künstlers – solche, die sich in der Biographie aufzeigen und im gesamten Schaffen analysieren lassen, und solche, die im Bild dokumentiert oder nachgewiesen werden können. Entscheidend ist die Umwelt, in die er hineinwächst, die Stadt. Sie hat er anzunehmen oder abzulehnen, ihr Altes und ihr Neues, ihr Selbstverständliches und ihr Außergewöhnliches. Er hat sich zu stellen oder sich zurückzuziehen, die Herausforderung der Enge zu akzeptieren und alle Wege zu beschreiten oder zu resignieren.

Jirí Gruša: Franz Kafka aus Prag

Franz Kafka - Unterschrift

Der 'Graben', die Fortsetzung der Ferdinandstraße, Photographie, um 1890
Der ‚Graben‘, die Fortsetzung der Ferdinandstraße, Photographie, um 1890

Prag hat, als Franz Kafka dort zur Welt kommt, noch immer fünf Viertel, obwohl das Tor zum fünften, zum Ghetto, schon lange freigegeben ist, doch niemand, der dort aufgewachsen ist, kann leugnen, daß es ein Stück von ihm bleibt. Und der Wunsch, von dort herkommend, das ‚Schloß’ zu erobern, dem Anderen zustreben zu können, weitet sich bis ins Schmerzliche. Wer aber an der Schwelle geboren ist wie Franz Kafka, wer um beide Seiten weiß, muß zum Mittler werden zwischen allen Zeiten.

Jiří Gruša hat Fotos der Stadt, wie Franz Kafka sie gesehen hat, und Aufnahmen von heute [Anfang der 80er Jahre] einander gegenübergestellt, hat ihnen Zitate und Beschreibungen zugeordnet und so ein Spannungsfeld geschaffen zwischen damals und jetzt. Kafkas Sicht seiner Welt wird in der Gegenwart abbildbar – seine Erfahrung wird unsere Erfahrung.“
(aus dem Klappentext – 1983 S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main – ISBN 3-10-028603-0)

Jiří Gruša, 1938 in Pardubice geboren, studierte Philosophie, Literaturgeschichte und Geschichte an der Karls-Universität in Prag. Als Literat trat Gruša in den 1960er Jahren in Erscheinung. Er publizierte gemeinsam mit weiteren jungen Schriftstellern, darunter Václav Havel, in der 1963 mitbegründeten Zeitschrift Gesicht (Tvář), der ersten nichtkommunistischen Zeitschrift im Lande. Als er eine kritische Abrechnung mit der stalinistischen Poesie der 50er Jahre veröffentlichte, wurde das ‚Gesicht’ zwangsweise eingestellt. Gruša übertrug Rilke, Celan und Kafka ins Tschechische; er schrieb Lyrik und Prosa. 1968 beteiligte sich Gruša gemeinsam mit anderen Intellektuellen am Prager Frühling, er unterzeichnete die Charta 77. 1981 wurden ihm die tschechoslowakischen Bürgerrechte aberkannt, im Frühjahr 1982 wurde Jiří Gruša aus Prag ausgebürgert; zwei Jahre später erhielt er die deutsche Staatsangehörigkeit. Nach der samtenen Revolution wurde Gruša zum tschechischen Botschafter in Deutschland ernannt. Von Juni bis November 1997 war er tschechischer Bildungsminister, von 1998 bis 2004 Botschafter in Österreich. Von 2004 bis 2009 bekleidete er die Funktion des Präsidenten des internationalen P.E.N.-Clubs. Bis zu seinem Tod Ende 2011 lebte er mit seiner deutschen Frau bei Bonn. Nur kurze Zeit nach Gruša starb übrigens Václav Havel.


Geburtshaus von Franz Kafka in Prag mit Gedenktafel (heute: Námestí Franze Kafky)

„Jetzt, am Sonntagmorgen, waren die meisten Fenster besetzt, Männer in Hemdärmeln lehnten dort und rauchten oder hielten kleine Kinder vorsichtig und zärtlich an den Fensterrand. Andere Fenster waren hoch mit Bettzeug angefüllt, über dem flüchtig der zerraufte Kopf einer Frau erschien. Man rief einander über die Gasse zu, ein solcher Zuruf bewirkte gerade über K. ein großes Gelächter. Regelmäßig verteilt befanden sich in der langen Straße kleine, unter dem Straßenniveau liegende, durch ein paar Treppen erreichbare Läden mit verschiedenen Lebensmitteln. Dort gingen Frauen aus und ein oder standen auf den Stufen und plauderten. Ein Obsthändler, der seine Waren zu den Fenstern hinauf empfahl, hätte, ebenso unaufmerksam wie K., mit seinem Karren diesen fast niedergeworfen. Eben begann ein in besseren Stadtvierteln ausgedientes Grammophon mörderisch zu spielen.“
Kafka: Der Prozess

Hier beschreibt Kafka eine Szene in Prag, wie sie am Anfang der 20. Jahrhunderts in jeder Großstadt hätte geschehen können. Die Leute schauen am Sonntagmorgen aus den Fenstern, unterhalten sich, und von irgendwo dröhnt ein Grammophon. Wie typisch für Kafka, so ist auch diese kleine Szene so bildhaft. Und wenn man dann vielleicht noch ein Foto aus jener Zeit sieht, so taucht man förmlich in diese Szene ein.

Franz Kafka hatte ein ganz besonderes Verhältnis zu Prag, seinem Geburts- und Wohnort. Die Stadt bildet oft genug den Rahmen für seine Erzählungen und Romane. Aber die Stadt war noch mehr. Kafka fühlte sich von Prag gefangen. Die Stadt lässt ihn nicht los. Sie ist wir ein Tier, das sich ihn zum Spielball auserkoren hat. Erst als Kafka schwer erkrankt, „läßt die ‚verdammte Stadt’ K. los. Er ist auf freiem Fuß, der Prozeß jedoch hat schon begonnen. K. aber glaubt, Gott habe ihm die Krankheit geschickt, weil er ohne sie von Prag nie losgekommen wäre.“ (S. 100)

Siehe auch radiobremen.de: Franz Kafka – Auf Spurensuche in Prag

Heute Ruhetag (3): Die weiße Dohle

Heute Ruhetag!

Eine Dohle sah öfters zu, wie reichlich die Tauben auf einem Bauernhof gefuttert wurden. »Sie bekommen das Futter hingestreut«, dachte sie neidisch, »während ich es mühsam suchen muß. Ich will lieber eine Taube werden!«

Was tat sie nun? Sie bemalte sich weiß vom Kopf bis zum Fuß, glättete ihr Gefieder und mischte sich unter den Taubenschwarm. Vergnügt pickte sie die Körner auf. Die Tauben ließen sie ruhig gewähren, denn keine vermutete, daß dies ein fremder Vogel sei. So ging das einige Tage – bis die Dohle so unklug war, ihren Schnabel aufzutun und ihr Gekrächze hören zu lassen.

»Eine Dohle, eine verkleidete Dohle!« schrien die Tauben wütend, stürzten auf sie zu und hätten sie unbarmherzig totgebissen, wenn es ihr nicht gelungen wäre zu entfliehen.
Reumütig kehrte die Dohle zu ihrer Sippe zurück. Jedoch die andern Dohlen erkannten sie nicht mehr in ihrem weißen Kleide. Bösartig hackten sie auf den fremden Vogel los. Sie duldeten nicht, daß er unter ihnen lebte.

So wurde die weiße Dohle heimatlos und hatte es noch viel schwerer, sich ihre Nahrung zu suchen.

Äsop: Fabeln (Die weiße Dohle)

Heute Ruhetag (2): Brief eines Dichters …

Heute Ruhetag!

Auf Ihren Brief, hochverehrter Herr, den ich heute abend auf dem Tisch fand, und worin Sie mich ersuchen, Ihnen Zeit und Ort anzugeben, wo Sie mich kennen lernen könnten, muß ich Ihnen antworten, daß ich nicht recht weiß, was ich Ihnen sagen soll. Einiges und anderes Bedenken steigt in mir auf, denn ich bin ein Mensch, müssen Sie wissen, der nicht lohnt, kennen gelernt zu werden. Ich bin außerordentlich unhöflich, und an Manieren besitze ich so gut wie nichts. Ihnen Gelegenheit geben, mich zu sehen, hieße, Sie mit einem Menschen bekannt machen, der seinen Filzhüten den Rand mit der Schere halb abschneidet, um ihnen ein wüsteres Aussehen zu verleihen. Möchten Sie einen solchen Sonderling vor Augen haben? […]

Robert Walser: Kleine Dichtungen (Brief eines Dichters an einen Herrn)

Zlatá Praha (1)

Ende März fährt der jüngere meiner beiden Söhne auf Klassenfahrt nach Prag. Die Hauptstadt Tschechiens ist wohl sehr beliebt bei jungen Menschen. Ich muss gestehen, dass sie mir auch sehr gut gefällt. Das hat sicherlich aber auch andere Gründe.

Prag ist eine einzigartige Stadt. Besonders die Innenstadt zeigt heute ein geschlossenes, von Gotik und Barock geprägtes Stadtbild. Prag ist die „Goldene Stadt“ (Zlatá Praha = Goldenes Prag) und war besonders in der Zeit Kafkas (zur Jahrhundertwende um 1900) eine nach außen weltoffene Stadt und ein Treibhaus für Künstler und nachwachsende Literaten. Und Prag ist ein Eldorado für Bierfreunde.

Als ich mit einem Freund in der Vorosterzeit 1982, also vor fast genau dreißig Jahren, Prag besuchte, da mussten wir natürlich u.a. auch ins „U Fleků“ (deutsch: beim Fleck). Es handelt sich dabei um die bekannteste im Jahre 1499 gegründete Prager Brauereikneipe in der Prager Neustadt, Křemencova 11. Wahrzeichen ist die draußen hängende Uhr. Dort wird zu böhmischer Küche ein gepflegtes dunkles Bier ausgeschenkt. Damals war es dort abends schon recht voll, heute ist es eine touristische Attraktion, zu der die Gäste scharenweise in Bussen vorgekarrt werden. Bekannt dürfte auch der Gasthaus „Zum Kelch“ (tschechisch Hostinec „U Kalicha“) sein, in dem der brave Soldat Schwejk wegen Hochverrats verhaftet wurde.

    Zlatá Praha - Quelle: de.marys.cz

Fotoquelle: de.marys.cz

Prag ist eine geschichtsträchtige Stadt. Daneben ist sie aber vor allem eine Stadt der Literatur. Der brave Soldat Schwejk ist ein antimilitaristisch-satirischer Schelmenroman und wurde in Prag (zum Teil in Wirtshäusern) von Jaroslav Hašek (1883–1923) verfasst. Und natürlich lebte und schrieb Frank Kafka hier seine Erzählungen und Romane(siehe: Franz Kafka: Der Prozess). Sein Roman ‚Das Schloss’ wäre wahrscheinlich ohne die Prager Burg auf dem Hradschin gar nicht möglich.

Bekannt dürfte auch vielen die Legende um dem Golem sein, einer menschenähnlichen, aus Lehm gebildeten Gestalt, die durch Magie zum Leben erweckt wurde (siehe hierzu auch: Gustav Meyrink: Der Golem).

Zum ersten Mal rückte Prag 1968 in mein Interesse – ich war damals 14 Jahre alt -, als der so genannte Prager Frühling niedergeschlagen wurde. Sehr beeindruckt hatte ich mich damals der Tod des Studenten Jan Palach. Über die damaligen Ereignisse bin ich dann auch zu Kafka gekommen.

Man merkt es vielleicht bereits. Irgendwie lockt mich die Stadt. Ich kann mir gut denken, Prag in den nächsten Jahren mit meiner Familie einmal wieder einen Besuch abzustatten. Zunächst wünsche ich aber meinem Sohn viel Spaß dort.

siehe hierzu auch eine kleine Fotogalerie der Stadt
Google Street View (2): Prag
Umberto Eco: Der Friedhof in Prag

John Keats: Bright Star … On Top Down Under

Auf den Spuren von John Keats (* 31. Oktober 1795 in London; † 23. Februar 1821 in Rom), einem der wichtigsten Dichter der englischen Romantik (siehe meinen Beitrag: An die Hoffnung) – nicht zu verwechseln mit dem Literaturnobelpreisträger William Butler Yeats -, wurde ich auf einen Kurzfilm mit dem Titel „On Top Down Under” von Friðrik Þór Friðriksson, mit Nina Gunnarsdottir und Hilmir Snær Guðnason aufmerksam. Friðrik Þór Friðriksson ist einer der wichtigsten Regisseure Islands, den wir von der Verfilmung eines Romans von Einar Kárason her kennen: Die Teufelsinsel (1996) – Regisseur und Produzent als Fridrik Thór Fridriksson – Originaltitel: „Djöflaeyjan“

Der Film gehört zu einer zweiten Staffel einer Filmreihe namens EROTIC TALES, zu der verschiedene bekannte Regisseure ihren Beitrag geleistet haben. Der Film ist ohne Worte. Das Gedicht wird im Wortlaut am Anfang eingeblendet:

„Erotische Erinnerungen überwinden Kontinente, lassen aber mitunter auch den Trennungsschmerz ins Unerträgliche wachsen. Das ist das Thema von Fridrik Thór Fridrikssons Variation über die manchmal auch traurigste Sache der Welt. Der Protagonist des isländischen Kinos erzählt von Liebenden an denkbar entgegengesetzten Orten des Planeten. Für eine junge Leuchtturmwärterin muss ein Eiszapfen als Ersatz für ihren verlorenen australischen Lover herhalten. Aber sie kann nicht wissen, wie verzweifelt sie im gleichen Augenblick auf dem fünften Kontinent wirklich vermisst wird.“

aus: moviepilot.de

ON TOP – in Island – erinnert sich eine junge Frau an ihre Sommerliebe, einen jungen Mann, der sich DOWN UNDER – in Australien – in der heißen Mittagshitze ebenfalls an seine Liebe erinnert. Die Sehnsucht und das Verlangen der beiden wird reflektiert durch ein Gedicht von John Keats. Hierbei handelt es sich um einen Ausschnitt aus dem Gedicht „Bright Star“.

Pillow’d upon my fair love’s ripening breast,
To feel for ever its soft fall and swell,
Awake for ever in a sweet unrest,
Still, still to hear her tender-taken breath,
And so live ever-or else swoon to death.

aus: John KeatsBright Star

Gedichte, Verse zu übersetzen, dabei die rhythmische Gliederung, also das Metrum oder Versmaß, und den Reim beizubehalten, ist eine besondere Aufgabe und schließt fast immer eine wortwörtliche Wiedergabe aus. In einem 1950 bei Manesse erschienenen Büchlein werden den Gedichten von Keats Übersetzungen in nahezu wortwörtlicher Umsetzung als Prosa gegenübergestellt, die lediglich als Übersetzungshilfe für die Originallektüre dienen sollen:

Heller Stern

… gebettet auf meiner holden Liebsten reifender Brust,
ewig das sanfte Sich-Heben und -Senken zu spüren,
ewig wach in süßer Ruhelosigkeit,
ewig, ewig ihrem leisen Atemholen zu lauschen
und ewig so zu leben oder in den Tod zu sinken.

Mirko Bonné schafft den Spagat und dichtet ganz behutsam, gewissermaßen neu:

Glänzender Stern!

Gebettet auf der Liebsten junger Brust,
Dem sanften Auf und Ab für immer nah,
Für immer wach in ruheloser Lust,
Stets, stets im Ohr den zarten Atemzug,
Und wär so ewig – sonst nie tot genug.

Ich habe noch eine weitere Fassung des Gedichtes gefunden: Entbrannter Stern – Übertragen ins Deutsche von Sigrun Höllrigl:

Gebettet an der Liebsten reife strahlend Brust,
Nur um zu fühlen endelos, wie weich
Wach für immer, im süß rastlos sein, du musst
Hören den zart zart genommenen Atem gleich

So heißt´s ewig leben – oder in den Tod, mit Lust!

Sicherlich hat auch das Original einen erotischen Unterton. Die sinnliche, erfüllbare und erfühlbare Gegenwart der Geliebten wird anhand des Auf und Ab ihrer jungen Brust geschildert. Aber dort heißt es noch ‚sweet unrest’, also süße Unruhe bzw. Ruhelosigkeit, die in der ersten deutschen Übersetzung bereits zu ‚ruheloser Lust’ wird. Im zweiten Gedicht bekommt die Lust dann auch noch einen morbiden Unterton: ‚in den Tod, mit Lust!’ So eine Übersetzung ist wahrlich nicht leicht und von der Auslegung des Gedichtes durch den Übersetzer bestimmt.

Friðrik Þór Friðriksson versuchte nun, dieses Gedicht filmisch umzusetzen. Hier sind die Geliebten über den halben Erdball hinweg getrennt. Und die ‚süße Unruhe’ bzw. ‚ruhelose Lust’ wird zu einer im Augenblick unerfüllbaren Sehnsucht. Während die junge Frau diese auf ihre Weise zu stillen sucht, sieht der Mann in der Ferne nur den Ausweg im Tod.

Franz Kafka: Der Prozess

Franz Kafka: Der Prozeß - Roman - Fischer Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.

Franz Kafka: Der Prozess

Franz Kafka hätte wohl nie gedacht, dass sein literarisches Werk eines Tages zum unbestrittenen Kanon der Weltliteratur zählen würde und bei Lesern wie Literaturwissenschaftler vielfältig und anhaltend wirken sollte. Dabei hatte er seinen Freund und Testamentvollstrecker, den Schriftsteller Max Brod, beauftragt, sein Werk im Falle seines Todes zu vernichten. Lediglich einige wenige, bereits zu Lebzeiten Kafkas erschienene kleinere Werke sollten erhalten blieben. Kafka zu Brod: „Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler“. Besonders die nachgelassenen Romane (Amerika, Der Prozess und Das Schloss) sollte Brod verbrennen. Er tat das nicht, sondern veröffentlichte diese postum – zum Leidwesen mancher Schüler, die sich immer wieder mit Kafka (ähnlich wie mit Kleist) ‚herumschlagen’ dürfen..

Zu Franz Kafka habe ich mich in diesem Blog öfter schon geäußert (Wie wäre es mit Kafka?Mythos Kafka-Mythos Camus125 Jahre Franz Kafka). Und zum Roman „Der Prozess“ (nachzulesen u.a. im Projekt Gutenberg Spiegel Online) habe ich hier erst vor einigen Tagen etwas unter einem besonderen Gesichtspunkt (Kafka, der Prozess und das Kino) verfasst. Hier möchte ich anschließen.

Wie bereits erwähnt, las ich Kafkas „Der Prozess“ (Franz Kafka – Gesammelte Werke Band 2 – herausgegeben von Max Brot – Taschenbuchausgabe in sieben Bänden – Fischer Taschenbuch Verlag – April 1976) in diesen Tagen zum 3. Mal. Die letzten beide Male liegen schon lange zurück (1977 und 1987).

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (S. 7)

So beginnt der Roman. Josef K. wird verhaftet und erlebt einen Prozess vor einem Gericht, das nicht wie andere Gerichte ist, kein Zivil- oder Strafgericht, wenn dann eher letzteres. Dann allerdings ein Strafgericht besonderer Art. Dieses Gericht steht Josef K. nämlich als eine unbekannte, anonyme Macht mit weit verzweigten, undurchdringbaren Hierarchien gegenüber und bleibt die ganze Zeit rätselhaft und nicht eindeutig erklärbar.

Der Roman endet dramatisch mit der Hinrichtung von K.:

Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. »Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. (S. 194)

Franz Kafka: Der Prozess - handschriftlicher Anfang
Quelle: franzkafka.de

So real die Bilder Kafkas in diesem Roman sind, so abstrakt ist der Hintergrund des Inhaltlichen, oder wie André Gide einmal sagte: „Der Realismus seiner Bilder übersteigt ständig die Vorstellungskraft“. Wer diesen Roman liest, findet sich in einer Alptraumwelt wieder und wird ständig vor Fragen gestellt, auf die es aus dem Buch heraus keine Antworten gibt. Was ist K.s Schuld? Was ist das für ein Gericht?

Wie die Fragen des Lesers vielfältig sind, so weitreichend sind die Interpretationen der Werke Kafkas. Die einen interpretieren den ‚Prozess’ aus religiöser Sicht als ein Werk, das von Schuld und Sühne handelt. Andere meinen, es zeige die Schwachheit des Menschen im Räderwerk anonymer Mächte auf. Politisch betrachtet wird das Werk als ein Protest gegen die Gesellschaft angesehen. Oder führt es in tiefe Gründe menschlichen Seelenlebens?

Wichtig bei der Betrachtung ist sicherlich der zeitliche Hintergrund. Während der Entstehung des Romans fand die Auflösung von Kafkas Verlobung mit Felice Bauer statt. Sowohl die Verlobung als auch die Entlobung waren für Kafka mit starken Schuldgefühlen verbunden. Außerdem brach der Erste Weltkrieg aus. Von hieraus gibt es sicherlich biografische Bezüge.

Im Grunde muss jeder seine eigene Interpretation erstellen, denn eigentlich kann man den Roman nur subjektiv betrachten, wirken lassen und entsprechend auslegen. Selbst für sich wird kaum einer zu einem eindeutigen Ergebnis kommen. Hier in Kürze meine Interpretationsansätze:

1. Das Gericht ist das Gewissen. In Alpträumen werden wir von nicht immer klar bestimmbaren Schuldgefühlen heimgesucht, die aus unserem Unterbewussten hervortreten.

2. Das Gericht verkörpert die das Leben einschneidenden, einengenden Verpflichtungen, gar Zwänge, die wir uns auferlegen, ein MUSS wie Arbeit. Auch Josef K. kommt nicht mehr seinem ‚eigentlichen’ Leben nach, weil er sich ständig nur noch um seinen Prozess kümmern muss. Kafka empfand seinen Brotberuf als Jurist im Unfall-Versicherungswesen als quälend.

3. Der Prozess im weiteren Sinne als ‚Tragikomödie des Lebens’. Dabei vermischen sich Gewissensfragen (1.) und Zwänge (2.) mit religiösen bzw. philosophischen Aspekten (Sinn des Lebens). Bis zu einem bestimmten Maße erscheint der einzelne Mensch als Opfer eines staatlichen Räderwerks. Die unterschiedlichen Gesichtspunkte werden gewissermaßen auf einer Linie zusammengefasst und anhand von Begrifflichkeiten wie Gericht und Anklage, die wie Sinnbilder dienen, dargestellt. Dabei gelingt es Kafka, der ‚Geschichte’ auch eine komische Seite abzugewinnen.

Gerade weil sich „Der Prozess“ nicht eindeutig interpretieren lässt, glaube ich, dass Kafka wie zu 3. beschrieben, ursprünglich unterschiedlichste Betrachtungsweisen auf einer Ebene kumuliert. So steht ein ‚Bild’ gleichzeitig für vieles, das Gericht für staatliche Stellen und zugleich für innere Instanzen, und bildet jeweils einen Mantel, der einerseits verhüllt, was unter ihm verborgen ist, andererseits aber auch zusammenführt, was sich eben unter einem Begriff zusammenfügen lässt.

Kafka war ein genauer Beobachter. Ihm entging keine Geste, keine Gebärde. Und er wusste Mimik und Gestik zu deuten und tat dies (daher der hohe Grad an Visualität in seinen Werken), leuchtete bis auf den Grund die menschliche Seele aus – und übersetzte das in einen ‚Code’, der nicht ohne weiteres zu knacken ist.

Das gesamte Werk von Franz Kafka

So nebenbei: Als großer Kafka-Bewunderer habe ich mir auf früheren Reisen ins Ausland, immer ein Buch Kafkas in der Übersetzung der jeweiligen Muttersprache des Landes besorgt. 1990, auf einer Rundreise in Island, fand ich eine Übersetzung des Romans „Der Prozess“ ins Isländische von Ástráður Eysteinsson und Eysteinn Þorvaldsson: Réttarhöldin – Skáldsaga (Bókaútgáfa Menningarsjóðs, 1983 – 293 Seiten). Der isländische Titel lässt sich eher mit dem deutschen Begriff ‚das Gerichtsverfahren’ bzw. ‚das Strafverfahren’ (der Artikel wird im Isländischen an das Substantiv angehängt: Réttarhöld-in) übersetzen. Und ‚ Skáldsaga’ ist der isländische Begriff für Roman (skáld = Dichter – saga zu segja, „sagen, erzählen“ – den Begriff Saga kennen wir ja auch im Deutschen). Hier Anfang und Ende des Romans spaßeshalber auf Isländisch:

Einhver hlaut að hafa rægt Jósef K. því að morgun einn var hann handtekinn án þess að hafa gert nokkuð af sér. (S. 7)

(Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (S. 7))

En hendur annars mannsins lukust um barka K. á meðan hinn rak hnífinn djúpt í hjartað og sneri honum þar tvisvar. Brestandi augum sá K. hvernig mennirnir, kinn við kinn, þétt upp við andlit hans, fylgdust með úrslitunum. „Eins og hundur!“ sagði hann, það var sem smánin ætti að lifa hann. (S. 277)

(Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. »Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. (S. 194))

An die Hoffnung

Die Hoffnung, so sagt man, stirbt zuletzt. Sie hat viele Facetten. Und immer beinhaltet sie ein unterschiedliches Maß an Zweifel, das vom Grad der Gewissheit, der Erfüllbarkeit des mit der Hoffnung verbundenen Wunsches abhängig ist. Hoffnung in höchster Ausprägung ist die Gewissheit.

Und wie wohl eines Sternes kleines Licht
Verheißungsvoll in schwarzen Höhen funkelt
Und milden Strahls durch finstre Wolken bricht,
So, süße Hoffnung, wenn mein Sinn umdunkelt
Von trübem Ahnen, dann erscheine du,
Mit Silberschwingen fächle mich in Ruh!

John Keats aus: An die Hoffnung (Februar 1815)

John Keats: An die Hoffnung (Sonnenuntergang Neuwerk 2009)

Original: To Hope

And as, in sparkling majesty, a star
Gilds the bright summit of some gloomy cloud;
Brightening the half veil’d face of heaven afar:
So, when dark thoughts my boding spirit shroud,
Sweet Hope, celestial influence round me shed,
Waving thy silver pinions o’er my head.

Kafka, der Prozess und das Kino

Franz Kafkas Prosa gilt vielen als unverdaulich, da sie zu schwer zu verstehen ist. Manche halten Kafka für krank. Wer solchen Kram geschrieben hat, konnte nur krank sein. Letzteres musste ich mir von einer Deutsch-Lehrerin einer Realschule anhören. Unfassbar!

Sicherlich ist Kafka starker Tobak. „So schwer der Gehalt des Werkes auch zu erfassen ist, so einfach, klar und schlicht ist andererseits die Sprache, in der es geschrieben ist.“ (Martin Pfeiffer: Erläuterungen zu Franz Kafka: Amerika / Der Prozeß / Das Schloß – Königs Erläuterungen und Materialien Band 209 – C. Bange Verlag, Hollfeld/Obfr. – 1981 – S. 57). Bei Kafka werden Alpträume gewissermaßen wahr, er ‚spielt’ mit seinen/unseren Ängsten und auch mit seinen/unseren Wünschen – und beschreibt diese dabei so real, wie es kein anderer Schriftsteller je geschafft hat. Nein, da fließt kein Blut. Der ‚Horror’, um dieses Wort einmal (und dann nie wieder) zu benutzen, ist viel subtiler bei Kafka. Nehmen wir Kafkas Roman „Der Prozess“ (nachzulesen u.a. im Projekt Gutenberg Spiegel Online). Hier wird eines morgens Josef K., ein aufstrebender Bankangestellter, mir nichts, dir nichts an seinem 30. Geburtstag zu Hause ‚verhaftet’. Eine richtige Verhaftung ist es eigentlich nicht, denn er wird nicht davon abgehalten, zur Arbeit zu gehen. Warum er verhaftet wird, weiß weder der ‚Aufseher’, noch wissen es die zwei ‚Wächter’, die K. daheim aufsuchen. Schon allein die Umstände dieser Verhaftung sind wie in einem Alptraum. Und das Ganze geht dann immer weiter.

Das gesamte Werk von Franz Kafka

Franz Kafka: Der Prozess - handschriftliche erste Seite
Quelle: franzkafka.de

Ich lese Kafkas „Der Prozess“ (Franz Kafka – Gesammelte Werke Band 2 – herausgegeben von Max Brot – Taschenbuchausgabe in sieben Bänden – Fischer Taschenbuch Verlag – April 1976) in diesen Tagen zum 3. Mal. Die letzten beide Male liegen schon lange zurück (1977 und 1987). Es wurde für mich als Kafka-Bewunderer also wieder ‚höchste Eisenbahn’. Hier in diesem Beitrag möchte ich mich lediglich mit dem ersten Kapital des leider unvollendeten Werkes beschäftigen und da auch nur mit den ersten 13 ¼ Seiten, der Verhaftung Josef K.s. Und das zudem aus einem ganz besonderem Blickwinkel.

Kafka interessierte sich sehr für ein neues Medium, den Cinémato- bzw. Kinematographen – also dem Kino (hierzu eine Seminararbeit zum Thema Franz Kafka und das Kino). Liest man die besagten gut 13 Seiten des Romananfangs, dann fällt einem sehr bald der „filmische Blick“ des Erzählers auf. Diese Seiten (und überhaupt das gesamte Werk) weisen einen hohen Grad an Visualität auf. Besonders die vielen Gesten der Handelnden werden – ähnlich wie in einem Drehbuch – sehr präzise beschrieben und erläutert, hier nur einige der vielen Textpassagen, die das belegen:

„.. machte eine Bewegung, als reiße er sich von den zwei Männern los …“ (S. 8 ) – „… und klopfte ihm öfters auf die Schulter.“ (S. 8 ) – „… hob aber schon einen Rock vom Stuhl und hielt ihn ein Weilchen mit beiden Händen, als unterbreite er ihn dem Urteil der Wächter.“ (S. 13) – „Er hatte die Beine übereinandergeschlagen und einen Arm auf die Rückenlehne des Stuhles gelegt.“ (S 14) – „… schob seine Manschetten zurück, befühlte die Brust, strich sein Haar zurecht, …“ (S.16) – „Die drei jungen Leute hatten die Hände in die Hüften gelegt und sahen ziellos herum.“ (S. 17) – „Der Aufseher hob die Augen, nagte an den Lippen und sah auf K.s ausgestreckte Hand; …“ (S. 17)

Den Aufseher hat es dabei besonders ein Nachttisch angetan:

„… und verschob dabei mit beiden Händen die wenigen Gegenstände, die auf dem Nachttischchen lagen, die Kerze mit Zündhölzchen, ein Buch und ein Nadelkissen, als seinen es Gegenstände, die er zur Verhandlung benötige.“ (S. 14 f.) – „… fragte der Aufseher und stellte nun die Kerze in die Mitte des Tischchens, während er die anderen Sachen um sie gruppierte.“ (S. 15) – „… sagte der Aufseher und sah nach, wie viel Zündhölzchen in der Zündhölzchenschachtel waren.“ (S. 15) – „Der Aufseher schlug die Zündhölzchenschachtel auf den Tisch nieder.“ (S. 15)

Das ließe sich fortsetzen und zeigt das Bildhafte, ja geradezu Filmhafte des Romans auf. Und noch etwas habe ich gefunden, das die Nähe zum Film verdeutlicht. Gerade in diesen wenigen ersten Seiten gibt es so etwas wie einen Running Gag. Franz Kafka mag mir diese Bezeichnung verzeihen, aber Kafka benutzte hier ein Stilmittel, das dem ‚Dauerwitz’ sehr nahe kommt. Die Verhaftung von Josef K. wird nämlich während der gesamten Dauer aus dem Nachbarhaus beobachtet. Und in insgesamt acht Textpassagen (oder sind es vielleicht noch mehr) flocht Kafka diese Beobachtung in das Verhaftungsszenario mit ein:

(1) „… sah von seinem Kopfkissen aus die alte Frau, die ihm gegenüber wohnte und die ihn mit einer an ihr ganz ungewöhnlichen Neugierde beobachtete, …“ (S. 7)

(2) „Durch das offene Fenster erblickte man wieder die alte Frau, die mit wahrhaft greisenhafter Neugierde zu dem jetzt gegenüberliegendem Fenster getreten war, um auch weiterhin alles zu sehen.“ (S. 8 )

(3) „… drüben sah er die alte Frau, die einen noch viel älteren Greis zum Fenster gezerrt hatte, den sie umschlungen hielt.“ (S. 12)

(4) „… die beiden Alten von drüben, die wohl jetzt auf dem Marsch zum gegenüberliegendem Fenster waren.“ (S. 12 f.)

(5) „Im gegenüberliegendem Fenster lagen wieder die zwei Alten, doch hatte sich ihre Gesellschaft vergrößert, denn hinter ihnen, so weit überragend, stand ein Mann mit einem auf der Brust offenen Hemd, der seinen rötlichen Spitzbart mit den Fingern drückte und drehte.“ (S. 14)

(6) „Drüben war noch die Gesellschaft beim Fenster und schien nur jetzt dadurch, daß K. ans Fenster herangetreten war, in der Ruhe des Zuschauens ein wenig gestört. Die Alten wollten sich erheben, aber der Mann hinter ihnen beruhigte sie.“ (S. 16 f.)

(7) „‚Weg von dort’, rief er [K.] dann hinüber. Die drei wichen auch sofort ein paar Schritte zurück, die beiden Alten sogar noch hinter den Mann, der sie mit seinem breiten Körper deckte und, nach seinen Mundbewegungen zu schließen, irgend etwas auf die Entfernung hin Unverständliches sagte. Ganz aber verschwanden sie nicht, sondern schienen auf den Augenblick zu warten, in dem sie sich unbemerkt wieder dem Fenster nähern könnten.“ (S. 17)

Dann zuletzt als K. das Haus verlässt: (8) „…als plötzlich Kullich auf das gegenüberliegende Haustor zeigte, in dem eben der große Mann mit dem blonden Spitzbart erschien und im ersten Augenblick, ein wenig verlegen darüber, daß er sich jetzt in seiner ganzen Größe zeigte, zur Wand zurücktrat und sich anlehnte. Die Alten waren wohl noch auf der Treppe.“ (S. 19)

Max Brod, Freund und Herausgeber der Werke Kafkas schrieb in Franz Kafka. Eine Biographie (Neuausgabe 1974 mit dem Titel: Über Franz Kafka), dass Kafka beim Vorlesen aus diesem Werk vielfach laut lachen musste. Wenn man allein diese Passagen mit den Alten am Fenster liest, kann man das sehr gut nachvollziehen. So ernst und düster der Kern dieses Romans ist, so ist er doch nicht ohne Humor. Reiner Stach, Kafka-Biograf, bringt es in seinem Buch Kafka – Die Jahre der Entscheidungen auf den Punkt: „Denn furchtbar ist das Ganze, aber komisch sind die Details“. Und die Details sind wirklich aberwitzig. So studieren die Richter „Pornohefte statt Gesetzesbücher, sie lassen sich Frauen herbeitragen wie eine prächtige Speise auf einem Tablett. Die Henker sehen aus wie alternde Tenöre. Ein Gerichtsraum hat ein Loch im Boden, so dass ab und zu das Bein eines Verteidigers in den darunter liegenden Raum ragt.“ Besonders die sexuellen Aspekte weisen groteske Züge auf: „Die Frauen sind sirenenhaft, die Vertreter des Gerichts voller lüsterner Gier. Aber genauso ist auch K. voller unbeherrschter Gier Fräulein Bürstner gegenüber („… faßte sie, küßte sie auf den Mund und dann über das ganze Gesicht, wie ein durstiges Tier mit der Zunge über das endlich gefundene Quellwasser hinjagt. Schließlich küßte er sie auf den Hals, wo die Gurgel ist, und dort ließ er die Lippen lange liegen.“ – S. 30 f.) und erliegt ohne Gegenwehr den angebotenen Verlockungen.“ (Quelle: de.wikipedia.org) – Wenn das nicht filmreif ist?!

Ich kann mir nicht helfen: Würde Kafka heute leben, so könnte ich ihn mir sehr gut als Drehbuch-Autor für einen Film der Coen-Brüder vorstellen. Besonders ein Film wie A Serious Man könnte das Resultat einer Zusammenarbeit der drei sein. Oder vielleicht so: Die Coen-Brüder verfilmen in naher Zukunft Kafkas „Der Prozess“. Denkbar wäre das, ja, geradezu wünschenswert. Warum gerade die Gebrüder Ethan und Joel Coen? Beide sind Juden wie Kafka einer war. Und wellenlängenmäßig, so glaube ich schon, würden sie gut zueinander passen!