Ingomar von Kieseritzky: Das Buch der Desaster / Anatomie für Künstler

Ende der 1980-er Jahre hatte ich mir zwei Bücher von Ingomar von Kieseritzky gekauft – und natürlich auch gelesen. Bei der Durchsicht meiner Bibliothek bin ich wieder auf diese zwei kleinen Romane gestoßen und habe sie in diesen Tagen erneut vorgenommen. Kieseritzky war ein Verfasser experimenteller Prosa, die stets eine Tendenz zum Grotesken und Absurden aufweist. Sein Humor war grimmig und handelte vorallem von den passionierten Neurosen von Männern. Er war ein überaus stilsicherer Wortakrobat, der es nach meinem Geschmack oft etwas zu dick auftrug. Aber irgendwie passte das stilistisch zu dem von ihm Geschriebenen.

Kieseritzky, der im letzten Jahr gestorben ist, war bei Kritikern durchaus beliebt. So erhielt er viele Auszeichnungen in Form von Stipendien und Literaturpreisen, z.B. 1989 den Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen. Ein großes Publikum zu finden, fiel aber nicht ganz so leicht.

Willi liest Kieseritzky
Willi liest Kieseritzky

Das Buch der Desaster (1988)

Wenn ich meinen Kalziumhaushalt saniert habe, werde ich Anna-M. heimsuchen und eine stille, feuchte Feier über die vielen Tode begehen und mit ihr diese Papiere verbrennen. Allzu romantischer Pla; sie hat bestimmt Zentralheizung. Sollte mich nicht, Schwur am chromierten Schreibtisch, der Lungenkrebs krepieren lassen, bliebe nach genügend Sinnstiftung noch Brants Geburtstagsgeschenk, die Mauser-Westentaschenpistole, ein handliches Ding im .kal. 6,35, ausreichend, um das ewige Flattern zu tonisieren.

So endet der Roman „Das Buch der Desaster“ von Ingomar Kieseritzky (dtv/Klett-Cotta 11379 – Mai 1991)

„Magdalena erbrach sich verschnupft und sagte, ich sei ein Trottel“, erinnert sich Kelp auf seiner Reise mit Brant. Und: „Mein Duell mit Anna dauerte genau zwei Jahre, drei Monate, vier Tage.“ Brant wiederum weiß zu berichten: „Es war meine Frau, meine über alles geliebte, wunderbare, sanfte und schöne Natalia, die von dem Kerl geschändet wurde.“ – Frauen, Cognac, und alle sonstigen Freuden und Lieden des Leibes spielen eine große Rolle bei dieser Reise nach Frankreich, die Kelp trotz aller Kalamitäten und Mißgeschicke nur als „sanftes Fiasko“ einstufen mag. „Die erotische Obsession und das ihr automatisch folgende Desaster – darum geht es in Kelps katastrophischen Plaudereien“, schreibt Volker Lilienthal im >Rheinischen Merkur>. „Das Buch der Desaster ist vor allem ein Buch über Männer und ihre lächerlichen Anstrengungen, ans Ziel ihrer sexuellen Begierden zu gelangen. Ich wüßte keinen zweiten Autor, der so köstlich ironisch über das eigene Geschlecht geschrieben hat.“ (aus dem Kladdentext)

Eine mit brillantem Sprachwitz erzählte Frankreichreise. 93 Romankapitel über Theorie und Prxis der Alltagskatastrophe; oder: Eine kleine Enzyklopädie des täglichen Flops.
Im „Buch der Desaster“ vereinigen sich Esprit und Informiertheit, Freude an der Theoriebildung und Lust am erotischen Detail. Hohe Zeit, Kieseritzky zu lesen.

„Damit empfiehlt sich dieses Buch als Nachtlektüre für alle, die keine Panne im Leben auslassen. Denn dieses Buch ist für Katastrophenspezialisten das Trostvollste, was seit dem ‚Vaterunser‘ geschrieben wurde.“ Der Stern

„Kieseritzky meistert ein Vokabular vom grob ordinären Ausdruck bis zur kühl objektivierenden wissenschaftlichen Bezeichnung. Ich habe seit langem kein Buch mehr mit so großem Interesse und Vergnügen zweimal gelesen.“ Neue Zürcher Zeitung

„Unerschöpflich scheint Ingomar von Kieseritzkys Phantasie zu sein, wenn es darum geht, Mikrodesaster und Miniaturdebakel kunstvoll in trostreiche Anekdoten zu verpacken … Seine Desaster halten nicht nur jeden Vergleich mit der Wirklichkeit aus, sie sind vor allem viel amüsanter.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Anatomie für Künstler (1989)

Im Roman Anatomie für Künstler – Klett-Cotta, Stuttgart 1989 (Erstausgabe) steht Maximilien Marun im Mittelpunkt. Er erzählt seine aberwitzige Geschichte, von eimem Symposion zur Rettung der Erde, bei der einer der Teilnehmer dank Marun ums Leben kommt. Irgendwo ist es auch so etwas wie ein Liebesroman.

Schon Thomas de Quincey feierte ihn: den Mord als eine schöne Kunst; die elegante, zweckfreie „Herbeiführung ewigen Stillschweigens“. In diesem Buch wird sie in allen Variationen durchgespielt – eine Geschichte, die in einem stillen Antiquitätenladen beginnt. Erzählt wird sie von Max Marun. Der sitzt in einer Klinikzelle und denkt nach über die Fragmente seiner früheren Existenz: die heillose Obsession für Laura; die mit privaten Überlebensprojekten beschäftigte Berliner Szene; die kryptischen Briefe des Onkels aus Schloß Painwood, England. Dort kommt bei ienem „Badeabenteuer“ ein Wissenschaftler ums Leben, Teilnehmer eines prominent besetzten Symposiums zur Rettung des Planeten. Maruns marodes Gedächtnis produziert einen Comic-Strip der Anschläge, mit einer Handlung, die bis zum Schluß ihre Auflösung für sich behält. (aus dem Kladdentext)

„Kieseritzky hält seine Leser in Bewegung … Amüsements und Schocks lösen einander ab, hingerissen zwischen Sprachwitz und Denklust wird die Lektüre zum Ereignis.“ Die Zeit

„… ein deutscher Woody Allen.“ Deutsche Welle

„Stilsicherheit und technische Brillanz, Fedankentiefe und historische Geistesgegenwart – da ist alles, was große Literatur ausmacht.“ Süddeutsche Zeitung

Ich fürchte, dass man Kieseritzky heute vorwerfen würde, nicht unbedingt politisch korrekt zu sein. Und irgendwie sexistisch ist das Ganze dann auch noch. Aber das waren Ende der 1980-er Jahre noch keine handelsüblichen Vokabeln. Und irgendwie liegt da auch der Reiz beim Lesen dieser beiden Romane.

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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