Martin Walser: Ein springender Brunnen

Es ist eines der großen Erinnerungs-Bücher der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts, der Entwicklungsroman eines Jugendlichen zur Zeit des Nationalsozialismus, 1932 beginnend und 1945 endend – Martin Walsers Ein springender Brunnen.

Es ist die Geschichte von Johann und seinem zwei Jahre älteren Bruder Josef, der 1944 an der Ostfront ums Leben kommt. Und es ist die Autobiografie von Martin Walser selbst. 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren und aufgewachsen, erleben wir in „Ein springender Brunnen“ die Zeit des Nationalsozialismus aus der Sicht eines Kindes und Heranwachsenden. Allein dieser Blick verrät uns viel von der schleichenden Veränderung der Köpfe dieser Menschen bis hin zu einer Entwicklung, die brutale Übergriffen auf Andersdenkende bzw. Andersgeartete zulässt.

Zudem bewahrt Walser in diesem 1998 erschienenen Buch vor allem auch viele der skurrilen Typen und der schwäbisch-alemannisch redenden Bewohner auf und beklagt in seinem Nachwort zurecht den Niedergang an mundartlicher Sprache, den möglichen Verlust einzelner Wörter, die durch kein anderes Wort zu ersetzen sind und unterzugehen drohen.


Wasserburg am Bodensee

In erster Linie geht es aber um den heranwachsenden Johann, seine – vom Vater geschulte – poetische Sicht der Dinge, seine ersten Erfahrungen in Liebesdingen. Und wir erfahren seinen inneren Konflikt, den der Widerspruch zwischen Religion und Leben in ihm auslöst. Ziemlich am Ende des Buches heißt es u.a.: „Johann wollte nie mehr unterworfen sein, weder einer Macht noch einer Angst …“ Das gilt für Vieles.

Ich selbst habe Wasserburg und den Bodensee bisher noch nicht besucht (bis zum Rheinfall von Schaffhausen habe ich es einmal geschafft). Aber einige Lokalitäten aus dem Roman sind mir und meiner Familie durchaus vertraut. Zum einen ist es das Kreuzeck (zwischen Alpspitze und Zugspitze), dort oben, wo Johann im Januar 1945 seine Hochgebirgsausbildung absolvieren musste. Und das Eisstadion von Garmisch, wo er nach Kriegsende gefangengehalten wird. Hier habe ich 2002 mit meinen Söhnen einige Runden auf dem Eis gedreht.

Kreuzeck
Bergregion zwischen Alpspitze und Zugspitze

Weg zum Kreuzeck
Weg zur Bergstation Kreuzeck

Martin Walser musste sich vorwerfen lassen, durch diesen Roman die Nazizeit zu verharmlosen. Auschwitz käme nicht vor. Die Kritik ging wohl soweit, dass man Walser Geschichtsrevisionismus und latenten Antisemitismus vorwarf. Man kann das alles nachlesen. Aus meiner Sicht ist das natürlich völliger Humbug. Walser hat einen Roman seiner Entwicklung zum Erwachsenen geschrieben. Bei dem im Roman geschilderten Bild der Nazizeit versucht er möglichst realistisch zu sein, und schafft damit durchaus ein Beispiel der persönlichen Gewissenserforschung.

siehe hierzu den Ausschnitt in: Weihnachten 1932 in Wasserburg/Bodensee

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

2 Gedanken zu „Martin Walser: Ein springender Brunnen

  1. Hallo Willi,
    der Text hat mich sehr interessiert! Ich schreibe nämlich genau zu dem Thema, ob Martin Walsers Buch „Ein sprinengder Brunnen“ Geschichtsrevisionistisch ist oder nicht, eine Facharbeit.

    Kennst du vielleicht, weil du dich ja auch mit dem Thema auseinandergesetzt hast, ein paar gute Quellen, evtl. sogar Literatur, die auf das Thema näher eingeht?
    Besten Dank im Vorraus
    Ilma

  2. Hallo Ilma,

    wie gut, dass ich keine entsprechende Facharbeit schreiben muss. Ich habe Walser aus reiner Leselust gelesen. Natürlich forscht man dann im Netz nach, was andere zu dem jeweiligen Buch meinen. So auch hier: einfach mit ‚Walser ein springender Brunnen‘ gegoogelt. Mehr kann ich nicht empfehlen. Mich durch dicke Wälzer an Sekundärliteratur zu quälen, liegt mir einfach nicht. Ich brauche es ja auch nicht mehr. Trotzdem viel ‚Spaß‘ mit dem Roman und viel Erfolg bei der Arbeit.

    Gruß
    Willi

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