Die Last der Beweise

In letzter Zeit habe ich Fälle beobachtet, die interessante Rückschlüsse auf Verhaltensweisen des Menschen aufzeigen, wenn dieser unter Anklage steht. In all diesen Fällen wird die zur Last gelegte Tat zunächst geleugnet, auch dann, wenn Indizien den Rückschluss auf das Vorliegen einer Tat(sache) zulassen (ein Indiz ist im Allgemeinen mehr als eine Behauptung, aber weniger als ein Beweis). Selbst wenn die Gesamtheit der Indizien so groß ist, dass die Schuld nicht mehr bezweifelt werden kann, leugnet der Täter. Erst unter der Last eindeutiger Beweise (Feststellung eines Sachverhalts als Tatsache) bekennt der Täter seine Schuld und bereut auch sogleich.

Un-Schuld

Wer kennt diese Verhaltensweise nicht selbst – ohne Straftäter zu sein. Gucken wir uns die Fälle an, die mich auf dieses Thema brachten:

Jörg Kachelmann, der bekannte und sicherlich auch beliebte Moderator von Wetterberichten im Fernsehen, wird verhaftet und bezichtigt, seine ehemalige Freundin vergewaltigt zu haben. Seit dem 20. März nun sitzt er in Untersuchungshaft. Zunächst glaubte alle Welt, dass es sich um ein ‚Missverständnis’ handelt müsse, zumal der Moderator vehement die Tat bestritt. Inzwischen gibt es Indizien, die belegen, dass Kachelmann seine frühere Freundin mit einem Messer bedrohte und sogar am Hals verletzte (DNA-Spuren von ihm am Messer). Aber weiter leugnet er die Vorwürfe.

Ein anderer Fall ist der des Radsportlers Floyd Landis, der bei der Tour de France zwar als Erster ins Ziel kam, dann aber wegen Dopings nach langem Tauziehen disqualifiziert wurde (Auf der 16. Etappe war Landis zunächst völlig eingebrochen und konnte nur im Schlepptau das Ziel in La Toussuire erreichen – am Tag darauf war er plötzlich wieder ‘voll’ da und legte mit seinem Etappensieg den Grundstein für den Sieg. Es wurde dann ein zu hoher Testosteron-Wert bei ihm festgestellt. Alles ein “natürlicher Prozess”, so die Erklärung seiner Mannschaft – siehe meine Beiträge Tour des Amis und Tour de Testosteron sowie Weiter auf Tour zur Tour de France 2009). Über Jahre hinweg hatte der 34-Jährige Millionen Dollar investiert, um vor Gericht seine vermeintliche Unschuld zu beweisen. Mit seiner Klage gegen die zweijährige Sperre war er aber vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne gescheitert. Jetzt nach vielen Jahren gab Landis zu, gedopt zu haben und belastet zudem seine früheren Kollegen, u.a. Lance Amstrong, dem siebenfachen Gewinner der Tour de France, dem schon mehrmals schwere Dopingvorwürfe bemacht wurden. Lance Armstrong hat die Doping-Vorwürfe seines US-Landsmanns Floyd Landis inzwischen zurückgewiesen. „Es ist nicht wert, auf diese Anschuldigungen einzugehen“, sagte der Radprofi. „Ich werde nicht meine Zeit oder Ihre Zeit vergeuden“, meinte der 38-Jährige.

Ein weiterer Fall aus dem Sport ist der Fall der Claudia Pechstein, der Eisschnellläuferin und vielfachen Medaillengewinnerin (u.a. 5-mal Gold bei Olympia). Sie wird des Blut-Dopings bezichtigt. Sie bestreitet die Vorwürfe seit langem und argumentiert damit, dass eine vererbte Blut-Anomalie Schuld an den Veränderungen des Blutbildes seien, was durch Ärzte bestätigt wurde.

In all diesen Fällen bestreiten die Angeschuldigten die ihnen zur Last gelegten Taten. Nur im Fall Floyd Landis gibt es nach vielen Jahren ‚endlich’ ein Geständnis, das zudem mit Anschuldigungen gegen andere einhergeht.

Was gibt es Schlimmeres für einen Täter als ‚erwischt’ zu werden. Geschieht das nicht ‚auf frischer Tat’, so wird in wohl den meisten Fällen der Vorwurf der Täterschaft zurückgewiesen. Es ist eine Art Selbsterhaltungstrieb, der das Leugnen hervorruft. Der Täter empfindet sich als Opfer, dem Ungeheuerlichkeiten vorgeworfen werden. Das geht soweit, dass der Täter sich selbst für unschuldig hält. Er verdrängt die Tat. Ja, er ist sogar bereit (wie im Fall Landis) seine Existenz aufs Spiel zu setzen, um nur nicht als Täter zu gelten. Lässt sich der Tatverdacht aber nicht ausräumen, so entwickelt sich daraus eine Art Versteckspiel. Jedes noch so kleine Indiz für die Schuld wird aufgenommen, zurechtgebogen und als ‚Lüge’ oder ’Verleumdung’ zurückgewiesen (Lance Armstrong). Kommt man gegen die Last der Indizien nicht an, so spielt man auf Zeit.

Ein Kriterium spielt dabei sicherlich auch der Umstand, ob mit den Anschuldigungen bereits Sanktionen eingeleitet wurden und der Täter als überführt gilt. Landis wurde der Sieg der Tour de France 2006 aberkannt, die sieben Siege von Armstrong stehen weiterhin nicht zur Disposition. In ‚aussichtsloser Lage’ ist man durchaus bereits, bis zum ‚letzten Hemd’ zu kämpfen (Landis). Aus gesicherter Position (Armstrong) spielt man gern den Coolen und gibt sich unbeeindruckt.

Das soll nichts über Schuld oder Unschuld aussagen. Auch der Unschuldige wird versuchen, notfalls bis zuletzt die Anschuldigungen gegen sich zu widerlegen. Ich glaube aber fast, dass der Schuldige mehr noch zu Opfern bereit ist: Der Abwehrmechanismus der Verdrängung ist manchmal wirkungsvoller als das Bewusstsein der Unschuld. Schneller als beim Schuldigen setzt Resignation beim Unschuldigen ein.

Ein anderes Phänomen ist die Reue. Selbst Täter, die lange und vehement jede Schuld bestritten haben, zeigen sich am Schluss reuig, wenn die Last der Beweise endlich so groß ist, dass sie ‚erdrückt’. Es ist so, als würde ein Schalter im Kopf des Täters umgelegt werden. Eben noch völlig unschuldig, bricht die Verdrängung wie eine hohe Mauer zusammen – und der Täter ‚erkennt’ seine Schuld. Die hervorbrechende Reue betrachte ich in solchen Fällen als einen Schutzmechanismus, der ebenfalls durch den Selbsterhaltungstrieb geprägt ist. Denn wer bereut, kann entsprechend unserem Rechtsempfinden mit Minderung einer Strafe rechnen.

Landis gesteht und bereut. Auf Armstrongs Geständnis wird man vergeblich warten (ich halte ihn trotzdem für schuldig). Im Falle der Claudia Pechstein bin ich mir nicht so sicher. Hier gilt dann die Unschuldsvermutung. Und Herr Kachelmann wird eines Tages vor Reue zusammenbrechen. Warten wir es ab.

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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