Gestohlene Namen

Ob nun Namen Schall und Rauch sind oder ‚Nomen est Omen’ gilt, ich habe mich dazu schon einmal geäußert. Ich lese zz. von Halldór Laxness Die Islandglocke, ein Roman, der Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhundert (nicht nur) in Island spielt (zu dem Roman später etwas mehr). Island stand unter dänische Oberhoheit, dänische Handelsmonopole blockierten über lange Zeit die Entwicklung Islands. Dadurch herrschte große Armut auf der Insel. Island stand Jahrhunderte lang unter dem Joch Dänemarks und um den Isländern auch noch den letzten Rest an kultureller Identität zu rauben, danifizierten die Dänen die isländischen Namen; so wurde z.B. aus Jón Jónsson ein dänischer Joen Joensen, aus Thórdur (Schreibweise im Buch) bzw. Þórđur (richtige isländische Schreibweise) Narfason wurde Ture Narvesen.

Aber die Dänen sind in der Geschichte nicht die einzigsten, die ein von Ihnen unterdrücktes Volk auf diese perfide Art jede kulturelle Eigenständigkeit absprechen wollten. Als im 18./19. Jahrhundert Polen von den Landkarten verschwand und zum großen Teil Russland einverleibt wurde, mussten viele Polen im Zuge einer Russifizierung ihre Familiennamen ändern (hier das Beispiel am Namen Koslowski).

Und auch die Schotten mussten hinnehmen, dass ihre Namen von den Engländern anglifiziert wurden. Zum einen mag es daran gelegen haben, dass die Engländer es nicht verstanden, die gälischen Namen richtig auszusprechen (wohl hatten sie dazu auch keine Lust, denn es wäre ja so etwas wie ein Entgegenkommen gegenüber der in Schottland gebräuchlichen gälischen Sprache gewesen), zum anderen wollte man den Schotten nicht nur die politische, sondern damit auch die kulturelle Eigenständigkeit nehmen; hier ein Beispiel anhand des Namen Anderson:

Anderson (gälisch: Mac Ghille Aindrais – ich denke auch McAndrew ist nicht falsch, obwohl im zweiten Teil auch schon wieder anglifiziert; Mc- oder Mac- steht für Sohn wie auf englisch auch -son, vergl. in den skandinavischen und friesischen Sprachen die Endung -son, -sen bzw. -sson, z.B. Hansen, Jonsson oder Johnson), was soviel wie Sohn von Andreas heißt.

Unter diesem Gesichtspunkt sind Namen dann doch etwas mehr als Schall und Rauch. Sie sind der Inbegriff von Personen, also von Menschen. Hinter jedem Namen verbirgt sich ein Leben. Namen stehen für die Authentizität und die Identität eines Menschen. Und es steckt hinter dem auch ein Sichgleichsetzen eines Menschen mit der Kultur, der Sprache usw. seines Landes.

Siehe auch meinen Beitrag: Müller-Meyer-Schulze

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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