Ian Anderson: Thick as a Brick 1 & 2 on Tour

Seit dem 14. April ist Ian Anderson mit seiner Band auf Tour und spielt neben „Thick as a Brick“ auch das Sequel TAAB2. Ab 17. Mai kommt er dann auch auf deutsche Bühnen.

    Thick as a Brick and Sequel Live in 2012

Inzwischen gibt es bei YouTube auch schon die ersten aus dem Publikum aufgezeichneten Videoaufnahmen, die zeigen, wohin die musikalische Reise gehen wird. Da gibt es auf jeden Fall eine für mich sehr große Überraschung: Ian Anderson lässt singen! Zumindest wechseln sich Ian Anderson und der junge Ryan O’Donnell, der bereits auf dem neuen Album einige Gesangparts übernommen hatte, beim Gesang ab. Anderson begründet diesen Wechselgesang damit, dass er schlecht gleichzeitig singen und Flöte spielen könne. Den eigentliche Grund kennen wir natürlich. Konsequenterweise wäre es vielleicht besser, wenn er im ersten Teil von Thick as a Brick den Gesang vollständig in fremde Hände (Stimmen) gegeben hätte, denn er hat hier massive Probleme, die bei TAAB2 nicht so schwerwiegend sind, da er beim Schreiben des neuen Materials dieses bereits an seine heutigen stimmlichen Möglichkeiten merklich angepasst hat. Die Ausrede mit dem Flötenspiel führt zudem zu einem ziemlich absurden Nebeneffekt: Anderson flötet auch da, wo es im Original nicht vorgesehen ist und auch heute nicht so richtig passt, nur um seine Bühnenpräsenz zu dokumentieren.

Ryan O’Donnell ist ein junger Schauspieler, den Ian Anderson über John O’Hara kennengelernt haben muss. Dieser hatte 2009 an der Bühnenadaption der Rock-Oper Quadrophenia von The Who mitgewirkt und diese auch dirigiert. Der Sänger des Jimmy war u.a. Ryan O’Donnell (siehe die Kritik einer Aufführung in der Wiltshire Times, die sicherlich auch Ian Anderson, der in der Grafschaft Wiltshire sein Domizil hat, gelesen haben könnte). Über seine Stimme lässt sich bestimmt streiten. O’Donnell orientiert sich beim Gesang an der Stimme Ian Andersons von 1972, was ihm natürlich nur teilweise gelingen kann. Ian Andersons Stimme von vor 40 Jahren war eben zu markant und unverwechselbar. Aber ich finde sie immerhin besser, als das, was Ian Anderson heute – besonders bei TAAB1 – hervorquält.

Der Bühnenauftritt als solches wirkt noch etwas unausgegoren. Ryan O’Donnell latscht oft unkoordiniert herum, Ian Anderson sortiert Kabel, die ihm im Wege zu sein scheinen. Das sieht dann doch nicht gerade professionell aus. Die Videoeinblendungen im Hintergrund jeweils am Anfang von TAAB1 und TAAB2 zeigen uns Herrn Anderson einmal als bekannte Figur Max Quad, jetzt als Dr. Maximilian Quad, dann als Lord Archibald Parritt von St. Cleve TV, einem fiktiven YouTube-Kanal. Ian Anderson als Schauspieler hat durchaus Witz und kommt seinem Bedürfnis, sich immer wieder gern ausführlich zu artikulieren, entgegen. Auf der Rubbing Elbows Tour früherer Jahre in den Staaten präsentierte er neben seiner Musik Gäste, mit denen er dann vor versammelter Mannschaft ausführlich quasselte. Die Visualisierung, die sich rhythmisch zum Takt der Musik bewegt, ist weniger originell. Wir kennen das von manchem MP3-Player (z.B. Windows Media Player) unseres Rechners her – und haben diese längst deaktiviert, da sie nerven.

Trotz meiner Meckerei muss ich gestehen, angenehm positiv überrascht zu sein. Das liegt natürlich in erster Linie daran, dass Ian Anderson viele Gesangparts abgegeben hat und das „stimmliche Grauen“ nicht das ganze Konzert über den Zuhörer befällt. Bei den Instrumenten klingt mir das Schlagzeug, das technisch nur spärlich ausgestattet zu sein scheint, etwas zu dumpf. Ansonsten bietet besonders auch Florian Opahle, soweit es die Videoausschnitte zeigen, eine ordentliche Leistung. Nun auch ich habe eine gute Ausrede: Da im Umkreis meines Domizils nur Aurich als Konzertort in Frage kommt, und mir das dann doch etwas zu weit entfernt ist, werde ich auch dieses Jahr die Auftritte von Ian Anderson & Co. versäumen. Denen, die sich in eines der Konzerte wagen, wünsche ich trotz der genannten Mängel viel Spaß und gute Unterhaltung!

Übrigens: Thick as a Brick 2 hatte beim Einstieg in die deutschen Album-Charts auf Platz 13 einen glänzenden Start.

Hier die bisher vorhandenen Videos von Konzertmitschnitten der Ian Anderson-Tour 2012, soweit die GEMA noch nichts dagegen hat. Zunächst Thick as a Brick Part 1 (1972) mit dem Opening, einem längeren Ausschnitt aus der ‘Mitte’ – dann das Finale:


Jethro Tull Thick As A Brick Opening 18th April 2012 Liverpool


Ian Anderson Thick As A Brick 2012 Liverpool Philharmonic Hall


‚Thick as a Brick‘ Finale (Live) @ Newcastle City Hall 17th. April 2012

Auch zu TAAB2 (2012) gibt es das Opening, dann einen Ausschnitt aus der Ferne, der aber einen guten Überblick über die Bühne gibt – und zuletzt mit „Banker bets, Banker wins“ das wohl rockigste Stück der neuen Scheibe:


Jethro Tull Thick As A Brick2 Opening 18th April 2012 Liverpool


Ian Anderson – Thick as a brick 2 (excerpt) St Georges Hall Blackburn 20/04/12


‚Banker bets, Banker Wins‘ (Live) Ian Anderson, Newcastle City Hall

Übrigens: Ian Anderson hat noch einiges auf dem Zettel. So plant er lt. einem Interview ein ganz ‚besonderes’ Album: „ …then I’m doing a string quartet album of mainstream Jethro Tull tracks which will be perfect for the weddings, christenings and funerals of Tull fans.”

Also mit Hochzeiten und Taufen sieht es bei mir in näherer Zukunft völlig mau ist. Vielleicht erscheint das neue Album noch rechtzeitig vor meiner Beerdigung, damit ich mir ein passendes Stück für eben diese aussuchen kann.

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Ein Gedanke zu „Ian Anderson: Thick as a Brick 1 & 2 on Tour

  1. Selbst unter dem Vorbehalt der Qualität der Youtube-Video-Schnipsel: sehr trefflich auf den Punkt gebracht, was es zur Bühnenshow, zum Gesang etc. zu sagen gibt. Genauso möchte ich das Wort für Wort unterschreiben.
    Im Konzert selbst wird (hoffentlich) die Aura des Meisters ihr Übriges (Positives) tun, außerdem: wenn einmal ein Ticket für viel Geld gekauft wurde, wird auch der kritischste Tull-Fan sicher niemals von einem (totalen) gesanglichen Desaster sprechen wollen…
    JG

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