André Gide: Die Falschmünzer

    How weary, stale, flat and unfrofitable
    Seems to me all the uses of ths world!

    Wie ekel, schal und flach und unersprießlich
    Scheint mir das ganze Treiben dieser Welt!

    William Shakespeare: Hamlet – Prinz von Dänemark
    (Übersetzt von August Wilhelm von Schlegel)
    1. Akt – 2. Szene

Unter diesem Motto von Shakespeare steht ein Kapitel in dem Roman Die Falschmünzer von André Gide (Originaltitel: Les Faux-Monnayeurs), das ich in folgender Ausgabe vorliegen habe: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2. Auflage Mai 1982, 18. bis 27. Tausend. Die Übersetzung ins Deutsche erfolgte von Ferdinand Hardekopf. Es handelt sich dabei um die erste Übersetzung von 1928. Der Roman selbst wurde 1925 veröffentlicht.

Für zwei weitere Kapitel stellt Gide Zitate aus Shakespeares Romanze „Cymbeline“ als Motto voran; u.a. findet sich auf Seite 51 aus dem 2. Akt – 5. Szene die Aussage von Posthumus:

    We are all bastards;
    And that most venerable man which I
    Did call my father, was I know not where
    When I was stamp’d;

Zu Deutsch und etwas ausführlicher, da wir hier auch den Bezug zum Romantitel finden:

    Kann denn kein Mensch entstehn, wenn nicht das Weib
    Zur Hälfte wirkt? Bastarde sind wir alle,
    Und der höchst würdge Mann, den ich stets Vater
    Genannt, war, weiß der Himmel wo, als ich
    Geformt ward
    , und Falschmünzerwerkzeug prägte
    Als falsches Goldstück mich.

Ort der Romanhandlung ist Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

„Eine Gruppe junger Gymnasiasten will der großbürgerlichen Scheinwelt der Elternhäuser entfliehen, erwachsen werden auf dem Gebiet der Moral, der Kunst, der Erotik. Die zynische Eleganz der literarischen Welt erweist sich als verführerische Droge: Da ist Robert de Passavant, Erfolgsschriftsteller mit homosexuellen Neigungen; und da ist Edouard, Onkel eines der Jungen, aus dessen Tagebuchnotizen wir einen Großteil der Geschichte erfahren. Diese Notizen sind Vorarbeiten zu einem Roman mit dem Titel – ‚Die Falschmünzer’ …“
(aus dem Kladdentext zu einer Neuübersetzung)

Jener Junge, Bernard, dessen Onkel Edouard ist, stellt fest, dass der Mann seiner Mutter nicht sein leiblicher Vater ist. Er ist also das, was man schlechthin einen Bastard zu nennen pflegte.

„So beginnt das Spiel mit dem Leser. Doch der ‚Roman im Roman’ ist nur ein Teil des erzählerischen Raffinements. Aus Briefen, Dialogprotokollen, Berichten entsteht ein spannendes Rätsel, das den Spürsinn herausfordert wie ein Detektivroman. Schließlich geht es nicht nur um intellektuelle Falschmünzerei, sondern um wirkliches Falschgeld und um einen mysteriösen Selbstmord.“

„‚Die Falschmünzer’ sind ein kühnes Experiment und eine der hervorragenden Leistungen des modernen Epik. Zum ersten Mal wird hier der Roman selbst zum Gegenstand des Romans.“
(aus dem Kladdentext zur dtv-Ausgabe)

André Gide (1869-1951) wurde streng puritanisch erzogen und setzte sich später rückhaltlos für die Freiheit des Individuums gegenüber Kirche, Konvention und Moral ein. Seinen Zeitgenossen und vielen seiner konservativen Autorenkollegen galt Gide als gefährlich, als der große Seelenverderber. Der Nobelpreisträger von 1947 hat aufgrund seines außergewöhnlichen Werkes längst seinen Platz in der Weltliteratur gefunden. Gide zählt zu den wichtigsten französischen Schriftstellern seiner Generation. Er hat das geistige Gesicht des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt.

„Gides von blendendem Kunst-Verstand diktierter Roman, in dem mehr ‚Können’ als ‚Müssen’ am Werke ist, gehört mit den Hauptwerken von Proust, Musil, Joyce und Faulkner zu den großen Initiativleistungen der modernen Epik.“

    Also vorwärts, Bernard, aufs offene Meer hinaus! (S. 53)

Selten hat mich ein Roman so beschäftigt. Es geht eine eigentümliche Faszination vom ihm aus. Er ist spannend wie ein Kriminalroman. Und ich halte ihn für ausgesprochen aktuell. Sicherlich ist die großbürgerliche Welt des Paris von vor etwa 90 Jahren eine andere als die ‚normalbürgerliche’ unserer Tage. Die „Konventionen“, die äußerliche Umgangsweise der agierende Personen ist eine andere. Aber die Dämonen, die damals die Menschen zu ihrem Tun getrieben haben, nehmen auch heute noch von diesen Besitz.

    Mit mir ist es so weit gekommen, daß ich mich frage, ob nicht vielleicht der Zweifel selbst den einzigsten Halt in unserem Dasein bieten könnte … (S. 168)

Wie schon zu erkennen ist, ist der Roman ein Entwicklungsroman, das aber in zweifacher Hinsicht. Zum einen betrifft es die Entwicklung junger Menschen (im Alter von ca. 17 oder 18 Jahren, aber auch jünger) und schildert deren Reifeprozess. Zum anderen beschreibt er die Entwicklung des Sujets hin zu einem Roman.

    Allerdings mißtraue ich Gefühlen, die gar so rasch ihren Ausdruck finden. (S. 191)

Im Mittelpunkt stehen die Gymnasiasten Bernard und Olivier, beide 17 oder 18 Jahre alt, die kurz vor ihrer schulischen Abschlussprüfung stehen. Zu dieser Zeit kehrt Edouard, der Onkel von Bernard, nach Paris zurück. Er ist Schriftsteller wie der Graf Passavant, ein reicher, snobistischer Modeschriftsteller mit homosexuellen Neigungen, dessen geistreiche Eleganz die jungen Männer zum Vorbild nehmen. Dieser neigt allerdings zu Zynismus und Manipulation und weiß die Gefühlslage des Jungen für sich auszunutzen.

Ein lokaler Mittelpunkt ist die Pension der Familie Vedel-Azaïs, ein Knabenpensionat, das am Nachmittag u.a. Georges, der Bruder von Olivier, aufsucht. Hier kreuzen sich dann auch die Wege anderer Protagonisten des Romans.

    „Fast alle Menschen, die ich kennengelernt habe, klingen falsch. Genausoviel wert sein, wie man scheint; nicht mehr scheinen wollen, als man wert ist … Man sucht sich und den andern alles mögliche vorzuspiegeln, und man denkt soviel daran, was man scheinen möchte, daß man schließlich selbst nicht mehr weiß, was man ist …“ (S. 174)

Bernard und Oliver schließen sich einem literarischen Zirkel an, um der großbürgerlichen Scheinwelt der Eltern zu entkommen.

    „Als ich noch jünger war, da faßte ich Entschlüsse, die ich für tugendhaft hielt. Es lag mir weniger darn, der zu sein, der ich war, als vielmehr der zu werden, der ich zu sein beabsichtigte. Heute bin ich beinahe so weit, in der Entschlußlosigkeit das Geheimnis des Nicht-Altwerdens zu erkennen.“ (S. 293)

Im Übrigen nimmt der Roman letztlich auf sich selbst Bezug, schreibt doch Onkel Edouard als Schriftsteller an einem Werk, das ebenfalls den Titel „Die Falschmünzer“ trägt. Anhand von Tagebuchnotizen, Briefen, Skizzen usw. lernen wir die Entstehungsgeschichte eines Romans kennen, von dem wir als Leser aber nur wenig erfahren. Die Sammlung allein ist „der Roman“.

    „Es bleibt dieses: daß die Realität mich als plastischer Grundstoff interessiert und daß ich mehr, unendlich viel mehr Sinn habe für das, was sein könnte, als für das, was in Wirklichkeit gewesen ist. Wie gebannt beuge ich mich über die latenten Möglichkeiten eines Wesens und bin traurig über jeden Keim, den die Stickluft der Konvention absterben läßt.“ (S. 101)

Anhand der Figur des Schriftstellers Edouard zeigt Gide die Grenzen der Erzählbarkeit eines Romans auf, die Schwierigkeiten beim Abbilden der realen Welt in den Formen eines fiktionalen Werks.

    „Der Roman hat die Wechselfälle des Schicksals behandelt, die Irrwege von Glück und Unglück, die sozialen Beziehungen, den Konflikt der Leidenschaften und der Charaktere, aber keineswegs die Quintessenz des Wesens selbst. […] Die moralische Tragik – jene, die das Bibelwort so furchtbar macht: ‚Wenn aber das Salz dumm wird, womit soll man salzen?’ – das ist die Tragik, auf es ankommt.“ (S. 109)

oder:

    „… mein Roman hat kein Thema. Oh, ich weiß wohl, es klingt töricht, was ich da sage. Also präzisieren wir: es handelt sich in ihm nicht um ein einziges, spezielles Thema … Einen ‚Ausschnitt aus dem Leben’ wollte der naturalistische Roman geben. Der große Fehler dieser Schule bestand darin, diese programmatische Schnitte vom Brote der Realität in einer stets gleichbleibenden Dimension, nämlich der Zeit nach der Länge nach, schneiden zu wollen. Warum nicht auch einmal der Breite nach? Oder der Tiefe nach? Was mich betrifft, ich möchte überhaupt nicht schneiden! Verstehen Sie mich: ich möchte eine Totalität von Erscheinungen in meinen Roman eintreten lassen; nichts all weggeschnitten, der andrängenden Fülle nirgends Einhalt geboten werden!“ (S. 161)

Manchmal ist es so, dass die Wirklichkeit Blüten schlägt, die sich selbst die blühendste Phantasie nicht ausdenken kann, so …

    „Ich warte, daß die Wirklichkeit mir einen Plan diktiere.“ (S. 162)

Manche Beziehung zwischen den Männern wird den Leser vielleicht irritieren. André Gide war homosexuell, wenn ihm dies anfangs auch nur diffus bewusst war. Und so spielen auch homosexuelle, zumindest homoerotische Beziehungen in dem Roman eine wesentliche Rolle, wenn diese auch nicht direkt angesprochen werden. Ausgangspunkt sind dabei der Schriftsteller Robert de Passavant, aber auch der Onkel Edouard, der ein liebevolles Verhältnis zu seinem Neffen unterhält. Selbst der Mutter ist das klar, sie toleriert die Beziehung (Edouard: „Ich glaube, daß sie diese Beziehungen nicht geradezu missbilligt, ja, daß sie in gewisser Hinsicht sogar froh darüber ist, […] daß sie aber vielleicht […] im Grunde doch Eifersucht gegen mich empfindet.“ – S. 278).

Es gibt zwei reale Ereignisse, die in Zeitungsartikeln beschrieben waren und denen sich André Gide für seinen Roman bediente. Zum einen ein Artikel im Figaro vom 16.09.1906, der von Umlauf falscher Goldstücke handelt, die von Spanien nach Frankreich geschmuggelt und von jungen Leuten, meist Bohemiens, Studenten, Journalisten ohne Anstellung usw., in Umlauf gebracht wurden. Der andere Artikel im Journal de Rouen vom 05.06.1909 handelt von einem Selbstmord eines Gymnasiasten, bei dem sich ein kaum Fünfzehnjähriger mitten im Unterricht eine Kugel durch den Kopf jagte. Beides findet sich im „Journal des Faux-Monnayeurs“, dem Tagebuch der Falschmünzer, wider, das Gide 1926 veröffentlichte und in dem er die Entstehungsgeschichte des Romans dokumentierte.

Personenübersicht – André Gide: Die Falschmünzer

Im Roman treten reichlich viele Personen auf, obwohl er mit 340 Seiten nicht allzu umfangreich ist. Einige betreten nur kurz die Bühne, um für immer zu verschwinden. Andere, die anfangs nur einen kleinen Auftritt haben, gewinnen erst viel später an Bedeutung (z.B. Georges, der Bruder von Olivier Molinier, einem Freund des bereits erwähnten Bernard Profitendieu – oder Victor Strouvilhou, der immer auftaucht, um sogleich wieder zu verschwinden, und der doch eine wesentliche Rolle zu spielen scheint). Um die Übersicht zu behalten, habe ich mir die Arbeit gemacht und eine Übersicht der Personen angefertigt – dem interessierten Leser als Hilfe (Download als PDF – 14 KB).

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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