John Irving: Garp und wie er die Welt sah

Nach längerer Zeit habe ich mir von John Irving wieder den Roman Garp und wie er die Welt sah zum Lesen vorgenommen, den Roman, mit dem er erfolgreich wurde. Es ist auch der erste Roman, den ich von John Irving gelesen habe.

„Mit seinem vierten Roman ‚Garp und wie er die Welt sah’ wurde John Irving über Nacht bekannt – in den USA brach die ‚Garpomanie’ aus. Stilistische Virtuosität, groteske Eskapaden und die für Irving typische Mischung aus Realismus und Absurdität machen den einzigartigen Charakter dieses Buches aus, das den Leser nicht mehr losläßt. Die Welt des Schriftstellers Garp ist bevölkert von Lehrern und Huren, Spießern und Randexistenzen, Verlagslektoren und Mördern, Transsexuellen und Sittenstrolchen, Männern, Frauen und Kindern – brutal, banal, perfide. Ein Pandämonium: unsere Welt.
Gegen Ende seiner Schulzeit entdeckt der Titelheld Garp seine Begabung, Geschichten zu erzählen. Fortan ist er hin- und hergerissen zwischen Literatur und Realität, zwischen den phantastischen Welten seiner Einbildungskraft und der Notwendigkeit, das wirkliche Leben in den Griff zu bekommen. Auf einer Reise nach Wien, die seine Mutter mit ihm unternimmt, um die Kunst und Dekadenz Europas ‚aufzusaugen’, macht Garp die Erfahrung, daß Leiden, Schmerz und Vergänglichkeit Grundtatsachen des Lebens sind – und daß der Glaube an einen festgelegten Sinn oder darin, das Leben lenken zu können, nichts als pure Illusion ist. Statt dessen gelangt er zu der zentralen Überzeugung, daß das Chaos des Lebens allein durch Sprache und Sexualität zusammengehalten wird. Garp wird Schriftsteller. Er schreibt eine Kurzgeschichte und zwei Romane, von denen der letzte ein voller Erfolg wird. Als sein Schwiegervater stirbt, übernimmt Garp von ihm, seinem ehemaligen Lehrer, die Aufgabe des Ringkampftrainers. Und als seine politisch aktiv gewordene Mutter ermordet wird, tritt er sogar für feministische Anliegen ein. Doch sein Ruf als Ultrachauvinist, den er sich im Kampf gegen eine Gruppe radikaler Feministinnen erworben hat, holt ihn am Ende doch noch ein.“

(aus dem Klappentext – meine Buchausgabe: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg – einmalige Sonderausgabe September 1998)

Kann man von einem Autor mit der Zeit genug bekommen? Von Irving, ich fürchte, ja. Wenn man John Irving, z.B. den Garp, zum ersten Mal liest, wird man schnell von den vielen skurrilen Typen und den makabren Begebenheiten gefangen genommen. Aber wie bei einem üppigen Mahl hat man es schnell satt.

    John Irving

John Irving beruft sich gern auf Günter Grass als literarische Vorbild. Beide sind wohl auch miteinander befreundet. Während Grass aber in seinem scheinbar dem Barock zu entstammenden Stil wortgewaltig kunstvolles Spiel mit der Sprache treibt, bleibt Irving sprachlich oft sehr blass, was nicht nur an der Übersetzung ins Deutsche liegen kann. Dafür treibt seine Phantasie reichlich Blüten, die sich aber, schaut man genauer hin, sehr schnell in immer wiederkehrenden Motiven und Themen erschöpft, z.B. „Charakteristika von Figuren (schüchterne Männer, starke Frauenfiguren, vaterlos aufwachsende Söhne, Prostituierte); Beziehungen (sexuelle Beziehungen zwischen älteren Frauen und jüngeren Männern, Inzest, häufig homoerotische Beziehungen) und Milieus (Rotlichtmilieus, Internatsschulen, Hotels/Pensionen, Zirkus) sowie die Schriftstellerei, Motorräder, Religion und immer wieder Bären.“ (vergleiche hierzu den Absatz bei de.wikipedia.org)

Manchmal ist es eben zuviel des Guten. Damit man mich nicht falsch versteht: Garp ist ein durchaus lohnenswerter Roman. Als ich ihn zum ersten Mal gelesen hatte, war ich angetan von all den seltsamen Gestalten, die ihn bevölkern. Aber man sollte den Roman wahrscheinlich kein zweites oder gar drittes Mal lesen, dann verliert er merklich an Farbe. Plötzlich erscheint jener Garp etwas blutleer geworden, in manchem kindisch oder gar banal. Garp entgleitet einem plötzlich, ist nicht mehr so sympathisch wie man ihn glaubte, sympathisch gefunden zu haben. Es treten Irritationen auf, die man nicht ganz wegstecken mag, z.B. sein Sicherheitswahn den eigenen Kindern gegenüber geht einem auf den Keks. Da musste ja kommen, was dann kam.

Vieles ist natürlich ‚Absicht’. Irving will uns locken. Und es gelingt ihm auch. Trotzdem erscheint mir das Buch (und nicht nur dieses) als eine Offenbarung männlicher Sexual- und Gewaltphantasien, die Irving mit einem feministischen Häkeldeckchen zu bemänteln sucht. Oder ist auch das nur ‚Absicht’?!

Nun bei den Kritikern kam John Irving nicht immer gut weg. Dafür hat sich aber Hollywood seiner (bzw. seiner Romane) angenommen. So wurde nicht nur eben Garp verfilmt, sondern besonders erfolgreich u.a. auch sein Roman Gottes Werk und Teufels Beitrag, der Irving dann auch den Oscar 2000 für das beste Drehbuch einbrachte. Irvings Romane scheinen sich besonders für die Verfilmung zu eignen – und besonders für die Verfilmung durch Hollywood.

siehe auch meine Beiträge:
John Irving: Die vierte Hand
John Irving: Bis ich dich finde

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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