Jenseits der Hemmschwelle

Wenn man wie ich zwei Söhne hat, dann ist man natürlich besonders sensibilisiert für alles, was mit ‚der Jugend von heute’, wie man immer wieder sagt, zu tun hat. Als Elternteil sollte man das zumindest. Daher habe ich mich auch in diesem Blog immer wieder mit Problemen der Jugend beschäftigt.

In Berlin wurde nun in der Nacht zum 14. Oktober ein 20-Jähriger auf offener Straße derart misshandelt, dass er kurz darauf verstarb. Die Gruppe junger Täter wurde inzwischen identifiziert: Jugendgewalt, die entsetzt! Diese ungehemmte Brutalität, mit der manche Jugendliche gegen andere vorgehen, ist leider kein Einzelfall. Immer wieder rasten junge Menschen aus, schlagen ohne Gnade andere nieder und verletzen diese nicht unerheblich. Woher kommt diese Gewaltbereitschaft?

Meistens liegen die Gründe im sozialen Umfeld der Jugendlichen. Es beginnt schon damit, dass Deutschland wenig kindgerecht ist. Vielen unserer Kleinen fehlt der Platz zum Spielen, der Raum zum Entfalten ihrer Kreativität. Ansonsten gibt es sicherlich Anhaltspunkte, die als Merkmale für die Jugendkriminalität betrachtet werden müssen. Soziologen und Psychologen sehen z.B. im Schuleschwänzen einen von drei Hauptindikatoren, dass Kinder und Jugendliche später kriminell werden. Hier spielt die Schule und im besonderen Maße auch die Familie eine Rolle. Kümmern sich weder Lehrer noch Eltern um die Schulschwänzer, wird diesen keine entsprechende Hilfe zuteil, dann setzt sich möglicherweise schnell eine Abwärtsspirale in Gang. Das gilt besonders, wenn Kinder und Jugendliche kein für ihre weitere Entwicklung notwendiges Vertrauen, keine Zuneigung und Geborgenheit erfahren.

„Für den Soziologen Baier ist das der zweite entscheidende Grund, warum Jugendliche kriminell werden: Sie landen im falschen Freundeskreis und lassen sich zu Taten überreden, die sie allein niemals ausführen würden. Besonders negativ sei dabei das Umfeld in Haupt- und Förderschulen, wo Schüler wenige positive Anreize bekommen und sich gegenseitig einreden, dass Anstrengung sich eh nicht lohnt.

Viele dieser Jugendlichen fühlen sich vernachlässigt und von der Gesellschaft abgehängt. Der Frust darüber entlädt sich in Gewalt gegen andere – oder aber gegen sich selbst. Denn ein dritter Hauptgrund für jugendliche Gewalt sind Drogen und Alkohol.“ (Quelle: ard.de)

Natürlich sind das nur Indikatoren. Nicht jeder Schulschwänzer wird kriminell. Es hat meist mehrere Gründe, die bei Jugendlichen die Hemmschwellen zur Gewaltanwendung sinken lassen. Wesentlicher Auslöser ist die Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher. Wer für sich keine Zukunft sieht, dem ist alles völlig egal. Wenn hier nicht sinnvolle Hilfe angeboten wird, dann kann es eines Tages nur noch krachen.

Natürlich ist es nicht nur die Gewalt gegen andere, sondern es gibt auch die Gewalt gegen sich selbst – bis hin zum Suizid. Und nicht immer spielen soziale Faktoren die große Rolle. Manchmal sind Jugendliche auch emotional oder gar psychisch gestört. Dies gilt besonders bei jugendlichen Intensivtäter.

Was ist also zu tun? Natürlich rufen Gewaltverbrechen wie das in Berlin Entsetzen hervor. Aber es nützt wenig, wenn besonders Politiker dann wieder nach einer Verschärfung des Jugendstrafrechts verlangen. „Wissenschaftler sind sich einig, dass die Anti-Gewalt-Trainings, die Präventionsarbeit an Schulen und generell die Arbeit der Sozialpädagogen, Psychologen und Therapeuten entscheidenden Anteil daran, dass es immer weniger gewalttätige Kinder und Jugendliche in Deutschland gibt.“ Aber mehr noch müssen die Zukunftsaussichten für Jugendliche stimmen. Wer seine Talente sinnvoll einsetzen darf, wem Perspektiven geboten werden, der wird kaum zur sinnlosen Gewalt bereit sein.

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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