Günter Grass: Die Blechtrommel

    Was soll ich noch sagen: Unter Glühbirnen geboren, im Alter von drei Jahren vorsätzlich das Wachstum unterbrochen, Trommel bekommen, Glas zersungen, Vanille gerochen, in Kirschen gehustet, Luzie gefüttert, Ameisen beobachtet, zum Wachstum entschlossen, Trommel begraben, nach Westen gefahren, den Osten verloren, Steinmetz gelernt und Modell gestanden, zur Trommel zurück und Beton besichtigt, Geld verdient und den Finger gehütet, den Finger verschenkt und lachend geflüchtet, aufgefahren, verhaftet, verurteilt, eingeliefert, demnächst freigesprochen. Feiere ich heute meinen dreißigsten Geburtstag und fürchte mich immer noch vor der Schwarzen Köchin – Amen.

So fasst Oskar Matzerath seine bisherige Lebensgeschichte wie ein Gebet zusammen und so steht es kurz vor dem Ende des Romans in Günter Grass’: Die Blechtrommel (S. 490 – Sonderausgabe Sammlung Luchterhand 147 – 13. Auflage 1979 – Hermann Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied).

Oskar Matzerath, der kaschubische Trommler, dürfte wohl eine der bekanntesten Romanfiguren der deutschen Nachkriegsliteratur sein. Und mit Romanen wie Martin Walsers Roman „Halbzeit“ (1960 erschienen) ist die Blechtrommel (1959) eine Art „Meilenstein“ der Literatur nach dem 2. Weltkrieg.

Zusammen mit der Erzählung „Katz und Maus“ und dem Roman „Hundejahre“ zählt „Die Blechtrommel“ zur „Danziger Trilogie“, die Günter Grass in einem Zusammenhang von Ereignissen, Figuren und Zeitumständen gestellt hat.

( ebook – german – deutsch) grass, günter – die blechtrommel by Sternenfisch

Zunächst wollte kein Verlag den Roman veröffentlicht. Und als der dann erschien, löste er in der Kritik kontroverse Diskussionen aus. So verweigerte Bremens Senat dem Autor den von einer unabhängigen Jury zugesprochenen Bremer Literaturpreis 1960. Aus heutige Sicht wenig verständlich. Der Roman verhalf immerhin der bis dahin im Ausland wenig beachteten deutschen Nachkriegsliteratur auch über die Grenzen hinweg zu Aufmerksamkeit.

In diesen Tagen habe ich den Roman wiedergelesen und mich erneut an der überbrodelnden Fabulierlust des Autors erfreut. Wer kennt sie nicht, die vier Röcke der Großmutter, mit denen der Roman beginnt, wie Oskar, wenn immer wieder die Leute versucht sind, ihm die zum 3. Geburtstag geschenkte Blechtrommel zu entreißen, alles Glas zersingt – selbst die Brillengläser der Lehrerin zum Schulbeginn. Und dann trommelt Oskar unter der Tribüne und bringt der Aufmarsch der Nationalsozialisten durcheinander. Bekannt dürfte auch die ‚Karfreitagskost’ sein, Aale, die mit Hilfe eines Pferdekopfes aus der Ostsee gefischt wurden und am Ende Oskars Mutter das Leben kosten. Der Kampf um die polnische Post und die Erschießung des Onkel Jan Bronski. Das Brausepulver, wie es zu einem erotisch gefärbten Abenteuer zwischen Oskar und Maria Truczinski wird. Dann versucht Oskar der Jesus-Figur in der Herz-Jesu-Kirche das Trommeln beizubringen. Und wie Oskar indirekt den Tod seiner Mutter und seines Onkels verursacht, so bewirkt er auch den Tod seines vermutlichen Vaters, Alfred Matzerath. Während das erste und zweite Buch des Romans in Danzig vor und während des 2. Weltkriegs spielt, so spielt das 3. Buch in Düsseldorf. Hier finden wir Oskar Matzerath in der Nachkriegszeit u.a. als Trommler der Jazz-Band „The Rhine River Three“ in dem Lokal „Zwiebelkeller“ wieder, dort wo durch das Zerschneiden von Zwiebeln die Besucher dazu gebracht werden sollen, ihren persönlichen Problemen Ausdruck zu verleihen. Kurz gesagt, im ganzen Lokal wird geweint.

Siehe auch meinen Beitrag: Oh, Ohr, geschwungen schön …

„Mit seinem … Roman (Die Blechtrommel) hat sich Grass einen Anspruch darauf erworben, entweder als satanisches Ärgernis verschrien oder aber als Prosaschriftsteller ersten Ranges gerühmt zu werden. Unserem literarischen Schrebergarten, mögen seine Rabatten sich biedermeierlich oder avanciert-tachistisch geben, zeigt er, was eine Harke ist. Dieser Mann ist ein Störenfried, ein Hai im Sardinentümpel, ein wilder Einzelgänger in unserer domestizierten Literatur …“ H.M. Enzensberger

Es ist natürlich bekannt, dass der Roman viele autobiografische Bezüge zum Autoren, Günter Grass, hat. Oskars Heimat Danzig ist natürlich auch die Heimat von Günter Grass gewesen – bis hin zum gemeinsamen Geburtshaus der beiden im Labesweg 13 in Danzig-Langfuhr. Dort wo Oskar trommelte, spielte auch der Autor der Blechtrommel in seiner Kindheit. Das Haus mit der Nummer 13 liegt dort an der Hertastraße: Wilhelm Graß Kfm.

Danzig-Langfuhr, Labesweg 13

Längst wurde aus Danzig Gdańsk, aus dem Stadtteil Langfuhr Wreszcz und die Straße Labesweg zur Ulica Lelewela, genauer: ul. Joachima Lelewela (Fotos von einer Bildungsreise siehe unter fo-net.de)


Danzig-Langfuhr, Labesweg 13 (Gdansk, Ulica Joachima Lelewela 13)
Größere Kartenansicht

Im dritten Buch des Romans, das in Düsseldorf spielt, sucht sich Oskar eine eigene Wohnung und findet ein Zimmer als Untermieter bei den Eheleuten Zeidler in der Jülicher Straße 7, wo er den Musiker Klepp kennen lernt – und auch das nächtliche Abenteuer mit der Krankenschwester Dorothea erlebt. Auch diese Adresse gibt es. Ob sie mit der im Roman übereinstimmt, vermag ich nicht zu sagen. Es fehlt heute der Hof, wo sich bei Grass Anfang der 50er Jahre das Sargmagazin befand:


Düsseldorf, Jülicher Straße 7
Größere Kartenansicht

Von den vier Adressen, die mir die freundlichen Leutchen in der Studentenvertretung der Akademie überlassen hatten, gab ich der Adresse: Zeidler, Jülicher Straße 7, den Vorrang, weil ich es von dort nah zur Kunstakademie hatte.

Anfang Mai, es war heiß, dunstig und niederrheinisch, machte ich mich mit genügend Bargeld versehen auf den Weg. Maria hatte mir meinen Anzug gerichtet, ich sah manierlich aus. Jenes Haus, in dessen dritter Etage Zeidler eine Dreizimmerwohnung bewohnte, stand in bröckelndem Putz hinter einer staubigen Kastanie. Da die Jülicher Straße zur guten Hälfte aus Trümmern bestand, konnte man schlecht von Nachbarhäusern und dem Haus gegenüber sprechen. Links ein mit verrosteten T-Trägern durchwachsener, Grünzeug und Butterblumen treibender Berg die einstige Existenz eines vierstöckigen Gebäudes vermuten, das sich dem Zeidlerschen Haus angelehnt hatte. Rechts war es gelungen, ein teilzerstörtes Grundstück bis zum zweiten Stockwerk wieder instandzusetzen. Doch mochten die Mittel nicht ganz gereicht haben. Es galt noch die lückenhafte, vielfach gesprungene Fassade aus poliertem schwarz-schwedischen Granit auszubessern. Der Inschrift „Begräbnisinstitut Schornemann“ fehlten mehrere, ich weiß nicht mehr welche, Buchstaben. Glücklicherweise waren die beiden, keilförmig vertieften, den immer noch spiegelglatten Granit zeichnenden Palmenzweige unbeschädigt geblieben, konnten so mithelfen, dem lädierten Geschäft eine halbwegs pietätvolle Ansicht zu geben.

Das Sargmagazin dieses schon seit fünfundsiebenzig Jahren bestehenden Unternehmens befand sich auf dem Hof und sollte mir von meinem Zimmer, das nach hinten sah, oft genug betrachtenswert sein. Den Arbeitern sah ich zu, die bei gutem Wetter einige Särge aus dem Schuppen rollten, auf Holzböcke stellten, um die Politur dieser Gehäuse, die sich alle auf mit wohlvertraute Art zum Fußende hin verjüngten, mit allerlei Mittelchen aufzufrischen.

Zeidler selbst machte auf, nachdem ich geklingelt hatte. Er stand klein, untersetzt, kurzatmig, iglig in der Tür, trug eine dickglasige Brille, verbarg die untere Gesichtshälfte hinter flockigem Seifenschaum, hielt sich rechts den Pinsel gegen die Wange, schien ein Alkoholiker und, der Sprache nach, ein Westfale zu sein.

„Wenn Ihnen das Zimmer nich gefällt, sagen Sie es gleich. Ich bin beim Rasieren und muß mir noch die Füße waschen.“

Zeidler liebte keine Umstände. Ich sah mir das Zimmer an. Es konnte mir nicht gefallen, weil es ein außer Betrieb gesetztes, zur guten Hälfte türkis-grün gekacheltes, ansonsten unruhig tapeziertes Badezimmer war. Dennoch sagte ich nicht, das Zimmer könne mir nicht gefallen. Ohne Rücksicht auf Zeidlers trocknenden Seifenschaum, auf seine ungewaschenen Füße, beklopfte ich die Badewanne, wollte wissen, ob es nicht ohne Wanne gehe, die habe doch ohnehin kein Abflussrohr.

Lächelnd schüttelte Zeidler seinen grauen Igelkopf, versuchte vergeblich mit dem Rasierpinsel Schaum zu schlagen. Das war seine Antwort, und so erklärte ich mich bereit, das Zimmer mit Badewanne für monatlich vierzig Mark zu mieten.
(S. 395 f.)

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.