Umberto Eco: Der Name der Rose

    Der Antichrist entspringt […] aus der Frömmigkeit selbst, aus der fanatischen Liebe zu Gott oder zur Wahrheit, so wie der Häretiker aus dem Heiligen und der Besessene aus dem Seher entspringen. Fürchte die Wahrheitspropheten […] und fürchte vor allem jene, die bereit sind, für die Wahrheit zu sterben: gewöhnlich lassen sie viele andere mit sich sterben, oft bereits vor sich, manchmal für sich.
    (Umberto Eco: Der Name der Rose, S. 624)

Am letzten Wochenende hatte ich zum (erneuten) Lesen eingeladen, zu Umberto Ecos Roman Der Name der Rose. Und zuvor hatte ich versucht den Appetit dadurch anzuregen, in dem ich ‚erste Details’ (Die Bibliothek als Labyrinth) aus diesem Roman, der bekanntlich im Spätmittelalter spielt, offen zu legen.

Nun, Der Rose der Rose erschien 1980 im italienischen Original als „Il nome della rosa“ und 1982 in der kongenialen deutschen Übersetzung von Burkhart Kroeber.

Das mehrschichtige Werk, Epochenporträt, philosophisches Essay und der äußeren Form nach ein breit angelegter historischer Kriminalroman, der anno 1327 in einer italienischen Benediktinerabtei spielt, entwirft in der Substanz ein lebendiges Bild des späten Mittelalters mit seinen politischen, sozialen und religiösen Konflikten. Es ist zudem durchsetzt mit zahlreichen Anspielungen auf die Gegenwart, besonders auf das Italien der 1970er Jahre. Mit seiner „Nachschrift zum Namen der Rose“ versuchte Eco, auch den in Mediävistik, Semiotik oder postmoderner Kultur weniger bewanderten Lesern einen Zugang zu den tieferen Schichten des Buches zu eröffnen.

Anno Domini 1327, letzte Novemberwoche, in einer reichen Cluniazenserabtei an den Hängen des Apennin („zwischen Lerici und La Turbie“): Bruder William von Baskerville, gelehrter Franziskaner aus England, kommt als Sonderbotschafter des Kaisers (Ludwig IV. der Bayer) in delikater Mission: Er soll ein hochpolitisches Treffen zwischen der Ketzerei verdächtigen Minoriten (Armutsstreit) und Abgesandten des Papstes (Papst Johannes XII.) organisieren. Doch bald erweist sich sein Aufenthalt in der Abtei als apokalyptische Schreckenszeit: In den sieben Tagen und Nächten werden William und sein Gehilfe Adson Zeugen der wundersamsten und für eine Abtei höchst befremdlichen Begebenheiten: Ein Mönch ist im Schweineblut-Bottich ertrunken, ein anderer aus dem Fenster gesprungen, weil er die Liebe eines Mitbruders nicht ertrug, ein dritter liegt tot im Badehaus. Gerüchte schwirren durch die Abtei, und nicht nur der Abt hat etwas zu verbergen. Überall sind fromme Spurenverwischer und Vertuscher am Werk. William, der Exinquisitor, wird vom Untersuchungsfieber gepackt: Weit mehr als der Streit zwischen Kaiser und Papst interessiert ihn die Entlarvung des Mörders. Er sammelt Indizien, entziffert geheime Schriften, Zeichen und verschlüsselte Manuskripte, erforscht ein gespenstisches Labyrinth, dringt immer tiefer ein in die Geheimnisse der Abtei, doch als er den Mörder schließlich findet, ist es zu spät. Da die Welt keine Ordnung hat, kann die Klärung des Falles nur eine scheinbare (literarische) Ordnung vorspiegeln, jedenfalls nicht verhindern, daß trotz der Aufklärung (oder als ihre Folge?) am siebten Tage, wie geweissagt, der Antichrist kommt mit Feuer und Rauch, und »dank allzuviel Tugend siegen die Kräfte der Hölle«. Wer ein Auge blinzelnd zukneift und in das Buch schaut wie in einen fernen Spiegel, wird die Mönchskutten und Kardinalshüte aus Williams Tagen leicht mit den Parteiabzeichen und Obristenuniformen neueren Datums verwechseln.

Die Cluniazenser-Abtei
Die Cluniazenser-Abtei

Von der Kirche zum Aedificium führt ein Geheimgang. Das Aedificium ist das Hauptgebäude. Es beinhaltet eine Küche, einen Schreibsaal und die Bibliothek. Es wird an allen Ecken mit einem Turm abgeschlossen. Die Schlafsäle der Mönche befinden sich gleich neben der Kirche. Wichtig sind auch noch der Schweinestall, das Hospital, und das Badehaus. Zu der Bibliothek ist zu sagen, daß sie wie ein Labyrinth aufgebaut ist. Ein Raum, das Finis Africae ist nur durch einen Geheimgang zu erreichen.

Nicht umsonst ist dem Roman ein Personenverzeichnis beigelegt. Ich habe es leicht ergänzt. Damit behält man die Personen gut im Überblick. Die Reihenfolge der ‚Todesfälle’ habe ich auch eingetragen (die in Klammern ab Nr. 7 sterben ‚erst’ nach der ‚Auflösung’):

„Dramatis Personae“  
William von Baskerville Franziskaner-Mönch
Adson von Melk Benediktiner-Novize, Williams Gehilfe
   
Remigius von Varagine Kellermeister (Cellerar)/Wirtschaftsverwalter
Abbo von Fossanova Abt, einst Leichenträger † 6
Salvatore armer Teufel, Sprachgenie (gemischte Redensweise)
Ubertin von Casale Cluniazenser, Mystiker, Freund Williams
Michael von Cesena franziskanischer Ordensgeneral, kaiserliche Legation
Severin von St. Emmeram Botanikus (Kräuter- und Giftforscher) † 4
Malachias von Hildesheim Bibliothekar † 5
Berengar von Arundel Gehilfe des Bibliothekars, Verführer † 3
Venantius von Salvemec Übersetzer aus dem Griechischen/Arabischen, Aristoteles-Experte † 2
Jorge von Burgos blinder Greis, Prophet († 7)
Benno von Uppsala Rhetorik/Grammatik, Büchernarr, später Gehilfe des Bibliothekars († 8 )
Aymarus von Alessandria Kopist, Intrigant
Nicolas von Morimond Glaser, später Cellarar brav
Bernard Gui Ketzer- und Hexenjäger, franz. Inquisitor, Befehlshaber der päpstliche Legation (Bernhardus Guidouis)
Adelmus von Otranto Monstermaler † 1
Alinardus von Grottaferrata Greis, der älteste Mönch († 9)
Pacificus von Tivoli Kenner der heidnischen Dichter, Intrigant
Pietro von Sant’Albano Petrus) Geschichte des Ketzertums, Intrigant
   
sonstige (vergl. S. 99):  
Patrick von Clonmacnois  
Rhabanvon Toledo  
Magnus von lona  
Waldo von Herford  
   
und weitere fleißige Mönche, Mindere Brüder, päpstliche Legaten, französische Bogenschützen, tote und lebendige Ketzer, einfache Leute, Volk – Fra Dolcino – toter, noch sehr lebendiger Ketzerführer – und das Mädchen – namenlos, vielleicht die Rose
   
Päpstliche Legation:  
Bertrand del Poggetto Kardinal
Lorenz Decoalcon Bischof von Padua
Meister Jean d’Anneaux  
Jean de Baune Bischof von Arborea, Dominikaner
   
Kaiserliche Legation:  
William Alnwick  
Arnold von Aquitanien  
Hugo von Novocastrum (Newcastle)
Hieronymus Bischof von Kaffa
Berengar Talloni  
Bonagratia von Bergamo  

Apropos Krimi: In der Nachschrift zum >Namen der Rose< (dtv 10552 - Deutscher Taschenbuch Verlag, April 1986) schreibt Eco unter der Überschrift: Die Metaphysik des Kriminalromans (S. 63 f.) u.a.: Nicht zufällig fängt das Buch an, als ob es ein Krimi wäre (und täuscht den naiven Leser auch weiterhin, bis zum Schluß, weshalb er womöglich gar nicht merkt, daß es sich hier um einen Krimi handelt, in dem recht wenig aufgeklärt wird und der Detektiv am Ende scheitert). Ich glaube, daß Krimis den Leuten nicht darum gefallen, weil es in ihnen Mord und Totschlag gibt; auch nicht darum, weil sie den Triumph der (intellektuellen, sozialen, rechtlichen und moralischen) Ordnung über die Unordnung feiern. Sondern weil der Kriminalroman eine Konjektur-Geschichte [Vermutung] im Reinzustand darstellt. Eine Geschichte, in der es um das Vermuten geht, um das Abenteuer der Mutmaßung, um das Wagnis der Aufstellung von Hypothesen angesichts eines scheinbar unerklärlichen Tatbestandes, eines dunklen Sachverhalts oder mysteriösen Befundes – wie in einer ärztlichen Diagnose, einer wissenschaftlichen Forschung oder auch einer metaphysischen Fragestellung. Denn wie der ermittelnde Detektiv gehen auch der Arzt, der Forscher, der Physiker und der Metaphysiker durch Konjekturen vor, das heißt durch Mutmaßungen und Vermutungen über den Grund der Sache, durch mehr oder minder kühne Annahmen, die sie dann schrittweise prüfen.

Letzten Endes ist die Grundlage aller Philosophie (und jeder Psychoanalyse) die gleiche wie die Grundfrage des Kriminalromans: Wer ist der Schuldige? Um es zu wissen (um zu glauben, man wisse es), muß man annehmen, daß alle Tatsachen eine Logik haben, nämlich die Logik, die ihnen der Schuldige auferlegt hat. Jede Ermittlungs- und Konjekturgeschichte, jede Story von Aufklärung und Vermutung erzählt uns etwas, dem wir seit jeher beiwohnen (pseudoheideggerisches Zitat). Damit ist klar, warum sich der Hauptstrang meiner Geschichte (wer ist der Mörder?) in so viele Nebenstränge verzweigt: in lauter Geschichten von anderen Konjekturen, die alle um die Struktur der Vermutung als solcher kreisen [usw.]

Was ist sonst noch zu diesem Roman zu sagen? Es ist diese Mischung aus Kriminalroman, Geschichtsunterricht und philosophisch-theologischem Exkurs, die mir gefallen hat. Und da ich ein ganz spezielles Verhältnis zu Büchern habe (nicht umsonst habe ich Bibliothekswesen studiert), finde ich diesen Gedanken, dass ein einziges Buch so etwas wie eine Kulturrevolution auslösen könnte, höchst bemerkenswert. Und die Verstellung von einem Labyrinth im Zusammenhang mit einer Bibliothek hat auch seinen besonderen Reiz.

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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