Unworte

Natürlich ist es nicht allein ein Unding (sic!) der deutschen Sprache, Gegensätze, vor allem negative Entsprechungen zu etwas Bestimmten (Bildung einer Negation bei Substantiven und Adjektiven), mit einem Präfix, also einer Vorsilbe zu belegen, z.B. mit dem Derivatem un-. Offensichtlich mangelt es an eigenständigen Ausdrücken (Synonyme) oder diese sind nicht mehr geläufig. Sollte es ein Mangel sein, dann wundert mich das, es gibt doch Wortneuschöpfungen allerenden. Seltsamerweise haben sich aber auch Un-Wörter ‚eingeschlichen’, deren ‚positive’ Entsprechung verloren gegangen zu sein scheint. Die meisten Un-Wörter sind aber Begriffe, die nicht mehr das Gegenteil ausdrücken, sondern die sich gewissermaßen selbständig gemacht haben, die zwar die ‚Wurzel’ des eigentlichen Wortes dem Sinn nach noch in sich tragen, aber zu einer eigenen Bedeutung gelangt sind.

    Un-Wort: Unwort

Zum ersten: Un-Wörter bedeuten (in etwa) das Gegenteil von etwas, z.B. Unpünktlichkeit und Pünktlichkeit, Unmündigkeit und Mündigkeit, Unmoral und Moral bzw. Ungerechtigkeit im Gegensatz zu Gerechtigkeit. Wer kann aber ein Wort gleichen Bedeutungsumfangs nennen z.B. zu Ungerechtigkeit (um das Un-Wort aufzuheben): Gemeinheit oder Rechtswidrigkeit? Das lässt erkennen, dass das Wort Ungerechtigkeit unterschiedlich interpretierbar ist. Interessant ist das Begriffspaar Schuld und Unschuld. Hier liegt viel Potential zu einer philosophischen Betrachtung. Was mich hier nur interessiert ist ein Synonym zu Unschuld. Es könnte Schuldlosigkeit sein (damit wird aus dem Präfix un- nur das Suffix -los) oder Virginität, also Jungfräulichkeit. Un-Wörter können im Gegenteil zum ‚Wort’ der Bedeutung nach auch mehrfach belegt sein.

Zum zweiten, den Un-Wörter ohne offensichtliches Gegenstück: z.B. Unfug. Ganz richtig ist das nicht, denn es gibt das Wort Fug in der Redewendung ‚Fug und Recht’. Und sonst kennen wir das Wort aus Befugnis oder Verfügung. Ansonsten ist das Wort Fug ein Archaismus, ein dem Untergang geweihtes Wort. Das Wort Unfug ist dagegen durchaus noch geläufig. Okay, viel mehr fällt mir jetzt nicht ein, Unbill vielleicht noch und Ungeziefer.

Zum dritten, den Un-Wörtern, die sich vom ‚Wort’ losgelöst haben. Da gibt es eine Menge: Untiefe, Unwucht, Unzucht, Unzahl, Unzeit, Ungeziefer (okay, das hatten wir schon) usw. – und natürlich Unwort oder Unding. Diese Un-Wörter haben sicherlich noch einen Sinnzusammenhang mit ihren eigentlichen ‚Wort’. So ist ein Unwort eigentlich auch nichts anderes als ein Wort, wenn auch ein „unschönes“, vielleicht „unerwünschtes“. Und wer zur Unzeit kommt, kommt eben nicht rechtzeitig. So geschehen auch Dinge (oder Undinge) zur Unzeit (und doch „in der Zeit“).

Synonyme, ich will Synonyme – Ausdrücke mit dem gleichen (oder doch fast gleichen) Bedeutungsumfang. Bei dem Un-Wort Unwucht muss man schon halbe Sätze bilden (unsymmetrische Massenverteilung eines rotierenden Körpers bzw. Massenschwerpunkt außerhalb der Drehachse). Ließe sich hier nicht ein Wort kreieren, das ohne die Vorsilbe Un- auskommt und genau das wiedergibt, was es wiedergeben soll?

Der deutsche Wortschatz (und natürlich auch der anderer Sprachen) ist eigentlich sehr reich. Aber z.B. bei den Sinnesempfindungen gibt es Defizite, die durchaus überraschen, z.B. das Riechen. Eigentlich riecht ja nur die Nase (etwas). Aber wir verwenden umgangssprachlich riechen auch dann, wenn ETWAS riecht. Synonyme hierzu: duften (im positiven Sinne) und stinken (im negativen Sinne). Das war’s fast schon. So benutzen wir diese Wörter meist nur in Verbindung mit Adverbien wie es duftet köstlich, es stinkt bestialisch. Wenn da nicht der Volksmund wäre, der eigene Wörter erschaffen hat wie müffeln, dünsten oder brandeln. Aber diese Wörter sind eigentlich auch nur abgeleitet (Muff, Dunst, Brand). Wenn es in der Küche z.B. köstlich duftet, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft, so haben wir dafür keinen eigenständigen Begriff.

Wie war das noch mit dem Schnee (und den Kamelen)?

Neue Wörter braucht das Land … 😉

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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