Schimanski & Brakelmann

Man schreibt das Jahr 2014: Kurt Brakelmann, dorfbekannter Panscher üblen Fusels, wurde von Hauptkommissar a.D., Horst Schimanski, an den Hammelbeinen gepackt und dreimal durch die Luft gewirbelt. Dann ließ Schimanski ihn los und Brakelmann knallte mit der Vorderluke auf Beton: ding-dong …!

Quatsch – man schreibt das Jahr 1982: Nachdem der junge Wolfgang Patschke, genannt Wolli, Schimanski und Katja, die Tochter des Mordopfers, verfolgt hatte, verhaftete der Hauptkommissar den angeblichen Drogendealer.

Vor einigen Tagen sah ich mir aus meiner Tatort Schimanski-/Schimanski-Sammlung die insgesamt 138. Folge der Tatort-Reihe (inzwischen sind wir schon bei Folge 895 – Stand: 05.01.2013), die vierte mit Schimanski, aus dem Jahr 1982 an: Das Mädchen auf der Treppe (Kamera führte übrigens der heute bestens bekannte Regisseur Joseph Vilsmaier unter dem Namen Josef Vilsmeier)

    Tatort-Reihe der ARD (seit 1970)

Für mich war das als bekennender Schimanski-Fan natürlich wieder ein Fest. Ich mag diesen ziemlich unorthodox ermittelnden, ungehobelten Kriminalbeamten aus Duisburg, auch wenn man solchen Filmen wie den vor jetzt 32 Jahren die Last des Alters anmerkt. Allein filmtechnisch hat sich da inzwischen viel getan. Nicht nur, dass das Bild noch im Verhältnis 4:3 (ich war so frevlerisch und habe mir den Film doch tatsächlich in 16:9 angeschaut, da ist dann alles etwas in die Breite gezogen) daherkommt, auch schärfemäßig eiert solch ein Film um gefühlte Jahrhunderte hinterher. Und dann erst Inhalt und Dramaturgie: Da geht’s gemächlich zu, lange Einstellungen mit oft zuviel Gequatsche, manchmal eher willkürliche Schnitte. Und doch …

So wie eine Serie wie Mit Schirm, Charme und Melone (erst vorgestern hatte ich DIE in der Mangel) den Charme der 60-er Jahre versprüht, so tauchen wir mit einem solchen Schimanski-Tatort ungeschadet in die 80-er Jahre unserer Republik ein (das ist fast zum Schreien komisch).

Zum Inhalt (in Kürzestfassung) von Das Mädchen auf der Treppe:

Als Schimanski abends vom Dienst nach Hause kommt, sitzt ein Mädchen bei ihm auf der Treppe Es ist die 17-jährige Katja. Ihre Mutter, Geschäftsführerin des Spezialitätenrestaurants „Hawaii“ ist ermordet worden, ermordet auf eine Weise, die auf sehr persönliche Motive des Täters schließen lässt. Katja, die eine intensive Bindung an ihre Mutter hatte – ihren Vater hat sie nicht gekannt – ist tief verwundet, sie schirmt sich ab durch gespielte Flapsigkeit.

Schimanski und Thanner müssen sich zwangsläufig um Katja kümmern: Man ist hinter ihr her, sucht etwas, das in der Wohnung der ermordeten Mutter nicht gefunden worden ist. Es geht um Rauschgift. Das Restaurant war ein Großumschlagplatz für Drogen. Katjas Mutter wollte aussteigen, mit zwei Kilo Kokain als Kapital für die Zukunft und mit der Drohung, den ganzen Laden hochgehen zu lassen, wenn man sie nicht in Ruhe ließe. Großdealer und mutmaßlicher Mörder von Katjas Mutter ist Straub, Besitzer des Restaurants „Hawaii“. Man wird ihn erwischen – es ist nur eine Frage der Zeit.

Aber dann stellt sich heraus, dass die Zusammenhänge viel komplizierter sind. Die Polizei ist jetzt dringend auf Katjas Hilfe angewiesen.

Jetzt fragt sich jeder, der diesen Tatort nicht kennt, was das oben Angeführte mit Brakelmann und so mit diesem Film zu tun hat. Erst einmal: Es hat … Zwar wird man Schimanski wohl nie in Büttenwarder auftauchen sehen, denn dort ist jener Kurt Brakelmann (die Norddeutschen sollten das wissen, sonst … ja, was sonst …?) zu Haus. Brakelmann das ist Jan Fedder, typisch norddeutscher Schauspieler typisch norddeutscher Charaktere (auch auf Platt). Und Büttenwarder, das ist ein Nest irgendwo hier in Norddeutschland (soll in Schleswig-Holstein sein), in dem sich eigentlich nicht viel Neues tut, deshalb heißt die Sendereihe ja auch Neues aus Büttenwarder, die vom NDR produziert wird und jeden Norddeutschen erfreut (erfreuen sollte). Neues aus Büttelwarder, das sind an erster Stelle Jan Fedder als Kurt Brakelmann und Peter Heinrich Brix als Arthur „Adsche“ Tönnsen, die auch als Darsteller aus der Serie Großstadtrevier bekannt sind. Und das ist lakonisch staubtrockener norddeutscher Humor! Jo!

    Jan Fedder im Verhör

Also die Auflösung: jener Kurt Brakelmann wird wie auch noch jener Wolfgang Patschke, genannt Wolli, von Jan Fedder gespielt. Jan Fedder im Tatort. An der Seite von Schimanski. Man glaubt es kaum. Und man glaubt es noch weniger, dass jener Typ oben auf dem Bild, ja, der mit dunklem Bart und dunkler Matte, eben jener Jan Fedder ist. Ich bekam das Brüllen … (5 Jahre später ist dann Jan Fedder noch einmal in einem Tatort zu sehen: Voll auf Haß – als Schutzgelderpresser – immerhin ein Hamburger Tatort).

Spätestens dann, wenn Jan Fedder den Mund aufmacht, hört man, dass das Jan Fedder ist:


Schimanski verhört… Fedder!?

Wer jetzt also Bock auf so einen uralten, unscharfen Schimanski-Tatort bekommen hat, der sehen will, wie man so Anfang der 80-er Jahre in Deutschland lebte und ‚ermittelte’ (zum Schreien: Schimanski ruft aus der Telefonzelle seine Kollegen an), hier auf Youtube frei Haus:


Tatort (138) Schimanski (04): Das Mädchen auf der Treppe (1982)

Übrigens: Das Lied zum Film ist eine leicht veränderte Version des Stücks „White Eagle“ aus der gleichnamigen Platte von Tangerine Dream. Und: Darsteller Erich Bar hatte bei den Schimanski-Folgen einige wiederkehrende Rollen, von denen diese [der korpulente Mitarbeiter im Restaurant Hawaii] und die des Maschinisten in der Folge Duisburg-Ruhrort [die erste Schimanski-Tatort-Folge] eine humoristische Komponente enthielten. In beiden Fällen kontert Schimanski ihn bei der Frage, was nun werden soll, dass er sich jetzt einen neuen Job suchen könne (Quelle: de.wikipedia.org).

Und noch eines: Nachträglich (14. Januar) alles Gute zum Geburtstag, Jan Fedder! Bis ja auch nur ein knappes Jahr jünger als ich ….

Noch einmal: Neues aus Büttenwarder

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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