Heute Ruhetag (46): Sigmund Freud – Kleine Schriften II

„Ruhe vor dem Sturm“ – man muss nicht hier im Norden, möglichst nahe der Küste, leben, um diese besagte Ruhe kennen gelernt zu haben. Sturm gibt es so gut wie überall, und immer häufiger. Auch ist die viel zitierte Ruhe vor dem Sturm kein regelmäßiges physikalisches Phänomen. Aber klar: Vor dem Sturm herrscht immer Ruhe – oder höchstens ein laues Windchen, so wie vor der Nacht der Tag ist.

Nein, Ruhe vor dem Sturm – damit meine ich hier etwas anderes, etwas rein Sprichwörtliches, die Ruhe (eher schon Unruhe) vor einem Ereignis. Trara … Heute geht ein Jahrzehnt für mich zu Ende! Und ab morgen dürft Ihr mich einen uralten Sack nennen! (Schweigen, also Ruhe …?!).

Aber …und jetzt zu etwas völlig anderem („And now for something completely different”, wie John Cleese von der Monty Python-Truppe zu sagen pflegte). Nein, kein Vortrag über Kunst und Psychoanalyse an dieser Stelle. Aber der Hinweis auf so genannte kleine Schriften des Oberallerseelenklempnermeisters und Alptraumanalysten, Sigmund Freud, sei gestattet. Lasse ich ihn zu Wort kommen. Hier beschäftigt er sich mit dem Juliusgrabmal, hier speziell mit der Moses-Statue, des Michelangelo Buonarroti, kurz Michelangelo.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Der Moses des Michelangelo (1914)

Ich schicke voraus, daß ich kein Kunstkenner bin, sondern Laie. Ich habe oft bemerkt, daß mich der Inhalt eines Kunstwerkes stärker anzieht als dessen formale und technische Eigenschaften, auf welche doch der Künstler in erster Linie Wert legt. Für viele Mittel und manche Wirkungen der Kunst fehlt mir eigentlich das richtige Verständnis. Ich muß dies sagen, um mir eine nachsichtige Beurteilung meines Versuches zu sichern.

Aber Kunstwerke üben eine starke Wirkung auf mich aus, insbesondere Dichtungen und Werke der Plastik, seltener Malereien. Ich bin so veranlaßt worden, bei den entsprechenden Gelegenheiten lange vor ihnen zu verweilen, und wollte sie auf meine Weise erfassen, d. h. mir begreiflich machen, wodurch sie wirken. Wo ich das nicht kann, z. B. in der Musik, bin ich fast genußunfähig. Eine rationalistische oder vielleicht analytische Anlage sträubt sich in mir dagegen, daß ich ergriffen sein und dabei nicht wissen solle, warum ich es bin und was mich ergreift.

[…]

Michelangelo hat den Moment der letzten Zögerung, der Ruhe vor dem Sturm, zur Darstellung gewählt; im nächsten wird Moses aufspringen – der linke Fuß ist schon vom Boden abgehoben – die Tafeln zu Boden schmettern und seinen Grimm über die Abtrünnigen entladen.

[…]

aus: Sigmund Freud: Kleine Schriften II – Kapitel 7

    Signatur: Sigmund Freud

Sigmund Freud: Kleine Schriften II

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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