WM 2014: Özil, ein Franz Kafka auf dem Rasen

Viele werden in ein tiefes Loch fallen, manch einer wird drei Kreuze machen: die Fußball-Weltmeisterschaft ist nach 32 Tagen endlich zu Ende. Mir reicht es jetzt mit Fußball. Endlich finde ich zu meinem bisherigen Tagesrhythmus zurück, der während der WM durch die für uns Europäer späten Anstoßzeiten doch erheblich ‚aus dem Gleis’ geriet. Trotzdem sei mir eine kurze Nachbetrachtung zu dieser WM erlaubt …

    FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien

Dass Sportereignisse dieser Größenordnung selbstverständlich auch eine wirtschaftliche und damit politische Dimension haben, dass die jeweiligen globalen Sportverbände (hier der Weltfußballverband, die FIFA) sich Rechte herausnehmen, die man nur skandalös nennen kann (steuerfreie Einnahmen für Fernsehrechte und Vermarktung in Milliardenhöhe – die Kosten trägt allein das veranstaltende Land) – Brasilien ist wie zuvor Südafrika ein Beispiel dafür, wie Gelder, die für Bildung und Gesundheitswesen benötigt werden, in Stadienbauten, Infrastruktur usw gesteckt werden, die nach der Fußball-WM nur wenig Nutzen bringen.

Zudem macht sich die FIFA die Welt, wie sie ihr gefällt. So durften nur positive Szenen einer störungsfreien, harmonischen WM aus den Stadien gesendet werden, keine Flitzer, keine Transparente, die z.B. die FIFA als geldgierige Mafia anprangern, kein Einschreiten von Militärpolizei und Ordnungskräften. Unter heftigem Protest der Zuschauer, unter Pfiffen und nicht zu überhörenden „Fifa-raus“-Rufen hatte das Sicherheitspersonal dafür gesorgt, dass die Fans ihre Banner einrollten. Gezeigt wurde davon in der TV-Übertragung nichts (Quelle: welt.de/wams und welt.de).

Sportlich war es sicherlich eine durchaus ansprechende Weltmeisterschaft mit Höhen und Tiefen. Das Halbfinalspiel Brasilien – Deutschland (1:7) war sicherlich nicht nur aus deutscher Sicht der Höhepunkt dieser WM (und der Tiefpunkt des brasilianischen Fußballs). Das Endspiel Deutschland – Argentinien konnte da sicherlich nicht mithalten, bot aber ein spannendes, da intensiv geführtes Spiel zwischen zwei gleichwertig guten Mannschaften („auf gleicher Augenhöhe“ wie man so schön sagt).

Natürlich gibt es dann auch immer die Frage nach den besten Spielern dieser Weltmeisterschaft. Den Goldenen Ball für den besten Spieler vergab die FIFA an Lionel Messi (der Silberne Ball ging an Thomas Müller, der Bronzene Ball an Arjen Robben). Dass diese Entscheidung kritisiert wird, verwundert keinen. Sicherlich ist Messi der beste Fußballspieler der Welt, aber er war es nicht bei diesem Turnier. So ist auch die Vergabe der FIFA-Fairplay-Trophäe an Kolumbien äußerst unglücklich. Immerhin spielte bei Kolumbien Juan Zuniga, der mit seinem brutalen Foul für das WM-Aus von Superstar Neymar verantwortlich war (siehe auch stern.de).

Die Vergabe des Goldenen Handschuhs an Manuel Neuer als besten Torhüter des Turniers geht wohl voll und ganz in Ordnung. Gestern veröffentlichte die FIFA dann auch die „Index Top 11“ der Weltmeisterschaft 2014:

Tor:
Manuel Neuer (Deutschland)

Abwehr:
Marcos Rojo (Argentinien)
Thiago Silva (Brasilien)
Mats Hummels (Deutschland)
Stefan de Vrij (Niederlande)

Mittelfeld:
James Rodriguez (Kolumbien)
Philipp Lahm (Deutschland)
Oscar (Brasilien)
Toni Kroos (Deutschland)

Stürmer:
Thomas Müller (Deutschland)
Arjen Robben (Niederlande)

Auch das bereitet einiges Kopfschütteln: Wenn man Lionel Messi zum besten Spieler des Turniers wählt, warum taucht er dann in dieser „Top 11“ nicht auf (weil die ‚Kriterien’ natürlich andere sind). Philipp Lahm spielte erst Mittelfeld, dann in der Verteidigung und war als rechter Verteidiger um einiges besser. Arjen Robben ist sicherlich ein Stürmer mit einer ungewöhnlichen Dynamik, aber auch mit einem Hang zur Fallsucht.

Die ‚Welt am Sonntag’ (ohne Berücksichtigung des Spiels um Platz 3 und des Endspiels) veröffentlichte folgende ‚Traumelf’:

Tor:
Manuel Neuer (Deutschland)

Abwehr:
Philipp Lahm (Deutschland)
David Luiz (Brasilien)
Mats Hummels (Deutschland)
Ricardo Rodriguez (Schweiz)

Mittelfeld:
Angel di Maria (Argentinien)
James Rodriguez (Kolumbien)
Toni Kroos (Deutschland)

Stürmer:
Thomas Müller (Deutschland)
Lionel Messi (Niederlande)
Neymar Jr. (Brasilien)

Da David Luiz (Brasilien) im Spiel um Platz 3 einigen Bockmist verzapfte, dagegen Jerome Boateng im Endspiel eine ‘abgezockte’ Leistung bot, würde ich ihn neben Mats Hummel in diese ‚Traumelf’ als Innenverteidiger einstellen. Und ich bleibe dabei: James Rodríguez ist für mich der beste Spieler des Turniers, wenn er mit Kolumbien auch schon im Viertelfinale ausschied. James Rodríguez ist übrigens bester Torschütze des Turniers und bekommt dafür den Goldenen Schuh (Thomas Müller ‚belegt‘ auch hier den 2. Platz und bekommt den Silbernen Schuh; der Bronzene Schuh geht immerhin noch an Neymar Jr.).

Deutschland wurde also am Sonntag zum 4. Mal Fußball-Weltmeister nach 1954, 1974 und 1990. Im Vorfeld zum Endspiel der deutschen Mannschaft gegen Argentinien las ich (ebenfalls in der ‚Welt am Sonntag’) ein Interview mit dem Philosophen und Autoren Martin Gessmann über die Emotionen in Deutschland und Argentinien: „Sehnsucht eines Klassenbesten“:

Interessant fand ich dabei die geschichtlichen Bezüge im Zusammenhang mit dem Gewinn einer Weltmeisterschaft: Mit dem Titelgewinn 1954 wurde das Nachkriegstrauma verarbeitet. Das Jahr gilt als Datum der eigentlichen Staatsgründung der Bundesrepublik Deutschland. „1974 war, wenn man so will, eine Einlösung dessen, was das deutsche Wirtschaftswunder bedeuten wollte: Wir können etwas, und das machen wir ganz gut. 1990 erklärt sich von selbst, Franz Beckenbauer hat es vielmals wiederholt, die deutsche Einigung war ein starkes Motiv.“ Zum Titel 2014 sagt Gessmann: „Deutschland muss irgendwie mit der Rolle eines Klassenbesten zurechtkommen, und der Sport bietet eine Möglichkeit, das einigermaßen akzeptabel hinzubekommen.“

Bezogen auf Argentinien: „Argentinien hat zweimal die WM gewonnen, 1978 und 1986. 1978 fällt in die dunkle Zeit der Militärdiktatur, wer heute zurückschaut, ist betroffen. Der Titel 1986 ist das sportliche Siegel auf den demokratischen Neubeginn nach dem verlorenen Falklandkrieg.“

Von Argentinien und dem Tango („Es ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann.“) führt das Gespräch zu Mesut Özil und der Frage:

Besitzt die Nationalmannschaft mit Mesut Özil nicht auch einen Profi, der selbst dann noch traurig blickt, wenn es sensationell gut läuft?

„Mesut Özil ist ein Poet, das ist etwas anderes. Oder wie es Hans Ulrich Gumbrecht sagen würde: Özil ist ein Franz Kafka auf dem Rasen. Alles ganz heiter, man muss es nur verstehen.“

Wie die Bilder dieser Tage zeigen, huschte auch Mesut Özil ein Lächeln übers Gesicht. Wer freut sich nicht, wenn er das Höchste erreicht, was in seinem Fach möglich ist.

Hier eine Übersicht meiner gesamten Beiträge zu der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien (und damit Schluss):

Auf zur WM 2014 nach Brasilien
Gelungener Auftakt
Adiós España!
WM 2014: Offener Schlagabtausch
WM 2014: Nur ein Bisschen … – Von Beißattacken und die Kurve kriegenden Griechen
WM 2014: James, der Star der WM
WM 2014: Auf Biegen und Brechen – Mit Hängen und Würgen
WM 2014: Auf ins Viertelfinale
WM 2014: Neymars Schatten
WM 2014: … und auf dem Mond da weiden Kühe!
WM 2014: Eine Lanze für Béla?!
WM 2014: Das glückliche Händchen des Herrn Löw

Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

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